MÜNCHEN. Die frühkindliche Bildung gilt in Deutschland zwar offiziell als zentraler Bestandteil des Bildungssystems, wird politisch aber oft nachrangig behandelt. Gleichzeitig verschärfen sich gesellschaftliche und wirtschaftliche Problemlagen – wie zunehmender Populismus -, die bislang getrennt diskutiert werden. Die Top-Managerin Ana-Cristina Grohnert stellt einen direkten Zusammenhang her und fordert ein Umdenken. Für sie entscheidet sich in Kitas, „was unsere Gesellschaft zusammenhält“.
„3,5 Millionen Kinder in Deutschland zeigen psychische Auffälligkeiten. Der Fachkräftemangel kostet uns Milliarden. Die Wahlbeteiligung unter 30-Jährigen sinkt. Drei Krisen. Eine Ursache.“ Mit dieser Zuspitzung eröffnet Ana-Cristina Grohnert in einem Gastbeitrag auf Focus online ihre Argumentation und verbindet drei Entwicklungen, die üblicherweise getrennt voneinander betrachtet werden.
Grohnert, ehemalige Personalvorständin der Allianz Deutschland und frühere Geschäftsführerin bei Ernst & Young, verweist auf einen Bereich, der aus ihrer Sicht in politischen Prioritätensetzungen zu wenig berücksichtigt wird: die frühe Kindheit. „Wir investieren in Digitalisierung, in Infrastruktur, in Verteidigung. Aber wir vernachlässigen den Ort, an dem sich entscheidet, was unsere Gesellschaft zusammenhält: die ersten Lebensjahre unserer Kinder.“
Die Bedeutung dieser frühen Phase beschreibt sie nicht abstrakt, sondern konkret entlang von Erfahrungen, die Kinder in Kitas machen. „Dort, wo Neugier entsteht, wo Gemeinschaft erlebt wird, wo Werte Wurzeln schlagen“, würden grundlegende Fähigkeiten und Haltungen ausgebildet. Wer verstehen wolle, warum gesellschaftliche Entwicklungen ins Stocken geraten, müsse deshalb „dorthin schauen, wo wir versäumen, die Fundamente zu legen: in die frühkindliche Bildung“.
Im Zentrum steht dabei die Frage demokratischer Teilhabe. Grohnert schreibt: „Ein Kind, das erlebt, dass seine Stimme zählt, dass es mitgestalten darf, dass Verschiedenheit selbstverständlich ist – dieses Kind versteht früh, was Teilhabe bedeutet.“ Demokratie werde in Kitas nicht theoretisch vermittelt, sondern praktisch erfahren: „wenn Konflikte gelöst werden, wenn Handlungsfreiheit und Verantwortung ausbalanciert werden.“ Entscheidend sei die Erfahrung von Selbstwirksamkeit: „Wenn sie spüren, dass sie etwas bewirken können, wächst Vertrauen – in sich selbst und in andere.“
Diese Perspektive wird auch in der Bildungsforschung diskutiert. Frühkindliche Einrichtungen gelten als zentrale Orte sozialer Lernprozesse, in denen grundlegende Kompetenzen für gesellschaftliche Teilhabe entstehen. Grohnert fasst diese Überlegung in einem prägnanten Satz zusammen: „Demokratie ist keine Schulstunde. Sie ist eine Erfahrungskultur, die wir von klein auf ermöglichen müssen.“
„Jeder Euro, der in frühe Bildung fließt, bringt bis zu sieben Euro zurück – durch weniger Sozialausgaben, höhere Steuereinnahmen, geringere Gesundheitskosten“
Neben der demokratischen Dimension betont sie die wirtschaftspolitische Bedeutung früher Bildung. „Noch immer behandeln wir Investitionen in frühe Bildung, als seien sie reine Sozialausgaben. Dabei ist das Gegenteil richtig: Frühkindliche Bildung ist die klügste wirtschaftspolitische Entscheidung, die ein Land treffen kann.“ Unternehmen seien auf Fähigkeiten angewiesen, die bereits in der frühen Kindheit entstehen: „selbstwirksam handeln, kreativ denken, empathisch führen.“
Die Verbindung zwischen früher Förderung und wirtschaftlichem Erfolg wird durch Studien gestützt. Grohnert verweist auf die Forschung des Nobelpreisträgers James Heckman: „Jeder Euro, der in frühe Bildung fließt, bringt bis zu sieben Euro zurück – durch weniger Sozialausgaben, höhere Steuereinnahmen, geringere Gesundheitskosten.“ Frühkindliche Bildung erscheine damit nicht als Kostenfaktor, sondern als Investition mit langfristiger Rendite.
Auch gesellschaftliche Stabilität wird in diesem Zusammenhang thematisiert. „Soziale Stabilität ist wirtschaftliche Stabilität. Und beides entsteht nicht in Thinktanks, sondern im Alltag: in Kitas, in Familien, in Nachbarschaften.“ Als Beispiel nennt Grohnert regionale Unterschiede: „In Regionen mit hoher Kita-Qualität ist die Jugendarbeitslosigkeit nachweislich niedriger.“ Der Zusammenhang liege nicht in einer direkten Berufsqualifikation, sondern in grundlegenden Kompetenzen wie „Selbstvertrauen, Durchhaltevermögen und soziale Kompetenz“.
Vor diesem Hintergrund kritisiert sie die bisherige politische Schwerpunktsetzung. Wenn diese frühen Bildungsorte nicht gestärkt würden, gehe es um mehr als Fachkräfte: „Wir verlieren den Kitt, der unsere Gesellschaft zusammenhält.“ Daraus leitet sie eine gemeinsame Verantwortung ab: „Wir alle – Politik, Wirtschaft, Zivilgesellschaft – tragen Verantwortung.“ Unternehmen könnten Rahmenbedingungen für Familien verbessern, während die Politik die strukturellen Voraussetzungen schaffen müsse.

Ein konkreter Bezugspunkt ist die Initiative „Es geht um jedes Kind“ der Bertelsmann Stiftung. Grohnert unterstützt diese Initiative ausdrücklich und begründet dies mit ihrer grundlegenden Zielsetzung: „Jedes Kind verdient die besten Voraussetzungen, um sich zu entfalten.“ Die Initiative erinnere daran, „dass frühe Bildung kein Luxus ist, sondern Teil unserer demokratischen Verantwortung“.
Die politische Dimension wird dabei ausdrücklich angesprochen. Es gehe nicht nur um pädagogische Fragen, sondern um grundlegende Weichenstellungen. „Wenn wir wirklich Chancengerechtigkeit wollen, müssen wir dort beginnen, wo Chancen entstehen.“ Die Initiative formuliere aus ihrer Sicht genau diesen Anspruch: „den Mut, früh zu handeln“.
Am Ende steht eine grundsätzliche Verschiebung der Perspektive auf frühkindliche Bildung. Grohnert formuliert diese in direkter Zuspitzung: „Wir dürfen uns nicht länger wundern, dass demokratische Begeisterung und wirtschaftliche Stärke schwinden, wenn wir die Weichen dafür nicht von Anfang an stellen.“ Daraus ergibt sich eine klare Konsequenz: „Gesellschaftliche Resilienz entsteht nicht in Krisenstäben. Sie entsteht in Kitas.“ News4teachers
Hier geht es zu allen Beiträgen des News4teachers-Themenmonats “Frühe Bildung”.
Arbeitsdruck in Kitas: Übergang zur Schule leidet unter Personalmangel und Zeitnot









Schon seit meiner Studienzeit bin ich großer Verfechter der frühkindlichen Bildung und Erziehung. Und ich verstehe einfach nicht, warum die Politik seit vielen Jahren diese wichtige Phase so wenig beachtet. Was in der Zeit vor der Schule (von Elternhaus und/oder Kita) versäumt wurde, kann Schule nur sehr schwer wieder aufholen und es kostet wesentlich mehr. Sinnvoll wäre es, den Bereich der frühkindlichen Bildung entsprechend zu stärken. Das würde erst einmal viel Geld kosten. Aber mMn. würde es dem Staat danach viel Geld und den Lehrern und Erziehern Kraft in den folgenden Jahren sparen.
https://lexikon.stangl.eu/18461/fruehkindliche-bildung
Es ging in diesem Staat (außer in politischen Sonntagsreden) nie um “Bildung”.
Es gilt auch hier der Spruch:
“Don’t look at what they talk about, look at what they really do!”
Bei allem Unbehagen über manche politische Entscheidung, Ihre Antwort ist für eine Lehkraft reichlich unterkomplex. Was soll in “diesem Staat” sein? Wer die Schulen von 1949 mit jenen von heute gleichsetzt, der verbreitet Populismus.
Ebenso wichtig sollte das hinführen zu Respekt gegenüber Mensch und Umwelt wie auch die Bereitschaft zur übernahme von Verantwortung für das eigene Handeln und ggf. das von Anderen, damit der Verwahrlosung von Mensch und Umwelt Einhalt geboten werden kann. Einzig Ideologie hilft nicht weiter.
Nun, wenn man schon nicht Kita-ErzieherInnen, SozialarbeiterInnen und LehrerInnen zuhört (die auf diesem Gebiet ausgewiesene Expertinnen sind und den bröckelnden gesellschaftlichen Kitt täglich spüren): vielleicht hört man dann ja TopManagerInnen aus der Versicherungs-und Unternehmensberatungsbranche zu, die zumindest deutlich mehr Gehalt beziehen als Erstgenannte und damit sicher viel mehr von der Materie verstehen als in Kita oder Schule mit Erziehung und Bildung Beschäftigte…
Die wirtschaftliche Nutzbarkeit von Menschen ist für die Politik wahrscheinlich eher ein Argument als “Gedöns” aus dem Bildungs- und Betreuungssektor.
Völlig richtig. In Baden-Württemberg wird hier aktuell trotz einer grünen Regierung, die seit einem Jahrzehnt an der Stellschraube ist gespart bzw. eine Vielzahl von Kommunen in Baden-Württemberg haben mittlerweile Kitagebühren >=800 eur pro Kind und Monat und zählen damit zu den bundesweit höchsten Sätzen. Nachzulesen in: Geis-Thöne, Wido, 2024, Elternbeiträge für die Kitabetreuung im regionalen Vergleich. Eine Auswertung der landesrechtlichen Regelungen und der Gebührenordnungen der Großstädte mit über 100.000 Einwohnern, IW-Report, Nr. 13, Köln
BTW nun sind viele Kommunen im Autoland Ba-Wü pleite. Und Simsalabim wo wird zuerst gespart? Na klar bei der frühkindlichen Bildung bzw. die Kitabeiträge werden noch mehr erhöht!
Vielleicht hilft es ja wenn hochrangige Personen aus der Wirtschaft mehr Mittel für Kitas (und Schulen) fordern. Wenn es Lehrkräfte oder Bildungsverbände tun, interessiert es ja niemanden.
Ich sage nur “Betriebskindergarten” …
Was hindert – abgesehn vom Fachkräftemangel – Betriebe und öffentliche Einrichtungen daran, eigene Kindergärten anzubieten?
Ich bin schon seit Jahren dafür, fünf Stunden Kita- Kernzeit aus dem Sozialfonds des SGB VIII zu unterstützen von 8 Uhr bis 13 Uhr, weil das für die frühkindliche Bildung völlig ausreicht. Zeiten davor und danach sind meistens beruflich bedingt und sollten vom Wirtschaftsministerium übernommen werden, inklusive einer Beteiligung an den Bauten und der Ausstattung sowie an der Ausbildung, Förderung und Bezahlung des gesamten Personals der Kitas.
So könnten Kitas zu hochwertigen Orten mit stabilem, engagiertem Personal werden, das nicht permanent durch Mängel aller Arten überfordert ist und wo alle gerne hingehen, lernen, leben und arbeiten.
Es ist mir ein Rätsel, warum die Wirtschaft nicht an der Betreuung der Kinder beteiligt wird, wo doch Mütter und Väter berufstätig und in der Wirtschaft und in der Daseinsfürsorge unverzichtbar sind.
Die Dame nennt viele gute Punkte, was aber nur kurz Erwähnung findet, ist, dass auch unsere Wirtschaft Verantwortung für den Bereich frühkindlichen Bildung hat. Das, was es früher noch gab, die Wirtschaft aber jetzt nicht mehr leisten möchte, kann sie nicht einfach an die Politik abtreten. Hier wären z.B. gut ausgerüstete Betriebskindergärten oder eine Unterstützung für Eltern, die ihre Kinder die ersten 3 Jahre selbst erziehen möchten, genannt. Auch die Tatsache, dass Kinder schon früh erleben müssen, dass sie, wenn es ihnen schlecht geht, krank in der Kita abgegeben werden, weil die Eltern arbeiten müssen, lässt sie lernen, dass Funktionieren gefragt ist, nicht soziales Füreinander. Wie sollen sie so Sozialkompetenz lernen? Hier übersieht die Dame für mich zu sehr die Mitverantwortung der Wirtschaft.