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Vorläuferfähigkeiten: Warum immer mehr Kinder schon in der ersten Klasse scheitern

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MÜNSTER. Immer mehr Erstklässler schaffen den Übergang in die zweite Klasse nicht, ganze Grundschulen kämpfen mit dramatischen Wiederholerquoten. Maria-Valentina Westermann, Projektleiterin des Lernservers (eines wissenschaftlichen Diagnose- und Förderprogramms für die Rechtschreibung) sieht, dass es immer mehr Kindern an den notwendigen Vorläuferfähigkeiten fehlt. Aus ihrer Sicht geboten, wie sie im folgenden Beitrag darlegt: eine Konzentration der frühen Bildung auf das Wesentliche.

“Zwischen Wichtigem und Unwichtigem unterscheiden”: Maria-Valentina Westermann. Illustration: News4teachers

Warum immer mehr Kinder schon in der ersten Klasse scheitern – und was sich dagegen unternehmen lässt

Kinder, für die schon die erste Klasse zur Hürde wird, sind längst keine Seltenheit mehr. Die Gräfenau-Schule, die immer wieder damit Schlagzeilen macht, dass dort jährlich etwa 40 Kinder nicht in die zweite Klasse versetzt werden können, ist kein Einzelfall. In Nordrhein-Westfalen wiederholen in diesem Jahr 6,5 Prozent der Erstklässler das erste Schuljahr. In einzelnen Schulen im Raum Dortmund brauchen sogar 45 Prozent der Kinder fünf Grundschuljahre statt der vorgesehenen vier.

Die Folgen sind absehbar: Schon jetzt bleiben immer mehr Kinder länger im System, was sich nicht nur negativ auf deren Bildungsweg auswirkt, sondern auch dazu führt, dass die Klassen voller werden, mehr Lehrerstunden benötigt werden und die Zeit für das einzelne Kind knapper wird – während genau diese Kinder eigentlich eine intensivere Unterstützung bräuchten.

Zusätzliche Unterrichtsstunden und verbindliche Vorschulkurse, mit denen in den Ländern auf diese Entwicklung reagiert wird, sind nur ein Teil der Lösung. Was es braucht, ist ein grundsätzliches Umdenken und eine Neuorientierung frühkindlicher Bildung und der ersten Grundschuljahre.

1. In den ersten Schuljahren hat die Sicherung des Elementaren absolute Priorität

Je mehr in der Grundschule nachgeholt werden muss, desto konsequenter muss diese sich auf ihre Kernaufgabe konzentrieren können. Bei derart großen Lücken in den Basisbereichen Lesen, Schreiben und Rechnen, wie sie derzeit zu verzeichnen sind, reichen wöchentliche Zusatzstunden nicht aus. Stattdessen braucht es eine generelle Neuorientierung und eine Reduktion der Curricula auf die Sicherung der Grundausstattung, ohne die kein nachhaltiger Lernerfolg möglich ist und die die Kinder spätestens auf der weiterführenden Schule dringend brauchen.

Das Thema Sprachförderung muss in allen Lernbereichen eine zentrale Rolle spielen. Auch Kinder ohne Zuwanderungsgeschichte haben immer häufiger Defizite in der Sprachkompetenz und verfügen oft über einen viel zu kleinen Wortschatz. Die Qualität ehrenamtlicher Zusatzangebote und eigenen Förderangeboten für Kinder mit größeren Rückständen muss sich dabei an ihrem Output messen lassen: Entscheidend ist das tatsächliche Weiterkommen der Kinder.

Weder kann die Grundschule aber alles kompensieren noch kann sie mit allzu unterschiedlichen Startpunkten der Kinder vernünftig umgehen. Die Vorbereitung auf einen guten Schulstart muss in der Familie und im Kindergarten erfolgen; die Grundschule kann nicht bei null anfangen.

Lernserver

  • Förderprogramm für Vorläuferfähigkeiten und Schriftspracherwerb

Eine sichere Basis ist das Fundament für alles Weitere. Häufig fehlt es Lehrkräften und pädagogischem Personal aber an differenzierten Materialien, wenn schon beim ersten Lesen, Schreiben und Rechnen Lücken geschlossen werden müssen. Der Lernserver, Deutschlands umfassendstes Diagnose- und Förderprogramm für die Rechtschreibung, hat dafür nun eine praxisorientierte Anleitung entwickelt. 

Bei immer mehr Kindern lässt sich zudem zu Beginn der ersten Klasse nicht von Schulfähigkeit sprechen; Lehrkräfte stehen dann vor der großen Aufgabe, in der Grundschulzeit das zu kompensieren, was die Kinder eigentlich zuhause und im Kindergarten hätten lernen müssen.

Zu diesem Zweck hat der Lernserver die zweibändige Reihe „Erfolgreicher Schriftspracherwerb“ herausgegeben, der in Zusammenarbeit mit Lerntherapeuten, Psychologen, Lehrkräften und Erziehern entwickelt wurde.

Der erste Band mit dem Titel „Vorläuferfähigkeiten kennen und fördern“ ist als Handreichung und Nachschlagewerk für Lehrkräfte konzipiert und widmet sich überfachlichen und fachlichen Vorläuferfähigkeiten von Motorik über Wahrnehmung bis hin zu Konzentration und Lernmotivation. Neben fundiertem, wichtigem Hintergrundwissen zu den einzelnen Förderbereichen erhalten Lehrkräfte Hinweise auf das Erkennen von Defiziten, aber auch und vor allem konkrete Spiel- und Übungsanregungen, die sie ergänzend in Unterricht und Förderung einsetzen können.

Beim zweiten Band mit dem Titel „Einstieg in die Schriftsprache“ handelt es sich um ein detailliertes, intensives Förderprogramm für diejenigen Kinder, die auch nach Abschluss des ersten Schuljahres massive Schwierigkeiten mit dem Schreiben und Lesen haben und selbst einfache Wörter nicht zu Papier bringen können. Das Werk ist einsetzbar ab der zweiten Klasse bis in die Sekundarstufe 1 und bei Bedarf auch darüber hinaus.

Nach Abschluss des Programms kann für eine Förderung mit steigendem Schwierigkeitsniveau die Münsteraner Rechtschreibanalyse (MRA) durchgeführt und auf deren Basis individuelles Fördermaterial für die Rechtschreibung angefordert werden.

Hier lassen sich die beiden Bände bestellen:  www.lernserver.de/deutsch/basiskompetenzen/uebersicht.html

2. Wirkungsvolle Frühförderung geschieht nicht durch Zusatzprogramme, sondern im Alltag

Kinder, die die Voraussetzungen für einen guten Schulstart nicht erfüllen, müssen die Ausnahme bleiben. Das setzt eine andere Förderlogik im Kindergarten voraus. Was es braucht, sind nicht noch mehr Förderprogramme, sondern die Unterfütterung alltäglicher Aktivitäten mit gezielten Anregungen zur Unterstützung von Sprachkompetenz, mathematischen Vorläuferfähigkeiten, phonologischer Bewusstheit und der Vorfreude auf das Abenteuer Schule.

Die Erweiterung des Wortschatzes, die Entwicklung von Sprachgefühl, Mengen- und Zahlenverständnis lassen sich nicht in einer wöchentlichen Förderstunde realisieren, sondern müssen in den Alltag integriert werden. Nur so kann pädagogischem Personal auch auffallen, wo welchem Kind noch wichtige Puzzleteile fehlen. Meidet ein Kind Brettspiele? Beteiligt sich ein anderes nicht an Abzählreimen oder anderen Sprachspielen? All das sind wichtige Anzeichen für einen Unterstützungsbedarf, auf den unmittelbar reagiert werden muss. Damit das gelingt, braucht das Fachpersonal praxisnahe Schulungen und alltagstaugliche Handreichungen, die die Kernbereiche fachlicher Vorläuferfähigkeiten näherbringen und ein Verständnis für das vermitteln, was Erstklässlern heute häufig für einen gelungenen Schulstart fehlt.

3. Eltern tragen Verantwortung – und brauchen Orientierung

Der Grundstein für den Lernerfolg wird im Elternhaus gelegt. Wer darin eine unzumutbare Zusatzaufgabe für die Eltern sieht, deren Verantwortlichkeit doch eigentlich bei der Schule läge, verkennt, welche Voraussetzungen erfüllt sein müssen, damit Kinder sich gestärkt, sicher und voller Neugierde dem anspruchsvollen Unterfangen des Lesen-, Schreiben- und Rechnenlernens widmen können. Wenn die Gespräche zuhause beispielsweise nur auf das Nötigste beschränkt sind, hat das negative Auswirkungen auf Wortschatz und Sprachkompetenz. Social Media-Verbote für Kinder helfen da nur wenig; Verantwortung für ihr Kind und dessen Zukunftschancen tragen die Eltern. Dass Bildung nicht vom Elternhaus abhängig sein darf, heißt nicht, dass in der Familie keine Vorbereitung auf den Schulstart stattfinden muss.

Gleichzeitig wächst der Druck auf Familien: Wenn in der Schule die Strukturen fehlen, um auf jeden Unterstützungsbedarf eingehen zu können, müssen Eltern aktiv werden – gerade in der entscheidenden Phase der ersten Schuljahre als Grundlage für alles Weiterführende. In dem immer häufiger geäußerten Wunsch vieler Eltern, ihrem Kind nicht nur bei den Hausaufgaben zu helfen, sondern es vor allem in den Basisbereichen gezielt zu unterstützen, liegt für alle Beteiligten eine Chance: Im Mittelpunkt steht dann das einzelne Kind mit dem, was es schon kann und mitbringt und dem, worin es sich weiterentwickeln kann – und muss, um die Angebote der weiterführenden Schule dann auch nutzen zu können. Nicht richtig ist es also, sich einfach darauf zu verlassen, dass das Kind am Ende der Grundschule schon all das können wird, was es für die weiterführende Schule braucht. Nicht nur Vergleichstests zeigen, dass dem leider immer weniger so ist, sondern vor allem auch die Erfahrungen von Lehrkräften in der Sekundarstufe, die bei ihren Fünftklässlern immer mehr Kompetenzen vermissen, die lange Zeit vorausgesetzt wurden.

Wichtig ist also, zwischen Wichtigem und Unwichtigem zu unterscheiden, größere Lernziele im Blick zu behalten und genau hinzuschauen, was zu der Grundausstattung gehört, die den Kern von Bildung ausmacht.

4. Heterogenität darf nicht zu einer allgemeinen Absenkung des Leistungsniveaus führen

Zunehmend unterschiedliche Lernvoraussetzungen im Klassenzimmer sind Realität; viele Lehrkräfte verlangen in Prüfungen weniger von ihren Schülern als noch vor wenigen Jahren. Heterogenität darf aber nicht zu einer Anpassung des Leistungsniveaus nach unten führen, sondern muss auch heterogen beantwortet werden: Statt überfrachteter Lehrpläne brauchen Lehrkräfte die Freiheit, sich auf die individuellen Lernzuwachse ihrer Schülerinnen und Schüler konzentrieren zu können, mit je unterschiedlichen Ausgangspunkten und Zielen. Darin, Ungleiches ungleich zu behandeln, liegt ebenfalls eine Chance: Entscheidend ist nämlich, was die Kinder wirklich gelernt und verinnerlicht haben und anwenden können. Dass das bloße Durchnehmen von Schulstoff und auch so manche Prüfungsform damit obsolet wird, heißt aber nicht, dass Curricula von klassischen Bildungsinhalten befreit werden sollten. Auch hier gilt: Erst, wenn das Fundament gesichert ist, kann man sich um das kümmern, was darauf aufbauen soll.

Aufgabe der Grundschule ist und bleibt es also, die Basis zu sichern: Am Ende ihrer Grundschulzeit sollten alle Kinder lesen, schreiben und rechnen können. Das klingt banal, ist aber leider schon lange keine Selbstverständlichkeit mehr. Der alarmierende Leistungsrückgang im Bereich Basiskompetenzen muss zu einer Rückbesinnung auf diese Kernaufgabe führen. Um diese erfüllen zu können, ist die Schule darauf angewiesen, dass die Voraussetzungen für einen guten Schulstart in Kindergarten und Familie hergestellt werden.

 

Die Forderung einer Rückbesinnung auf die Kerninhalte von Bildung ist übrigens keineswegs rückwärtsgewandt. Auch lässt sie nicht außer Acht, dass das Zurechtfinden in einer unübersichtlich gewordenen Welt allerlei Fähigkeiten erfordert, die weit über das Lesen-, Schreiben- und Rechnenkönnen hinausgehen. Mit einer klaren Priorisierung dieser notwendigen Grundausstattung wird vielmehr erst die Voraussetzung dafür geschaffen, sich all das anzueignen, was je nach Bildungs- und Erwerbsbiographie erfordert ist. Bei dieser Grundausstattung geht es nicht um austauschbares Wissen, sondern um grundlegendes Können. Wer über unzureichende Sprachkompetenz, Leseflüssigkeit und Kenntnisse vom Aufbau unserer Sprache verfügt, kann auch keinen Sprachgebrauch untersuchen, Texte reflektieren oder sie auf ihre Glaubwürdigkeit untersuchen. Ohne ein sicheres Fundament ist alles nichts – höchste Zeit also, die Grundschulen darin zu unterstützen, es herstellen und nachhaltig sichern zu können. News4teachers 

Hier geht es zu allen Beiträgen des News4teachers-Themenmonats “Frühe Bildung”. 

Deeper Learning: Warum es in der Schule der Zukunft auf ein solides Fundament aus fachlichen Grundlagen ankommt

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