Eltern unter Leistungsdruck: Unser Kind kommt in die Schule – und wir mit! Was Experten empfehlen, damit der Familienfrieden nicht leidet

1

MÜNCHEN. Wenn Kinder in die Schule kommen, beginnt ein aufregender Lebensabschnitt. Manchmal zu aufregend – nämlich, wenn die Schule das Familienleben bestimmt und Eltern zu Hilfslehrern mutieren.

“Wahnsinnig aufgeregt”: Viele Eltern betrachten die Hausaufgaben als ihre eigenen. Foto: Shutterstock

Als andere Eltern mit ihren Kindergartenkindern Lesen und Schreiben übten, war Anke Willers irritiert: Lernt man das nicht in der ersten Klasse? Dennoch sah sie der Grundschule gelassen entgegen. Als es aber nach der Einschulung der Älteren hieß, bis Weihnachten müssten die Kinder einigermaßen lesen können, war klar: Ganz so einfach würde es nicht werden.

Anzeige


«Schon im Kindergarten merkt man, dass die Leute wahnsinnig aufgeregt sind», erzählt die Münchnerin, die als Redakteurin für Eltern-Zeitschriften arbeitet. Sie selbst habe sich zunächst gewehrt, eine «Förder-Mutter» zu sein. Doch der Widerstand währte nur kurz.

Die Lehrer hätten die Eltern explizit aufgefordert, mit den Kindern zu üben, erzählt sie. Bald merkte sie, dass nicht alles so selbstverständlich klappte wie erwartet. Regelmäßig half sie abends beim Lernen – und rutschte immer mehr in die Rolle einer Hilfslehrerin.

Über die Schulzeit ihrer Töchter hat Anke Willers ein Buch geschrieben. In «Geht’s dir gut oder hast du Kinder in der Schule?» berichtet sie, wie der Schulstress jahrelang den Familienfrieden bedrohte. Gerade in Bayern beginne der Druck besonders früh, sagt sie. Denn dort dürfen die Eltern nicht mitentscheiden, welche weiterführende Schule das Kind besucht. Aus vielen Gesprächen aber wisse sie, dass Eltern in anderen Bundesländern ähnliche Erfahrungen machen.

In der Schule gibt es immer ein Lernziel, das erreicht werden muss

Mit der Schule beginnt der Ernst des Lebens: An dem Spruch sei tatsächlich etwas dran, sagt Kinder- und Familientherapeut Philip Streit. «Schließlich gibt es immer ein Lernziel, das erreicht werden muss.» Allerdings sei ein gewisses Stresslevel nichts Schlechtes. Im Gegenteil: Um Herausforderungen meistern zu können, brauche es ein bestimmtes Niveau an Erregung. Wichtig sei aber, dass der Druck nicht im Vordergrund stehe. «Sonst gerät man leicht in eine Abwärtsspirale der Angst», sagt der Grazer Psychologe.

Kinder sollten stattdessen auf eine liebevolle, positive Art herausgefordert werden. «Sonst entstehen Blockaden.» Eltern könnten unterstützen, indem sie ein Klima schaffen, in dem sich die Kinder aufgehoben fühlen. «Das Wichtigste ist eine strukturierte, wohlwollende Umgebung», so Streit. Er empfiehlt, Kindern zu zeigen, dass man nicht nur für sie da ist, wenn sie funktionieren.

Bei Problemen in der Schule rät er Eltern, ruhig und souverän zu bleiben. Straf- und Belohnungs-Systeme brächten meist keinen Erfolg. Helfen würden Achtsamkeit und Beharrlichkeit. «Die Eltern spüren, was das Kind kann und will und wo es an der Grenze ist», betont Streit. Sie sollten für sich selbst die Sicherheit haben: «Aus meinen Kind wird ganz sicher etwas.»

Eltern sollten mehr Interesse an Inhalten als an Noten haben

Erziehungswissenschaftlerin Britta Kohler von der Uni Tübingen rät zu Gelassenheit – vor allem, was das Thema Noten angeht. Die Schule sollte in erster Linie als Ort wahrgenommen werden, an dem man für sich selbst etwas lernt. «Wenn Eltern mehr Interesse an den Inhalten als an den Noten haben, ist das schon eine Botschaft für das Kind», sagt die Professorin. Sie empfiehlt, nicht zu vergleichen – weder mit Geschwisterkindern noch mit Freundinnen und Freunden.

Auch sollte die Schule nicht das beherrschende Thema sein. «Damit das Kind zu Hause immer noch Kind ist und nicht Schüler oder Schülerin. Und damit das Zuhause auch keine Zweigstelle der Schule wird.» Wichtig sei auch, nicht vorschnell zu unterstützen – aus Sorge, dass es Probleme geben könnte.

Anke Willers begreift den Bildungsdruck auch als gesellschaftliches Problem. Auf Parties sei sie ganz selbstverständlich gefragt worden: «Und, auf welche Gymnasium gehen deine Töchter?» Dass diese eine Realschule besuchen könnten, sei gar nicht in Betracht gezogen worden. «Ich habe schon gemerkt, dass mir das etwas ausmacht», erzählt die Autorin und kritisiert, dass dadurch andere Schulformen abgewertet würden. «Dabei kann man ja auch mit einem nichtakademischen Beruf heutzutage gut sein Geld verdienen.»

Britta Kohler rät dazu, bei der Schulsuche vor allem auf die Interessen der Kinder einzugehen und nach sportlichen, musischen oder sozialen Schwerpunkte zu schauen. «Eine grundlegende Frage ist: Muss es das Gymnasium sein – oder versucht man, damit irgendwelche Erwartungen zu erfüllen?» Es gehe darum zu entscheiden, was für das Kind in diesem Moment das Richtige sei.

Bloß nicht: Einen defizitären Blick auf das eigene Kind entwickeln

Diese Erfahrung hat auch Anke Willers gemacht. «Es war gut, sie nicht auf Biegen und Brechen durch eine Schulform zu treten, die damals nicht zu ihr passte», sagt sie über ihre ältere Tochter, die erst auf der Realschule war und später noch Abitur gemacht hat. Vor allem dürfen Eltern nicht das Vertrauen in ihre Kinder verlieren, sagt Willers. Sie habe erfahren, wie schnell man durch schlechte Noten einen defizitären Blick auf das eigene Kind entwickelt und in eine Diagnosespirale gerät.

Legasthenie- oder Intelligenztests könnten zwar helfen, Schulprobleme einzukreisen – aber man müsse aufpassen, keine Aufregung zu verbreiten. Jedes Kind sei anders, betont Anke Willers. «Das Problem ist: Die Schule presst sie in ein System. Und da kommen einige besser zurecht, andere schlechter.» Sie kritisiert, dass Kinder, die niemanden hätten, der ihnen zu Hause hilft, im Bildungssystem benachteiligt seien.

Eltern befänden sich in einer Zwickmühle: Einerseits wollen sie dem Kind eine schöne Kindheit ermöglichen und andererseits müsse man sie antreiben. Mit allem Wissen, was sie heute habe, plädiert Willers für mehr Gelassenheit. «Ich hätte mir gewünscht, ich wäre weniger besorgt gewesen – hätte mich weniger als Hilfslehrerin vereinnahmen lassen.» Von Inga Dreyer, dpa

Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers diskutiert.

Alle Jahre wieder: Warum Elternabende für Lehrer so nervenaufreibend sein können – eine Typologie

Anzeige


1 KOMMENTAR

  1. Ich finde in demArtikel das Wort Hilfslehrer unpassend. Ein normal intelligentes Kind, das aus einem Elternhaus kommt, in dem miteinander geredet wird, in dem Abends vorgelesen wird (oder wann auch immer), in dem schon mal zusammen gebacken oder gekocht wurde, gesungen und geklatscht wurde, gebastelt und gespielt wurde, kommt wunderbar alleine an unserer Schule zurecht.
    Problematisch wird es eben dann, wenn sich die erlebte Lebenswelt des Kindes (aufbleiben so lange es will, nur essen was Spaß macht, Fernsehen ab morgens um 6:00 Uhr und Handy/Console etc. spielen bis der Arzt kommt und dem Besuch im freien Kindergarten) sich eklatant von dem in der Schule unterscheidet (in der in der Großgruppe neben Spielen und Singen eben auch Inhalte vermittelt werden sollen und das eben nicht in der 1:1 Situation) .
    Kann ich dann aber der Schule die Schuld geben ? Sollte ich dann nicht eher mich für eine andere Schule entscheiden (Walldorfschule?). Muss ich mich als Elternteil nicht fragen, ob denn Grenzen nur für andere gelten und mein Kind steht es frei zu wählen?
    Verständnis für Verzweiflung habe ich nur, wenn Kinder auf Grund gesundheitlicher Einschränkungen dem Unterricht nicht folgen können. Hier hat trotz aller Differenzierung noch keiner eine vernünftige Lösung gefunden. Da muss dann leider das Elternhaus mitfördern. Ich als Mutter sehe das als selbstverständlich, ist es doch auch mein Kind. In der weiterführenden Schule begleite ich nur noch und höre damit dann in der Oberstufe ganz auf.
    Um die Eltern zu entlasten, sollte es allerdings ein einheitliches Schulsystem in ganz Deutschland geben. Umzüge bedeuten manchmal eine Katastrophe.
    Empfehlungen gehören abgeschafft und die Grundschulzeit um zwei Jahre verlängert. Die Industrie muss erkennen, dass nicht immer das Gymnasium der richtige Bildungsabschluss ist für Handwerk und Co.
    Und die Hauptschule hätte nie zu einer Resterampe abgewertet werden dürfen. Es wurden viele Fehler in den letzten Jahrzehnten gemacht, weil sich Menschen, die von Bildung keine Ahnung haben ( außer aus der eigenen Schulzeit) politisch über ständige Änderungen profilieren wollten.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here