Hessische Schulen dürfen künftig auf Noten verzichten – ein paar jedenfalls

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WIESBADEN. Einige hessische Schulen dürfen künftig statt der klassischen Noten-Ziffern schriftliche Bewertungen für ihre Schüler vergeben. Ein Sprecher des Kultusministeriums in Wiesbaden sagte am Donnerstag, dass diese Möglichkeit künftig maximal 30 der rund 1800 Schulen im Land offenstehe.

Mit der Initiative kommt Kultusminister Alexander Lorz (CDU) einer Forderung aus dem neuen schwarz-grünen Koalitionsvertrag nach. Dort hatten sich beide Parteien darauf geeinigt, Schulen die Möglichkeit zu geben, «pädagogisch neue Wege bei der Erreichung der Bildungsziele zu gehen».

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Das Kultusministerium betonte, dass die gymnasiale Oberstufe von der Neuregelung ausgenommen sei. Dies gelte auch für Jahrgangsstufen, in denen ein Schulabschluss (Haupt- oder Realschulabschluss) anstehe. Wenn ein Schüler die Schule wechsle, werde er auf jeden Fall auch weiterhin ein Zeugnis mit den klassischen Noten erhalten. dpa

Eine Lehrerin bekennt: Ich gebe nur noch gute Noten, weil gerechte Zensuren eine Illusion sind – Debatte um Leistungsbewertung

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19 KOMMENTARE

  1. Am Ende jeder Schulzeit kommt der Arbeitsmarkt, und der vergibt eine Note für jede Schulzeit, allerdings ohne Gelegenheit, es besser zu machen.

    • Genau!

      Das ist das eine Argument. Wir sollen die Kinder auf das spätere Leben vorbereiten. Ständig hört und liest man, wir täten das zu wenig. Aber das spätere Leben (in der Marktwirtschaft) besteht aus Wettbewerb. Aus den Schulen sollen wir ihn aber heraushalten. Niemand soll quasi wissen, wie gut oder schlecht er ist, geschweige denn ob besser oder schlechter als andere. Nicht bei allen, aber bei so manchem wird dadurch eine Mir-doch-egal-Haltung erzeugt.

      Verbale Einschätzungen in Textform ändern das nicht, sie verklausulieren das nur mehr.

  2. Man muss hoffen, dass das Land einheitliche Textbausteine vorgibt ähnlich wie bei Arbeitszeugnissen. Das macht Textzeugnisse noch immer nicht besser als Notenzeugnisse, aber immerhin wird das Ganze vergleichbar. Bei 10 Fächern wird das auch bei Textbausteinen eine Heidenarbeit für die Lehrer, zumal der lange Text beim Elternsprechtag in Zahlen übersetzt werden muss.

    • Das ist für mich das andere Argument. Texte zu schreiben, ist ein erheblicher Mehraufwand und eine Gratwanderung: so formulieren, dass noch was Sinnvolles ausgesagt wird – aber bitte keinem weh tun (auch denen nicht, denen man mal auf die Füße treten müsste, weil sie einfach stinkefaul sind). Zum anderen rechnet jeder verbale Aussagen in Noten um! “trifft voll zu” wird als 1 verstanden, “trifft gar nicht zu” als 5-6 (da nur 4 Kategorien) …

      Es ist letztendlich Quatsch, die Ziffernnoten durch verbale Aussagen zu ersetzen, weil alles auf Ziffern zurückgedacht wird und die Bedeutungen der Ziffernnoten ja bereits selbst das kleinste komprimierte Worturteil sind (“Das hast du gut gemacht.” = 2). Psychologen außerdem, man wolle auch wissen, wo man innerhalb der Gruppe mit seiner Leistung steht (wie viele waren besser, wie viele waren schlechter, wie ist der Durchschnitt). Das geht mit Ziffernnoten am besten.

      Keine Ziffernnoten ist wie Sportwettkämpfe ohne Siegerehrung und ohne Medaille (und natürlich auch ohne “Prämien”), sondern eine Rede, wie der Sportler oder die Mannschaft gewesen sein – aber ohne Negatives natürlich.

      • Zustimmung (auch zu Pälzers und Ihrem obigen Kommentar)!
        Es ist ein Jammer, wie weltfremd Schulpolitiker agieren und den Schülern falsche Vorstellungen vom späteren Leben vermitteln. Sie bereiten nicht darauf vor, sondern lullen sie ein durch Ausklammern von Wettbewerb und Leistungsvergleich durch Zensuren.
        Wenn später das böse Erwachen kommt und junge Menschen den Regeln am Arbeitsmarkt nicht gewachsen sind, kommen garantiert neue Ideen im Sinne von: Wir brauchen mehr Sozialarbeiter, mehr Psychologen, mehr Lebens- und Motivationstrainer, …
        Die sog. Helferindustrie wird noch mehr aus den Nähten platzen. Vielleicht ist das sogar Sinn der Sache, denn hier dürfte der weitaus größte Teil der Mitarbeiter links-grün orientiert sein und entsprechend wählen.

        • An welchem Arbeitsplatz bekommt man denn ständig Noten?

          Welches Unternehmen schaut denn überhaupt noch auf die Noten auf Abschlusszeugnissen? Weiß doch (fast) jeder, wie subjektiv Zensuren sind. Zumal sie zumeinst nicht die Kategorien berühren, die in den Unternehmen wichtig sind – wie soziale Kompetenz, Teamfähigkeit, Kreativität etc.

          • Nebenbei: Gehören für Sie Lehrer, Ärzte und Altenpfleger eigentlich auch zur “Helferindustrie”? Hoffen wir mal, dass Sie nie Hilfe nötig haben.

          • Zitat (Anna): “An welchem Arbeitsplatz bekommt man denn ständig Noten?”

            So eine dumme, polemisierende Frage. Jeder weiß, dass es Bewertungen jeglicher Art am Arbeitsplatz gibt, auch wenn sie in der Regel nicht Noten heißen, und der Druck diesbezüglich gerade in der Privatwirtschaft enorm hoch ist.

            So können ungeniert ahnungslos können nur Lehrer schreiben, die ihr ganzes Leben nur im Bereich Schule verbracht haben und verbringen.

          • Zitat 2: “Zumal sie zumeinst nicht die Kategorien berühren, die in den Unternehmen wichtig sind – wie soziale Kompetenz, Teamfähigkeit, Kreativität etc.”

            Sagte eine, die – ich wette – sich an anderer Stelle gegen die Bewertung eben dieser Kategorien auf Zeugnissen ausspricht (Verhaltsnoten / Kopfnoten).

          • Arbeiten Sie in der Wirtschaft? Ich tue es – und kann Ihnen versichern, dass es keine “Noten” für Mitarbeiter gibt, schon gar nicht tagtäglich. Natürlich wird Leistung verlangt. Allerdings wird die in der Regel intelligenter beurteilt und differenzierter gesehen als mit Bewertungen zwischen eins und sechs. Wie wenig Schulnoten in der Wirtschaft Wert sind, können Sie an der Tatsache ablesen, dass die Deutsche Bahn z. B. sich schon gar nicht mehr die Zeugnisse von Bewerbern vorlegen lässt. Die machen – wie die allermeisten Unternehmen heutzutage – lieber eigene Einstellungstests.

            Und Sie als Lehrer benotet ja wohl auch keiner mehr.

            Ob ich gegen Kopfnoten bin? Natürlich – wie wollen Lehrerinnen und Lehrer Kategorien bewerten, die gar nicht im Mittelpunkt des Unterrichts stehen? Es gibt nun mal z. B. kaum Teamarbeit in der Schule, obwohl die später in einem Unternehmen unerlässlich ist.

            Wofür ich allerdings bin: Soziales Engagement in der Schule zu fördern – und dann gerne auch auf Zeugnissen zu vermerken.

          • Zitat: “Anna 1. Februar 2019 at 14:18

            Arbeiten Sie in der Wirtschaft? Ich tue es ”
            —————————————————————————–
            Das gilt es zumindest mal festzuhalten. Ich diskutiere ja selten mit Ihnen, aber nun weiß ich doch etwas mehr Ihre Kompetenz einzuschätzen, wenn sie über die Inklusion an Schulen reden. Es ist immer einfach, von anderen etwas zu verlagen, was man selbst nicht machen muss. Schule kennen Sie also doch eher nur von außen.

            Man merkt es auch an den weiteren Äußerungen. Kinder bekommen auch nicht täglich Noten. Soziale Kompetenzen stehen ständig im Fokus der Schule. Beinahe täglich führen wir Gespräche dazu mit den Kindern. Auf Teamarbeit und die Möglichkeiten dazu wird sehr viel Wert gelegt an heutigen Schulen. Auch Lehrer lassen sich in geeigneter Form von Schülern bewerten. Wenn Mitarbeiter in Firmen Punkte bekommen für die Erfüllung einer Norm ist das letztlich nichts anderes als eine Note. Wer eine Provision bekommt oder einen Bonus pro Verkauf, bekommt letztlich nichts anderes als wie ein Kind eine (gute) Note. Ein Bienchen, eine Urkunde, eine Medaille … das ist letztendlich alles nichts anders. Der Erfolgreiche bekommt das; die anderen nicht.

            Aber nun wissen wir ja, Sie haben nur eine Außensicht. Daher die vielen “klugen Sprüche”. So wie ja heutzutage auch jeder sein eigener Arzt ist. 😉

          • Ich kenne den Schulbetrieb schon ein wenig – es gibt an einer Schule mehr Akteure als nur Lehrerinnen und Lehrer.

            Und Sie? Woher haben Sie Ihre Kenntnisse über die Wirtschaft?

          • “Noten” in der Wirtschaft? Nein!! Es gibt nur
            Einstellungen / Entlassungen
            Beförderungen
            übertarifliche Bezahlung
            Personalentwicklungsgespräche
            Abmahnungen
            Versetzungen
            …?

    • Was davon erleben Sie als berufstätiger Lehrer? Mit Verlaub – nichts. Und das Arbeiten in der Wirtschaft ist auch nicht die Hölle, auf die man Kinder durch ein schulisches Fegefeuer vorbereiten müsste. Und Erfolg – glauben Sie wirklich, dass jemand in eine Spitzenposition in der Wirtschaft gelangt, weil er brav nachbetet was seine Vorgesetzten ihm sagen?

      Ich muss Sie enttäuschen – die Schulnoten sagen herzlich wenig darüber aus, ob jemand beruflich erfolgreich sein wird.

      • @ Anna: Sie haben eine seltsame Auffassung von Schule, wenn Sie meinen, dass man in gutem (!) heutigen Unterricht nachbetet, was die Lehrer sagen. Aber wir wissen ja nun, dass Sie gar keine Lehrerin sind, wie Sie selber schrieben, also nur eine (anscheinend recht antiquierte) Außensicht von Schule haben. Sozusagen die Blinde, die von der Farbe redet.

        (siehe die Inklusionsdebatten mit Ihnen)

  3. Zum Thema:

    “Meidinger warnt vor neuen Ungleichheiten

    Der Lehrerpräsident hingegen fürchtet, dass es Ärger geben wird, „wenn das eine grundsätzliche Richtungsänderung der Bildungspolitik in Hessen bedeutet“. Es drohen Konflikte an den betroffenen Schulen. Bisher sei es nicht klar, wer entscheide, ob eine Schule die Neuregelung aus dem Koalitionsvertrag umsetze. Zudem entstehen Ungleichheiten zwischen den Schulen, wenn die eine Noten vergebe und die andere nicht. Schüler seien darüber hinaus mit Brüchen konfrontiert, wenn sie plötzlich benotet werden, sobald sie die Schule wechseln.

    Grundsätzlich geht es in der aktuellen Diskussion auch nicht nur um die Noten an sich. Vielmehr „geht es um die Ideologie dahinter“, sagt Meidinger. „Nämlich, dass Noten Leistungsdruck erzeugen.“ Das sei jedoch nicht so. Nach unseren Erfahrungen „wollen Schüler einen schnellen Vergleich“. Das sei bei Verbalbemerkungen nicht möglich. Vergleichbarkeit sei hier nicht gegeben.”

    https://www.focus.de/familie/schule/heinz-peter-meidinger-im-gespraech-oberster-lehrer-sauer-nach-hessen-vorstoss-schueler-haben-ein-recht-auf-noten_id_10262587.html

  4. Noch ein guter Artikel zum Thema von anderswoher.

    Auszug: “Was soll ich denen für eine Note geben? Es gibt Kollegen, die rechnen jeden Beitrag mit Excel-Tabellen bis auf die Kommastellen genau aus. Demnach bekäme Pia eine Drei plus und Lasse eine Drei minus. Ich gebe Pia eine Zwei minus und Lasse eine Drei. Ich muss auch die Stärken und Schwächen der Schüler berücksichtigen. Noten sind immer pädagogische Noten.”

    http://www.spiegel.de/lebenundlernen/schule/lehrer-und-noten-warum-zensuren-an-schulen-nicht-gerecht-sein-koennen-a-1249130.html

    Noten sind immer auch pädagogische Noten. Ja! Das finde ich wichtig und dieser Ermessensspielraum sollte uns bleiben, weil wir gerade dadurch individualisieren können.

    • Noch ein Zitat in meinem Sinne:

      “Trotzdem würde ich nicht wollen, dass Noten abgeschafft werden, weil ich sehe, dass meine Schüler darauf brennen. Sie fragen nicht: Habe ich es gut gemacht? Wo kann ich mich verbessern? Sie fragen: Welche Note ist das? Sie arbeiten für eine Zensur, nicht für ein Schulterklopfen.

      Außerdem müssen wir sie auf das vorbereiten, was später kommt. Auf der weiterführenden Schule oder an der Uni bekommen sie auch Zensuren. Wenn man die abschaffen wollte, müsste man das gesamte Bildungssystem umstellen.

      Wir haben früher jahrelang sogenannte Verbalbeurteilungen geschrieben, zusätzlich zu den Zeugnisnoten. Das war eine Heidenarbeit für uns – und kaum jemand hat sie beachtet. Die wenigsten Schüler haben die Prosa verstanden. Und die Eltern haben sie nur gelesen, wenn sie mit der Note nicht einverstanden waren.”

      (ebenda)

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