IfW-Präsident Snower: Digitalisierung erzwingt neue – kreativere! – Bildung

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KIEL. Maschinen übernehmen immer höher qualifizierte Arbeiten. Umso wichtiger werden soziale Kompetenzen, sagt IfW-Präsident Snower. Dafür seien aber neue Lernmodelle nötig. Dann könnte die Digitalisierung riesige Chancen bieten.

Sieht die Gesellschaft in Deutschland vor einem epochalen Umbruch, auf den die Bildung reagieren muss: der Wirtschaftswissenschaftler Dennis Snower. Foto: World Trade Organization / flickr (CC BY-SA 2.0)

Der US-amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Dennis Snower mahnt angesichts des Tempos der Digitalisierung ein radikales Umdenken in der deutschen Bildungs- und der Wirtschaftspolitik an. «Die Digitalisierung wird meines Erachtens zunehmend Routinearbeit übernehmen und das bedeutet, die alten Rezepte, sich weiterzubilden, sind einfach nicht mehr gültig», sagte der Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW). Wenn Maschinen nicht nur minder qualifizierte Arbeiten übernähmen, sondern auch mittlere und höhere, helfe «die alte Devise, dass der Mensch sich einfach besser ausbilden muss, nicht mehr weiter».

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Das Kieler Institut stellte das Global Economic Symposium am Dienstag in diesem Jahr deshalb unter das Motto «Zukunft der Arbeit und Bildung im digitalen Zeitalter». Im Mittelpunkt der Gespräche von Experten aus Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Gesellschaft standen Chancen und Herausforderungen dieser Entwicklung.

Im Zuge der Digitalisierung drohe selbst höher ausgebildeten Fachkräften der Jobverlust, «wenn ihre Arbeit vorhersehbar ist», sagte Snower. Bei sozialen Kompetenzen, der Kreativität und «dem Sinn erzeugenden Zusammensein» hätten Menschen aber auch künftig einen Vorsprung gegenüber Maschinen. Deshalb müssten diese Fähigkeiten ausgebaut werden. «Das haben aber die meisten Bildungs- und Ausbildungsstätten noch nicht begriffen. Dabei kommt diese Welle viel schneller auf uns zu als sie sich vorstellen.»

Snower fordert einen stärkeren Fokus von Schule, Ausbildung und Studium auf soziale Kompetenzen wie Mitgefühl und Respekt vor anderen. Vor allem Schulen und Universitäten seien sehr individualistisch eingestellt. «Jeder Student kriegt Noten, er wird für die eigenen Leistungen bewertet und Teamarbeit steht erst an zweiter Stelle.» Wenig Stellenwert habe jedoch, «wie gut man sozial miteinander kommuniziert, wie hoch die Fähigkeit zum Perspektivwechsel ist und wie groß die Empathie. Das hat wenig Stellenwert in Schulen und Universitäten», kritisierte Snower.

Fokus auf technische Details

Aber auch den Politikern seien die drastischen Auswirkungen der Digitalisierung für den Menschen nach Ansicht Snowers nicht genug bewusst. «Die Politik hat noch einen langen Weg zu gehen, um die Wichtigkeit dieser neuen Kompetenzen zu verstehen.» Zu oft beschränke sich die Politik auf technische Details. Es sei zwar wichtig, dass ausreichend Internet-Bandbreite zur Verfügung stehe, sagte Snower. «Aber die Frage ist doch: Wer nutzt diese Bandbreite in 10, 15 Jahren? Werden es Menschen sein oder Maschinen, die miteinander kommunizieren.»

Zudem werde das Tempo der Digitalisierung unterschätzt. «Man darf nicht vergessen, dass die Produktivität der Maschinen nach dem Mooreschen Gesetz steigt, alles verdoppelt sich alle zwei Jahre», sagte der 67-Jährige. Der Mensch könne da nicht mithalten. «Menschliche Fähigkeiten steigen nur um anderthalb bis zwei Prozent pro Jahr. Deswegen haben wir überhaupt keine Vorstellung davon, wann Maschinen unsere Fähigkeiten in gewissen Bereichen übertroffen haben werden.»

Deutschland könnte nach Einschätzung des Wirtschaftswissenschaftlers dennoch von der Entwicklung der Technologien profitieren. «Deutschland hat heutzutage deshalb so viel Erfolg, weil es besonders der Mittelstand verstanden hat, wie man produzierendes Gewerbe mit Dienstleistungen verbinden kann.» Deshalb hätten Unternehmen hierzulande einen großen Vorsprung in der Exportwirtschaft. Ähnliches könne bei den erneuerbaren Energien passieren. Von André Klohn, dpa

Zur Person

Dennis Snower, Professor für theoretische Volkswirtschaftslehre an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, hat Regierungen in den Gebieten Arbeitsmarktpolitik, Ausbildungspolitik und Wohlfahrtsstaatreform beraten, darunter Großbritannien, Frankreich, Italien, die Niederlande, Schweden und Spanien. Er arbeitete als Berater für den Internationalen Währungsfonds und die Weltbank und war Gastprofessor an zahlreichen Universitäten, darunter Columbia, Dartmouth College, European University Institute (Florenz), Harvard, Princeton und Stockholm.

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