Anzeige


Startseite ::: Aus der Wirtschaft ::: Ausbildungsmarkt: Warum die Bahn bei der Bewerberauswahl mittlerweile völlig auf die Sichtung der Schulnoten verzichtet

Ausbildungsmarkt: Warum die Bahn bei der Bewerberauswahl mittlerweile völlig auf die Sichtung der Schulnoten verzichtet

BERLIN. Berufsnachwuchs händeringend gesucht: Auszubildende werden zur Mangelware in Deutschland. Schulabgänger drängen zunehmend auf die Hochschulen statt in die Betriebe. Was können Unternehmen dagegen tun? „Erstens ist es wichtig, seinen Markt zu kennen: Wo gibt es passende Schulabgänger in Ihrer Region? Welche Beschäftigungsbedingungen bieten Sie im Vergleich zu anderen regionalen Arbeitgebern? Wenn Sie feststellen, dass Sie Nachholbedarf haben, verbessern Sie ihr Angebot“ – rät jemand, der es wissen muss: Janine Andrä von der Personalgewinnung Region Ost der Deutschen Bahn ist mitverantwortlich für das Recruiting von Schülern für den Staatskonzern. Und der geht mittlerweile ungewöhnliche Wege, um Nachwuchskräfte an sich zu binden. Janine Andrä berichtet auf dem Deutschen Ausbildungsleiterkongress von den Erfahrungen der Bahn dabei.

Janine Andrä von der Personalgewinnung Region Ost der Deutschen Bahn. Foto: Deutsche Bahn

Janine Andrä von der Personalgewinnung Region Ost der Deutschen Bahn. Foto: Deutsche Bahn

Die Deutsche Bahn hat jährlich insgesamt rund 3.400 Ausbildungsplätze und 300 Duale Studienplätze zu besetzen – vom angehenden Lokführer bis zum Studenten für Wirtschaftsinformatik reicht die Spanne. Pauschale Klagen über eine Generation von nicht-ausbildungsreifen Jugendlichen kann Janine Andrä nicht nachvollziehen. „Wir erleben in der Regel sehr motivierte und gut informierte Schüler, die ganz konkrete Vorstellungen von Ihrer Entwicklung haben“, sagt sie. Und es lohne sich durchaus, auch Wackelkandidaten eine Chance zu geben. „Während der Ausbildung stellen wir dann regelmäßig fest, dass Kandidaten, die vielleicht im Auswahlprozess nur knapp überzeugt haben, ihr Potenzial mit der Zeit voll entfalten. Es ist doch ganz klar: Wer mit 16 Jahren ins Berufsleben startet, befindet sich noch mitten in der Entwicklung seiner Persönlichkeit. Andererseits stellen wir fest, dass die jungen Leute zum Beispiel unglaubliche digitale Kompetenzen mitbringen. Schüler von heute gehen ganz selbstverständlich mit digitalen Inhalten und Lernformaten um. Das macht uns auch als Unternehmen zukunftsfest.“

Bei diesem Interesse am Digitalen setzt die Bahn an, um junge Menschen an sich zu binden – schrittweise stattet sie ihre Auszubildenden mit Tablets aus. Zum 1. September sind die 1.200 Azubis der Fachrichtungen Lokführer, Fahrdienstleiter und Kaufmann für Verkehrsservice dran. „Angehende Azubis schauen auf die Ausbildungsvergütung, aber nach unserer Erfahrung sind auch andere Dinge entscheidend: die langfristige Beschäftigungsperspektive, Entwicklungsmöglichkeiten im Unternehmen und weitere Unterstützungsangebote. Wir bieten Azubis zum Beispiel zusätzlich zur Ausbildungsvergütung einen Mietkostenzuschuss von bis zu 350 Euro an, wenn sie für den Beruf umziehen müssen“, berichtet Janine Andrä.

„Bedingte Aussagekraft“

Und: Die Bahn verzichtet bei der Vorauswahl der Bewerber um einen Ausbildungsplatz auf die Sichtung der Schulnoten. „Grundsätzlich möchten wir jedem Schüler, der sich bei uns bewirbt, die Chance auf einen Ausbildungsplatz bieten“, begründet das die Bahn-Recruiterin. „Schulnoten haben oft nur eine bedingte Aussagekraft über die Eignung eines Bewerbers für einen bestimmten Beruf. Wir haben daher einen Onlinetest entwickelt, den jeder Bewerber von zu Hause aus oder in anderer ruhiger Umgebung absolvieren kann. Auf diesem Weg kann er sein Arbeitsverhalten und die für den jeweiligen Ausbildungsberuf erforderlichen Kompetenzen nachweisen. Damit nutzen wir ein bundesweit einheitliches Testverfahren, durch das die Anforderungen an das berufliche und persönliche Profil geprüft werden. Im Onlinetest hat jeder die gleiche Chance, zu zeigen, was in ihm steckt. Es kommt darauf an, ob die individuellen Kompetenzen zum gewünschten Ausbildungsberuf bzw. Studiengang passen.“

Weil die Bahn ihren Auszubildenden schon mit Abschluss des Ausbildungsvertrages eine Übernahmegarantie nach erfolgreich absolvierter Ausbildung zusichert, müssen die Personalverantwortlichen bei der Auswahl besonders gut hinschauen. „ Wir legen auf eine langfristige Zusammenarbeit wert und darauf, dass Bewerber sich im Vorfeld zum konkreten Ausbildungsberuf, den jeweiligen Anforderungen und zur Deutschen Bahn allgemein informieren und die Berufswahl authentisch begründen können“, erklärt Janine Andrä. „Für all unsere Ausbildungen gilt, dass wir leistungsbereite und entwicklungsfähige junge Menschen suchen. Auch, da wir wissen, dass sich Berufsbilder in den nächsten Jahren verändern werden, gehört die Bereitschaft zu lebenslangem Lernen bei uns dazu. Bei allen Bahnberufen sind  Verantwortungsbereitschaft und Kundenorientierung von besonderer Bedeutung. Diese Kompetenzen werden dann auch im Interview mit dem Bewerber geprüft.“

Wenn sich die Bahn von den Schulen in Deutschland etwas wünschen dürfte – was wäre das? „Wir machen sehr gute Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit Schulen, in dem wir – wie viele andere Unternehmen auch – unser Ausbildungsangebot im Rahmen von Unterrichtseinheiten vorstellen und Bewerbertrainings anbieten. Dies hilft, den Übergang von der Schule in eine berufliche Laufbahn zu unterstützen“, antwortet Janine Andrä. „Wir wünschen uns lernbereite Schüler. Nur so sind sie motiviert, in eine Ausbildung zu starten und diese auch erfolgreich abschließen. Wichtig ist, dass man gelernt hat, wie man lernt:  Wie organisiere ich mich, welche Unterstützung brauche ich und wo bekomme ich die nötigen Informationen her? Das ist die Grundlage für einen guten Ausbildungsstart – hierfür kann die Schule einen wesentlichen Beitrag leisten. Für die fachliche Qualifikation im Beruf sind dann wir zuständig.“ N4t

 

Der Deutsche Ausbildungsleiterkongress

Janine Andrä spricht am Dienstag, 21. November 2017, von 14 bis 15.15 Uhr auf dem Deutschen Ausbildungsleiterkongress (DALK) in Düsseldorf.  Experten aus unterschiedlichen Bereichen diskutieren dort am 21. und 22. November 2017 mit mehr als 2.000 Ausbildungsverantwortlichen sowie Berufsschulleitungen aus ganz Deutschland über die entscheidende Zukunftsfrage, wie die Duale Ausbildung von morgen gestaltet werden kann.

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.Benötigte Felder sind markiert *

*