Landesarbeitsamtschef fordert Berufsbildung bereits in der Grundschule

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STUTTGART. Angesichts der sinkenden Zahlen von Auszubildenden fordert der Chef der Arbeitsagenturegionaldirektion Baden-Württemberg ein Umdenken – und sieht vor allem die Eltern in der Pflicht.

Nach Einschätzung des Chefs der Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit muss das Thema Berufswahl in der Schule schon viel früher aufgegriffen werden. «Information zu den Berufen und Berufswahl muss in der Grundschule anfangen», sagte Christian Rauch. «Man muss Berufe erlebbarer machen. Da ist noch eine Menge Luft nach oben.» Der Hebel seien die Eltern, die den stärksten Einfluss auf ihre Kinder hätten. «Manche Handwerkerberufe sind heute digitaler als ein Industrieberuf», sagte Rauch, um deutlich zu machen, wie modern sich manche Berufsbilder inzwischen entwickelt haben.

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Die Lücke zwischen Ausbildungsstellen und Bewerbern vergrößert sich. Berufswahl sollte daher in der Schule schon früher zum Thema werden, findet Regionaldirektionsdirektor Christian Rauch. Foto: Pressestelle BFK Urfahr-Umgebung / flickr (CC BY 2.0)

In Baden-Württemberg war erst vor wenigen Jahren an weiterführenden Schulen das Fach Wirtschaft eingeführt worden. Es soll neben wirtschaftlichen Zusammenhängen und Kenntnissen über die Arbeitswelt auch eine Orientierung für das spätere Berufsleben geben – etwa über Ausbildungsberufe. Doch wenige Wochen vor dem Start des neuen Ausbildungsjahrs im September sind noch mehr Ausbildungsplätze unbesetzt als im Vorjahr. «Die Lücke zwischen Bewerbern und Ausbildungsstellen geht auf», sagte Rauch. Die Zahl der Bewerber sinkt, währen die Zahl der Stellen ansteigt.

Ende Juli waren den Angaben zufolge noch 30 500 Stellen unbesetzt, 18 798 Bewerber hatten keinen Ausbildungsplatz. «Ich gehe davon aus, dass am Ende die Zahl der unversorgten Bewerber mit etwa 1000 gleich bleiben wird», sagte Rauch. Gleichzeitig wächst aber die Zahl der Betriebe, die keinen Auszubildenden finden.

Der Anteil der Schüler von Hauptschulen, die direkt in eine Lehre starten, ist dabei geringer als in Bayern. In dem Nachbarland beginnen nach Rauchs Angaben zufolge 63 bis 65 Prozent der Jugendlichen aus einer Hauptschule unmittelbar nach dem Abschluss eine Ausbildung. In Baden-Württemberg seien es 35 Prozent.

Dabei machen nicht weniger Schulabgänger in Baden-Württemberg ihren Abschluss an einer Hauptschule. In Bayern lag der Anteil der Mittelschüler mit einem Abschluss nach der 9. Klasse 2016 bei gut neun Prozent, in Baden-Württemberg haben knapp elf Prozent aller Schulabgänger einen Abschluss von einer Werkreal- oder Hauptschule in der Tasche.

«Woran liegt das: Unsere Hauptschulen sind nicht schlechter, unsere Jugendlichen sind nicht dümmer», sagte Rauch. «Es ist unstrittig, dass ein Hauptschüler in der Berufsschule vielleicht mehr Begleitung braucht. Aber es ist auch unstrittig, dass ein Lehrmeister auch einen Erziehungsauftrag hat.»

Der Hauptgeschäftsführer des Baden-Württembergischen Handwerkstags macht die niedrige Qualität der baden-württembergischen Hauptschulen dafür verantwortlich. «Dass Baden-Württemberg im Schulsystem ein Qualitätsproblem hat, haben ja die jüngsten Bundesländervergleiche gezeigt, nach denen unter anderem auch Bayern deutlich vor Baden-Württemberg liegt», sagt er.

An der Bereitschaft der Handwerksmeister liege das nicht, hält er dagegen. «Unsere Lehrmeister nehmen sich diesem unterschiedlichen Leistungsspektrum engagiert an», sagt Vogel. Das sehe man an der Flüchtlingsquote bei den Lehrlingen, die bei mehr als acht Prozent liege – Tendenz steigend.

Die für die gewerblichen Berufe zuständigen Industrie- und Handelskammern argumentieren hingegen, der Anteil der Azubis mit Hauptschulabschluss sinke seit Jahren. Ursache dafür sei, dass es einen ganz allgemeinen Trend zu höheren Schulabschlüssen gebe, so eine Sprecherin. Viele Jugendliche mit Hauptschulabschluss besuchten im Anschluss an die Haupt- oder Werkrealschule eine weiterführende Schule wie das Berufskolleg und kämen dann mit einem anderen Abschluss auf den Ausbildungsmarkt.

Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) bestätigt diesen Trend: «Bei uns gilt die Devise: Kein Abschluss ohne Anschluss und so gehen viele Schülerinnen und Schüler, die in Bayern beispielsweise direkt eine Ausbildung machen, bei uns erst einmal auf die beruflichen Schulen und schließen dann eine Ausbildung an», sagt sie. Dass Baden-Württemberg den direkten Übergang in die berufliche Ausbildung gerade von Haupt- und Werkrealschulen verbessern müsse, sei keine Frage. «Dass sich das Hauptschulniveau in Bayern und Baden-Württemberg großartig unterscheidet, sehe ich aber nicht.» (dpa)

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3 KOMMENTARE

  1. Soll es das Thema nun in der Grundschule geben (was es längst gibt)
    oder sollen Eltern einbezogen werden?

    Wie wäre es mit Handwerkertagen, Handwerker-Projekten, Handwerker-Praktika in den Oster- und Herbstferien jeden Jahres?
    Das können die Betriebe doch selbst organisieren oder ihre Verbände darum bitten.

  2. Die Aussage dieses Landeschefes ist kompletter Unsinn, weil es ihm nicht um Palims “was es längst gibt” geht. Der eigentliche Artikel geht ja auch nicht darum, sondern eher um die Lücken im Ausbildungsmarkt und das statistisch belegte Problem mit der Ausbildungsfähigkeit von Hauptschülern.

  3. Dann sollten vielleicht einmal die Baden- Württemberger schauen, was Bayern hier anders macht. Auf jeden Fall machen bei uns die Schüler aller allgemein bildenden Schulen der Sekundarstufe (Mittelschule, Realschule, Gymnsaium) während der Schulzeit Praktika in Betrieben. Zusätzlich gibt es in der Mittelschule berufsorientierte Fächer. Einige Mittelschüler werden von den Betrieben in die Lehre übernommen, wo sie ein Praktikum gemacht haben. Einige machen in den Ferien dort auch noch freiwillige Praktika. Dann gibt es solche Aktionen wie Tage der offenen Tür, die gemeinsam mit den Schulen organisiert werden. Da “wandern” die Schüler an einem Vormittag von Betrieb zu Betrieb. Da müssen sich auch die Betriebe etwas einfallen lassen.

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