Teurer, glamouröser, besser – Abibälle wollen immer noch einen drauf setzen

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BINGEN/RAMSTEIN-MIESENBACH. Ein rauschender Ball zum Ende der Schulzeit – diesen Traum möchten sich viele Abiturienten erfüllen. In den vergangenen Jahren sind die Abschlussfeiern immer pompöser geworden und werden schon längst nicht mehr nur durch einen Schülerausschuss organisiert. Auch wäre eine Feier in der Schulturnhalle oder der Aula, so wie das früher gereicht hatte, heutzutage für viele junge Erwachsene undenkbar.

Abibälle werden in Berlin immer aufwendiger organisiert. (Foto: Arpingstone/Wikimedia)
Abibälle werden immer aufwendiger organisiert. (Foto: Arpingstone/WikimediaCommona)

Eine Abschlussfeier in einer tristen Sporthalle ist für die Abiturienten des Stefan-George-Gymnasiums im rheinland-pfälzischen Bingenin undenkbar. Sie buchen Ballsäle und engagieren Veranstaltungsprofis, damit sie zum Abschluss ihrer Schulzeit im besonderen Licht erstrahlen können. Dabei orientieren sich die Gymnasiasten bei den Abibällen in den kommenden Wochen durchaus an den Abschlussjahrgängen vor ihnen: Männerballett, Abi-Band und Kurspräsentationen gibt es noch immer. «Aber man möchte schon immer einen draufsetzen», sagt  Schüler Jan Ritzer. Dabei achten sie auf jedes Detail: von der liebevoll beklebten Eintrittskarte bis zum einzigartigen Kleid.

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Die 120 Schüler in Bingen haben ein Hotel mit großem Saal gemietet. «Der macht was her», sagt Ritzer. Das Motto der Stufe: «Wannabi – die letzten 90er stürmen in die große Welt». Die ganze Dekoration soll einen 90er Touch bekommen, von Videokassetten als Tischnummern bis hin zu den süßen Leckmuscheln der Zeit. Die 500 Eintrittskarten wurden in mühevoller Arbeit auf alte Kassetten geklebt. Gerne hätten Ritzer und sein Ball-Team noch mehr Karten verkauft, aber mehr passen nicht in den Raum. Und in Bingen und Umgebung bekommt man laut Ritzer keinen größeren Ballsaal.

Vorfinanzierungspartys und Kuchenverkäufe

Veranstaltungskaufmann Bernhard Klinkhammer von Alles Fürs Event in Trier vermietet jedes Jahr Geschirr und dekoriert bei zehn bis zwanzig Abifeiern. «Es wird hochwertiger», sagt er. Die Abiturienten fragten nach Tellern in modernen Formen oder auch mal Kernzenständern. «Oft ist aber das Budget nicht da.» Da werde dann zum Beispiel am Personal gespart – und die Schüler müssten die zwei Tonnen Porzellan selbst vom Lastwagen in die Halle tragen.

Die Kreativität der Gymnasiasten wird auch für die Finanzierung eingesetzt. Die einen haben eine Band, die vorher gegen Gage auftritt, andere verkaufen Kuchen oder Sandwiches an der Schule. Beliebt sind auch Vorfinanzierungspartys in Clubs, so mancher findet auch einen Sponsor, der am Abend ein Banner aufhängt. Eine Abijahrgang in Koblenz habe sogar mit einer Scheibenwischer-Aktion Geld aufgetrieben, erzählt Michael Wechsler von der Homepage Abitur-Trainer. Die Schüler hätten Autofenster von wartenden Eltern vor der Schule gereinigt und so Hunderte Euro an Spenden für die Abikasse eingesammelt.

Bälle von Abiturjahrgängen des neunjährigen Gymnasiums fielen häufig viel üppiger aus als die von Abiturienten des achtjährigen Zugs, sagt Wechsler. Die G8-Schüler hätten mehr Unterrichtsstoff und damit weniger Freizeit. Wer in die Vollen greift, muss mit einem Budget von Tausenden Euro rechnen: Musik, Technik, Catering, Service, Schmuck, Saal, Geschenke, Versicherung, Gema, Fotograf – das alles kostet meist mehr, als mit dem Kartenverkauf reinkommt.

Cocktailkleider und Friseurtermine

Sonja Tophofen, Schulleiterin am Reichswald-Gymnasium in Ramstein-Miesenbach, hat weitere Kosten ausgemacht. «In vielen Schulen gibt es eine offizielle Feier für die Abiturzeugnisse und eine zweite Feier der Schüler am Abend. Dafür haben die Schülerinnen zwei Outfits.» Kämen sie zur ersten Feier im Cocktailkleid, zögen sie zum zweiten ein Ballkleid an. Und gingen zweimal zum Frisör – rausgeputzt wie bei einer Hochzeit. «Da greifen die Eltern tief in die Tasche», ist sich Tophofen sicher.

Charlotte Allnoch vom Gymnasium am Kurfürstlichen Schloss in Mainz erzählt, dass die Schülerinnen sich extra abgestimmt haben, damit nicht plötzlich zwei Mädchen im gleichen Kleid auftauchen. 100 bis 150 Euro gäben sie pro Abendkleid aus, dass sie Mitte März im Kurfürstlichen Schloss tragen wollen. «Für die Mädels ist der Abend so wichtig, dass sie bereit sind, dafür etwas auszugeben», sagte Allnoch. Laura Hollenbach vom Sebastian-Münster-Gymnasium in Ingelheim ergänzt, dass sie sich auch die Nägel machen ließen.

Die 180 Ingelheimer Abiturienten sind der erste Jahrgang, der nicht in der Turnhalle der Schule feiert. Die Schüler haben einen Festsaal in Mainz gemietet, in den bis zu 1000 Menschen passen. Die Entscheidung fiel aber nicht wegen des Glamour, sondern weil der besonders große Jahrgang mit Anhang nicht in die Turnhalle passt. «Wir hätten dort nur jeweils zwei Gäste einladen können. Viele von uns haben schon einen Freund. Sollen wir dann einen Elternteil zuhause lassen?», fragt Hollenbach. dpa

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