Coronaviren herausfiltern! Philologen fordern – mit Blick auf den Herbst – Raumluftreiniger für jedes Klassenzimmer

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MÜNCHEN. Der Bayerische Philologenverband (bpv) fordert mit Blick auf die kühlere Jahreszeit Raumluftreiniger für Klassenzimmer zum Schutz vor Corona. An vielen Schulen gebe es keine Anlagen, die einen wiederholten Luftaustausch in den Räumen gewährleisten könnten, sagte ein bpv-Sprecher in München. In modernen Gebäuden könne man oft nicht mal schnell das Fenster aufreißen, um frische Luft reinzulassen. Tatsächlich warnen Experten davor, dass sogenannte Aerosole bei der Übertragung von Coronaviren unterschätzt werden.

Fenster immer wieder mal öffnen – das reicht nicht aus, um die Luft in einem Klassenraum auszuwechseln. Foto: Shutterstock

Tröpfchen und winzige Aerosol-Partikel sollen eine entscheidende Rolle bei der Übertragung von Sars-CoV-2 spielen. Aerosol-Teilchen können nach bisherigen Erkenntnissen Stunden bis Tage in der Luft schweben. „Eine der wichtigen neuen Erkenntnisse zu SARS-CoV-2, die bei der Schulöffnung bedacht werden müssen, betrifft die inzwischen anerkannte Möglichkeit der Aerosolübertragung, also die Übertragung durch die Luft, insbesondere in Innenräumen bei unzureichender Luftzirkulation. Je mehr Personen sich in einem geschlossenen Raum befinden und je länger die dort verbrachte Zeitspanne ist, desto grösser ist das Risiko einer Übertragung“, so heißt es in einer aktuellen Stellungnahme der Gesellschaft für Virologie. (News4teachers berichtet ausführlich über das Papier – hier geht es zu dem Beitrag.)

Und weiter: „Bezogen auf die Schulöffnung im Herbst bedeutet dies, dass zusätzliche Maßnahmen getroffen werden sollten, um Übertragungsrisiken in Schulen zu minimieren. Dazu gehört beispielsweise, die Klassengrößen abhängig von der Zahl der Neuinfektionen zu reduzieren, räumliche Ressourcen auszuschöpfen und pragmatische Lösungen für einen verbesserten Luftaustausch in öffentlichen Gebäuden wie Schulen zu finden. Die Umsetzung technischer Maßnahmen zur Sicherstellung eines ausreichenden Raumluftwechsels liegt nicht im Kompetenzbereich der Infektionswissenschaften. Hierzu ist die Einbindung technischer Fachexpertise dringend erforderlich.“

Aerosol-Belastung in einem 80-Quadratmeter-Raum in sechs Minuten halbiert

Das haben Forscher der Universität der Bundeswehr München übernommen – und die Wirkung eines handelsüblichen Raumluftreinigers untersucht. Ergebnis: eine Halbierung der Aerosolkonzentration binnen weniger Minuten. Die Wissenschaftler empfehlen die Geräte deshalb auch für Schulen oder Büros.

Der Physik-Professor Christian Kähler und sein Team waren der Frage nachgegangen, ob mobile Raumluftreiniger grundsätzlich geeignet sind, einen sinnvollen Beitrag zur Reduzierung der Infektionsgefahr zu leisten. Die Ergebnisse zeigen, dass die Aerosolkonzentration in einem Raum mit einer Größe von 80 Quadratmeter in sechs Minuten halbiert wurde. Eine Anreicherung der Raumluft mit infektiösen Aerosolen sei damit nicht mehr möglich, da im Dauerbetrieb die gemessene Verweilzeit des ausgeatmeten Aerosols im Raum sehr kurz gewesen sei. Selbst in einen 22 Meter langen Flur mit über 40 Quadratmeter konnte bei maximalem Volumenstrom eine Halbierung der Aerosolkonzentration innerhalb von rund fünf Minuten realisiert werden, so die Wissenschaftler.

Immer wieder mal die Fenster im Klassenraum aufreißen, reicht nicht

Dass es in Schulen nicht reicht, regelmäßig die Fenster aufzureißen, wie es die Hygienepläne der Länder für die Klassenräume vorsehen, darauf hatte unlängst Martin Kriegel, Professor an der TU Berlin und Leiter des Hermann-Rietschel-Instituts für Energietechnik, hingewiesen. „Es ist leider überhaupt nicht kontrollierbar, wie viel frische Luft durch ein geöffnetes Fenster hereinkommt. Das hängt von der Windgeschwindigkeit ab, von den Temperaturen außen und innen…“, erklärte der Wissenschaftler.

„Manchmal geht im Sommer aufgrund der Wetterlage gar nichts durch. Und die Menge ist generell nicht sehr groß. Stoßlüften etwa ist häufig nur in den Pausen möglich. Eine andere Gefahr: Wir als Laien verbinden die Menge an Frischluft mit der gefühlten Temperatur. Wenn es also angenehm kalt ist, gehen wir davon aus, dass auch genug Frischluft da ist. Im Winter reicht das meist aber nicht aus, um die Aerosole aus dem Raum hinaus zu transportieren.“

100 Millionen Euro wären nötig, um alle Klassenräume in Bayern auszustatten

Wie lange müsste man denn dann ein Klassenzimmer lüften, um die Luft wirklich sauber zu bekommen? Fünf Minuten lang ein Fenster offen stehen zu lassen, wie es in vielen Unterrichtsräumen wohl spätestens im Winter praktiziert werde, reichten auf gar keinen Fall, sagt Kriegel. „Durchzug beschleunigt den Prozess. Geht Lüften nur einseitig, dauert es länger. Es müssten mindestens 10 bis 15 Minuten nach einer Schulstunde gelüftet werden. Aber mit voll aufgerissenen Fenstern und leerem Klassenzimmer!“ Am besten wären laut Kriegel dauerhaft geöffnete Fenster, das aber ist spätestens im Herbst unrealistisch. Weil es keine einfache Möglichkeit gibt, Aerosole im Raum zu messen, empfiehlt er in Klassenzimmern den Einsatz von CO2-Messgeräten als Mindestmaßnahme – dann gebe es zumindest einen Anhaltspunkt, wann gelüftet werden muss.

Sogenannte CO2-Ampeln hält auch der Philologenverband für sinnvoll. Besser allerdings sei die bauliche Nachrüstung. „Wir diskutieren über Masken im Unterricht, aber wir können genauso sicherstellen, dass die Luft entsprechend umgewälzt wird“, sagt der Sprecher. Bei guter Lüftung könnten auch Lehrer aus Risikogruppen eher wieder eingesetzt werden. Laut bpv gibt es Geräte ab 2000 Euro, man bräuchte also bis zu 100 Millionen Euro, um die rund 50.000 Klassenzimmer in Bayern damit auszustatten. Vermutlich sei diese Summe aber niedriger, da es an einigen Schulen bereits ausreichende Lüftungssysteme gebe. News4teachers / mit Material der dpa

Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers diskutiert.

Corona-Falle Klassenraum: Wenn ab Herbst die Fenster im Unterricht geschlossen bleiben müssen, wird das Ansteckungsrisiko steigen

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10 KOMMENTARE

  1. Kleine Luftfiltergeräte mit UV-C Filter töten Viren und kosten nur 80 Euro.
    2 – 4 davon pro Klassenzimmer und die Luft ist relativ sauber.

    1 Coronatest kostet mehr als so ein Gerät.

  2. Es gibt eine Arbeitsstättenverordnung vom Bundesarbeitsministerium hinsichtlich Corona.

    Diese wird von den KultusministerInnen ignoriert.

    Mitarbeiter (und damit auch Schüler) sind bestmöglich zu schützen. Das gilt mit Sicherheit auch für Schulen.

  3. Händewaschen, in die Armbeuge niesen, selbst mitgebrachten Mundschutz tragen… Das sind die Maßnahmen in Deutschland – sie alle haben gemeinsam: sie kosten nichts.

    Zig Milliarden für Lufthansa und andere Unternehmen, vor 10 Jahren zig Milliarden zur Bankenrettung, für die Schulen hat man kein Geld. Traurig aber wahr. Selbst während einer Pandemie wird kein Geld locker gemacht. Bildung darf nichts kosten!

    Wenn irgendein Politiker nochmal sagt, Bildung sei für unser Land, dass doch sonst keine Rohstoffe hat, das wichtigste, dann kann man ihm nur noch einen Vogel zeigen. Corona zeigt überdeutlich, dass die Gesundheit unserer Kinder dem Staat ziemlich egal ist.

  4. Na, endlich!!! Hoffentlich setzt sich der Philologenverband schnellstens bei der Politik durch, so dass nicht erst im nächsten Sommer mit den Luftreinigungsgeräten für die Klassenzimmer zu rechnen ist.

    Man müsste den Unterricht erst dann im Regelbetrieb beginnen, wenn die Geräte im Zimmer vorhanden. Vorher auf jeden Fall kleine Gruppen pro Zimmer und Masken – im übrigen ab der Grundschule, denn auch unsere Kleinsten haben ein Recht auf effektiven Infektionsschutz. Auch sie können krank werden …

    https://twitter.com/Cassie_Cazoo/status/1284012602822201345

    Einfach nur entsetzlich. Und nun muss man sein Kind, das den Eltern vertraut, dann unter diesen mangelnden Infektionsschutzvorkehrungen in die Schule bringen.

    https://twitter.com/Karl_Lauterbach/status/1296365451379912704

    Und auch Kinder sind infektiös und gefährden so wieder die restliche Gesellschaft.

    https://twitter.com/KFL3011/status/1296914315753160704

    Also bitte, liebe Politiker, kümmert euch um Sicherheit an den Schulen, u. a. mit effektiven Luftreinigungsgeräten (sehr gut erklärt von Prof. Christian Kähler in der Sendung von Markus Lanz am 19. August)

    https://twitter.com/BildungSicher

    und speziell für Bayern
    https://twitter.com/BildungSicherB1

  5. Tja, und trrotz Pandemie und Empfehlungen zum regelmässigen Händewaschen passieren dann solche Dinge:

    wb.michael-mayer.net

    Düsseldorf beschliesst im Schulausschuss, eine lange Zeit unbemerkt praktizierte Massnahme endlich offiziell zu beschliessen: Die Waschbecken an weiterführenden Schulen seien zu teuer und würden mit Whiteboards oder digitalen Tafeln sowieso nicht mehr gebraucht. Also werden sie wegsaniert.

  6. Durch die Geräte spart man sich das Dauerlüften, mehr nicht. Abstand und Maske schützen vor direktem Anhusten oder Anniesen. Es bleibt also trotzdem bei der Notwendigkeit kleiner Gruppen. Mit Maske zu unterrichten geht leider nicht sechs Stunden lang bei lauten Nebengeräuschen, das macht zumindest meine Stimme nicht mit. Ich habe es probiert. Gegen die Geräusche von außen lässt sich leider nichts machen.

  7. Na, dann lasst uns mal loslegen.
    Geräte anschaffen. Hoffen wir mal, dass die alle vorrätig sind. Dazu müsste man sich natürlich auch festlegen, was man genau braucht.
    Dazu die ganzlichen baulichen Maßnahmen nahmen, bezüglich Installierung, ggf. Erweiterung des Stromnetz im Schulhaus. Sollten Deckengeräte benötigt werden, gibt es noch mehr zu beachten.
    Dann noch die sicherheitstechnischen Prüfungen zum Betreiben der Geräte. Ohne die dürfen diese dann nicht in Betrieb genommen werden.
    Und das Ganze mit dem aktuellen Verwaltungsapperat und Finanzmanagement bei Ausgaben zu schulischen Equipment und so schnell wie möglich.

    Na ja, ich fühl mich zurückversetzt in die 80iger und summe Nenas „Wunder geschehen“.

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