Mit “Buschzulage” und Stipendium: Wie Lehrer aufs Land gelockt werden – in Zeiten des Nachwuchsmangels

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GARDELEGEN. Lehrer sind derzeit in allen Bundesländern gefragt. Doch der allgemein beklagte Mangel trifft manche Regionen mehr als andere. Wie lassen sich Lehrer gewinnen, wenn man nicht mit Großstadtflair aufwarten kann?

Das Landleben hat durchaus seine Reize. Foto: Amanda Slater / flickr (CC BY-SA 2.0)
Das Landleben hat durchaus seine Reize. Foto: Amanda Slater / flickr (CC BY-SA 2.0)

Jeden Monat 300 Euro – bis zum Ende des Studiums. Das ist das Angebot, das die Stadt Gardelegen im Norden Sachsen-Anhalts macht. Wer es annimmt, verpflichtet sich, nach dem Studium ein Referendariat und einen Job in der dünn besiedelten Region zu suchen. Und mindestens so lange zu bleiben, wie er zuvor das Stipendium erhielt, erzählt die CDU-Kommunalpolitikerin und Mitinitiatorin Sandra Hietel. «Wir dachten uns, wenn andere Gemeinden ein Stipendium gegen Landarztmangel vergeben, dann können wir das mal gegen Lehrermangel tun.» Ob es funktioniert, will Gardelegen gemeinsam mit der Landesregierung testen. Am Dienstag stellen sie die ersten Stipendiaten des Projekts namens «Gardelehrer» vor.

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Lehrer werden in der gesamten Republik gesucht. Je nach Schulart, Fächerkombination und Region ist die Besetzung besonders schwer. 32.000 Kollegen müssen nach Berechnungen der Kultusministerkonferenz bis 2030 jedes Jahr eingestellt werden. Während der Westen zumindest rechnerisch mehr ausbildet, als er braucht, klafft im Osten inklusive Berlin eine große Lücke zwischen Abgängen und Nachschub. Für Gymnasien werden eher zu viele Pädagogen ausgebildet, bei den Grund-, Förder- und Berufsschulen zu wenig.

Auch der Trend, in die großen Städte und Ballungsgebiete zu ziehen, hat Folgen: Wenn dort mehr Menschen leben, werden mehr Pädagogen gebraucht – die Posten lassen sich tendenziell aber auch leichter besetzen, sagen Verbände. «Da steht Sachsen-Anhalt mitnichten alleine da», sagt Ulf Rödde von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. Auch Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern kennen dieses Phänomen. Und einige Regionen im Westen seien ebenfalls nicht davor gefeit.

Die «Gardelehrer» in Sachsen-Anhalt seien seines Wissens eine völlig neue Idee im Lehrerbereich, kommentiert der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Heinz-Peter Meidinger, den Vorstoß. «Wenn sich eine solche Verpflichtung für einen Stipendiaten juristisch sauber umsetzen lässt, dann würde ich so ein Modell begrüßen.»

Allzu viele Gegenstrategien gibt es nämlich bisher nicht, sagt der Lehrerverbands-Chef Meidinger. In Bayern habe sich das Problem lange nicht gestellt, weil der Freistaat zwar zuließ, dass Bewerber Wunschorte angaben, sagt er. Doch die neuen Kollegen seien je nach Bedarf auch fern ihrer Präferenzen landesweit verteilt worden. Jetzt, wo der Lehrermangel sich verstärke, komme dieses System an seine Grenzen. So sei der Mangel derzeit in Oberbayern größer als anderswo. Bewerber aus anderen Ecken träten ihre Stelle anders als früher oft nicht an, versuchten es später erneut oder in anderen Ländern.

Trotz Bonus viele Stellen unbesetzt

«In Ländern, wo sich Kollegen direkt für eine konkrete Schule bewerben können, ist das Problem besonders dramatisch, in Sachsen zum Beispiel», sagt Meidinger weiter. Die dortige Landesregierung will ab kommendem Jahr Referendaren bis zu 1000 Euro Zulage zahlen, wenn die Pädagogen im Gegenzug im ländlichen Raum unterrichten. «Buschzulage» nennt das der Bildungsminister aus dem benachbarten Sachsen-Anhalt, Marco Tullner (CDU), scherzhaft: Er reicht zeitlich befristet einen Bonus für schwer besetzbare Stellen aus. Im ersten Versuch konnten 24 von 55 offenen Stellen besetzt werden – die meisten auf dem Land.

«Ob das wirklich funktioniert, können wir noch nicht mit Sicherheit sagen», resümiert Meidinger vom Lehrerverband. Auch der «Gardelehrer» in der sachsen-anhaltischen Altmark muss sich bewähren. Die Initiatoren sind äußerst positiv gestimmt: 28 Bewerbungen gingen für die Premierenrunde ein, sagt Kommunalpolitikerin Hietel. «Das ist viel mehr als wir erwartet haben.» Wegen der großen Resonanz fördert die Stadt gleich drei Studierende, statt wie geplant einen.

«Ob der Stipendiat am Ende bei uns wirklich einen Job bekommt, können wir zwar nicht beeinflussen», sagt Hietel. Das sei Sache des Schulamtes, das die Bewerbungen prüfe. Aber immerhin: Die Chancen auf ausreichend Lehrer würden erhöht. Von Franziska Höhnl, dpa

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8 KOMMENTARE

  1. Ich fände es nur recht und billig, wenn man nach seiner Ausbildung für eine gewisse Zeit (3 Jahre? 5 Jahre?) dorthin gehen muss, wo man gebraucht wird, und zwar ohne, dass man dafür noch eine Zulage bekommt, man hat doch schon die ganze Ausbildung (weitestgehend) kostenfrei erhalten.

    Das scheinen viele zu vergessen. In anderen Ländern und auch hier bei anderen Ausbildungen (Erzieherausbildung an privaten Fachschulen) muss man das selbst bezahlen.

    • Nur dann müssten die Länder ja wieder flächendeckend das Listenverfahren reaktivieren und von “schulscharfen Ausschreibungen” Abstand nehmen. Nur kein Politiker will verantwortlich dafür gemacht werden, dass irgendeine Schule im Land nur mit 93% der Vollzeitstellen versorgt ist. Der Vorteil der “eigenverantwortlichen Schulen” und der “schulscharfen Stellenausschreibungen” ist es doch gerade, dass die Politiker den Schulleitungen im Nachgang vorwerfen können, dass ihre Schulen eben nicht attraktiv genug sind, um Nachwuchskräfte anwerben zu können.

      • Das muss man halt miteinander abwägen: Schulen suchen sich ihre Lehrer selbst oder ihnen werden Lehrer zugewiesen, u.U gegen ihren Willlen (mindestens bei Beamten). Letzteres wird nicht jedem gefallen, aber irgendeinen Sinn muss das Beamtentum ja für den Arbeitgeber auch haben.

        Dazu braucht man natürlich zuerst einmal ein ausreichendes Angebot an Bewerbern, aus denen man auswählen kann. Wirklich zwingen kann man ja eh niemanden.

          • Da Sie doch ganz genau wissen, was ich meine und da es letztendlich das Gleiche ist, auch wenn es offiziell anders heißt, halte ich diesen Ihren Einwand für völlig unnötig (das berühmt-berüchtigte andere Wort dafür spare ich mir, es beginnt mit K und es gibt Stadt ähnlichen Namens in Griechenland, eher bekannt aus der Antike).

          • Sie missverstehen meine Intention, ich wollte doch gar keine Korinthen kacken. Nur es werden im Bereich Schule – vor allem von den Schulbehörden, die ja Juristen an ihrer Seite haben, die im Normalfall die Legaldefinition von Begrifflichkeiten als Mantra vor sich hertragen – andauernd die Begrifflichkeiten verwechselt, wenn es denn aus Arbeitgebersicht nützlich ist oder erscheint.

    • Nein, eben nicht. Entweder ich bin Angestellter einer Landesregierung vertreten durch die Bezirksregierung respektive der regional zuständigen Stelle oder ich bin Landesbeamter. Ferner ist die Frage entscheidend, wie das Einstellungsverfahren organisiert ist. Bei schulscharfen Ausschreibungen, bewerbe ich mich auf eine bestimmte Stelle an einer bestimmten Schule und somit an deren Dienstort einschließlich Zweigstellen.
      Anders sieht das bei landesweiten Einstellungen durch ein Landesschulamt aus, das durch ein Listenverfahren organisiert ist. Bei diesem Verfahren werde ich zentral eingestellt/berufen und kann vom Dienstgeber nach dessen Ermesen in seinem gesamten Zuständigkeitsbereich eingesetzt werden. Das ist ja auch die Rechtsgrundlage auf der SII-Lehrkräften Stellen an Grundschulen, die nicht mit spezialisierten Lehrkräften aus dem Primarbereich versorgt werden können, angeboten werden können, mit der Zusage diese “Quereinsteiger” nach festgelegter Zeit ihrer eigentlichen verwendung zuzuführen.

      Was für den einen die Zusage zur Festeinstellung ist, ist für andere die “Buschzulage” oder der Versuch durch Dauervertretungen angehäufte Mehrarbeitsstunden abzukaufen. Die Länder suchen halt händeringend nach Möglichkeiten, die Mangelverwaltung zu organisieren. Mit dem Versuch das deputat für lehrkräfte der SII an niedersächsischen Gymnasien einseitig zu erhöhen, ist das Land ja kläglich gescheitert. Aufgrund des bestehenden lehrkräftemangels ist ein “Arbeitnehmermarkt” entstanden; Referendare können Stellen an Orten am AdW locker ablehnen, um Dienstorte ihrer Wahl zu favorisieren. Insofern bleibt nur die “Buschzulage” als finanzieller Anreiz, um Leute in die “Pampa” zu locken.

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