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BLLV-Chefin Fleischmann beklagt Lehrermangel – „Wir sind in einer Notsituation“

MÜNCHEN. Mehr Lehrpersonal an Bayerns Schulen – die Forderung des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV) an das bayerische Kultusministerium ist eindeutig. „Wir befinden uns in einer Notsituation“, sagte BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann am Montag in München. Die steigende Zahl an Schülern, vor allem durch geflüchtete Kinder und Jugendliche, erschwere die Situation zusätzlich.

Die BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann fordert eine Einstellungsoffensive des bayerischen Kultusministeriums. Foto: BLLV

Die BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann fordert eine Einstellungsoffensive des bayerischen Kultusministeriums. Foto: BLLV

Fleischmann stellte fest, dass es mittlerweile zu viele Kollegen gebe, die ihre persönliche Belastungsgrenze dauerhaft überschritten. Die Lehrkräfte würden alles unternehmen, um Unterrichtsausfälle zu verhindern. „Die damit verbundene Mehrarbeit, die Zusammenlegungen einzelner Klassen, das Abhalten von verkürztem Unterricht, das nahezu komplette Wegfallen von Förderstunden – das alles zehrt jedoch an ihren Nerven und macht viele krank“, kritisierte sie. Wenn ganze Klassen nach Hause geschickt würden, auch das komme immer wieder vor, hagele es Proteste der Eltern. „Die Adressaten sind dann die Lehrerinnen und Lehrer.“

Vizepräsident Gerd Nitschke, der sie bei der Pressekonferenz begleitete, bestätigte: „Sie retten, was zu retten ist.“ Sie machten beinahe alles, um Unterricht nicht ausfallen zu lassen – „manchmal weit über die eigene Schmerzgrenze hinaus.“ Er nannte Beispiele aus Schwaben und Oberfranken: So fehlten an einer Grundschule in Oberfranken in der Woche vom 7. bis 11. März 61 Lehrerstunden und 90 Zeitstunden pädagogisches Personal. Ähnlich die Situation an einer Mittelschule in Schwaben: Vom 9. bis 13. Mai, also die Woche vor den Pfingstferien, fielen dort 76 Stunden wegen Krankheit und sechs Stunden wegen Freistellungen für Fortbildungen aus. 16 Stunden konnten aufgrund von Begleitungen auf Klassenfahrten nicht abgehalten  werden, weitere 26 Stunden mussten gestrichen werden, weil Kollegen für die mündliche Prüfung der zehnten Klassen eingesetzt waren. Während dieser Woche stand lediglich für fünf Stunden eine Mobile Reserve zur Verfügung. Die Folge: eine Klasse musste für einen Tag zu Hause bleiben, andere neunte Klassen hatten öfters später Schule oder früher aus. 15 Stunden wurden zusätzlich vertreten, davon sechs Stunden vom Schulleiter. Es gab 12 Mal  eine Doppelführung bzw. Gruppenzusammenlegung. „Solche Beispiele gibt es zu Hauf“, sagte Nitschke.

Wie der BLLV berichtete, sei die Zahl der Grund- und Mittelschüler in Bayern erstmals seit fast zehn Jahren angestiegen; im Vergleich zum vergangenen Schuljahr um fast 7000 auf rund 630.000. Zugleich besuchten zum Beginn des laufenden Schuljahres etwa 46 000 Flüchtingskinder im Freistaat eine Schule – mittlerweile seien es rund 62 000. Fleischmann kritisierte, dass der Personalbedarf schon zu Beginn des Schuljahres zu knapp geplant worden sei. Im vergangenen Schuljahr hätten Lehrer pro Woche durchschnittlich 8,4 Prozent zusätzliche Lehrstunden gegeben, etwa um kranke Kollegen zu vertreten.

Hinzu kommt laut BLLV, dass bei immer mehr Kindern in Bayern sonderpädagogischer Förderbedarf diagnostiziert wird: „Während die Anzahl der Kinder in den Förderzentren in den vergangenen Jahren zurückging, stieg die Zahl der inklusiv beschulten Kindern in den Regelschulen stetig: Von etwas mehr als 8000 im Jahr 2005 auf mittlerweile 20.000 aktuell. Gleichzeitig wurde die Zahl der Mobilen Reserven nicht erhöht, was dazu führt, dass sie bereits zu Beginn des Schuljahres aufgebraucht sind. „Um etwaige Lücken aufzufangen, werden Lehrkräfte vielerorts fachfremd eingesetzt oder der Unterricht fällt komplett aus“, schilderte Nitschke. Rückmeldungen aus den Schulen ließen den Schluss zu, dass der Unterrichtausfall in diesem Schuljahr mindestens auf dem Niveau der Vorjahres liegt und das, obwohl es in diesem Jahr keine Grippewelle wie 2014/15 gab. Die Folge: Die Unterrichtssituation an vielen Schulen werde immer prekärer.

Auch der bildungspolitische Sprecher der SPD-Landtagsfraktion, Martin Güll, sieht in der unsicheren Unterrichtsversorgung eine «gigantische Fehlplanung» des Ministeriums. Die Belastung der Lehrer gerade an den Grund- und Hauptschulen sei unzumutbar. Er forderte eine Aufstockung der sogenannten mobilen Reserven – das ist ein Pool von Lehrkräften, die von Schule zu Schule fahren und bei kurzfristigem Personalmangel aushelfen. Bei längerer Krankheit, Elternzeit oder mit Blick auf die steigende Zahl der Flüchtlingskinder sollte von vornherein zusätzliches Personal eingeplant werden.

Wie das Kultusministerium am Montag mitteilte, hat der Freistaat im laufenden Schuljahr rund 1700 zusätzliche Lehrer eingestellt. Sie sollen vor allem geflüchtete Schüler mit Bleibeperspektive unterrichten. Die Lehrer würden vor allem an den Grund-, Mittel- und Berufsschulen arbeiten. News4teachers / mit Material der dpa

Zum Bericht: Schleswig-Holstein: Hohe Steuereinnahmen sollen in neue Lehrerstellen fließen – teilweise jedenfalls

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