Statt Präsenzunterricht für alle: Lehrerverband fordert flexible Modelle

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BERLIN. Als „falsch und gefährlich“ hat Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbands, die weitgehende Abkehr der Länder und der KMK von Hygienestufenplänen bezeichnet. Das Robert-Koch-Institut empfiehlt für Corona-Risikogebiete eine Verschärfung von Schutzmaßnahmen von der Maskenpflicht auch im Klassenzimmer bis hin zur Wiedereinführung der Abstandsregel – die Kultusminister beachten diese Empfehlung nicht und setzen weiterhin auf Präsenzunterricht in der Fläche. Meidinger fordert hingegen flexible Unterrichtsmodelle, je nach Altersstufe der Schüler und Gegebenheiten vor Ort.

Für ältere Schüler ist zeitweiliger Fernunterricht meist kein Problem. Foto: Shutterstock

Meidinger betonte: „Es ist wichtig, dass in Schulen auf regional stark ansteigende Infektionszahlen im Sinne des Gesundheitsschutzes angemessen reagiert wird. Eine bloße Beschränkung auf Quarantänemaßnahmen ist mit Sicherheit nicht ausreichend.“ Der Verbandspräsident wandte sich scharf gegen den von manchen Politikern erweckten Eindruck, dass Schulen im Infektionsgeschehen keine oder nur eine geringe Rolle spielten. Meidinger wies darauf hin, dass zum Beispiel in Berlin die Altersgruppe der 15- bis 19-jährigen aktuell die höchsten Ansteckungsraten überhaupt aufweise, eine Altersgruppe, die ganz überwiegend noch Schulen besuche.

Meidinger: Dort, wo Kontaktverfolgungen möglich sind, landen Schulen als Infektionsort bereits an dritter Stelle

Eine reine Fokussierung auf festgestellte Infektionen an Schulen blende aus, dass es nach aktuellen Studien eine hohe, wohl bis zum Faktor 5 reichende Dunkelziffer nicht erkannter Infektionen unter Kindern gebe, die aber trotz fehlender Krankheitssymptome die Erkrankung sehr wohl etwa an Risikopersonen weitergeben könnten. Da, wo eine Kontaktverfolgung in den Gesundheitsämtern noch möglich sei, landeten die Schulen gegenwärtig nach dem privaten Umfeld und dem Arbeitsplatz bereits an dritter Stelle.

Hintergrund: In Bayern und anderen Bundesländern dürfen Schulen erst dann in einen Wechselunterricht mit kleineren Lerngruppen und Abstandsregel umsteigen, wenn ein „schwerwiegendes Infektionsgeschehen“ an der Schule selbst nachgewiesen wird. Eine Studie des Helmholtz Zentrums München war allerdings zu dem Ergebnis gekommen, dass sechsmal mehr Kinder in Bayern mit dem Coronavirus infiziert waren als gemeldet. Das bayerische Gesundheitsministerium warnt deshalb auch bereits, dass infizierte Kinder häufig keine Symptome aufwiesen und so unerkannt das Coronavirus verbreiten könnten. Zu mehr Konsequenzen als zur Maskenpflicht im Unterricht der Grundschulen hat diese Erkenntnis allerdings bislang nicht geführt.

Schulen muss es möglich sein, Maßnahmen für erhöhten Hygieneschutz zu ergreifen

Das Präsidium des Deutschen Lehrerverbands, dem die Bundesverbände auch des Philologenverbands, des Realschullehrerverbands (VDR), des Berufsschullehrerverbands (BvLB) und die Katholische Erziehergemeinschaft (KEG) angehören, ist sich einig, dass es keine auf alle Schulen gleichermaßen anwendbare Einheitslösungen geben kann. Stattdessen muss es den Schulen bei Maßnahmen zu erhöhtem Hygieneschutz ermöglicht werden, abhängig vom Infektionsgeschehen, der Schulart, der digitalen Schulausstattung, den Altersgruppen und der sozialen Zusammensetzung der Schülerschaft flexible, differenzierte und passgenaue Lösungen eigenständig in Absprache mit den Gesundheitsämtern zu entwickeln.

Hintergrund ist hierbei offenbar das Geschehen in Solingen, das bundesweit für Schlagzeilen gesorgt hat. Die Stadt wollte nach Absprache mit den Schulleitungen mit ihren weiterführenden Schulen in den Wechselunterricht umsteigen, das wurde ihr allerdings von der NRW-Landesregierung verboten. Dort pocht man auf eine einheitliche Lösung – und die heißt: voller Präsenzunterricht. (News4teachers berichtet ausführlich über den Fall Solingen.)

Meidinger erklärte: „An einer berufsbildenden Schule mit guter digitaler Infrastruktur und einer schon älteren, eigenständiges Arbeiten gewohnten Schülerschaft ist es beispielsweise einfacher, wieder vorübergehend in den Distanzunterricht zu gehen als etwa an einer Grundschule, wo es besonders wichtig ist, Kinder, die zuhause nicht unterstützt und betreut werden können, im Präsenzunterricht zu halten. Es könnte aber auch innerhalb einer Schulart, sei es Gymnasium, Realschule oder Gesamtschule, nach Altersgruppen differenziert vorgegangen werden, um den Hygieneschutz in der Schule und in den Schulbussen zu verbessern!“

Meidinger: Präsenzunterricht – gerne. „Aber nicht um jeden Preis.“

Der DL-Vorsitzende betonte, dass alles getan werden müsse, um Präsenzunterricht möglichst umfassend und lange aufrecht zu erhalten. Er fügte an: „Aber nicht um jeden Preis! Wir müssen die Balance finden zwischen Erfüllung des Bildungsauftrags und gleichzeitigem bestmöglichen Gesundheitsschutz. Wenn man sich aktuell anschaut, welche unterschiedlichen Regeln für die Gesellschaft und im Gegensatz dazu an den Schulen gelten, wo Mitglieder aus bis zu 30 Haushalten eng und oft auch noch ohne Maskenschutz nebeneinander sitzen, dann ist diese Balance mit Sicherheit nicht mehr gewahrt! Falls die Politik Schulen offen halten will, muss sie im Vorfeld mehr dafür tun als derzeit geschieht!“ News4teachers

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11 KOMMENTARE

  1. – Sport und andere sekundäre Fächer entfallen lassen
    – Klassen teilen
    – in 2 Schichten täglich unterrichten
    – Notbetreung für die entfallenen Stunden

    Vorteile:
    – Busse sind nicht überfüllt
    – mehr Abstand im Unterricht möglich
    – Maske tragen über einen kürzeren Zeitraum ist eher zu ertragen
    – Eltern können die Betreuung leichter organisieren
    – Schüler lernen besser in kleineren Gruppen
    – Schüler haben täglich Präsenzuntericht

  2. „sekundäre Fächer“ – was soll das denn sein? Gibt jetzt also nur noch Deutsch/ Mathe und Englisch…
    Leider fühlen/bewegen Menschen sich und sind auch noch kreativ unterwegs: Kleiner Tipp: Auch die „unwichtigen“ Fächer lassen sich digital unterrichten!

    • Ja, Fächer der Fächergruppe II – also anders ausgedrückt: „sekundäre Fächer“.

      „Primäre Fächer“ sind folglich die der Fächergruppe I – D, E5, M und WPI.
      Ein Stundenplan für den Hybridunterricht, der auf den Fächern der Fächergruppe I aufbaut und zusätzlich im Wechsel von Präsenzunterricht und Home-schooling die Fächer der Naturwissenschaften und alternierend die der Gesellschaftswissenschaften fachspezifisch oder integriert berücksichtigt, dürfte nicht zum Nachteil der SuS gereichen. Gesellschaftswissenschaften gehen mit entsprechenden Arbeitsmaterialien auch zuhause, während Experimente in NW der Anwesenheit bedürfen.

      • Ich vergaß, die von mir genannten Fächer umfassen dann sowohl im Präsensunterricht als auch im Home-Schoolimg jeweils 18 Wocjenstunden – je 4 WS für D, E5, M und je 3 WS für das WPI-Fach und NW oder GL. In der Präsenzwoche dann noch jeweils eine Klassenlehrerstunde und eine Stunde Förderunterricht/Lernzeit und schon sind 5 Schultage zu 4 Unterrichtsstunden gefüllt.
        Um den Vorbereitungsaufwand zu minimieren würde ich aus organisatorischen Gründen in den „geraden Kalenderwochen“ die Jahrgangsstufen 6, 8, 10 und 12 einbestellen und die 5, 7, 9 und 11 in den „ungeraden“. Die 13er komplett umstellen auf Home-schooling und virtuelle Tutorials. – Können die schon einmal für die Uni üben. Wer das nicht hinkriegt, hat keinen nenneswerten Nachteil, denn er hat ja am Ende der 12 außerhalb der GY ohnehin die FHR (schulischer Teil), die zu einer Aufnahme einer Vielzahl von Studiengängen berechtigt.

    • Das ist der wahre deutsche Geist. „Ich will mein Recht und wenn es mich das Leben kostet“.
      Nur keine Abstriche machen.
      Es gibt keine Nebenfächer, nein sie sind alle gleichwichtig! Man kann auch nicht zeitweise auf irgendwas verzichten.
      Ich will mich nicht selbst mit um die Erziehung meiner Kinder kümmern. Auch nicht 1-2 Stunden täglich. Bildung und Erziehung sind Sache der Schulen.
      Kompromisse mache ich nicht, ich will das alles im vollem Umfang wie immer ist.
      Wenn es das Leben von Lehrern, Schülern, Verwandten oder sonst wem Kostet ist egal.
      ICH WILL MEIN RECHT. OHNE KOMPROMISSE.
      Bei Kohlhas ging das schrecklich schief. gelernt haben wir daraus wenig.
      Trotzdem, danke für Garnichts.

  3. Konstruktiv, knapp, richtig… Und vor allem logisch und unmittelbar nachvollziehbar. Aus meiner Sicht können nur so die Schulen mittelfristig weiter offen bleiben. Es kann ja nicht nur um kompletten Präsenzunterricht oder dann ggf. Schulschließung gehen. In der Mitte und im Kompromiss liegt die Lösung.

    Ergänzung: Durch den täglichen Kontakt können auch Defizite in der digitalen Ausstattung aufgefangen werden.

    Insofern: Danke für einen (zur Abwechslung mal unaufgeregten) LÖSUNGSvorschlag.

  4. Es ist ja nicht mal mehr so, dass in der Schule nur 30 Haushalte zusammenkommen. Es drängt sich ja zu unterrichtsbeginn, Ende und in den Pausen die ganze schulfamilie dicht an dicht in den Gängen.
    Das Vorgehen insbesondere der Bayerischen Regierung ist in keiner Weise nachvollziehbar. Warum darf ich im Verein nicht mal mehr zu zweit Sport treiben, muss am Geburtstag entweder Oma, oder Tante einladen. Aber gleichzeitig muss ich meine Kinder jeden Tag in die Schule schicken, wo sie in voller Klassenstärke Sport machen und mit hunderten Haushalten zusammenkommen? Was hat mein Kind von Bildung, wenn es oder seine Verwandten dadurch draufgehen?

  5. Es muss dringend gehandelt werden, da die Schulen es leider gar nicht mit der Wahrheit so genau nehmen. Der Unterricht wird nur wegen den Fördergelder offen gehalten und die Gesundheit der Kinder ist den total egal. Die Betriebe die es wirklich mit der Hygiene sehr genau nehmen müssen schließen. Und die Schulen dürfen ohne gründliche Hygiene weiter normal die Kinder unterrichten. Das kann doch nicht wirklich sein. Ich werde so nicht weiter zu schauen, dann lasse ich meine Tochter trotz Schulpflicht lieber zu Hause. Da die Gesundheit an erste Stelle steht.

  6. Vielen Dank an alle die meinen Vorschlag gelesen und kommentiert haben.

    Ich halte folgende Dinge für überaus wichtig:
    – die Kinder sollen einen gleichmäßigen Ablauf haben
    – möglichst wenig Mehraufwand für die Eltern
    – möglichst wenig Mehraufwand für die Lehrer und Lehrerinnen
    ( Obwohl die Lehrer am meisten auszubauen haben)
    – auch umsetzbar für Grundschulen
    – möglichst wenig Homeschooling

    Welche Fächer wie gekürzt werden ist für mich sekundär.
    Dafür gibt es ein Kultusministerium.
    Ich würde auch Deutsch zusammenstreichen.
    Man kann auch ohne Goethe, Frisch und Keller überleben.
    Physik, Chemie, Bio und Erdkunde wären da schon wichtiger.
    Einfach überall den Ballast raus nehmen, wäre die beste aber auch aufwendigste Lösung.

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