Studie attestiert Brennpunktschulen schlechtere Qualität – trotz zusätzlicher Mittel

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BERLIN. Lehrermangel, Unterrichtsausfall, Vertretungsstunden – mit diesen Problemen kämpfen in Berlin besonders Schulen in sozialen Brennpunkten. Obwohl schon lange zusätzliche Mittel an Schulen fließen, in denen besonders viele Kinder aus einkommensschwachen Haushalten lernen, ist die Qualität dieser Schulen messbar schlechter als die von Schulen mit einer günstigeren sozialen Zusammensetzung. Das zeigt eine Studie des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB), die am Beispiel von Berlin untersucht hat, wie die soziale Mischung an einer Schule und deren Qualität zusammenhängen.

In sozialen Brennpunkten - wie hier Berlin Neukölln - sind Migrantenquoten von 70 Prozent aufwärts in Schulen keine Seltenheit. Foto: Sascha Kohlmann / flickr (CC BY-SA 2.0)
In sozialen Brennpunkten – wie hier Berlin Neukölln – sind die Herausforderungen für Lehrkräfte besonders groß. Foto: Sascha Kohlmann / flickr (CC BY-SA 2.0)

Die Autoren Marcel Helbig, Professor für Bildung und soziale Ungleichheit am WZB und an der Universität Erfurt, und Rita Nikolai, Heisenberg Stipendiatin der Deutschen Forschungsgemeinschaft am Institut für Erziehungswissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin, kommen zu dem Schluss, dass gerade die sozial benachteiligten Schulen unter den schwierigsten Bedingungen arbeiten.

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Um die soziale Lage einer Schule zu bestimmen, wird der Anteil der Schüler ermittelt, die von den Lernmitteln befreit sind. Die Lernmittelbefreiung dient als Indikator für Einkommensarmut der Eltern. Die Schulqualität untersuchte das Forscherteam anhand von vier Merkmalen: dem Lehrermangel, der sich in der Unterrichtsabdeckung widerspiegelt, dem Unterrichtsausfall, dem Anteil an Vertretungsstunden sowie dem Anteil von Quereinsteigern am Lehrkörper. Erstmals wurden auch die Schulinspektionsberichte einbezogen, die die pädagogische Qualität des Unterrichts bewerten. Die verwendeten Daten stammen aus den Schuljahren 2010/11 bis 2016/17.

Ohnehin nur mäßige Unterrichtsabdeckung

Für die Unterrichtsabdeckung zeigt die Studie zum einen, dass nur rund die Hälfte der Schulen eine Unterrichtsabdeckung von 100 Prozent erreicht – die Zahl der Lehrkräfte also dem entspricht, was rechnerisch für den Unterricht an einer Schule benötigt wird. Zum anderen wird deutlich, dass die Unterrichtsabdeckung vor allem an den Grundschulen mit der sozialen Lage zusammenhängt. So erreichen bei sozial privilegierten Grundschulen (unter 10 Prozent lernmittelbefreiter Kinder) 55 Prozent eine 100-prozentige Unterrichtsabdeckung, bei sozial benachteiligten (ab 50 Prozent lernmittelbefreiter Kinder) nur 35 Prozent.

Mit einer schlechter werdenden sozialen Zusammensetzung an einer Schule steigt auch der Anteil der Schulstunden, die nicht von der regulären Lehrkraft unterrichtet werden. So müssen an sozial privilegierten Grundschulen knapp 10 Prozent aller Schulstunden vertreten werden, an Schulen mit 70 Prozent lernmittelbefreiter Schüler sind es 14,5 Prozent (siehe Grafik). „Wenn ein Lehrer eine Schulstunde vertreten muss, kann er selten dort ansetzen, wo seine Kollegin in der letzten Stunde aufgehört hat. Stunden, die vertreten werden müssen, können daher nicht so effektiv sein wie regulärer Unterricht“, sagt WZB-Forscher Marcel Helbig. Soziale Unterschiede bei den Ausfallstunden zeigen sich hingegen bei den Sekundarschulen. An sozial benachteiligten Schulen fallen 50 Prozent mehr Schulstunden aus als an sozial privilegierten Sekundarschulen.

Besonders ungleich sind die Quereinsteiger  – Lehrkräfte ohne abgeschlossene pädagogische Ausbildung – über die Berliner Grundschulen verteilt. So ist ihr Anteil an Schulen mit mehr als 70 Prozent Kindern aus armen Haushalten 2,3-mal so hoch wie an jenen, an denen nur jedes zehnte Kind von den Lernmitteln befreit ist.

Die vom Autorenteam ausgewerteten Schulinspektionsberichte zeigen vor allem für die Sekundarschulen, dass die Qualität des Unterrichts mit der sozialen Zusammensetzung der Schülerschaft korrespondiert. So schneiden Sekundarschulen mit vielen Kindern aus Familien, die staatliche Transferleistungen beziehen, schlechter ab – bei der Unterrichtsgestaltung, der Individualisierung von Lernprozessen, den Schulergebnissen und der Schulkultur, also der Beteiligung von Schülern und Eltern.

Auffällig ist, dass gerade die Schulen, die den höchsten Anteil armer Kinder (70 Prozent und mehr) haben, nicht immer am schlechtesten abschneiden. Am ungünstigsten stellt sich die Situation eher an Schulen dar, deren Anteil lernmittelbefreiter Kinder zwischen 40 und 70 Prozent liegt. „Wir vermuten, dass die sozial am stärksten benachteiligten Schulen mehr Aufmerksamkeit und mehr Unterstützung durch Programme der öffentlichen Hand, aber auch der Zivilgesellschaft erfahren“, erklärt Rita Nikolai.

Die Ergebnisse haben nach Auffassung des Forscherteams über Berlin hinaus Bedeutung. In vielen Städten gibt es mittlerweile Schulen, an denen über die Hälfte der Kinder aus Haushalten kommen, die von staatlichen Transferleistungen leben. Anders als Berlin haben einige Bundesländer bislang keine Programme für die sogenannten Brennpunktschulen aufgelegt. Der Lehrermangel, unter dem Berlin derzeit am stärksten leidet, wird auch andere Regionen bald mit aller Wucht treffen. „In den ostdeutschen Bundesländern werden in den nächsten 15 Jahren 60 Prozent aller Lehrer an allgemeinbildenden Schulen in Rente gehen. Ihre Stellen werden an Schulen in sozialen Brennpunkten, aber auch auf dem Land besonders schwer nachzubesetzen sein“, prognostiziert Marcel Helbig. News4teachers

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12 KOMMENTARE

  1. Ein Beleg mehr, dass die Millionen, die Berlin jetzt für die Zulagen für Lehrer an Brennpunktschulen (mit mind. 80% Hartz-IV-Kindern) ausgibt, besser für mehr Qualität an diesen Schulen ausgegeben worden wäre (Hilfen für die Schüler, Entlastungen für die Lehrer). 5300,- Euro brutto ist doch nun wirklich kein Grund mehr zum Jammern und Klagen. Da mussten es nicht nochmal 300,- Euro mehr sein!

  2. Der wichtigste Aspekt wurde ausgelassen, man tut so, als handele es sich um deutsche Kinder.Warum sagt man nicht die Wahrheit, ein Migrantenanteil von 90% ,Kinder, die kein Deutsch können, die Lehrer nicht respektieren, mitgetragen von ihren Eltern, Eltern, die nie zum Elternabend kommen…..etc pp.Das sind auch die, die gewalttätig sind.Solange die Eltern hier nicht in die Pflicht genommen werden, wird sich gar nichts ändern.Aber es ist wohl schon zu spät. Ich spreche als Elternrat von so einer Schule.Icg habe wenig Lust, überhaupt weiter zu machen. Man beugt sich dem Islam, Kinder hungern in der Hitze im Ramadan, Druck ohne Ende und keiner weiß, was tun, oder traut sich, man könnte ja die türkischen Lehrer oder Eltern brüskieren.Unsere Kinder wären uns schon längst weggenommen worden, würden wir so mit ihnen umgehen.Ich möchte gar nicht wissen, was in 10Jahren hier los ist….

    • @Michaela Saidyjah glauben sie ernsthaft, dass allein ihre persönlichen erfahrungen an einer einzigen schule übertragbar seien auf alle anderen schulen? verwechslen sie vielleicht ihre zutiefst subjektive meinung mit “der” wahrheit? als lehrerin habe ich in einer brennpunkt schule mit ebenfalls überwiegend kindern sowie eltern mit migrationshintergund (aus 28 ländern) vollkommen andere erfahrungen machen dürfen: insbesondere die von ihnen angesprochenen türkischen kindern kamen in der regel aus sehr stabilen familienverhältnissen, während es primär deutsche kinder waren, deren eltern entweder ein drogen- oder/und gewaltproblem hatten. niemand hat sich “dem islam” gebeugt, im gegenteil, insbesondere der religionsunterricht profitierte von der vielfalt durch z.b. unterschiedlich praktizierte rituale angesichts der anwesenheit von buddhisten , juden, jehovas, katholiken wie evangelisten und nicht zuletzt moslems. wenn es tatsächlich so sein sollte, dass alle kolleginnen an ihrer schule vor problemen mit vernachlässigung von kindern die augen schließen, was ich mir nicht wirklich vorstellen kann, was hindert sie bitte daran, deren eltern anzusprechen bzw. ggbf. das jugendamt zu benachrichtigen?

    • … aber in Berlin glaubt man, man müsse nur den Lehrern an solchen Schulen 300,- Euro mehr zahlen (brutto) und alles ist wieder gut.

      Wenigstens kann man sagen, man hätte was getan. Was, ist scheinbar egal.

      • Was wäre eigentlich eine kostengünstige Alternative?

        Wie wäre es mit der Abordnung von Gymnasiallehrkräften und anderen Lehrkräften von privilegierten Schulen,
        die dann im Brennpunkt die Klassen mehrere Jahre als Klassenlehrkraft führen, bevor sie an ihre Stammschule zurück gehen.

        Zudem sollten Quer- und Seiteneinsteigern an diesen Stammschulen eingearbeitet werden, schließlich entsteht dort Bedarf.

        • Warum sollten Lehrer dem Zustimmen? Glauben Sie, dass Lehrkräfte, die gegen ihren Willen an solche Schulen kommen sich aufopfern werden? Selbst hier schlägt die Marktwirtschaft zu 🙂

  3. Nichts von all dem, was hier genannt und angeprangert wird, ist verwunderlich. Ist es verwunderlich, dass Lehrer nicht gerne und nicht freiwillig an Brennpunktschulen gehen, dass also – in Zeiten des Lehrermangels – viele Quereinsteiger dorthin geschickt werden?
    Kann es sein, dass in Brennpunktschulen mehr Lehrer krank werden, also mehr Unterricht ausfällt oder fachfremd vertreten wird?
    Gelingt die “Individualisierung von Lernprozessen” womöglich in Lerngruppen besser, wo alle dieselbe Sprache sprechen, Kinder entspannt, gut ernährt, gewaltfrei erzogen, von den Eltern zur Disziplin und aufmerksamen Mitarbeiten angehalten sind?
    Natürlich kann ich hier nur spekulieren. Aber meine Fragen kann sich auch jeder stellen, der Studien schreibt und die Fakten erfahren will. Wurden diese Fragen untersucht?

  4. Das Schlimmste an der Studie ist, dass so wenige Schulen (egal ob Brennpunktschulen oder nicht) eine Unterrichtsabdeckung von 100 % schaffen.

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