Beckmann appelliert an Kultusminister: Macht Euch endlich ehrlich!

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BERLIN. Mit Blick auf den nächste Woche erneut stattfindenden Gipfel im Bundeskanzleramt stellt der Bundesvorsitzende des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE), Udo Beckmann, heraus, dass es momentan grundsätzliche Fehlannahmen in der Kommunikation über die Situation an Schulen gibt. Das fängt damit an, dass die Kultusminister von einem Regelunterricht sprechen – den es laut Beckmann aber seit März gar nicht gibt.

Im Fokus der Kameras: VBE-Chef Udo Beckmann. Foto: VBE

„Zum ersten wird so getan, als wäre alles bisher normal gewesen und würde erst jetzt mit steigenden oder stagnierenden Infektionszahlen anders. Das stimmt nicht. Seit März haben wir keinen flächendeckend normal laufenden Schulbetrieb mehr“, sagt der VBE-Chef. „Seien es Hygieneregeln, plötzlich verordnete Quarantäne und die Anstrengungen, die digitale Infrastruktur und Ausstattung zu verbessern: All das hat es vorher nicht gegeben, braucht Zeit und macht etwas mit den Menschen. Das wird konsequent ignoriert. Dabei ist es dringend notwendig, die Schülerinnen und Schüler individuell zu begleiten. Das gelingt den Lehrkräften am besten mit der Unterstützung von multiprofessionellen Teams.“

„Es gibt zu große Klassen, die schon immer in zu kleinen Räumen unterrichtet werden mussten“

„Das Recht auf Bildung ist ein hohes Gut, wie auch der Schutz der Unversehrtheit. Und trotzdem kann an manchen Stellen gar nicht die vernünftigste Strategie eingeschlagen werden, weil es in den letzten Jahren zu massiven Versäumnissen in der Bildungspolitik gekommen ist. Es fehlt an Lehrkräften, es gibt zu große Klassen, die schon immer in zu kleinen Räumen unterrichtet werden mussten, und die Infrastruktur ist nicht darauf ausgelegt, für das Lehren und Lernen digitale Möglichkeiten zu nutzen“, betont Beckmann.

Er fordert: „Die Politik muss sich hier einerseits ehrlich machen und damit Druck rausnehmen und andererseits ihre Entscheidungen und Vorgaben so gestalten, dass Spielräume für die Schulleitungen eröffnet werden. Wenn es in Gebieten mit hohen Neuinfektionszahlen Schulen gibt, die Konzepte für hybrides Lernen anbieten können, sollte dies genutzt werden. Wenn es im gleichen Gebiet andere Schulen gibt, die keine entsprechenden Möglichkeiten haben, müssen diese auch andere Konzepte umsetzen können. Hilfreich wäre ein Katalog an Maßnahmen, die ab bestimmten Werten umgesetzt werden können bzw. ab anderen Werten dann umgesetzt werden müssen.“

Digitalisierung des Unterrichts ist laut Beckmann kein Allheilmittel – ein Wochenarbeitsplan tut es auch

Der VBE-Bundesvorsitzende unterstreicht: „Die Glorifizierung von Digitalisierung ist nicht hilfreich. Ganz davon abgesehen, dass die meisten Schulen dafür nicht ausgestattet sind und der Umgang damit entsprechend ungeübt ist, verkennt dies auch die pädagogische Verantwortung. Lehrkräfte sind dafür ausgebildet, Methoden anhand der zur Verfügung stehenden Ressourcen und der Bedürfnisse der Lerngruppe auszuwählen. Wochenplanarbeit, bei der zum Beispiel auf einem A4-Blatt übersichtlich dargestellt wird, welche Aufgaben, extra Förderungen und Projekte umzusetzen sind, ist doch viel eingeübter und damit zielführender als nun bei einer zeitweisen Schulschließung auf Biegen und Brechen Videokonferenzen umzusetzen.“

Seine Schlussfolgerung: „Es braucht schon auch das Vertrauen von Politik und Gesellschaft in die professionellen Fähigkeiten und das hohe Engagement der Lehrkräfte. Letzteres geht nicht erst seit Beginn der Pandemie weit über das normale Maß hinaus.“ News4teachers

Streit um Schulen auf dem Bund-Länder-Gipfel: Die Geduld der Kanzlerin mit den Kultusministern ist am Ende – eine Analyse

 

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14 KOMMENTARE

  1. Endlich mal klare, am Menschen orientierte Worte!
    Genau DAS benötigen wir jetzt auf der ganzen Linie.
    Ich nehme gerade kleine Fünkchen Hoffnung wahr; Hoffnung auf eine am Menschen orientierte Schule, die niemanden mehr überfordert, sondern motiviert.
    Ich bin gespannt …

  2. Endlich wird einmal darauf hin gewiesen, dass es auch ohne Video/Internet ginge!
    Ich fände Wochenpläne prima, die können die Eltern nicht mal schnell tippen und man könnte sie notfalls einfach per Post verschicken.
    Die „Großen“ sollten selbständig arbeiten können, müssen sie ja für das Berufsleben auch. Die „Mittleren“ könnten es vermutlich ebenfalls und hätten auch mit Eltern ohne Computerkenntnisse eine Chance auf Unterstützung. Die ganz kleinen müssen doch eh überwiegend ausschneiden, aufkleben, anmalen, wofür es Papier braucht, keinen Bildschirm.

    Also ja, bitte Schluss machen mit dem Eiertanz, der Schönfärberei , Verharmlosung und Bürgerverar…ung und endlich etwas unternehmen!!!

  3. Ja, so ist es.
    Die vorhandenen Ressourcen effektiver (im Sinne der Schüler pädagigisch/didaktisch sinnvoller) eingesetzt und weitere Ressourcen (räumlich, personell… ganz am Ende der Dringlichkeitsskala auch digital) zur Verfügung gestellt – und schon hätten wir die Voraussetzung, nicht nur in der Pandemie alle Kinder zu erreichen, ohne sie unnötig dem Infektionsriskio auszusetzen, sondern auch die Grundlage für endlich mal sinnvollen und zukunftsorientierten Unterricht für die nächsten Jahre, vielleicht Jahrzehnte.

    Leider geht Schule im Grunde noch immer wie vor Jahren.
    Digital ist auch nicht der Weisheit letzter Schluss – vor allem, weil die Kinder Menschen brauchen, die sie auf diese höhere Ebene der Lernanforderungen vorbereitet.
    Wer nicht lesen, schreiben und rechnen kann, Aufgaben verstehen und selbständig arbeiten, sich konzentrieren und Prioritäten setzen gelernt hat (und zwar analog, mit einem echten Lehrer als Arbeitspartner), wer sich nicht selbst beschäftigen, nicht reif genug ist, um ab Klasse 7 (oder wann immer man da eine Grenze setzen mag) auch mal alleine zu Hause sein kann, der kann auch das beste digitale Angebot nicht nutzen.

    Um das alles vorzubereiten, brauchen wir viel mehr Lehrer.
    Gegen das Überangebot auf allen Ebenen und die Reizüberflutung, der Kinder heute ausgesetzt sind, die ihnen das Lernen erschweren, muss ein Gegengewicht gesetzt werden.
    Dieses Gegengewicht kann/darf m.E. nicht sein, die Kinder möglichst schnell „auf digital“ zu „dressieren“.

    Erst Beziehung, dann lernen lernen, und dann irgendwann mal digital.
    Jetzt geht es eigentlich nicht anders und wir wollen alle das Beste aus der Situation machen.
    Dafür brauchen Schulen (vielleicht auch einzelne Lehrer mit speziellen Zielgruppen) aber freie Hand für die beste Entscheidung für jedes Kind, jede Lerngruppe…

    Der Leistungsgdruck muss raus. Wir sollten wieder wahrnehmen, wo „wirkliche“ Bildung möglich ist.

  4. Das ließe sich vielleicht noch schärfer formulieren: Schule interessiert PolitikerInnen eigentlich wenig. Selten werden Expertinnen zu Ressort-ChefInnen. NRW z. B. ist (zumindest) in den letzten beiden Legislaturperioden ein „gutes“ Beispiel …

  5. Selbst meine Schüler wünschen sich kleine Lerngruppen…halbierte Klassen…sie fanden den Unterricht im Frühjahr genial..Endlich konnten wir uns mal intensiver um einzelne Schüler kümmern

  6. Danke Herr Beckmann!!!!

    Es gibt einige Schulen, die unterrichten seit Jahren mit Wochenplaenen und es ist anerkannt(eine Grundschule in der Naehe hat dieses Konzept).

    Die Kliniken ruesten sich schon auf die explodierenden Covid Patienten ein, nicht nur auf den Intensivstationen.

    Sehr geehrte KultusministerInnen :wartet nicht erst bis Mittwoch, trefft endlich die Entscheidung fuer kleinere Lerngruppen, entweder per Wochenplan und/oder digital.
    In Deutschland laeuft uns auch die Zeit davon mit dieser Schwerfaelligkeit.
    Ihr /Sie hatten genug Zeit!!!!!

    UND DENKT ENDLICH MAL AN UNSERE KINDER!!!! und nicht nur an Eure Waehlerstimmen

  7. Klare Worte. Da geb ich jeden Recht. Eigentlich ganz einfach zu verstehen. Leider sieht es so aus, diese klaren Worte hört man schon seit Wochen von denen, die logisch mit Verstand die Pandemie auf einem guten Niveau bringen wollen.
    Zahlen, wo man nicht jeden Tag mit Risikobegegnungen konfrontiert wird. Wo darauf hingearbeitet werden möchte das Infektionsrisiko zu verringern durch angepassten Hygieneregeln.
    Wenn ich immer höre, wir stehen davor, nicht mehr ausreichend Intensivbetten und Personal zu haben. Mal ganz ehrlich, da können viele von der Entscheidungsgruppe jammern. Die provozieren die Situation doch selber.
    Alle Regeln, an die ich mich Pandemiebedingt halten muss … sind genau die Regeln, die meine Kinder von morgends bis mittags gegen verstossen MÜSSEN. Wenn es nicht so ernst wäre, dann könnte man drüber lachen. Die Kinder können doch gar nicht den ernst der Lage begreifen.
    Wie soll denn ein Kind fassen können was alles daran hängt wenn sie sich mit anderen treffen? Und hat ein Kind das verstanden, hat sich da mal einer gefragt was an einem 6 Stunden Tag in so einem Köpfchen vorgeht?
    Und das schlimmste ist das, was ein Kind in der Familie erleben muss wenn es positiv ist. Nicht nur ein gefährliches Virus sondern, dann auch noch wie abgestoßen. Ganz toll. Weil wehe man kümmert sich wie gewohnt um die liebsten. Das verstößt gegen die Vorschrift. Und noch viel schlimmer, viele Kinder werden schon alleine weil sie Kontaktperson sind des öfteren in Quarantaine müssen. Die Kontakte werden ja nicht getestet.

    Ich, Mutter von 3 Schulkindern, ich fühle mich schrecklich!
    Ich wiege mich in bester Sicherheit. Wenn ich einkaufen gehe dann so, das ich mich geschützt fühle und andere schütze und, vernachlässige aber jeden Tag den Schutz meiner Kinder.
    Weil genau so sieht es aus!
    Ich bin kein Hellseher. Ich weiß nicht ob meine Kinder keine Folgeschäden davon behalten würden.
    Es ist schlimm für mich. Meine Kinder verlassen sich doch blind darauf das ich nie etwas tun würde oder, zulassen würde was ihnen schadet.

    Da kann ich meine Kinder auch mit verbundenen Augen über die Strasse schicken. Ganz nach dem Motto
    Passiert schon nichts. Entweder, du hast Glück und kommt kein Auto, wenn doch, sieht es dich garantiert. Und für den Fall, das du Pech hast, Schnall dir ein Helm auf, der Schützt gut.

    Ist das das, was man darunter versteht das ein Kind ein Recht auf SCHUTZ hat?

    Ich hoffe das Mittwoch endlich mal was für den Schutz unserer Kinder getan wird!

    .Aber bei den Erfahrungen der letzten Wochen, ich befürchte ehr nicht.

  8. Bildungsministerium kann anscheinend jeder. So war es doch bisher. Ein Posten der besetzt werden musste. Zu oft wurden Bildungsminister nach Parteikalkül berufen und nicht nach Können. Schüler/Schulen sollen und dürfen nichts kosten. Es wird schon irgendwie laufen. Es lief ja bisher auch. Diese Pandemie zeigt alle Versäumnisse, Ungerechtigkeiten und uralte und unangemessene Gesetze, rund um Schule und Bildungswesen schonungslos auf. Aber, es wird sich nichts ändern. Selbst nach einer weiteren und weiteren Welle. Es wird immer nur Reden, Beteuerungen und Talkshows geben.

  9. Herr Beckmann, Sie sprechen mir aus der Seele.
    Ich bin sowieso der Meinung, dass Digitalisierung in der Bildung kein Allheilmittel ist und nur am Ende einer Kette von Voraussetzungen, Methoden und Maßnahmen stehen kann.Außerdem habe ich meinen Unterricht immer als Gegenentwurf zu dieser “ Bildschirmlastigkeit“ der Schüler gesehen.

    Liebe Mutter Kiki73, ich kann Ihnen voll nachfühlen, finde es auch kriminell, dass man laut Aussagen Verantwortlicher erst warten will, bis an Schulen Ausbrüche sind, bevor man Maßnahmen ergreift, dabei hätte man die verdammte Pflicht und Schuldigkeit, vorsorglich tätig zu werden, das nennt man vorbeugenden Gesundheitsschutz!!!

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