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GEW fordert schärferen Sozialindex – laut Gewerkschaft fehlen allein in NRW 2000 Lehrer an Schulen mit problematischem Umfeld

DÜSSELDORF. Arme Kinder bleiben in den problembeladenen Schulen ihrer Stadtteile unter sich – dieser Kreislauf muss aus Sicht der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) endlich durchbrochen werden. In Nordrhein-Westfalen könnte dabei nach Hamburger Vorbild ein «schulscharfer Sozialindex» helfen, schlug die GEW-Landesvorsitzende Dorothea Schäfer am Donnerstag in Düsseldorf vor. SPD und Grüne sagten eine Prüfung der «sinnvollen Hinweise» zu.

Der 2006 in NRW eingeführte Sozialindex, nach dem Schulen in Problemlagen zusätzliche Stellen erhalten sollen, ist aus Sicht der GEW zu grob. Zudem sei die Verteilung der – ohnehin unzureichenden – Mittel intransparent und die Wirksamkeit der Maßnahmen unbekannt.

Die Bochumer Bildungsforscherin Prof. Gabriele Bellenberg hat für die GEW in einer Studie die wissenschaftlichen Erkenntnisse zu schlechteren Lernleistungen von Schülern in problematischen Stadtteilen zusammengefasst. Unter dem Titel «Ungleiches ungleich behandeln» hat die GEW daraus ein Programm für mehr Bildungsgerechtigkeit abgeleitet.

Hauptforderung: Um die Nachteile von Kindern auszugleichen, die an «Schulen in herausfordernden Lagen» lernen, sind laut GEW-Modellrechnung mindestens 2000 zusätzliche Lehrerstellen nötig. Diese Kalkulation beziehe sich nur auf Grund-, Haupt-, Sekundar- und Gesamtschulen, erläuterte Schäfer.

Die Stellen sollten anhand klarer Kriterien nach einem neuen Sozialindex verteilt werden statt «freihändig» von einzelnen Schulämtern. Der Index müsste zur besseren Einstufung der Problemlagen einer Schule aus aussagekräftigeren Daten als bisher gespeist werden müsste, betonte Prof. Bellenberg.

Der Schulhof der Grundschule Kleine Kielstraße in Dortmund. Foto: Alex Büttner

Der Schulhof der preisgekrönten Grundschule Kleine Kielstraße in Dortmund liegt in einem Brennpunkt. Foto: Alex Büttner

Idealerweise sollten die Wohnadressen der Schüler in den Index einfließen. Dafür gebe es allerdings noch datenschutzrechtliche Hürden, sagte die Wissenschaftlerin der Ruhr-Universität Bochum. Für eine passgenaue Lehrerausstattung der Sekundarstufe sei es wichtig zu wissen, aus welchen Grundschulen die Kinder kommen.

Zahlreiche nationale und internationale Studien belegten: An Schulen mit vielen belastenden Rahmenbedingungen erzielen Kinder deutlich schlechtere Leistungen – leider unabhängig von ihren individuellen Voraussetzungen. Häufig würden Schulen, die ohnehin viele Probleme hätten, zusätzlich mit Inklusions- und Integrationsanforderungen überfrachtet, kritisierte Schäfer.

So potenzierten sich die Schwierigkeiten und das Stigma der Schule verschlimmere sich. Um arme, behinderte und zugewanderte Kinder in einer Klasse zu fördern, sei viel mehr Personal nötig. Die Abkapselung und Ausgrenzung bestimmter Schülergruppen wird aus Sicht der GEW verschärft durch den Zulauf an Bekenntisschulen, die häufig nicht allein aus religiösen Gründen gewählt würden, sagte der Co-Autor der Studie, Gerd Möller. Wünschenswert sei «ein stärker integrativer Ansatz der Bekenntnisschulen.»

Die GEW empfiehlt darüber hinaus Ganztagsschulen in sozialen Brennpunkten. Erhebungen belegten, dass sie erzieherische Arbeit, die Familien in schwierigen Sozialmilieus oft nicht mehr leisteten, teilweise kompensieren könnten, heißt es in der Studie. Außerdem könnten die Kinder hier besser beim Lernen und bei Hausaufgaben unterstützt werden.

NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) sagte zu, die Vorschläge in die Entwicklung eines schulbezogenen Sozialindex einzubeziehen. Dies sei eine Aufgabe der kommenden Legislaturperiode.

«Wir haben schon länger damit begonnen, Ungleiches ungleich zu behandeln», betonte sie in einer Mitteilung. Dabei dürften die rund 5000 Integrationsstellen nicht vergessen werden, die ab dem kommenden Schuljahr auf die Schulen verteilt würden, um mehr Bildungsgerechtigkeit zu schaffen. dpa

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