Soziale Schieflage bei der politischen Bildung: Am Gymnasium hui, an anderen Schulformen pfui – Philologen fordern Konsequenzen

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BERLIN. Politische Bildung ist ein zentraler Auftrag von Schule, wird in unterschiedlichen Schulformen aber sehr verschieden umgesetzt. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie von Prof. Sabine Achour und der Wissenschaftlerin Susanne Wagner von der FU Berlin im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung. Dabei machen die Autorinnen ein Muster aus: Nach dem biblischen Prinzip „Wer hat, dem wird gegeben“ ist politische Bildung an Gymnasien – wo ohnehin meist Schüler sind, die von zu Hause ein vergleichsweise hohes Maß an politischer Bildung mitbekommen – nicht nur umfangreicher, sondern offenbar auch abwechslungsreicher und partizipativer. Ungleiche Teilhabemöglichkeiten an politischer Bildung spiegeln sich auch in den politischen Einstellungen der Schülerinnen und Schüler wider, so heißt es. Der Philologenverband fordert Konsequenzen aus der Studie.  

Eine lebendige Mitbestimmung macht Demokratie für Schülerinnen und Schüler erfahrbar. Foto: Shutterstock

Schule sei die Institution, die prinzipiell alle jungen Bürgerinnen und Bürger unabhängig vom sozialen, kulturellen und ökonomischen Status des Elternhauses erreichen und auf die Bürgerrolle in der Demokratie vorbereiten soll – so heißt es in der Einleitung der Studie. Tatsächlich aber machen die Autorinnen „ eher das Phänomen einer politischen Ungleichheit entlang der sozialen Ungleichheit“ aus: „Vor allem die Schüler_innen an den Gymnasien, welche häufiger aus bildungsnahen Elternhäusern kommen, über ein höheres kulturelles und oft auch soziales Kapital verfügen, profitieren nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ von den hochwertigeren Angeboten der politischen Bildung.“ Der Erkenntnisse basieren auf den Befragungen von rund 3.400 Schülerinnen und Schülern an 99 allgemeinbildenden und berufsbildenden Schulen der Jahrgangsstufen 9 bis 13.

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„Schule ist ein zentraler Ort, an dem junge Menschen Demokratie und Engagement lernen, erfahren und gestalten können.” Foto: Shutterstock

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Zwar sei politische Bildung ein fester Bestandteil in allen untersuchten Schulformen und Jahrgangsstufen ab Klasse 9 ist. Es zeigen sich allerdings beträchtliche Unterschiede: An den Gymnasien werde politische Bildung häufiger als eigenständiges Fach unterrichtet – und deutlich umfangreicher als an den anderen Schulformen. Dazu komme eine „leichte soziale Schieflage bei der Qualität politischer Bildung“: Politische Bildung an den Gymnasien sei stärker von so-genannten didaktischen „Gütekriterien“ wie Kontroversität, Aktualität und Exemplarität  geprägt. Dies ist an den anderen Schulformen nicht nur seltener der Fall, sondern zugleich wird der Politikunterricht dort eher als langweilig, oberflächlich oder kompliziert wahrgenommen.

Ein ähnliches Bild ergibt sich bei den schulfachübergreifenden Formaten der Demokratiebildung. „Nach Angaben der Schüler_innen werden solche Formate häufiger an Gymnasien als an anderen Schulformen angeboten: z. B. Schulversammlungen, die Mitarbeit in der Schülerzeitung, Exkursionen zu gesellschaftspolitischen Organisationen oder Erinnerungsstätten. Die enorme Spannbreite zwischen den Schulformen zeigt sich auch in Bezug auf das Einladen von externen Vertreter_innen aus Politik, NGO ́s oder Demokratieprojekten (z. B. Schule ohne Rassismus): Zwischen 19 % (Berufsschulen) und 45 % (Gymnasien: Jahrgänge 11-13) gaben an, dass dies in den letzten 12 Monaten der Fall gewesen sei“, so heißt es in der Studie.

Die Schulen zeichnet eine demokratische Schulkultur aus – überwiegend

Immerhin: „Hervorzuheben ist, dass sich aus Sicht der befragten Schüler_innen unabhängig von den Schulformen die Schulen überwiegend durch eine demokratische Schulkultur auszeichnen. Gelebt werden v.a. die Meinungsvielfalt und -äußerung.“ Und: „Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sich die Schüler_innen durch eine demokratische Grundhaltung auszeichnen. So sprechen sich die meisten für demokratische Grundrechte aus und die deutliche Mehrheit der Befragten hält die Demokratie für eine gute Staatsform.“ Im Mittel jedenfalls. Gleichwohl lassen sich dabei deutliche Unterschiede je nach Schulform erkennen. „Die Werte reichen hier von 62% (bei Schüler_innen der Jahrgangsstufen 9 und 10 der „sonstigen allgemeinbildenden Schulformen“) bis zu 92% (bei den Gymnasialschüler_innen der Jahrgangs-stufen 11-13).“

So zeigten Gymnasiasten ein größeres Vertrauen in demokratische Institutionen und gesellschaftliche Akteure – andersherum lehnten sie autoritäre Eingriffe des Staates stärker ab. „Auch fallen die Einstellungen der Gymnasiast_innen zu sozialen Gruppen wie Menschen muslimischen und jüdischen Glaubens, mit Migrationsbezügen oder Asylsuchenden positiver aus als die aller anderen Schüler_innen“, heißt es.

Cornelia Schwartz, Vorsitzende des Philologenverbandes Rheinland-Pfalz, fordert Bildungsministerin Stefanie Hubig (SPD) dazu auf, „das unmissverständliche Ergebnis der Studie“ ernst zu nehmen und geeignete Maßnahmen in die Wege zu leiten. Zu oft würden zum Beispiel im Fach „Gesellschaftslehre“ – das an Gesamtschulen die traditionellen Fächer Erdkunde, Geschichte, Politik und Sozialkunde ersetzt – fachfremd politische Inhalte unterrichtet. Schwartz: „Vor dem Hintergrund des aktuell erhobenen Befundes kann das Fach Gesellschaftslehre nicht länger Bestandteil des Fächerkanons bleiben, an den Integrierten Gesamtschulen müssen schnellstmöglich die Fächer Geschichte, Erdkunde und Sozialkunde eingeführt werden. Wir erwarten von der Ministerin, dass sie noch vor den Sommerferien entsprechende Pläne vorlegt.“ Agentur für Bildungsjournalismus

Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers diskutiert.

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