LEIPZIG. Wie werden aus guten Lehramtsstudierenden gute Lehrkräfte? Für Margret Rasfeld greift die bisherige Ausbildung zu kurz. Die ehemalige Schulleiterin, Bildungsreformerin und Mitgründerin der Initiative „Schule im Aufbruch“ plädiert dafür, die Persönlichkeitsentwicklung stärker in den Mittelpunkt zu rücken. In ihrem Gastbeitrag für News4teachers argumentiert sie, dass Themen wie Biografie, Scham, Macht, Selbstreflexion und Beziehungsfähigkeit keine „weichen Faktoren“ seien, sondern professionelle Schlüsselkompetenzen für den Lehrerberuf – und deshalb verbindlicher Bestandteil der Aus- und Fortbildung werden müssten.

Innere Arbeit als Schlüssel für eine professionelle Lehrkräftebildung
Beim Thema Aus- und Fortbildung von Lehrkräften geht es in der Regel um Themen wie fachliche Inhalte, Didaktik, Diagnostik, Digitalisierung, Inklusion, Sprachförderung, Classroom Management. All das ist wichtig. Doch eine Frage wird erstaunlich selten gestellt: Was prägt Haltung und Mindset des Menschen, der vor der Klasse steht?
Lehrkräfte prägen durch ihr Verhalten, ihre Haltung und ihre Beziehungen täglich und maßgeblich die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. Und genau deshalb braucht professionelle Lehrkräftebildung mehr als Fachwissen und Methodik. Sie braucht innere Arbeit.
Die blinden Flecken der Lehrkräftebildung
In den vergangenen Jahren habe ich viele Seminare mit Schulleitungen und Lehrkräften zum Thema Haltung durchgeführt. Und dann kam die Erkenntnis: das Thema mussfrüher ansetzen. Es muss zentral in die erste und zweite Ausbildungsphase. So habe ich letztes Jahr ein Intensivseminar über zwei Tage mit einer Seminargruppe geleitet und danach ein Seminar für Lehramtsstudierende an der Uni Leipzig. Im Mittelpunkt standen Themen, die in der Ausbildung kaum vorkommen:
- Biografiearbeit
- Macht und Ohnmacht
- Scham und Beschämung
- Glaubenssätze, Trigger
- Achtsamkeit und Selbstwahrnehmung
- Beziehungslernen
- Selbstregulation
Beide Seminare fanden im RealLabor Leipzig statt, einem schönen Ort mit guter Energie. Vertrauensräume ermöglichten, dass die jungen Menschen sich für innere Lernprozesse öffneten und In Übungen und Erfahrungsräumen eigene Prägungen, Glaubenssätze und unbewusste Muster erforschten und teilten, was Handlungsspielräume für Veränderung und zu innerem Wachstum ermöglichte.
Die jungen Menschen waren so dankbar und fühlten sich ermutigt und verbunden. Alle hatten sich in ihrer bisherigen Ausbildung noch nie mit diesen Themen auseinandergesetzt und fordern sie ein. Das feedback war jedes Mal berührend. Hier ein paar Auzüge:
Gestern habe ich noch nicht einmal gewusst, was innere Arbeit ist. Heute nach zwei Tagen frage ich mich, wie es sein kann, dass sie nicht ein verpflichtender Teil der Ausbildung von Lehrkräften ist.
Es war unglaublich, zu spüren, dass wir alle ähnlich fühlen. Ich dachte bisher immer ich bin alleine
damit. Und plötzlich wird ein Raum aufgemacht und wir können alles aussprechen.
Ich habe gedacht, ich bin nicht ganz richtig, aber jetzt weiß ich, es ist auch sehr viel im System. Und vor allen Dingen bin ich nicht ohnmächtig. Das hat mich ungemein gestärkt, in der Verbundenheit mit den anderen.
Unserer Ausbildung und dem, was wir da lernen, fehlt das Herz. Das muss geändert werden. Das geht aber schon, in dem man solche Seminare einschiebt, wie wir das jetzt hatten. Ich fordere das für die Ausbildung.
Ich bin mit so viel Herzblut gestartet und habe bei der biografischen Reflektion gemerkt, dass mich das System ganz schön in den Griff genommen hat. Und dass ich aufpassen muss, dass die Menschlichkeit nicht verloren geht. Ich habe in den zwei Tagen zu meinen Werten und meiner Menschlichkeit zurückgefunden.
Ich bin kurz vorm burn out, so gehetzt und voll Stress ist alles. Hier hatten wir Zeit zum in uns spüren und fühlen uns darüber austauschen. Das muss in die Ausbildung rein. Ich bin sehr dankbar für all das, was ich erleben und erfahren durfte. Und ich habe Hoffnung geschöpft für meinen Beruf.
Mich hat es sehr gestärkt, im Austausch mit anderen sich selbst zu reflektieren und zu lernen, sich selbst mehr zu schätzen.
Noch nie hatten wir alle vorher über Scham und Beschämung nachgedacht und uns auseinandergesetzt. Und über die Bedeutung – die war uns ja überhaupt nicht klar. Wie kann es sein, dass ein so wichtiges Thema in Studium und Referendariat komplett ignoriert wird. Ich bin sehr dankbar für die beiden Tage. Ich habe unendlich viel gelernt.
Mich haben der tiefe gemeinsame Austausch berührt und gestärkt, da ich gemerkt habe, dass ich mit meinen Problemen nicht alleine bin und es war so schön zu erleben, wenn eine sich geöffnet hat, dass dann die anderen auch den Mut hatten.
Die Macht der eigenen Geschichte
Jeder Mensch bringt seine Geschichte mit in die Schule. Auch Lehrkräfte. Unsere Erfahrungen aus Kindheit und Schulzeit prägen unsere Erwartungen, unsere Ängste und unsere Reaktionen. Oft wirken sie unbewusst. Wer selbst ständig bewertet wurde, bewertet häufig schneller andere. Wer gelernt hat, Fehler zu vermeiden, reagiert möglicherweise empfindlich auf Fehler von Schüler:innen. Wer oft enttäuscht wurde, neigt später vielleicht dazu, eine Schutzmauer um sich zu bauen oder Kontrolle besonders wichtig zu nehmen. Biografiearbeit hilft, diese Muster zu erkennen. Nicht um Schuldige zu suchen, sondern um Freiheit zu gewinnen. Denn nur was ins Bewusstsein gehoben wird, kann verändert werden.
Das Tabuthema Scham
Besonders bedeutsam ist die Auseinandersetzung mit Scham und Beschämung. Scham gehört zu den stärksten und am tiefsten verdrängten menschlichen Gefühlen. Sie entsteht dort, wo Menschen das Gefühl haben, nicht zu genügen, nicht dazuzugehören oder nicht richtig zu sein. Viele Erwachsene tragen Schamerfahrungen auch aus ihrer eigenen Schulzeit in sich. Das öffentliche Bloßstellen an der Tafel, abwertende Bemerkungen, das Auslachen von Mitschülern, Ausgrenzen. Prof. Annedore Prengel forscht seit langem dazu, u.a. durch Beobachtungsstudien. Das umfangreiche Datenmaterial der Intakt-Studien, eine qualitative Beobachtungsstudie zur Erforschung pädagogischer Beziehungen, die Prof. Prengel leitet, lässt den Schluss zu, dass vermutlich ein Viertel der Interaktionen von Lehr- und Fachkräften mit Kindern und Jugendlichen in Kitas und Schulen als verletzend charakterisiert werden kann (*).
Wir geben weiter, was wir selbst erfahren haben. Wer als Lehrkraft die Dynamik von Scham versteht, entwickelt einen sensibleren Blick für die Würde junger Menschen. Und wer die eigene Schamgeschichte kennt und daran arbeitet, kann den Kreislauf der Weitergabe durchbrechen.
Stephan Marks, renommierter Schamforscher, hat bei Hotel Matze ein eindrückliches Interview geben. Auf die Frage, warum wir uns mit der Scham beschäftigen sollten, antwortet er: „Weil es das Gefühl ist. Das Gefühl unserer Zeit. Das Thema unserer Zeit. Es ist überall. In unseren Körpern, unseren Behörden, unseren Schulen, unseren Betrieben.“
Diesen Eindruck habe ich auch. Denn immer, wenn ich in Vorträgen oder Workshops das Thema Scham anspreche, erlebe ich hohe Resonanz. Und was mir Hoffnung macht: das Tabu-Thema verschiebt sich aus der Sprachlosigkeit in die Besprechbarkeit.
Macht verantwortungsvoll nutzen
Lehrkräfte verfügen über erhebliche Macht. Sie bewerten Leistungen, strukturieren Räume, vergeben Aufmerksamkeit und treffen täglich Entscheidungen, die das Leben junger Menschen beeinflussen. Die Auseinandersetzung mit Macht und Ohnmacht gehört in die Lehrkräfteausbildung, v.a. auch deshalb, weil die jungen Menschen tiefe Ohnmachtserfahrungen aus der Schule mitbringen und es in der Uni und den Seminaren oft so weitergeht (siehe mein Artikel auf News4teachers).
Wer die eigenen Erfahrungen mit Autorität, Abhängigkeit und Kontrolle reflektiert hat, kann Macht bewusster und verantwortungsvoller einsetzen.
Das Gleiche gilt für Glaubenssätze und Trigger. Manchmal löst ein Kind Gefühle aus, die mit einer ganz anderen Geschichte verbunden sind. Innere Arbeit bedeutet deshalb auch, die eigenen Reaktionsmuster kennenzulernen. Die entscheidende Frage lautet: Reagiere ich gerade auf das Kind – oder auf etwas in mir? Diese Fähigkeit zur Selbstreflexion gehört zu den wichtigsten professionellen Kompetenzen überhaupt.
Beziehung ist kein Soft Skill
Die Bildungsforschung zeigt seit Jahren, dass gelingende Beziehungen zu den stärksten Einflussfaktoren für Lernen gehören. Kinder lernen dort am besten, wo sie sich gesehen, respektiert und sicher fühlen. Trotzdem spielt Beziehungslernen in der Lehrerkräftebildung oft eine Nebenrolle.
Empathie, Präsenz, Zuhören, Resonanzfähigkeit und die Gestaltung tragfähiger Beziehungen können gelernt werden. Dafür braucht es Räume für Selbsterfahrung, Reflexion und persönliche Entwicklung (s. Gastbeitrag Helga Breuninger https://www.news4teachers.de/2026/05/warum-schulen-beziehung-statt-kontrolle-brauchen-ein-gastkommentar/)
Innere Arbeit ist professionelle Arbeit

Manche halten Themen wie Achtsamkeit, Biografiearbeit oder Scham für „weiche“ Inhalte. Tatsächlich handelt es sich um hochprofessionelle Kern-Kompetenzen. Eine Lehrkraft, die ihre eigenen Muster kennt, die mit Emotionen umgehen kann, die Beschämung vermeidet, die ihre Macht reflektiert einsetzt, die sich selbst regulieren kann, schafft bessere Lernbedingungen für Kinder und Jugendliche. Gerade in einer Zeit zunehmender psychischer Belastungen, wachsender Heterogenität und gesellschaftlicher Spannungen wird diese Kompetenz immer wichtiger.
Innere Arbeit darf deshalb kein freiwilliges Zusatzangebot bleiben. Sie sollte ein selbstverständlicher Bestandteil der Lehrerkräftebildung werden.
Die Rückmeldungen von Studierenden und Referendar:innen sind eindeutig: Sie vermissen diese Themen. Sie erleben sie als interessant, befreiend, ermutigend, stärkend und unmittelbar relevant für ihren Beruf. Es ist an der Zeit, den jungen Menschen zuzuhören. Es ist an der Zeit, über das Thema Scham zu sprechen
Denn die Qualität von Schule hängt nicht nur davon ab, was Lehrkräfte wissen. Sie hängt ebenso davon ab, wer sie sind und wie sie in Beziehung gehen. Und genau dort beginnt die eigentliche Bildungsarbeit. News4teachers

Die Autorin und ehemalige Schulleiterin Margret Rasfeld setzt sich seit vielen Jahren für eine grundlegende Neuausrichtung von Schule ein. Nach ihrem Lehramtsstudium in Biologie und Chemie arbeitete sie zunächst als Lehrerin in Nordrhein-Westfalen und war später maßgeblich am Aufbau mehrerer Gesamtschulen beteiligt, darunter die Gesamtschule in Essen-Holsterhausen sowie die Evangelische Schule Berlin Zentrum, die sie bis 2016 als Schulleiterin führte.
Im Rahmen des von der damaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel initiierten Zukunftsdialogs zum Thema „Wie wollen wir lernen?“ leitete Rasfeld 2011/2012 als eine von sechs sogenannten „Kernexpert*innen“ die Arbeitsgruppe Gemeinsinn und soziale Kompetenzen. Rasfeld ist Mitbegründerin und Geschäftsführerin der Initiative „Schule im Aufbruch“, die Schulen bei der Entwicklung neuer Lernkulturen unterstützt, sowie Gründerin des Reallabors Leipzig, einem pädagogischen Begegnungszentrum.
(*) https://paedagogische-beziehungen.eu/wp-content/uploads/2020/05/Prengel_DestruktiveBeziehungen.pdf









