Kinder und Jugendliche bewegen sich im Lockdown mehr als erwartet, aber…

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KARLSRUHE. Trotz des Wegfalls der Sportangebote haben sich Kinder und Jugendliche im Frühjahrslockdown täglich mehr bewegt als zuvor, stellt eine Karlsruher Studie fest. Allerdings sei Quantität nicht gleich Qualität, so die beteiligten Wissenschaftler.

Bewegung gibt’s auch außerhalb organisierter Sportangebote – aber… Foto: Shutterstock

Als im Frühjahr 2020 Fußballklubs und Turnvereine wegen der Corona-Pandemie für mehrere Wochen geschlossen waren, haben Kinder und Jugendliche sich Bewegungsmöglichkeiten im Alltag gesucht. Dabei haben sie sich rund 36 Minuten länger pro Tag in ihrem Alltag bewegt, verbrachten aber auch eine Stunde länger am Bildschirm, stellt jetzt eine gemeinsame Studie des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) und der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe (PHKA) fest. Insgesamt waren mehr als 1700 Kinder und Jugendliche zwischen vier und 17 Jahren in die Studie einbezogen.

„Erstaunlicherweise haben sich die Jungen und Mädchen für den Wegfall der Sportangebote Ersatz gesucht, und zwar auch diejenigen, die vorher nicht sportlich aktiv waren“, stellt KIT-Sportwissenschaftlerin Claudia Niessner fest, gemeinsam ihrer Kollegin Doris Oriwol, Leiterin des Untersuchungsprojekts im Rahmen der Motorik-Modul-Studie (MoMo) zu motorischer Leistungsfähigkeit und Bewegungsverhalten von Kindern und Jugendlichen. Die Forscher fanden unter anderem heraus, dass sowohl die allgemeine Bewegungszeit als auch die vor dem Bildschirm verbrachte Zeit zugenommen haben. Studienautor Steffen Schmidt erläutert: „Es ist nicht so, dass mehr Medienzeit per se weniger körperliche Aktivität bedeutet. In beiden Bereichen gibt es U-förmige Zusammenhänge mit einem gesunden Lebensstil.“

Einschränkend betonen die Wissenschaftler, dass Alltagsbewegung weniger intensiv sei als Vereinssport. Überdies zeige die Untersuchung, zwar, dass die Alltagsaktivität zugenommen habe, allerdings sei dies eine Momentaufnahme in einem außergewöhnlich warmen Frühjahr gewesen. „Quantität ist nicht Qualität“, pointiert Alexander Woll, verantwortlicher Leiter der MoMo-Studie. „Spielen im Freien, Fahrradfahren, Garten- oder Hausarbeit haben nicht dieselbe Intensität wie Training und Wettkämpfe im Verein. Außerdem fallen ohne Verein und Schule die sozialen Aspekte weg“, betont der Sportwissenschaftler.

Vor dem Lockdown habe es so viel Vereinssport gegeben wie noch nie. Rund 60 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland seien in Sportvereinen aktiv. „Wie sich der Wegfall von Sport in Schule und Verein langfristig auf die Motorik oder das Übergewicht auswirkt, wissen wir noch nicht“, so Woll. Die Schließung der Vereine bedeutete laut Studie im Schnitt 28,5 Minuten weniger Sport pro Tag. „Digitale Bewegungsangebote haben zwar zugenommen und werden weiterwachsen, es macht aber einen Unterschied, ob ich mich vor dem Bildschirm bewege oder über eine grüne Wiese laufe“, sagt Woll.

Neben ihrer Alltagsbewegung hätten die Kinder und Jugendlichen knapp 18 Minuten mehr pro Tag mit „unorganisiertem Sport“ verbracht, etwa Kicken, Basketball- oder Federballspielen, nämlich rund 24 statt knapp sieben Minuten vor dem Lockdown. Auch wenn die von der WHO empfohlenen 60 Minuten Bewegung pro Tag nicht erreicht worden seien, habe der Lockdown, Alexander Woll zufolge, die Bewegung eher gefördert.

Mit Blick auf das Aktivitätsverhalten in der aktuellen Lockdown-Situation im Winter zeigt sich Woll eher skeptisch. Zwar sei der Schulsport noch offen, das sei positiv, aber die Outdoor-Bewegungsmöglichkeiten würden in der kalten, dunklen Jahreszeit wohl deutlich weniger genutzt, erklärt er.

Nicht zuletzt hätten sich außerdem deutliche Unterschiede im neuen Bewegungsverhalten der Jugendlichen gezeigt: „Unsere Untersuchung zeigt, dass es eine große Rolle spielt, in welcher Umgebung die Kinder und Jugendlichen leben“, so Claudia Niessner. Am meisten bewegt hätten sich diejenigen, die in einem Einfamilienhaus in einer kleinen Gemeinde wohnen, am wenigsten die Kinder und Jugendlichen, die in mehrstöckigen Häusern in der Großstadt zu Hause sind. „Bewegungsflächen verschwinden in der Stadtplanung, hier ist dringend eine Gegenbewegung nötig“, sagt Woll. (zab, pm)

• Über die Ergebnisse berichten die Wissenschaftler in der Zeitschrift Scientific Reports.

Auf verlorenem Posten: Der Sportunterricht kommt gegen den Bewegungsmangel nicht mehr an

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2 KOMMENTARE

  1. Natürlich bewegen sie sich mehr. Wir sind zu Hause seit März. Unsere Kinder haben sich nie mehr bewegt, als alle diese Monate zu Hause. Wir haben Zeit für alles. Für das richtige Essen, für das Lernen, für Musik machen, für das sehr viel Lesen, jeden Tag mindestens ein bißchen drau0en, Frühlng, Sommer und Herbs ein Paar Stunden waren drin und trozdem Leistungen in der Schule prima, nie besser sogar. Freunde treffen wir online – und das ist der einzige Nachteil solches Lebens. Es geht auch anders das Leben zu leben nicht nur den ganzen Tag an dem Tisch sitzen (Büro, Schule et..) + 1 bis 2 Stunden im Verkehr, oder länger. Aber „helige Kuh“ das Kapital würde den Menschen so ein Leben zu führen nie erlauben.

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