FRANKFURT/MAIN. „Bildung ist kein Luxus. Bildung ist und bleibt ein Grundrecht für alle Menschen! Bildung ist der Schlüssel für mehr Chancengleichheit und ein gutes Leben. Doch die Türen im Bildungsverlauf bleiben viel zu oft verschlossen oder schließen sich. Dagegen wehren wir uns“, sagte Maike Finnern, Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), anlässlich des „Tag der Arbeit“, der unter dem Motto „Erst unsere Jobs, dann eure Profite“ steht, am Freitag in Frankfurt am Main. „Wer in Krisenzeiten die hinkende Wirtschaft ankurbeln will und auf Profite setzt, muss mutig in Bildung – in die Zukunft – investieren!“

„Stattdessen hängen die Bildungschancen in Deutschland weiterhin viel zu stark von der sozialen Herkunft der Kinder, dem Geldbeutel der Eltern und dem Wohnort ab. Das ist ein Skandal“, betonte die GEW-Vorsitzende. Hochwertige Bildung müsse von der Kita bis zur Weiterbildung inklusiv und gebührenfrei sein. „Stattdessen erleben wir ein Bildungssystem, das an zu vielen Ecken und Enden den Mangel verwaltet – auf dem Rücken der Kinder und Jugendlichen und zu Lasten der pädagogischen Fachkräfte.“
Regional gebe es immer noch zu wenige qualitativ gute Kita- und Ganztagsplätze, Fachpersonal fehle vielerorts, die Schulgebäude seien marode, Räume für moderne Pädagogik Mangelware, nach energetisch gut sanierten Lehr- und Lerneinrichtungen müsse man mit der Lupe suchen. Kurz: Kinder und Jugendliche lernten, die Beschäftigten lehrten unter schlechten oder nicht ausreichend guten Bedingungen.
„Dass nun vor dem Hintergrund der politischen und wirtschaftlichen Lage in Deutschland, soziale Kahlschläge Bereiche wie die Bildung treffen könnten, die dringend mehr Förderung brauchen, ist ein Abgesang auf originäre Aufgaben des Sozialstaates. Gerade im Jugendhilfebereich, der für zentrale Fragen der Inklusion zuständig ist, wären Kürzungen ein Desaster für das Ziel, gleichwertige Lebensverhältnisse und mehr Chancengleichheit zu schaffen“, unterstrich Finnern.
„Wenn es die Politik ernst meint mit Chancengleichheit und guter Ausbildung für alle jungen Menschen, muss sie in Kitas, in Schulen, in Ganztagsbetreuung, in Hochschulen und in die Weiterbildung investieren. Deutschland ist ein reiches Land. Die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt. Mit einem gerechteren Steuer- und Abgabenwesen muss es gelingen, Reiche stärker in die gesellschaftliche Pflicht zu nehmen, die Sozialsysteme und ein qualitativ hochwertiges Bildungssystem gut aus zu finanzieren!“ News4teachers
Philologen fordern verbindliche Grundschulempfehlung – für gerechtere Bildungschancen









Was die GEW bei bisweilen treffender Analyse vergisst:
Jeder Bildungsaufstieg ist mit Mühe, Leistung und Bedürfnisaufschub verbunden. Jungen Menschen etwas anderes zu vermitteln, wäre grob fahrlässig.
Also Anstrengung. TikTok und Bürgergeld sind im unteren Bildungsviertel attraktiver.
Genau dem stimmt die GEW ja zu.
Aber “Stattdessen hängen die Bildungschancen in Deutschland weiterhin viel zu stark von der sozialen Herkunft der Kinder, dem Geldbeutel der Eltern und dem Wohnort ab. Das ist ein Skandal”
Das vergisst sie nicht, das verortet sie bloß als Bringschuld woanders.
Dreiteiliges Fazit der äußerst lesenswerten Streitschrift “Tyrannei der Gleichheit” von Mathias Brodkorb (SPD), dem ehemaligen Kultusminister von Mecklenburg-Vorpommern, und Klaus Zierer (Erziehungswissenschaftler und Professor für Schulpädagogik). Den GEW-Funktionären sehr zur Lektüre empfohlen:
1) “Leistung einzufordern ist nicht nur eine Frage der gesellschaftlichen Vernunft, sondern auch eine des Respekts gegenüber jedem einzelnen heranwachsenden Menschen. Es ist Ausdruck der Überzeugung, dass jeder etwas Wichtiges leisten und zugleich über sich hinauswachsen kann, obwohl alle verschieden sind. Es ist der Glaube an den freien Menschen und nicht an ein reines Opfer seiner Lebensverhältnisse.
Gelungene Bildung zielt nicht darauf ab, Gleiche hervorzubringen. Sie versucht stattdessen, durch Bildung den Unterschieden in der Welt und der Würde jedes einzelnen gerecht zu werden.
Die Soziologin Jutta Allmendinger behauptet das Gegenteil: ‘Mehr Bildung führt zu mehr Gleichheit.’ Besser kann man die Verwirrung des deutschen Gleichheitsdenkens nicht auf den Punkt bringen.
Was sie bei fairer Betrachtung eigentlich meinen dürfte, ist Folgendes: Über je mehr Bildung ein Mensch verfügt, desto besser kann er an der Gesellschaft teilhaben. Da die Menschen aber unterschiedliche Talente, Interessen und Anstrengungsbereitschaft haben, wird gerade ein Mehr an Bildung sie immer zu Ungleichen machen. Und diese ungleichen Menschen können dann zwar besser an der Gesellschaft teilhaben, aber sie werden das trotzdem nie auf dieselbe Weise tun.
Jutta Allmendinger verwechselt also nicht nur Gerechtigkeit und Gleichheit, sondern auch Gleichheit und Teilhabe. […]
Die moralische Anerkennung besonderer Leistungen trotz widriger persönlicher Umstände ist eines der Kernmerkmale guter Pädagogik.” (S. 147/148)
2) “Gerechtigkeit bedeutet, Gleiches gleich und Ungleiches ungleich zu behandeln – und das jeweils anhand sachlich begründeter Kriterien.” (S. 129)
3) “Mit unserem Buch wollen wir auf keinen Fall Lehrer davon abhalten, stets ihr Bestes zu geben und immer an jeden einzelnen Schüler zu glauben. Im Klassenzimmer gilt: Kein Kind zurücklassen!
Wir wollen allerdings Politiker davon abhalten, weiterhin illusorischen Zielen nachzueifern und die Lehrer dieses Landes ununterbrochen in ein Hamsterrad wirkungsloser Bildungsreformen zu spannen. Diese Reformitis hat in den letzten Jahren zweifelsfrei keinen Bildungserfolg für alle gebracht, aber viele Lehrer an den Rand ihrer Kräfte.
Wahrscheinlich können sich viele Menschen gar nicht vorstellen, wie viel pädagogische Motivation, Energie und damit auch Steuergelder durch wohlklingende, aber überbürokratisierte Reformen Tag für Tag in unseren Schulen regelrecht verbrannt werden.
Wenn Sie als Eltern darüber etwas erfahren wollen, fragen Sie doch einfach die Lehrer Ihrer Kinder. Sie werden staunen, wie viel Energie man bei Lehrern freisetzen könnte, wenn man auf so manche ‘Reform’ einfach verzichten würde.” (S. 150/151)
„Stattdessen hängen die Bildungschancen in Deutschland weiterhin viel zu stark von der sozialen Herkunft der Kinder, dem Geldbeutel der Eltern und dem Wohnort ab. Das ist ein Skandal“, betonte die GEW-Vorsitzende. Hochwertige Bildung müsse von der Kita bis zur Weiterbildung inklusiv und gebührenfrei sein. „Stattdessen erleben wir ein Bildungssystem, das an zu vielen Ecken und Enden den Mangel verwaltet – auf dem Rücken der Kinder und Jugendlichen und zu Lasten der pädagogischen Fachkräfte.“
Wenn Kinder und Jugendliche aus den genannten Gründen ungleiche Chancen haben, liegt es häufig nicht zuerst an mangelnden Bildungsmöglichkeiten, sondern an mangelnder sozialer Unterstützung und Sicherheit. Familien brauchen viel häufiger Unterstützung, als es scheint. Würden alle Familien den Mut aufbringen und ihre Scham überwinden und sich rechtzeitig Hilfe bei freien Trägern der Jugendhilfe suchen, die über das Jugendamt durch WJH (wirtschaftliche Jugendhilfe) finanziert werden, wäre das eine große Chance. Viele Kinder leiden extrem unter familiären Spannungen und unangemessener Kommunikation sowie unter Erziehungsschwierigkeiten der Eltern und mangelnder Bindung (nicht Bildung). Sämtliche sozialen Schichten sind davon betroffen.
Es mangelt auch an Psychotherapieplätzen für Eltern und Kinder, die über die GKV bezahlt werden. Die Kürzung der Kassenleistung an ihre therapeutischen Praxen erschwert die Suche nach einer geeigneten Praxis zusätzlich.
Familien mit Schwierigkeiten haben Kinder mit Schwierigkeiten.
Hilfen sind möglich, aber durch die Scheu vor dem Jugendamt und durch große Schwierigkeiten beim Finden von psychotherapeutischer und psychiatrischer Behandlung sehr schwer zu erhalten.
Das alles zeigt sich an den Kindern, deshalb muss Politik für mehr und ungekürzt bezahlte Psychotherapie sowie weiterhin ungekürzt finanzierte Kinder- und Jugendhilfe sorgen. Leider sehen wir gerade eine Tendenz zum Gegenteil.
Langfristig wird die Wirtschaft nicht besser, wenn Kinder und Jugendliche schwer belastet erwachsen werden.
“Würden alle Familien den Mut aufbringen und ihre Scham überwinden und sich rechtzeitig Hilfe bei freien Trägern der Jugendhilfe suchen”
Volle Zustimmung!
Leider wird diese Not gesellschaftlich immer noch tabuisiert und oft fälschlicherweise als Faulheit kritisiert (https://www.news4teachers.de/2026/05/gew-chefin-zum-tag-der-arbeit-bildung-als-schluessel-zu-mehr-chancengleichheit/#comment-801826).
Stattdessen braucht es Normalisierung und niederschwellige Angebote.
Wenn das Wörtchen Bourdieu nicht wär
Das Statement liest sich, als würden alle nach Bildung dürsten und nur von aversiven Verhältnissen daran gehindert. Wenn Eltern wirklich wollen und auch die Kinder motivationsfähig sind, kann man auch ohne staatliche Maßnahmen etwas erreichen, mir sind die ewigen Umverteilungsfantasien eher suspekt.
Ist das so eine Art hintergründige Ironie, dass eine Gewerkschaftsvorsitzende zum Tag der Arbeit fordert, dass noch mehr Ressourcen von der arbeitenden Bevölkerung zur nichtarbeitenden Bevölkerung bzw. deren Kinder umgeschichtet werden?
Denn in der/meiner Praxis korreliert der Beschäftigten- oder Erwerbstätigenstatus unübersehbar signifikant mit dem Bildungserfolg der Kinder.
Ich finde es zunehmend erklärungsbedürftig, warum man bei einer Staatsquote, die jüngst über 50 Prozent kletterte, man noch mehr Ressourcen in die Richtung von Menschen schaufeln sollte, die sich hartnäckig weigern, etwas für den eigenen Lebenserfolg zu tun abseits dessen sich im Transferleistungsbezug eingerichtet zu haben und die für den Bildungs- und Lebenserfolg ihrer Kinder absolut nichts beitragen wollen.
Wann hört es denn einmal auf? Wenn jeder “unterpriveligierten” Familie bzw. deren Kindern fünf Assistenzkräfte Vollzeit zur Seite gestellt werden?