Leseförderung in der Pandemie: per Brief, digital, im Park

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KREFELD. Lesekompetenz ist zentral für den Bildungserfolg. Viele Schüler haben aber Probleme. Die Pandemie verstärkt Defizite. Tausende Lesehelfer werden bundesweit kreativ, um Leistungsschwächere zu erreichen. Besuch in Krefeld.

Es ist die Geschichte von einem kleinen Flamingo, die Aya so gerne mag. Wort für Wort liest die Neunjährige konzentriert: «Die Küken trotteten hinter ihren Eltern her.» Sie gerät bei den Worten «anschmiegen» und «Süßwassergarnelen» ins Stocken. Das Mädchen sitzt daheim in ihrem Zimmer in Krefeld. Vor ihr steht ein Tablet mit einer bunten Textseite von «Ringo, der Flamingo». Unten in der Ecke ist ihre Lesehelferin in einem kleinen Fenster eingeblendet. Annekathrin Koch steuert das gemeinsame Online-Lesen einige Kilometer von Aya entfernt. Vom heimischen PC aus, via Zoom.

Lesekompetenz ist elementar für den Bildungserfolg. In der Pandemie ist Kreativität gefragt. Foto: Sabrina Eickhoff / Pixabay (P.L.)

In der Pandemie haben sich viele der deutschlandweit rund 13 000 Aktiven von «Mentor – Die Leselernhelfer Bundesverband» alternative Wege ausgedacht, um Kinder aus bildungsbenachteiligten Familien trotzdem weiter zu fördern. In normalen Zeiten treffen sich ein Lesementor und ein Schüler in der Freizeit im Klassenraum. Aber das funktioniert schon seit Monaten wegen Corona schlecht oder gar nicht.

Kreativität ist gefragt. Neben Online-Lesestunden gibt es Verabredungen zum abwechselnden Lesen am Telefon, wie die Bundesvorsitzende Margret Schaaf berichtet. «Manche Lesementoren schicken Briefe an die Schulen, mit Anfängen von Geschichten, die die Kinder weitererzählen und im beigelegten frankierten Rückumschlag zurückschicken.» Auch Rätsel oder kindgerechte Zeitungsberichte werden versandt. «Alles, was anregend ist, was Leselust und Lesefreunde weckt.» Manche lesen mit Corona-Abstand gemeinsam im Park, schildert Schaaf.

Die Schulen schlagen den ehrenamtlichen Lesementoren Kinder vor, die besondere Unterstützung brauchen. Von den bundesweit geförderten rund 16 600 Lesekindern habe man in der Krise mit vielen guten Ideen etwa 10 bis 15 Prozent durchgehend erreichen können, schätzt Schaaf. Nach den Sommerferien hätten die Kultusminister wieder «außerschulische Lernpartner» in den Klassenräumen zugelassen. Seit September laufen die Lesetreffen mit den Kinder dort langsam an. «Wir setzen alles daran zu verhindern, dass sie zu den großen Verlierern der Pandemie gehören.»

Daheim haben viele keine Unterstützung und auch kaum Zugang zu Büchern. Aya liebt Geschichten, besonders mit Tieren. Zuhause hat sie zwei Bücher, wie sie erzählt. Ihre Eltern möchten, dass sie viel liest, sprechen selbst aber kein Deutsch und lesen nicht gemeinsam mit ihrer Tochter.

So wie etwa ein Drittel aller Eltern in Deutschland, die laut Stiftung Lesen ihrem Nachwuchs nie oder nur selten vorlesen. Lesen fördere die sprachliche und persönliche Entwicklung, betont die Stiftung, die mit Partnern einige hunderte Leseclubs zur außerschulischen Unterstützung von Tausenden Kindern unterhält. Viele Leseclubs – auch in Büchereien oder Jugendzentren untergebracht – sind einer Sprecherin zufolge auf online umgestiegen. Und auch hier werde mit Briefen gearbeitet – oder Schulpersonal übernehme zusätzliche Aufgaben.

Aya sagt: «Ich wusste nicht, dass Lesen Spaß macht.» Buch oder Tablet, was gefällt ihr besser? «Beides ist gut.» Anstrengend findet sie es nicht – und gibt noch eine Kostprobe. «Das machst du sehr gut», lobt Annekathrin Koch, Gründerin von «Mentor – Die Leselernhelfer Krefeld» nahe Düsseldorf. Und klickt auf die nächste Seite.

«Früher war ich ganz langsam und hatte manchmal keinen Bock. Jetzt möchte ich fast jeden Tag lesen», erzählt Aya. Im letzten Schuljahr war sie «supergut» in Mathe. Inzwischen ist Deutsch ihr Lieblingsfach, sagt die kurdischstämmige Viertklässlerin. Ihr Bruder Yabber hilft Aya bei der Technik und hält per Handy Kontakt zur Mentorin. «Sie ist besser geworden», meint auch der Elfjährige. Er selbst mag Comics und Action.

Koch sieht deutliche Fortschritte bei Aya. Unter den seit Monaten erschwerten Bedingungen hätten bei manchen Kindern aber auch Defizite zugenommen. Mit ihren Mitstreitern hat sie 20 Tablets organisiert, die die Kinder leihweise mit nach Hause nehmen. Das brauchte Vorlauf. «Erst wurde alles mit den Eltern abgesprochen. Internet muss verfügbar sein.» Wichtig auch: «Auf den Tablets haben wir außer dem Lesestoff nur ein paar Konzentrationsspiele installiert.» Genutzt wird die für Schulen konzipierte Plattform «Onilo.de» mit vielen Märchen und Sachgeschichten.

Lesekompetenz gilt als zentral für den Bildungserfolg. Die letzte Pisa-Leistungsvergleichsstudie hatte hier Ende 2019 erhebliche Schwächen offengelegt. So kann jeder fünfte 15-Jährige Texte nicht sinnerfassend lesen. «Das Lesen erweitert den Sprachschatz. Die Kinder lernen die Welt kennen, sie entwickeln Fantasie und auch Empathie», unterstreicht die Bundesvorsitzende Schaaf. «Wir haben auch in der Pandemie viele neue Mitstreiter gewonnen und hoffen, dass wir im nächsten Schulhalbjahr wieder mit voller Kraft weitermachen können.» (Yuriko Wahl-Immel, dpa)

Warum Lesen so wichtig ist – ein Plädoyer der Kinderbuchautorin Kirsten Boie

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1 KOMMENTAR

  1. Noch schöner wäre es, wenn diesem Kind deutlich einfachere Lesetexte angeboten würden.
    Wörter wie „trotteten“ oder „Süßwassergarnelen“ sind viel zu kompliziert/selten. Kreativität ist gut, aber das Wissen über den Leseerwerb ist auch sehr wichtig!

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