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Wie verlässlich sind freie Unterrichtsmaterialien? Ein Großteil der Lehrer bestätigt: Mehr Transparenz und Prüfung ist wichtig – auch im Bereich digitale Medien

Der aktuelle „Monitor Digitale Bildung“ der Bertelsmann-Stiftung zeigt es: Generell sind Lehrkräfte bereit, sich mit digitalen Medien auseinander zu setzen. Dass es häufig nur bei dem guten Vorsatz bleibt, liegt an schlechter Ausstattung, fehlenden Konzepten – und auch an der unübersichtlichen Fülle von Lehrmaterial in diesem Bereich. Die Forderung nach einer prüfenden Instanz, wird daher immer wieder laut. Der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) reagiert darauf: Er hat seinen Materialkompass mit Materialien zum Thema Digitale Medien aufgefüllt und will mit Lehrerkräften über weitere Lösungen diskutieren.

Lehrer wünschen sich Unterstützung bei der Bewertung von freien Unterrichtsmaterialien. Foto: Free-Photos / pixabay (CC0 Public Domain)

Unterrichtsmaterialien zum Thema Digitales und Medienkompetenz gibt es in rauen Mengen: von Verlagen, Vereinen, Stiftungen, Unternehmen, Interessensverbänden und etlichen mehr. Viele davon sind online sogar frei verfügbar. Wie die Bertelsmann-Studie zeigt, bemängelt allerdings knapp die Hälfte der Lehrer den großen Zeitaufwand, der mit der Suche nach geeignetem und guten Material verbunden ist. „Digitalisierung darf für Lehrkräfte nicht als zusätzliche Belastung erscheinen, sondern sollte Teil der Lösung für ihre pädagogischen Herausforderungen sein“, so Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann-Stiftung. Dazu sei es auch nötig, mehr Transparenz über die Qualität digitaler Lernmaterialien zu schaffen.

Die Forderung: Qualitätssiegel für Unterrichtsmaterial

Eine Forderung, die Lehrer in der Mehrheit so unterschreiben würden. Das Meinungsforschungsinstitut Forsa hat im Auftrag des Verbraucherzentrale Bundesverbandes (vzbv) in einer repräsentativen Studie 1.000 Lehrer befragt – demnach wünschen sich beispielsweise 70 Prozent ein Qualitätssiegel, das Unterrichtsmaterialien von Anbietern aus der Wirtschaft verlässlich beurteilt. 72 Prozent der befragten Lehrer gaben außerdem an, dass ihnen im Alltag selbst die Zeit für eine solche Prüfung fehlt.

Im September 2016 wurden im Auftrag des vzbv zudem 397 Lehrkräfte in einer nicht repräsentativen Online-Umfrage zu ihrem Umgang mit Unterrichtsmaterialien freier Anbieter befragt. Ergebnis: 71 Prozent der Befragten verwenden mehrmals in der Woche externe Unterrichtsmaterialien und neun von zehn Lehrkräften gaben an, dass externe Materialien mindestens genauso relevant sind wie reguläre Schulbücher. Das gilt vor allem für aktuelle Themen, bei denen Schulbücher aufgrund der rasanten Entwicklung kaum noch mitkommen, wie zum Beispiel bei digitale Medien, Datenschutz, Urheberrecht oder soziale Medien.

Bettina Busse, Leiterin des Projekts „Lehrkräfteportal Digitale Kompetenzen“ beim vzbv, kennt die Probleme der Lehrkräfte bei der Materialauswahl nur zu gut: „Was meist nicht erkennbar ist: Wer steckt hinter den Angeboten und sind die dargebotenen Inhalte verlässlich, unparteiisch, weltanschaulich neutral und werbefrei? Da muss man schon erst das Material bestellen oder herunterladen und selbst nachsehen.“

Bewertung durch unabhängige Experten

Aus diesem Gedanken heraus hat der vzbv mit dem „Materialkompass“ ein Instrument entwickelt, um den Lehrern diese Arbeit zu erleichtern und die Qualität von Unterrichtsmaterialien zu prüfen. Seit 2016 kümmert sich verbraucherbildung.de, das Schulportal des vzbv auch verstärkt um die Themen „Digitales, Medien und Information“. Die Begutachtung übernehmen unabhängige Experten, die sich die Unterrichtsmaterialien anschauen und nach festgelegten Kriterien bewerten. Es handelt sich dabei zum Beispiel um Medienpädagoginnen, Hochschullehrer und natürlich Praktiker aus dem Bildungsbereich.

Besonders schlecht wird bewertet, wenn Materialien offene Produkt- und Markenwerbung enthalten oder im Eigeninteresse von Unternehmen oder Verbänden Sachinformationen oft einseitig, verkürzt oder in einem falschen Kontext darstellen. Besonders häufig ist dies bei wirtschaftsnahen Publikationen im Bereich der ökonomischen Bildung der Fall. Wie eine Analyse der Unterrichtmaterialien 2014 zeigte, erhielten 18 Prozent der wirtschaftsnahen Medien die Note mangelhaft.

Lobbyismus an Schulen: Vorsicht vor Unterrichtsmaterial von der Wirtschaft

Die Bewertungen im Bereich Medien und Informationen ergeben bisher ein ausgeglicheneres Bild, wie Bettina Busse berichtet. Der überwiegende Teil sei in der Qualität befriedigend oder besser. „Wir mussten bislang in keinem Fall wegen Werbung oder tendenziösen Inhalten unser ‘K.O.-Kriterium’ anwenden, durch das Materialien mit ‘mangelhaft’ bewertet werden. Aber natürlich gibt es auch hier wichtige Qualitätsunterschiede“, erzählt Bettina Busse im Interview. „Unterrichtsmaterialien, die sich beispielsweise nur mit den Programmen oder Plattformen eines Anbieters befassen, können eben nur einen Teil einer ausgewogenen Medienbildung darstellen und müssen durch die Lehrkraft kommentiert, eingeordnet und mittels anderer Materialien ergänzt werden.“ Diese Arbeit kann der Materialkompass Lehrkräften erleichtern.

Bundesweiter Diskurs – auch Lehrer sollen zu Wort kommen

„Wir brauchen ein Stiftung Warentest für Unterrichtsmaterialien“, ist sich auch Reinhold Hedtke, Professor für Wirtschaftssoziologie an der Universität Bielefeld, sicher. Er hatte 2011 in einer Studie untersucht, welchen Einfluss Wirtschaft, Politik und Wissenschaft auf die ökonomische Bildung an Schulen nehmen. Seine Einschätzung: Nur mit Hilfe nachvollziehbarer Kriterien und Gewichtungen könnten Lehrerinnen und Lehrer auch für die vielfältigen Beeinflussungs- und Manipulationsversuche sensibilisiert werden.

Eine einheitliche Lösung, wie Lehrer bei der Materialsuche langfristig entlastet werden können, gibt es bisher aber nicht – wie auch der „Monitor digitale Bildung“ kritisiert. Die Studie fordert neben einem gemeinsamen Gütesiegel daher vor allem eine deutschlandweite Plattform für die Prüfung von digitalem Lernmaterial. „Um das zu erreichen, braucht es einen politischen Diskurs über qualitätssichernde Transparenz in diesem Bereich. Förderale Teillösungen sind hier fehl am Platz“, schreiben die Autoren in ihrem Fazit.

Die Prüfung digitaler Unterrichtsangebote im Materialkompass wird noch bis Ende 2017 vom Bundesministerium für Justiz und Verbraucherschutz (BMJV) gefördert. Danach steht das bewährte Instrument – trotz viel Lob – vor dem Aus. Bettina Busse ist sich aber ebenfalls sicher, dass der Bedarf an Orientierung im Bereich der digitalen Bildung – parallel zum Angebot an freien Materialien – weiter wachsen wird. „Wir möchten daher den Dialog fortsetzen und weiterentwickeln, welche Standards für eine zeitgemäße Bildung und Verbraucherbildung relevant sind, und was Lehrkräften die Arbeit erleichtert“, so die Projektleiterin des vzbv. Welche Anforderungen haben Lehrer an eine Qualitätsprüfung? Welche Unterstützung wünschen sie sich für ihren Arbeitsalltag? Um diese Fragen zu klären, veranstaltet der vzbv Anfang November eine Werkstatt mit dem Titel „Digitale Bildung: Orientierung bieten, Qualität sichern – aber wie?“.

 

3 Kommentare

  1. Das eigentliche Problem ist womöglich, dass Lehrkräfte durch vielfältigste Aufgaben zu überlastet sind, Materialien zu sichten und selbst zu bewerten. Die Unterrichtsqualität wird weiter sinken, wenn es keine Abhilfe durch Entlastung gibt.
    Diese wird nicht durch Siegel für Medien erreicht werden.

    • Und dann sind für verschiedene Lehrer auch verschiedene Unterrichtsmaterialien sinnvoll. Der eine arbeitet lieber damit, der andere lieber damit usw.

  2. Im Artikel werden mE viele verschiedene Typen von Materialien mit einem Mal abgefrühstückt und das macht die Thematik schwammiger, vor allem wenn man darüber grübelt, wie Qualität gewährleistet werden kann.

    Vielleicht als Anregung zur Kategorisierung: Zum einen gibt es “freie Unterrichtsmaterialien” – darunter versteht man im Allgemeinen eher Material, welches mit entsprechenden Lizenzen – allen voran den Creative Commons Lizenzen – ausgestattet ist. Aufgrund dieser “freien Lizenzen” können Lehrerende nachvollziehen, was sie mit dem Material machen dürfen. Zumeist bedeutet das: kopieren, anpassen, neu veröffentlichen, differenzieren usw. – ohne dabei den Urheber fragen zu müssen, ob das jeweilige erlaubt ist. Unter dem Terminus Open Educational Resources (“OER”) werden diese Materialien gerade landläufig bekannter.

    Material das von Unternehmen bereit gestellt wird ist in 95% der Fälle nicht mit freien Lizenzen ausgestattet und es gilt im Sinne des deutschen Urheberrechts: “Alle Rechte vorbehalten”. Zweifelsfrei ist den Nutzerinnen jedoch das Recht eingeräumt, mit dem Material arbeiten zu dürfen, da die Unternehmen Ihre Ideen ja in die Masse bringen wollen. Das ist ihnen mE zum Teil nicht zu verübeln, da aus wirtschaftlicher Sicht gewisse Handlungsbedarfe bestehen, die seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten fast systematisch nicht verfolgt werden. Freilich ist da aber auch Werbung dabei.

    Und dann gibt es noch Materialien zu digitalen und medienpädagogischen Themen von diversen Akteuren. Das kann natürlich auch alles überlappen, z.B. gibt es bisweilen mehrere Agenturen die für eine Stiftung arbeiten und die unterschiedliche Qualität produzieren obwohl letztlich eine Stiftung drauf steht. Und gerade wegen dieser hohen Heterogenität ist es mE sehr schwierig, eine zentrale und ja zwangsläufig fehlerfreie Qualitätsbewertung vorzunehmen. Jede Plattform wird eigene Bewertungssysteme verwenden. Viele Plattformen werden nebeneinander existieren.

    Und wenn wir ehrlich sind, sind es ja die Lehrenden selbst, die am besten wissen, was ihre Klasse braucht und was sie kann.

    Letztlich kann man Glück haben und schnell gutes Material finden, was dann auch noch perfekt passt. Genauso kann es anders herum sein. Der Lehrende hat die Aufgabe, hier den Blick für das Richtige zu schärfen. Ich glaube nicht, dass das in Zukunft einfacher wird, eher komplexer.

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