Bedarf erst in sieben Jahren gedeckt: GEW fordert schneller mehr Sonderpädagogen für Inklusion an Schulen

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KIEL. Die von einer Jamaika-Koalition getragene Landesregierung von Schleswig-Holstein setzt weiter auf inklusive Bildung. Doch der qualitative Ausbau des gemeinsamen Unterrichts von behinderten und nichtbehinderten Kindern stößt wie andernorts auf Probleme. Die GEW drängt Kiel nun auf mehr Tempo bei der Einstellung von Sonderpädagogen.

Der Lehrergewerkschaft GEW dauert es zu lange, bis ausreichend neue Stellen für Sonderpädagogen in Schleswig-Holstein geschaffen werden. CDU, Grüne und FDP hatten im Koalitionsvertrag vereinbart, für Inklusion an den Schulen bis 2024 jährlich 70 neue Stellen zu schaffen. Das wären insgesamt 490. «Die Umsetzung dieses Plans dauert zu lange», sagte GEW-Landeschefin Astrid Henke auf Anfrage. «Allein in diesem Jahr gehen 80 bis 100 Sonderpädagogen in den Ruhestand.» Dass erst in sieben Jahren die heute als notwendig erachtete Personalausstattung erreicht werde, sei unzureichend.

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Die Landesregierung wies die Kritik zurück: Die Koalition verstärke die Ausbildung von Sonderpädagogen. «Es ist ein Treppenwitz, wenn wir heute für die Versäumnisse unserer Vorgänger kritisiert werden, während wir eine zusätzliche Professur für Sonderpädagogik an der Universität Flensburg planen, die Ausbildungskapazität um 30 Prozent erhöhen sowie sukzessive 490 neue Stellen für Sonderpädagogen in dieser Legislaturperiode schaffen», sagte Bildungsministerin Karin Prien (CDU). Die Umsetzung der Inklusion sei im Norden unterfinanziert gewesen.

Eine schnellere Umsetzung sei unmöglich; dazu seien zu wenig Sonderpädagogen auf dem Arbeitsmarkt verfügbar, sagte Ministeriumssprecher Thomas Schunck. Es sei immer geplant gewesen, «die zusätzlichen Stellen sukzessive bereitzustellen, um eine fachgerechte Besetzung ermöglichen zu können».

Die Zahl der Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf in Schleswig-Holstein steigt indes: Waren es im Schuljahr 2013/14 noch 15.467, wurden 2016/17 bereits 15.869 gezählt. Mehr als zwei Drittel dieser Schüler werden bereits inklusiv an einer Regelschule unterrichtet. Schüler mit und ohne Behinderung, mit und ohne Förderbedarf, lernen also gemeinsam. Die Zahl der Schüler an Förderzentren ist gesunken. Die jetzige Koalition will diese aber nicht abschaffen, sondern grundsätzlich erhalten. Förderzentren und allgemeinbildende Schulen sollen enger zusammenarbeiten.

«Es ist gut, dass in Schleswig-Holstein so vielen Kindern das gemeinsame Lernen ermöglicht wird – allerdings nur, wenn auch die Bedingungen stimmen und dieser Unterricht nicht zulasten der Lehrer oder Kinder geht», sagte GEW-Landeschefin Henke. Einen Bericht über die Inklusion an den Schulen im Norden will am 8. Dezember der Landesrechnungshof vorstellen.

Von Schwierigkeiten, einen qualitativ hochwertigen inklusiven Unterricht zu gewährleisten, weiß auch der stellvertretende Behindertenbeauftragte Dirk Mitzloff. Er begrüßt die neu geschaffenen Sonderpädagogen-Stellen. Zugleich appelliert er an alle Beteiligten, stärker miteinander in den Dialog zu treten. «Wir müssen die Qualität des inklusiven Unterrichtes auch extern prüfen», sagte er. «Wie gefällt den Schülern selbst der Unterricht? Was sagen die Eltern und die Vertreter der betroffenen Schüler dazu?» Der Runde Tisch Inklusion allein genüge nicht.

Schleswig-Holstein gilt als ein Vorreiterland bei der inklusiven Bildung. Hier lernen behinderte und nichtbehinderte Schüler deutlich häufiger gemeinsam als in anderen Ländern. Vor gut einem Jahr hatte die damalige Bildungsministerin Britta Ernst (SPD) gemeinsam mit dem Erziehungswissenschaftler Klaus Klemm ein Inklusions-Gutachten vorgestellt. Klemm empfahl, fast 500 neue Stellen für Sonderpädagogen zu schaffen. Ernst kündigte an, den Zusatzbedarf in der bis 2022 laufenden Wahlperiode zu decken. Nun soll das also 2024 werden. Je Lehrer sind 50.000 Euro zu veranschlagen. Von Julia Marre, dpa

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