Wirtschaft mahnt Schulen: Mehr soziale Kompetenzen vermitteln

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KARLSRUHE. Erich Harsch, Chef der Drogeriemarktkette „dm“, spricht vielen Unternehmern aus der Seele, wenn er mahnt: In den Schulen werde zu wenig Wert auf soziale Kompetenzen gelegt. Der DGB wiederum kritisiert die Unternehmen, weil sie Hauptschülern zu wenige Chancen gäben.

Das Unternehmen „dm“ engagiert sich: Erich Harsch (Mitte), Vorsitzender der Geschäftsführung, bei einer Aktion mit Schülern für die Aktion „Plant für the Planet“. Foto: dm/Sabine Hoeroldt
Das Unternehmen „dm“ engagiert sich: Erich Harsch (Mitte), Vorsitzender der Geschäftsführung, bei einer Aktion mit Schülern für die Aktion „Plant für the Planet“. Foto: dm/Sabine Hoeroldt

Das deutsche Bildungssystem setzt nach Einschätzung des dm-Chefs Erich Harsch nach wie vor zu stark auf reines Faktenwissen. «Der notwendige Schwenk von der Wissenseintrichterung zu Sozialkompetenz und Problemlösungen ist bislang nur ansatzweise gelungen», sagte Harsch.

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«In einer Zeit, in der Wissen mit einem Klick omnipräsent verfügbar ist, kommt es darauf an, dass Jugendliche lernen, sich in der Welt zurechtzufinden», sagte Harsch. «Die Frage, wie ein Mensch mit anderen zurechtkommt, ist wichtiger als die Frage, ob er die vier Grundrechenarten beherrscht.» Die Jugendlichen müssten lernen, sich selbst zu führen, denn das sei die Voraussetzung, auch andere führen zu können. «Dieser Wert steht leider nicht hinreichend auf dem Lehrplan der Schulen.»

Um diese Lücke zu schließen, habe dm bei der Lehrlingsausbildung Theaterworkshops und Abenteuer-Kultur-Projekte eingeführt, in denen sich die jungen Menschen selbst erfahren könnten. «Dort sind ihre zwischenmenschlichen Fähigkeiten gefragt», erläuterte Harsch. Dies sei wichtig, da bereits junge Fachkräfte mit der Führung von Filialen betraut würden und damit für bis zu 20 Mitarbeiter verantwortlich seien. Die Karlsruher Drogeriemarktkette mit rund 33.000 Mitarbeitern stellt pro Jahr mehr als 1000 junge Menschen zur Ausbildung ein.

In das allgemeine Jammern über die schlecht ausgebildete Jugend wolle er nicht einstimmen, sagte Harsch. «Da gibt es natürlich Licht und Schatten. Aber wenn ich mir zum Beispiel meinen Sohn ansehe, muss ich sagen, dass er mit 20 Jahren reifer war als ich in diesem Alter.» Viele junge Menschen seien sehr engagiert. «Wenn man sieht, wie sie in ihrer Lehre mit Problemen umgehen, geht einem das Herz auf.»

Allerdings kann dm mit 40.000 Bewerbern für 1000 Plätze auch aus dem Vollen schöpfen. «Das wird sich allerdings mit der demografischen Entwicklung ändern», sagte der Manager. Schon jetzt gebe es Regionen, in denen sich nur schwer Bewerber finden. Betroffen seien vor allem Ballungsräume, in denen der Handel nur schwer gegen die meist besser dotierten Arbeitsplätze in Gewerbe und Industrie bestehen könne.

DGB: Viele Unternehmen haben Hauptschüler abgeschrieben

Angesichts des von vielen Unternehmen beschworenen Fachkräftemangels hat der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) die Wirtschaft aufgefordert, Hauptschülern wieder mehr Chancen auf dem Lehrstellenmarkt zu geben. «Weite Teile der Unternehmen haben Hauptschüler anscheinend abgeschrieben. Immer weniger Betriebe geben diesen jungen Menschen eine Ausbildungschance», kritisierte die DGB-Vize-Vorsitzende Ingrid Sehrbrock.

Die Gewerkschafterin berief sich dabei auf eine Analyse im jüngsten Nationalen Bildungsbericht von Bund und Ländern, nachdem inzwischen die Hälfte aller Ausbildungsberufe für Jugendliche mit nur Hauptschulabschluss «faktisch» verschlossen sei. Sehrbrock: «Die Klagen der Wirtschaft über den Fachkräftemangel und die schlechten Chancen von Hauptschülern auf dem Ausbildungsmarkt passen nicht zusammen.» Die Abschottung vieler Lehrberufe für Jugendliche mit niedrigen Schulabschlüssen müsse beendet werden.

Die Zahl der Jugendlichen in den Warteschleifen des Übergangssystems sei zwar insgesamt gesunken, sagte Sehrbrock. Doch diese erfreuliche Entwicklung wirke sich für Hauptschüler kaum aus. Mittlerweile hätten 52 Prozent der Jugendlichen in den Warteschleifen einen Hauptschulabschluss. Das durchschnittliche Einstiegsalter von Jugendlichen mit Hauptschulabschluss in eine betriebliche Lehre sei inzwischen wegen der langen Wartezeiten auf einen Vertrag auf 19,2 Jahre gestiegen.

«Dabei blühen aber gerade junge Menschen, die in der Schule nicht so erfolgreich waren, im betrieblichen Alltag häufig geradezu auf», sagte die DGB-Vize. Betriebe sollten deshalb bei der Auswahl ihrer Auszubildenden gezielt auch vermeintlich schwächeren Jugendlichen einen Lehrvertrag anbieten. «Hierzu brauchen die Unternehmen auch Hilfe. Deshalb sollten ausbildungsbegleitende Hilfen zu Regelangeboten für die Betriebe ausgebaut werden.» Projekte bei einzelnen Unternehmen hätten gezeigt, wie erfolgreich dies sein könne. dpa

(4.4.2013)

Zum Bericht: “Arbeitgeberverband kritisiert schlechte Allgemeinbildung bei Lehrlingen”

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2 KOMMENTARE

  1. Zwar finde ich nicht, dass soziale Kompetenzen wichtiger sind als die Beherrschung der Grundrechenarten, aber ich finde, es ist an der Zeit, die Vermittlung sozialer Kompetenzen als “ebenbürtig” mit den Fachleistungen zu betrachten. Für mich ist das nichts anderes, als was sich hinter dem Arbeits- und Sozialverhalten verbirgt, das ja in verschiedenen Bundesländern in unterschiedlichster Weise (wieder) in den Focus gerückt ist. Zu Recht! Nun ist nur noch die Frage, wie man das am besten vermittelt und auch (be)wertet. Verhaltensnoten (Kopfnoten) sind für mich ein erster und praktikabler Schritt. Doch dahinter verbirgt sich viel mehr und wichtig ist, was man daraus macht!

  2. Die Schule halte ich entgegen aller Behauptungen für keinen guten Ort, um soziale Kompetenz zu erlernen. Dieser Irrglaube existiert bereits seit mindstens 30 Jahren, als die SPD-regierten Länder der sozialen Kompetenz oberste Priorität einräumten. Und was hat’s gebracht?
    Soziale Kompetenz erlernt man nicht wie das Einmaleins. Außerdem finden die entscheidenden Prägungen in den Jahren vor der Schule statt.

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