Verprügelt, getreten, verletzt – wenn Kinder von ihren eigenen Eltern misshandelt werden

4

BERLIN. Seit 18 Jahren haben Kinder in Deutschland ein Recht auf eine gewaltfreie Erziehung. Doch die Realität sieht anders aus. Noch immer werden Kinder verprügelt oder auch misshandelt – von ihren eigenen Eltern.

Kinder zu misshandeln ist ein Zeichen für Schwäche und Unmenschlichkeit.                         Foto: zhrefch / flickr / CC0 1.0

Die Anspannung im Raum ist deutlich spürbar. Kaum jemand sagt etwas. Die Koordinatorin der Kinderschutzambulanz, Susanne Rother, und ihre Kolleginnen warten auf den nächsten Patienten, einen kleinen Jungen. «Man weiß nie, was kommt», sagt Rother. Fast täglich untersucht sie mit ihrem Team verletzte Mädchen und Jungen in der Kinderschutzambulanz im Vivantes-Klinikum Berlin-Neukölln. Die Experten versuchen herausfinden, ob die eigenen Eltern für eine Verletzung verantwortlich sind.

Anzeige


Seit dem Jahr 2000 haben Kinder in Deutschland ein gesetzlich festgeschriebenes Recht darauf, ohne jegliche körperliche oder psychische Bestrafung aufzuwachsen. Am 30. April erinnert der Tag für gewaltfreie Erziehung daran, dass selbst der kleine Klaps auf den Po verboten ist. «Das ist leider noch nicht überall angekommen», sagt Sylvester von Bismarck, der die Ambulanz mit Rainer Rossi leitet und es meist mit deutlich schwereren Fällen zu tun hat.

Eltern, die ihren Kleinkindern Zigaretten auf dem Po ausdrücken, um sie fürs Einmachen in die Windel zu bestrafen und zur Sauberkeit zu «erziehen». Eltern, die ihre Kinder beißen, mit Gürteln schlagen, treten, sie an Heizkörpern oder auf Herdplatten verbrennen. Kinder mit blauen Flecken an ungewöhnlichen Stellen. All das hat von Bismarck schon erlebt.

Gewalt in allen Schichten

Etwa 150 Kinder und ihre Eltern schicken die Jugendämter und andere Institutionen jährlich in die Neuköllner Ambulanz. Bundesweit gibt es verschiedene andere Kinderschutz-Zentren. In Berlin-Neukölln können die Experten in jedem fünften Fall sicher sagen, dass Verletzungen zugefügt wurden. In 60 Prozent der Fälle bleibt die Herkunft der Wunden unklar. Bei weiteren 20 Prozent können sie die Eltern entlasten. «Manchmal können die Eltern glaubhaft machen, dass das Kind mit einer schweren Kopfverletzung tatsächlich vom Wickeltisch gefallen ist», sagt Rossi.

Gewalt gebe es in allen Schichten. «Besonders hoch ist das Risiko, aber da, wo der Stress am größten ist», sagt von Bismarck mit Blick auf Familien mit wenig Geld, Arbeitslosigkeit oder Alleinerziehenden mit mehreren Kindern. Bei den meisten Eltern funktioniere die Erziehung im Großen und Ganzen. Doch in Situationen, in denen plötzlich Stress auftrete, wüssten manche Eltern sich nicht mehr anders zu helfen als zuzuschlagen. Vor allem, wenn sie in ihrer eigenen Kindheit Gewalt als probate Erziehungsmethode erlebt hätten. «Ab einem gewissen Punkt können sie nicht mehr anders. Das ist wie eine Übersprungshandlung», so der Arzt.

Studien zeigen, dass das Gesetz aus dem Jahr 2000 durchaus ins Bewusstsein vieler Eltern gerückt und Gewalt gegen den Nachwuchs rückläufig ist. Doch sie ist nach wie vor da. Rund drei Prozent der Deutschen haben bereits schwere körperliche Misshandlungen erlebt, zeigt eine Studie von Wissenschaftlern um Ulrich Fegert, dem ärztlichen Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Universität Ulm. Weitaus häufiger sind leichtere körperliche Strafen wie der berühmte Klaps auf den Po. Etwa 45 Prozent der Eltern halten ihn heute noch für ein angebrachtes Erziehungsmittel, allerdings deutlich weniger als noch 2005. Da waren es 76 Prozent, wie eine weitere Studie von Fegert zeigt.

Trotzphase und kindliche Gefühle

«Noch in den 1950/60er Jahren galt es als ganz normal, Kinder zu schlagen», sagt Heidemarie Arnhold, Vorstandsvorsitzende des «Arbeitskreises Neue Erziehung». Heute wollen die meisten Eltern ihre Kinder anders erziehen als es ihre Eltern und Großeltern taten. «Ob sie es im Alltag auch durchhalten, ist eine andere Frage. Es fehlt manchmal an Vorbildern», so Arnhold, die mit ihrem Verein unter anderem Elternbriefe mit Erziehungstipps herausgibt.

«Die Eltern sind verunsichert», bestätigt auch Danielle Graf, eine der Autorinnen des Blogs und gleichnamigen Bestsellers «Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn». Der Blog, auf dem vor allem Erziehungsfragen behandelt werden, habe eine halbe Million Zugriffe im Monat, so Graf.

Ihre Leser interessierten vor allem für den Umgang mit kindlichen Gefühlen, etwa in Trotzphasen. Körperliche Gewalt sei bei ihrer Leserschaft kein Thema, da sie abgelehnt werde. «Unsere Leser beschäftigen sich eher damit, wie sie mit ihren Kindern gewaltfrei kommunizieren können», so Graf. Auch mit Worten könne man Kinder schließlich verletzen.

Schlagen als Ausdruck von Überforderung

«Eltern sind heutzutage unter Druck. Viele deutsche Mütter haben das Super-Mütter-Syndrom. Da liegt ein hohes Maß an Überforderung drin», sagt Arnhold. Perfekt sei aber niemand. «Kinder versuchen, Grenzen zu überschreiten. Eltern müssen akzeptieren, dass das ein ganz normaler Prozess ist», betont sie. Es sei aber auch normal, dass man selbst an seine Grenzen komme. Für schwierige Situationen mit dem Nachwuchs empfiehlt sie: «Tief Luft holen, aus der Situation rausgehen und später, wenn man sich beruhigt hat, überlegen, wie man es gemeinsam regelt. Das Verfahren kann man mit Kindern von null bis 18 durchziehen.»

Der Deutsche Kinderschutzbund (DKSB) bietet deutschlandweit seit Jahren Seminare an, die Eltern stärken sollen. «Wir arbeiten an den Stellschrauben, wo es zu Überlastung kommt», sagt Bundesgeschäftsführerin Cordula Lasner-Tietze. In den Seminaren werde Eltern vermittelt, wie sie für einen ruhigeren Alltag für die Familie sorgen könnten. Das Konzept sei erfolgreich und sorge dafür, dass es zu deutlich seltener zu stressigen Situationen und somit auch Gewalt komme.

Auch die Eltern, die ihre Kinder im Neuköllner Klinikum vorstellen, seien meist an Hilfe interessiert, sagt von Bismarck. «Sie wissen ja in der Regel, dass etwas schief läuft», so der Arzt. Den Mitarbeitern der Ambulanz vertrauten sich die Eltern oft eher an als dem Jugendamt, so von Bismarck. Die Ambulanz baue die Brücke zum Amt, da es schließlich nötige Hilfen finanziere und organisiere. «Wir wollen die Kinder ja nicht aus ihren Familien nehmen. Sie wollen ja zu Hause bleiben, eben nur nicht mehr geschlagen werden.» dpa

Selbst Grundschüler schon außer Rand und Band: Was läuft schief in der Erziehung? VBE schlägt Alarm

Anzeige


4 KOMMENTARE

  1. Was in dem Artikel untergeht, ist der Hinweis auf das Verbot des Prügelns, nicht nur durch deutsches Gesetz, sondern auch durch die UN-Konvention zu Kinderrechten. Lapidar heißt es:
    “Das ist leider noch nicht überall angekommen.”
    Bei der Inklusionsdebatte geht es aber anders zur Sache. Da werden gleich die Menschenrechte bemüht. Ich frage mich auch immer, ob man denn von staatlicher Seite auch nur versucht hat, ALLE ELTERN (auch zugewanderte) rechtzeitig und wiederholt über das Prügelverbot zu informieren? Die Schulen böten doch eine Möglichkeit, die vorgeschriebenen ärztlichen Untersuchungen von Vorschulkindern auch. Man könnte die Eltern erreichen, notfalls mit einem Flyer in mehreren Sprachen. WARUM ist denn das nicht überall angekommen? Wollte man es nicht, oder konnte man es nicht, oder gab es Widerstände bei konservativen Lobbyisten? Warum greift der Artikel diesen Gedanken nicht auf? Stattdessen wird von Seminaren geredet als Gegenmittel. Da werden die schlimmsten Übeltäter bestimmt nicht hingehen. Anderes, was verboten ist, bekämpft man doch auch nicht nur mit Seminaren.

  2. Gestern noch waren doch viele hier der Meinung, man solle die Kinder “im Nest der Familie” lassen und staatliche Stellen aus der Erziehung heraushalten, wenn Kinder deutliche Anzeichen für Entwicklungsverzögerungen, Wahrnehmungsstörungen und sprachliche Defizite aufzeigen.
    Nun geht es um Gewalt und Misshandlungen, die nicht immer offensichtlich sind.

    Staatliche Hilfe, so war die von mehreren vertretene Meinung, führe dazu, dass immer mehr Eltern zu “Rabeneltern mutieren” und ihre Kinder vernachlässigen würden.
    Man müsse die Eltern zu mehr Eigenverantwortung bringen, damit sie sich nicht aus der mühsamen Erziehungsarbeit zurückziehen.

    HEUTE fragen Sie, ob man sich von staatlicher Seite nicht mehr bemühen könne?

    “WARUM ist denn das nicht überall angekommen? ”
    Haben Sie keine Flyer bekommen? Persönlich nicht und als Lehrkraft auch nicht?
    Man kann sich derartige Informationen in vielerlei Sprachen – auch auf Deutsch – aus dem Internet herunterladen, wenn man die Flyer des Ministeriums nicht rechtzeitig bestellt hat, und sie dann selbst vervielfältigen.
    Wollten Sie es nicht oder konnten sie es bisher nicht oder hatten Sie selbst Widerstände?
    Und meinen Sie wirklich, dass “die schlimmsten Übeltäter” sich von einem informierenden Flyer abhalten lassen, ihr Kind zu misshandeln?
    Wie durchdringend sind wohl Informationsschriften, wenn es um die anderen Auffälligkeiten geht, bei denen eine bessere Betreuung und Förderung ja von vielen offenbar ungewollt ist.

    • Ich gehöre nicht zu denen, die sagen, der Staat müsse sich komplett raushalten.. Gerade ibei Problemfällen und bei Kindesmisshandlungen darf er das nicht:
      https://www.morgenpost.de/berlin-aktuell/article124400281/Wenn-Eltern-ihre-Kinder-zu-Tode-pruegeln.html
      ich habe nur gefragt: Wieso heißt es lapidar, das sei “noch nicht überall angekommen”? WARUM ist da so, obwohl die Gesetze doch schon älter sind? Die Frage wird in dem Artikel gar nicht gestellt. Formuliert man das bei anderen Delikten auch so? Flyer sind kein Allheilmittel, gewiss nicht. Im Internet scheinen die versteckt zu sein. Bei http://www.kinder.de scheint es etwas zu geben, bei Schulministerien wird wie üblich etwas postuliert. aber nicht konkretisiert. Wenn das nicht in den Köpfen ankommt, wird das Gründe haben. Welche? In der Öffentlichkeit hört man jedenfalls wenig davon, ganz im Gegensatz zu anderen Themen (z.B. Inklusion, soziale Gerechtigkeit in der Schule).
      Ich dachte an die Fälle, wo Eltern sagen, sie hätten ja gar nicht gewusst, dass das nicht erlaubt sei. Immer wenn ein Kind totgeprügelt wurde, verweisen die Jugendämter darauf, dass die Akten in Ordnung seien. Ja, man wüsste von Problemen, aber man könne nicht in allen Fällen …..

    • Eine bessere Betreuung und Förderung ist nicht “ungewollt”, sie sollte allerdings nicht auf Kosten der elterlichen Verantwortung und Erziehungspflicht stattfinden nach dem Motto “Was ihr nicht macht, übernimmt der Staat. Er kann es sowieso besser. Väter und Mütter sind in einer fortschrittlichen Gesellschaft für den Beruf da.”
      Der Staat kann es aber offensichtlich nicht und ist überfordert, wenn die elterliche Erziehung zu wünschen übrig lässt. Und das tut sie nun mal zwangsläufig bei doppelter Berufstätigkeit der Eltern, sehr zum Leidwesen von Kindern und Lehrern.
      Politiker müssten mal ihre Familienpolitik überdenken und den Irrsinn der Behauptung, dass kleine und kleinste Kinder bei ihrer Mutter zu Hause verkümmerten und am besten schon kurz nach der Geburt in die staatlichen Bildungs- und Erziehungsstätten gehörten.
      Das stimmt eben nicht, wie die Spätschäden an Kindern und Jugendlichen in Schweden beweisen, wo diese “moderne” Kinderbetreuung zugunsten einer florierenden Wirtschaft schon seit Jahrzehnten betrieben wird und trotz hohen Aufwands an Geld und Personal inzwischen zu großer Ernüchterung und Ratlosigkeit geführt hat.
      Müssen wir immer die Fehler anderer Länder nachmachen, obwohl sich dort längst Zweifel breitmachen und ein Umdenken stattfindet?

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here