Anmeldezahlen: Stadtteilschulen und Gesamtschulen behaupten sich gegen Gymnasien – ein neuer Trend?

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HAMBURG. Was die Anmeldezahlen angeht, hinkten die Hamburger Stadtteilschulen den Gymnasien als weiterführende Schulen lange hinterher. Acht Jahre nach ihrer Einführung scheint eine Trendwende geschafft. Auch in Nordrhein-Westfalen kann sich offenbar eine Schulform gegen das Gymnasium behaupten: die Gesamtschule. Ein neuer Trend? Klar ist: Integrierte Schulformen werden zunehmend nachgefragt.

In Deutschland steht nach der vierten Klasse die Entscheidung über die weiterführende Schulform an. Illustration: Shutterstock

Der Anteil von Schülerinnen und Schülern, die Integrierte Gesamtschulen besuchen, stieg in fast allen Bundesländern in den vergangenen Jahren erkennbar an, so meldete das Statistische Bundesamt (Destatis) 2018 – Ausnahmen sind Brandenburg und Bayern. Ohnehin werden im Zeitvergleich Neustrukturierungen der Schullandschaft sichtbar: So hat sich der Anteil der Schülerschaft an Hauptschulen in den vergangenen zehn Jahrenseit dem Schuljahr 2006/2007 bundesweit um knapp neun Prozentpunkte auf zehn Prozent verringert.

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“Grund hierfür ist, dass eine Vielzahl der Länder die Hauptschulen abgeschafft haben bzw. dabei sind, diese abzuschaffen. Daher gehört die Hauptschule nicht mehr zum Angebot in allen Bundesländern”, heißt es. Deutlich zurück ging mit sechs  Prozentpunkten auch der Anteilswert der Schülerinnen und Schüler, die eine Realschule besuchten (auf nunmehr 21 Prozent). Demgegenüber stieg der Anteilswert für die Integrierten Gesamtschulen um rund zehn Prozentpunkte (auf 18 Prozent) und für die Schularten mit mehreren Bildungsgängen um sechs Prozentpunkte (auf 13 Prozent). Das Gymnasium blieb in dieser Zeit weitgehend stabil bei 34 Prozent.

Der wachsende Zuspruch zu integrierten Schulformen zeigt sich auch bei aktuellen Anmeldezahlen in Hamburg und Nordrhein-Westfalen. Hamburgs Stadtteilschulen haben bei der Anmeldezahl für die fünften Klassen mit den Gymnasien nahezu gleichgezogen. Von den 14.432 Schülerinnen und Schülern, die vom Sommer an eine fünfte Klasse der staatlichen Schulen besuchen wollen, hätten sich 7.050 an einer der 58 Stadtteilschulen angemeldet, sagte Schulsenator Ties Rabe (SPD) am Montag in Hamburg. Bei den 61 Gymnasien gingen demnach 7.197 Anmeldungen ein.

«Die Anmeldungen verteilen sich erstmals gleichmäßig auf die beiden Schulformen Stadtteilschule und Gymnasium», sagte Rabe. Acht Jahre nach ihrer Einführung liege die Stadtteilschule mit den Gymnasien damit auf «Augenhöhe» und habe sich als «eigenständige und gute Schulform» etabliert.

Rabe sprach von einer erfreulichen Entwicklung, da bisher viele Schüler, die zunächst das Gymnasium als weiterführende Schule gewählt hätten, nach wenigen Jahren aufgrund mangelnder Leistungen hätten abgeschult werden müssen. Jeder vierte Schüler sei in den vergangenen Jahren ohne Gymnasialempfehlung an einem Gymnasium angemeldet worden. «Denn oft überschätzen Eltern ihre Kinder, allein im letzten Schuljahr mussten 884 Sechstklässler das Gymnasium verlassen, weil sie den Lern- und Leistungsanforderungen des Gymnasiums nicht gewachsen waren.» An der Stadtteilschule könnten hingegen alle Abschlüsse erreicht werden – «bis zum Abitur nach neun Jahren».

Der Senat habe in den vergangenen Jahren deutlich in die neue Schulform investiert, sagte Rabe. Im Durchschnitt verfügten Stadtteilschulen über 40 Prozent mehr Personal als gleichgroße Gymnasien. Dies führe zu kleineren Klassen und umfangreichen Ganztagsangeboten.

G9 senkt Nachfrage nach Gesamtschulplätzen nicht

In Nordrhein-Westfalen teilt die Landeselternschaft der integrierten Schulen mit: „Der Run auf Gesamtschulen ist auch im zweiten Jahr nach der Rückkehr zu G9 an Gymnasien ungebrochen.“ Die Erwartung, dass die Wiedereinführung von G9, also dem Abitur nach 13 Jahren  an Gymnasien, die Nachfrage nach Gesamtschulplätzen spürbar reduziere, habe sich als falsch erwiesen.

In Münster zum Beispiel müssten die beiden städtischen Gesamtschulen über 50 Prozent der angemeldeten Schülerinnen und Schüler ablehnen. In Dortmund würden dieses Jahr 143 Kinder abgelehnt, was ungefähr einer 5-zügigen Gesamtschule entspreche. In Köln seien es wieder 733 Schülerinnen und Schüler, denen die Stadt ihren Schulwunsch nicht erfüllen könne und die ihr Glück an einer anderen Schulform suchen müssten – trotz zwei neuer Gesamtschulen, die im kommenden Schuljahr neu an den Start gehenden.

„Gesamtschulen sind als Schule für alle Kinder für immer mehr Familien das Angebot der Wahl, um den bestmöglichen Weg in die Berufswelt für jedes einzelne Kind zu finden“, sagt Ralf Radke, der Vorsitzende des Elternvereins. Und deshalb müsse es mehr Gesamtschulplätze geben. „Es geht hier nicht darum, ob die Kinder ein wenig länger zur Schule fahren müssen“, sagt Radke, „die Kinder haben keine Möglichkeit, die Schulform, die sie wünschen und die wohl auch die Lehrerinnen und Lehrer der Grundschule empfehlen, zu besuchen.“ Das müsse sich ändern. News4teachers / mit Material der dpa

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16 KOMMENTARE

  1. Sind diese Anmeldezahlen nicht viel eher ein Zeichen dafür, dass das so genannte Bildungsbürgertum immer weniger Kinder in die Welt setzt?

  2. Ist diese Entwicklung nicht zwingend logisch? Es fällt eine Schulform weg, die Schüler bleiben – müssen also auf eine Schule gehen. Da frühere Hauptschüler nicht diejenigen waren, die das Gymnasium als Alternative sahen gehen sie eben auf die “nächsthöhere” Schule.

  3. Zitat:
    Der Senat habe in den vergangenen Jahren deutlich in die neue Schulform investiert, sagte Rabe. Im Durchschnitt verfügten Stadtteilschulen über 40 Prozent mehr Personal als gleichgroße Gymnasien. Dies führe zu kleineren Klassen und umfangreichen Ganztagsangeboten.

    Ich wette, dass die Gymnasien sterben werden, wenn man gar nix mehr in sie investiert 🙂

    • Wahrscheinlich wurden Neueinstellungen im Verhältnis 58:42 auf die Stadtteilschulen und Gymnasien verteilt. Ob das dem Bewerbermangel an Stadtteilschulen und dem Bewerberüberschuss an Gymnasien geschuldet ist, weiß man nicht. Politiksprech und Statistiken verheimlichen viel.

  4. Die Frage ist, wie man hier die Gymnasien weiter schwächt. In Hamburg durch den Trend, dass über 50% der Kinder auf das Gymnasium wechseln.

    Es wird also nicht durch zu wenig, sondern durch zu viele (ungeeignete) Schüler geschwächt.

    • Da kann es Ihnen und xxx doch nur recht sein, dass mehr SuS an den Stadtteilschulen angemeldet werden.
      Damit nähert sich der Wert der Gymnasial-SuS doch den vorgeschlagenen 33%.
      Vielleicht ist es für die Gymnasiallehrkräfte auch besser, wenn es nur 12% wären, das stärkt bestimmt die Gymnasien.

      • Palim, als Grundschullehrerin braucht Sie die Gymnasialquote nicht zu interessieren. Ausnahme sind höchstens Ihre eigenen Kinder, die Sie — entsprechende Begabung vorausgesetzt — sicherlich auch auf das Gymnasium schicken würden oder geschickt haben.

        • Nun soll mich die Quote nicht interessieren, wo sie Ihnen doch immer so wichtig ist?
          Was ist es denn nun, was Sie beklagen wollen?
          Die Nachricht meldet, dass sich Gesamtschulen gegen Gymnasien behaupten und mehr SuS als zuvor an den GeSas und weniger an den Gymnasien angemeldet wurden.
          Das ist doch das, was Sie immer fordern: Sie wollen nur einen sehr kleinen Prozentsatz der SuS beschulen, die von den Grundschulen an die weiterführenden Schulen wechseln.
          Küstenfuchs meint auch, dass die Gymnasien durch zu viele SuS geschwächt werden.

          Das bedeutet doch, dass es Ihnen und den Gymnasien gut täte, wenn nur noch ganz wenige Kinder auf das Gymnasium wechseln.
          Wenn das die Profilierung der Gymnasien sein soll, müssen in den Grundschulen die Beratungen im 4. Schuljahr entsprechend geführt werden. Somit ist die Quote durchaus auch für Grundschullehrkräfte von Belang. Was hilft es, wenn ich die SuS zum Gymnasium empfehle, Sie diese aber gar nicht beschulen wollen, weil Ihnen die Quote zu hoch erscheint?

          • So wie die Lehrpläne und die politischen Ziele derzeit sind, bleibt Ihnen nicht viel anderes übrig als mindestens 50% der Klasse für das Gymnasium zu empfehlen. Die Gymnasiallehrer denken aber immer an die Anforderungen eines Hochschulstudiums, die durch den Oberstufenunterricht nicht einmal mehr ansatzweise angedeutet werden können, u.a. weil in der Mittelstufe nicht das Fundament für eine hinreichend anspruchsvolle Oberstufe gelegt werden kann. Für letzteres ist eine viel zu große gymnasiale Quote und der daran massiv nach unten angepasste Lehrplan verantwortlich.

  5. @küstenfuchs vielleicht stellt eine entlarvende sichtweise bezüglich “ungeeigeneter schüler” die eignung der intitution gymnasium in frage: wie gelingt unelitäre differenzerung nur den stadtteil- und grundschulen? irgendwo habe ich mal gelernt, dass schule für schülerinnen da zu sein hat…

  6. die sog. kognitiv ungeeigneten sollen sich dieser logik entsprechend also für ein “zweitklassiges abitur” auf der stadtteilschule eignen?

    • Nein. Die kognitiv ungeeigneten würden auch auf der Stadtteilschule das Abitur nicht schaffen und erst recht kein Studium. Sie scheinen mal wieder “kognitiv ungeeignet” mit sozial benachteiligt, Migrant, bildungsfern und was weiß ich sonst noch zu identifizieren. Es geht einzig und allein um die Schulformempfehlung der Grundschule. Wenn da nicht “Gymnasium” drauf steht, dann hat das Kind dort nach Einschätzung der Grundschule nichts verloren und würde alsbald abgeschult werden. Wenn die Grundschule falsch liegt, ist ein Aufschulen immer noch möglich und psychologisch vom Kind als Erfolg empfunden, nicht als Niederlage wie bei der Abschulung.

    • Oh, wie ungerecht!! Ich bin auch für ein erstklassiges Abitur für jeden! Keiner darf davon ausgegerenzt werden, nur weil die Lehrer zu faul oder nicht imstande sind, jeden gleichermaßen zu begaben und zu befähigen.
      “irgendwo habe ich mal gelernt, dass schule für schülerinnen da zu sein hat…”
      Bravo, unverzagte! Für “SchülerINNEN”!! Endlich legt mal jemandin die Schwerpunktin auf unsere Mädchen und Frauen.

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