HILDESHEIM. Die Schulleitung der Oskar-Schindler-Gesamtschule in Hildesheim treibt seit Jahren die Schulentwicklung hin zu offenem und selbstreguliertem Lernen voran. Doch wie lassen sich solche Veränderungsprozesse in Gang setzen, ohne das Kollegium zu überfordern? Thomas Oks, didaktischer Leiter der Schule, erklärt im Interview, warum Schulleitungen eine klare Vision, Geduld und eine ausgeprägte Fehlerkultur brauchen, weshalb neue Ansätze zunächst im Kleinen erprobt werden sollten – und wie digitale Technik dabei hilft, individuelles Lernen zu strukturieren. Auch für Lehrkräfte zahle sich die Umstellung aus: Nach einer zunächst aufwendigeren Einarbeitungs- und Vorbereitungsphase werde die Arbeit planbarer und der Aufwand deutlich geringer.

News4teachers: Warum braucht es eine Schulentwicklung hin zu selbstreguliertem Lernen – und wie sind Sie den Prozess angegangen?
Oks: Für unsere Schülerinnen hat sich die Welt verändert, sie ist unstetiger geworden, unplanbarer und unstetiger. Künstliche Intelligenz, veränderte Arbeitsformen und vieles mehr haben unsere Gesellschaft verändert. Nur Schule und die Ausbildung der Kolleginnen in Studienseminaren haben sich wenig geändert. Wir haben zunächst ganz einfach angefangen und in einigen Stunden und Fächern das Lernen mit Lernplänen individualisiert und geöffnet.
Das klappt bei Schulentwicklung bis zu einem bestimmten Punkt: Ein Kollege probiert etwas aus, eine Klasse probiert es aus, vielleicht ein Jahrgang. Irgendwann treten aber Hürden auf und so muss Digitalisierung bei Schulentwicklung als ein wichtiger Baustein mitgedacht werden. Alle arbeiten an einem Word-Dokument oder an irgendeinem anderen Dokument, der eine ändert etwas, der Datenstand passt nicht. So sind wir dazu gekommen, dass wir unsere Lernpläne – heute heißen sie Fokuspläne – digitalisieren wollten.
Dann schaut man sich um und findet in Deutschland ein paar Anbieter. Wir haben mit einer Gruppe etwas ausprobiert und festgestellt, dass die zunächst ausgewählte Lösung für uns aus verschiedenen Gründen nicht passte.
Parallel ging die Schulentwicklung weiter. Wir wollten mit Lernplänen arbeiten, die Schülerinnen und Schüler sollten sich ihre Aufgaben selbst heraussuchen. Gleichzeitig ging es um eine Haltungsänderung: Wir wollten mehr Schülerfeedback, in bestimmten Fächern mit Projekten arbeiten und Selbstreflexion und Selbstregulation stärken. Das lief zunächst noch über einen Jahresplaner. Wir haben also versucht, das alles in den normalen Unterricht und das normale System zu pressen.
Dabei entstanden Schwierigkeiten. Wenn ich zum Beispiel ein Coaching-Gespräch führen wollte, das immer freitags in der fünften oder sechsten Stunde lag, und dann war ein Feiertag, fiel dieses Coaching-Gespräch aus.
„Ein Kollege fängt an, es auszuprobieren, der andere schaut ihm über die Schulter. Jeder hat es mal gemacht und geschaut. Dann gab es immer mehr Stimmen, die sagten: Das gefällt mir“
News4teachers: Was passiert in diesen Coaching-Gesprächen?
Oks: Da geht es darum, wo die Schülerinnen und Schüler stehen, wie die Woche gelaufen ist und was die Ziele für die nächste Woche sind. Wenn diese Gespräche ausfallen, stolpern sie ziemlich unkontrolliert in die nächste Woche. Dann hat dieses ganze selbstregulierte Lernen und die Selbstreflexion irgendwann keinen Sinn mehr, wenn es nur noch heißt: Hier ist das Material, mach mal.
Wir mussten also eine Lösung finden, weil dieser starre Schulalltag nicht zu unserem offenen Konzept passt. Da gibt es verschiedene Säulen der Schulentwicklung: Muss ich den klassischen Unterricht verändern? Brauche ich noch die klassischen Fächer? Wie sieht die Arbeitsverteilung von Lehrkräften aus? In welchen Räumen findet Lernen heute überhaupt statt? Und Digitalisierung ist ein weiterer Punkt: Welche digitale Unterstützung brauche ich, um das zu ermöglichen?
Die Tools, die wir bisher hatten – eine klassische Klassenbuchsoftware, Papierpläne beziehungsweise Pläne in Office oder Goodnotes – funktionierten dafür nicht mehr. Ich brauche eine Struktur, um dieses selbstregulierte Lernen abzubilden.
Dann sind wir auf lernlog gestoßen, damals noch in einem relativ frühen Entwicklungsstadium, und haben es ausprobiert. Wir fanden die Übersichtlichkeit und die ganze Herangehensweise, das Mindset von lernlog und dem Team, sehr sympathisch. Das matcht. Die Einstellung zu Schülerinnen und Schülern, zu Schule, Lernen und Gesellschaft, die Haltung, hat zu uns als Schule gepasst.
News4teachers: Wie haben Sie das Tool dann an der Schule eingeführt?
Oks: Das war ein Herantasten. Ein Kollege fängt an, es auszuprobieren, der andere schaut ihm über die Schulter. Jeder hat es mal gemacht und geschaut. Dann gab es immer mehr Stimmen, die sagten: Das gefällt mir, aber das könnten wir noch ändern, und das würde mir noch mehr helfen. So ging dieser Entwicklungsprozess schrittweise weiter und immer mehr Menschen an unserer Schule kamen dazu.
Wir haben festgestellt, dass sie erstaunlich schnell in lernlog reingekommen sind. Sie haben schnell verstanden, was wir von ihnen möchten. Es war einfach.
Dann kamen immer mehr Kolleginnen und Kollegen dazu, ohne dass wir eine Verpflichtung ausgesprochen haben. Wir haben nicht gesagt: Ihr müsst jetzt diese Software nutzen. Sondern: Probiert es aus, gebt Feedback – was fehlt euch noch?
Interessanterweise haben gerade Förderschulkolleginnen und -kollegen, die mit leistungsschwächeren Schülerinnen und Schülern arbeiten, gemerkt: Da ist ein Zugang, die Schülerinnen und Schüler verstehen das. Eine Kollegin erzählte von einer Schülerin mit Förderschwerpunkt geistige Entwicklung. Für sie war das sehr einleuchtend, weil grüne Kugeln erschienen, wenn sie etwas erledigt hatte.
Jetzt sind wir in der Schulentwicklung an einem Punkt, an dem wir sagen müssen: Wir haben viel getestet, uns viele Sachen angeschaut und den Kolleginnen und Kollegen viel präsentiert. Irgendwann kommt die Entscheidung.
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Wie können Lehrkräfte selbstgesteuertes Lernen praktisch organisieren? Hier setzt die Web-App lernlog an. Entwickelt von der gemeinnützigen lernlog gGmbH in Bonn, einer Initiative der Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft, unterstützt das digitale Tool Schulen und Lehrkräfte dabei, individuelle Lernprozesse zu strukturieren und zu begleiten.

lernlog fungiert als digitales Logbuch: Schülerinnen und Schüler planen ihre Lernziele, dokumentieren Fortschritte und reflektieren ihre Arbeit. Lehrkräfte erhalten Werkzeuge für Feedback und Lernberatung. Für die Primarstufe gibt es „lernlog kids“. Schulen werden bei der Einführung begleitet und können sich in einer Community vernetzen. E KI-gestützter Service wird gerade integriert, der individuelles Feedback weiter datengestützt verbessert.
Selbstständiges Lernen optimal begleiten, im Team zusammenarbeiten, Ressourcen besser verteilen und nutzen! lernlog macht selbstgesteuertes Lernen einfach, wirkungsvoll und zukunftsfähig.
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News4teachers: Wie geht es zeitnah weiter?
Oks: Nach intensiver Vorbereitung durch die Schulentwicklungsgruppe und mehreren Feedbackschleifen wird der Antrag zur Einführung in der Gesamtkonferenz gestellt, wo alle Mitglieder unserer Schulfamilie an der Entscheidung beteiligt werden.
Die Erfahrung aus der bisherigen Schulentwicklung ist: Wenn ich die ganze Schule auf einmal umstülpe, ist das zum Beispiel für Zehntklässler schwierig. Die sind damit nicht groß geworden, sie kennen das nicht. Für ein halbes Jahr ihnen das noch beizubringen, ist schwierig.
Hinzu kommt, dass Niedersachsen jetzt Tablets für Kinder aufsteigend ab dem 7. Jahrgang gibt, was es noch einmal deutlich einfacher macht. Bisher mussten die Eltern sie kaufen, wobei wir vorher auch schon eine Eins-zu-eins-Ausstattung hatten. Unsere Fünftklässler lernen lernlog schon im fünften Jahrgang kennen. Momentan geht das mit iPad-Koffern, aber mit einer vollständigen Ausstattung ist es natürlich deutlich einfacher.
News4teachers: Wie verändert sich dadurch der Unterricht konkret?
Oks: Auf den ersten Blick ändert sich der Unterricht nicht direkt durch lernlog, sondern durch die Veränderung des Lernens. Niedersachsen hat jetzt den neuen IGS-Erlass herausgegeben, nach dem Lernen geöffnet und individualisiert werden soll.
Dieses klassische „Alle bearbeiten jetzt Aufgabe 3 im Buch und die Schnellen können danach noch Aufgabe 3b machen“ haben wir bereits verändert. Die Stärkeren oder die Schwächeren bearbeiten Aufgaben auf unterschiedlichen Niveaus. Die Stärkeren machen also etwas Komplizierteres und nicht einfach nur mehr.
Dadurch schaffe ich ein ganz anderes Lernen und eine andere Atmosphäre, weil meine Rolle nicht mehr die des Lehrers, sondern die eines Lernbegleiters ist. Ich habe ein vorbereitetes Lernangebot und kann mich in den 90 Minuten, die ich die Klasse momentan noch habe – dieses Zeitraster haben wir noch –, voll auf die Schülerinnen und Schüler konzentrieren. Ich muss mich nicht darauf konzentrieren, welche Folie ich als Nächstes anklicke oder welches Arbeitsblatt ich austeile.
Lernlog ist für uns die Unterstützung, um das noch viel besser zu strukturieren. Die Pläne sind digital und können bearbeitet werden. Sie sind alle in einem einheitlichen Format. Es ist nicht so, dass ein Kollege plötzlich meint, er macht seinen Plan in Rosa, während alle anderen ihn bisher in Hellblau gemacht haben und die Schülerinnen und Schüler irritiert sind. Gleichzeitig kann ich unterschiedliche Layouts beispielsweise für jüngere Klassen einstellen.
Und ich kann Coaching-Termine organisieren. Das ist für uns eine ganz wichtige Sache. Ich kann Schülerinnen und Schüler zu einem Zeitpunkt einladen, der in meinen Stundenplan passt, statt zu sagen: Freitag in der fünften oder sechsten Stunde fällt aus, also habe ich jetzt keinen Coaching-Termin mehr.
„Wenn man mit Veränderung kommt, gibt es natürlich erst einmal Widerstand, weil Veränderung immer mehr Arbeit bedeutet – zumindest gefühlte Mehrarbeit“
News4teachers: Findet dieses Coaching dann online statt?
Oks: Nein. Das findet zum Beispiel in einem Raum wie dem statt, in dem ich gerade sitze, manchmal auch im Klassenraum, je nachdem. lernlog ist ein Baustein in unserem Schulentwicklungsprozess, bei dem wir gerade dabei sind, den Unterricht noch weiter zu öffnen.
Wir müssen also überlegen, wie und wann klassischer Unterricht aufgelöst werden kann. Dies ist ein Schwerpunkt der Arbeit unserer Schulentwicklungsgruppe. Wir erhalten in den nächsten Jahren eine umfassende Schulsanierung. Da tut sich ganz viel. lernlog ist als Digitalisierungsplattform ein Strang dieser umfassenden Transformation unseres Systems.
News4teachers: Sie haben beschrieben, dass sich die Lehrerrolle deutlich verändert. Was bedeutet das für den Arbeitsaufwand? Ist zunächst mehr Vorbereitung nötig und wird der Unterricht dafür später leichter?
Oks: Wenn man mit Veränderung kommt, gibt es natürlich erst einmal Widerstand, weil Veränderung immer mehr Arbeit bedeutet – zumindest gefühlte Mehrarbeit. Das andere kenne ich schon, das habe ich vielleicht in meinem Ordner: Den tropischen Regenwald mache ich jedes Mal in der siebten Klasse, das Material ist vorhanden. Und jetzt muss ich auf einmal etwas ändern.
Vielleicht werden sogar Fächer zusammengelegt, damit sie für die Schülerinnen und Schüler sinnstiftender sind. Von daher gab es natürlich viel Vorbereitung. Lernpläne müssen erstellt werden, bei uns heißen sie Fokuspläne. Die haben wir bisher in Deutsch, Mathematik und in unserem themenorientierten Unterricht, der sich aus Gesellschaftslehre und AWT zusammensetzt.
News4teachers: Diese Fokuspläne entwickeln Sie selbst?
Oks: Genau. Die sind alle selbst entwickelt. Die Kolleginnen und Kollegen müssen Zeit investieren, meistens entwickeln sie die Pläne zu zweit. Dann gibt es noch eine Person für das Qualitätsmanagement, die darauf schaut, ob der Plan sich an den Kompetenzen orientiert, die wir den Schülerinnen und Schülern vermitteln müssen. Wir haben schließlich weiterhin eine Abschlussprüfung.
Natürlich gab es zunächst dieses Stöhnen: Oh Gott, so viel Arbeit, das habe ich noch nie gemacht, ich weiß gar nicht, wie das funktioniert. Es ist zunächst ein höherer, aber planbarer Aufwand. Ich weiß: Jetzt bin ich mit einem Plan dran, und bis zu einem bestimmten Zeitpunkt muss er fertig sein. Bestenfalls mache ich das einmal intensiv und arbeite danach nur noch Feedback ein. Der Arbeitsaufwand ist also erst höher, minimiert sich aber dann.
Jetzt kann ich meinen Sonntag viel mehr auf der Terrasse oder mit meiner Familie genießen, weil diese Pläne fertig sind. Sie sind den Schülerinnen und Schülern bereitgestellt. Ich komme in die Schule, gebe je nach Stand der Lerngruppe noch einmal zehn Minuten Input und kann sehen: Wo steht ihr? Wo liegen gerade eure Schwierigkeiten? Dann kann ich auf einzelne Schülerinnen und Schüler eingehen. Wenn 19 sagen, sie haben keine Schwierigkeiten, können die weiterarbeiten. Dann nehme ich die fünf anderen und coache sie noch einmal. Ich muss nicht 24 Schülerinnen und Schüler mit etwas betreuen, das sie vielleicht gar nicht hören wollen, weil sie ganz andere Schwierigkeiten haben. lernlog ist das Werkzeug, um diese Lernmethode möglich zu machen.
News4teachers: Wie viel von der Kommunikation läuft dabei digital?
Oks: Im Unterricht nur ganz wenige Häppchen: Wie weit bin ich? Wo habe ich Schwierigkeiten? Der Rest ist persönlich. Klar kann man lernlog auch für das Lernen zu Hause benutzen, weil die Pläne für die Schülerinnen und Schüler da sind. Dann brauche ich aber noch ein anderes Feedback. Mit Hilfe der eigenen KI von lernlog kann Inauch Feedback gegeben werden. Aber das persönliche Gespräch, das persönliche Coaching und die persönliche Begleitung ersetzt das nicht.
News4teachers: Wenn die Hürde der Umstellung und Vorbereitung einmal genommen ist, erleichtert das also den Berufsalltag?
Oks: Ja. Wir sind 2020 Smart School geworden, eine von diesen 160 digitalen Vorreiterschulen der Bitkom. Wir haben uns schon sehr früh mit iPads und dieser ganzen Technik beschäftigt. 2020 wurde das dann auf einmal für alle interessant.
Aus dieser Erfahrung würde ich sagen: Um IT, Systeme oder Plattformen in Schule zu bringen, braucht man einen langen Atem. Ich kann nicht kommen und sagen: Morgen läuft Lernlog bei mir und morgen nutzen alle lernlog. Wir sind jetzt knapp zwei Jahre dabei, es auszuprobieren, immer wieder nachzusteuern und zu sagen: Das ist das, was für uns funktioniert.
Wir hatten vorher eine andere Plattform, bei der wir uns eigentlich ziemlich sicher waren, dass wir sie nutzen. Nach einem halben Jahr haben wir festgestellt: Nein, machen wir nicht. Da gab es Sachen, etwa bei der Zuverlässigkeit, die nicht funktioniert haben.
News4teachers: Würden Sie Schulleitungen deshalb einen freiwilligen Vorlauf empfehlen – also das System zunächst denjenigen anzubieten, die es ausprobieren möchten?
Oks: Genau. Immer Entscheidungsmöglichkeiten geben. Wir haben uns mit einem Team damit beschäftigt, uns den Markt angeschaut, hospitiert und Gespräche geführt. Dann muss man sagen: Das sind die Möglichkeiten, das sind die Vorteile, das sind die Risiken. Wo wollen wir hin? Unterstützt uns das als Schule in unserer Schulentwicklung? Zahlt es auf unser Leitbild ein, auf das, wo wir hinwollen? Das ist, glaube ich, ganz wichtig.
Ich würde so etwas erst einmal mit einer Gruppe von Interessierten austesten und vielleicht noch eine kleinere Gruppe suchen, die Feedback gibt, bevor ich in die große Konferenz gehe. Denn in einer Gesamtkonferenz – in anderen Bundesländern heißt das vielleicht Lehrerkonferenz – kann etwas ganz schnell zerrissen werden, wenn sich eine entsprechende Stimmung entwickelt.
Wenn man erst einmal eine kritische Masse hinter sich hat, weil diese Kolleg*innen sich dafür interessiert und sich damit beschäftigt haben, ist vieles einfacher. Das ist unsere Erfahrung aus den letzten Jahren. Es zerstört ja auch den Enthusiasmus von Engagierten, wenn sie etwas heraussuchen und dann gibt es eine laute Stimme in der Konferenz und wichtige Entwicklungsschritte scheitern.
News4teachers: Ein Einwand gegen „freies Lernen“ lautet, es funktioniere nur für leistungsstarke und hoch motivierte Schülerinnen und Schüler. Sie haben aber beschrieben, dass auch Förderschülerinnen und -schüler damit zurechtkommen. Wovon hängt es ab, dass selbstständiges Lernen funktioniert?
Oks: Ich glaube, man muss mit dem Begriff „freies Lernen“ aufpassen. Unsere Schülerinnen und Schüler lernen ja nicht irgendetwas, worauf sie gerade Lust haben. Wir haben Ziele. Die Schülerinnen und Schüler überlegen sich gemeinsam mit den Lehrkräften im Coaching-Gespräch feste Schritte.
Sie wissen zum Beispiel: Ich mache in Mathematik das Thema Bruchrechnen bis zu einem bestimmten Punkt in dieser Woche. Ob ich dafür am Montag sechs Stunden arbeite oder mir die ganze Woche dafür nehme, ist eine andere Frage. Aber das ist mein Ziel. Und wenn ich Schwierigkeiten habe, kann ich mich an eine Person wenden.
Wenn Lehrkräfte oder Lernbegleiter gut unterstützen können und wenn die Schülerinnen und Schüler Methoden an die Hand bekommen haben, mit denen sie Ziele formulieren und ihr Lernen strukturieren können, dann funktioniert das für alle – für Leistungsschwächere genauso gut wie für Leistungsstarke.
Aber ich brauche einen Werkzeugkoffer an Methoden, um mir dieses Lernen zu ermöglichen. Und es ist unsere Aufgabe, diesen Werkzeugkoffer mitzugeben.
News4teachers: Beim Strukturieren hilft dann die Technik?
Oks: Genau. Ich habe eine einfache Struktur, in der ich meine Ziele sehe. Aber die Werkzeuge davor sind genauso wichtig. Wie formuliere ich ein Ziel? Dabei kann vielleicht auch KI-Unterstützung eine Möglichkeit sein, wie sie in lernlog vorhanden ist. Die KI könnte bei Lernzielen noch einmal nachfragen: „Das ist kein Ziel, mach es noch einmal genauer. Was willst du wirklich?“
Aber wir müssen den Schülerinnen und Schülern auch vermitteln: Was ist realistisch? Wie bereite ich meinen Platz vor, damit ich arbeiten kann? Was brauche ich, um lernen zu können? Brauche ich Ruhe oder einen Partner? Dieser „Werkzeugkoffer“ muss erst gefüllt sein, bevor ich mein Lernen weiter öffne.
„Wir wollen, dass Schülerinnen und Schüler immer mehr partizipieren, dass Eltern immer mehr partizipieren und auch wir als Kollegium wollen partizipieren“
News4teachers: Müssen Schülerinnen und Schüler diese Fähigkeiten schon beherrschen, bevor sie selbstständiger lernen können, oder lernen sie das beim Tun?
Oks: Das Lernen muss begleitet weiterlaufen, aber wir bringen ihnen zunächst Grundlagen bei. Wenn die Schülerinnen und Schüler zu uns kommen, kennen viele das aus der Grundschule noch nicht. Es gibt einzelne Grundschulen, die schon so arbeiten. Das macht es natürlich einfacher.
Denjenigen, die es nicht kennen, müssen wir es erst einmal beibringen. Da gibt es ganz viel Training, das tatsächlich analog auf Papier stattfindet: Wie formuliere ich ein Ziel? Was ist überhaupt realistisch zu schaffen? Welches Niveau wähle ich für mich aus? Wie führe ich ein Coaching-Gespräch?
Das ist bei uns am Anfang noch gar nicht digital, sondern geht erst aufsteigend in die digitale Form über. Je mehr Grundschulen schon vorarbeiten und je mehr die Schülerinnen und Schüler an dieses Lernen gewöhnt sind, desto einfacher wird es in den weiterführenden Schulen.
News4teachers: Gibt es einen Aspekt, der Ihnen besonders wichtig ist und den wir bisher noch nicht erwähnt haben?
Oks: Ein wichtiger Punkt beim Einsatz von Software oder Plattformen in Schule ist für mich: Wie ernst wird die Mitsprache derjenigen genommen, die sie nutzen?
Wir probieren die Sachen aus, wir haben die Erfahrung. Die Frage ist: Wie läuft dieser Prozess? Ist er nur top-down? Was sind die Bedürfnisse an der Basis, und wie funktioniert es, dass diese Basis wahrgenommen wird? Ich glaube, das wird bei lernlog sehr ernst genommen: die Partizipation. Das ist ja auch das, was wir an Schule wollen. Wir wollen, dass Schülerinnen und Schüler immer mehr partizipieren, dass Eltern immer mehr partizipieren und auch wir als Kollegium wollen partizipieren. Ich glaube, es ist eine Stärke von lernlog, dafür ein Ohr zu haben und Dinge verändern zu wollen, statt nur die Softwarebrille aufzuhaben.
News4teachers: Sie haben also den Eindruck, dass Ihre Anliegen und Kritik aufgenommen werden und in die Entwicklung der Lösung einfließen?
Oks: Ja, genau.
News4teachers: Welche Rolle spielt die Schulleitung bei einem solchen Veränderungsprozess? Was braucht es von ihrer Seite?
Oks: Wenn ich meine Rolle betrachte: Wir sind zu dritt in der Schulleitung, ich bin die didaktische Leitung und damit auch für das pädagogische Konzept und seine Umsetzung mitverantwortlich. Ich glaube, man muss in so einer Rolle Innovator sein. Man muss eine Idee haben: Da kann es hingehen.
Und man muss ermöglichen. Wenn ein Kollege kommt und sagt: „Ich möchte dies und das ausprobieren“, muss ich die Möglichkeit geben, dass er das ausprobieren kann. Ich muss vom Mindset so weit sein, dass ich sage: Ja, das kann Sinn machen. Wenn ich innovationsfeindlich bin, brauche ich damit nicht anzufangen.
Ich brauche diese Innovationsfreudigkeit und die Haltung, dass man auch Fehler machen darf. Wir haben Energie in eine andere Plattform gesteckt und irgendwann gesagt: Nein, das stampfen wir wieder ein und schauen uns neu um. Wir dürfen Sachen ausprobieren, die auch nicht funktionieren. Ich darf Fehler machen und ich darf auch darüber sprechen, dass etwas nicht geglückt ist.
Innovator, Fehlerkultur, Ermöglicher – und Vision. Ich brauche eine Vision. Ich muss als Schulleitung wissen, wozu mich lernlog unterstützt. Ohne meine Haltung zu ändern, brauche ich es nicht. Ich muss auch meinen Blick auf Schule ändern, damit das funktioniert. News4teachers / Andrej Priboschek führte das Interview
Hier geht es zu allen Beiträgen des News4teachers-Themenmonats Beruf Schulleitung.
lernlog: Mit dem Digitalpakt Schule den digitalen Wandel gestalten










Wir machen das auch mit SOL, das ist echt super!! Und wir sind bei der Hitze in den online Unterricht gegangen. Da jetzt alle tablets besitzen, ging das recht einfach. Habt ihr auch schon alle tablets bekommen? Diese Schulprogramme werden auch immer besser, manchmal hören wir Schüler besser als in der Klasse und viele trauen sich online auch mehr. Also diese Mischung ist echt genial!!
Warum sollten Kids aus sozial schwachen Verhältnissen, die in beengten Wohnungen leben, davon etwas haben?
Nur mit digitalen Geräten, neuen Produkten und Selbstlernzeiten bekommen wir das hin. Das ist gelebtes Homeoffice und bringt Lehrern die ersehnten 2 Tage Homeoffice pro Woche durch Digitalunterricht. Endlich!
Sie meinen Gymnasiallehrkräften und S*S an Gymnasien mit disziplinierter und ambitionierter Schüler*innenschaft?
Woanders funktioniert das nämlich nicht.
Egal, was da im Artikel steht.
Funktioniert auch mit GymnasiastInnen nicht wirklich.
So ist es! Leider!
Vor allem nicht bei denen, die leistungsmäßig am unteren Level herumkraxeln, (meist) nicht bei denen, die Dank ihrer Eltern die falsche Schulform besuchen (müssen) und nicht bei denen, die einfach keinen Bock haben – warum auch immer!?!
Es bedarf ggf. jedenfalls zusätzlicher Unterstützung (Wink aus der Sonderschule)
Ambitioniert ist das Stichwort. Gymnasium nicht zwingend, obwohl mir bewusst ist, dass der Anteil ambitionierter Kinder an den Gymnasien deutlich höher ist als an den anderen Schulformen.
Bitte erklären Sie mal den Zusammenhang zwischen Selbstorganisiertem Lernen, Projektartigem Lernen oder gar „Deeper Learning“ der Schüler und Ihrer Vorstellung von „Homeoffice“!
Wenn Sie solches Lernen richtig machen wollen, und die Schüler nicht einfach sich selbst überlassen, ist das deutlich mehr Arbeit als klassischer Unterricht und klappt auch nicht einfach zu Hause.
nein, ist es nicht! Jede Firma bekommt das hin.
Ich gebe zu, meine Sätze waren lang. Vielleicht hier für Sie etwas verständlicher und in einfacher(er) Sprache:
Richtig gemacht ist Projektartiges Lernen sehr aufwändig. „Deeper Learning“ ist noch aufwändiger. Es ist viel aufwändiger als klassischer Unterricht.
Für Kinder ist das schon in der Schule sehr schwer. Alleine zu Hause ist es für Kinder noch viel schwerer.
Lehrer können nicht einfach auf der Terrasse sitzen. Nein, sie müssen arbeiten. Bei solchen Lernansätzen müssen sie sogar noch viel mehr arbeiten. Dann können sie noch weniger auf der Terrasse sitzen. Dann sind sie traurig.
Deshalb helfen solche Ansätze nicht den Lehrern, die lieber auf der Terrasse sitzen wollen…
Jede Firma bekommt das hin.
In der Schule sind kleinere, jüngere Menschen. Die haben noch nicht so viel gelernt. In einer Firma arbeiten erwachsene Menschen. Die sind schon groß und können mehr als Kinder. Daher können erwachsene Menschen in Firmen Dinge machen, die Kinder noch nicht können.
sie sind nur anti, sie wollen nicht. Noch nicht mal einen Kompromiss, wie schade für alle!
…eine Schule ist aber keine „Firma“! Und auch nicht in jeder „Firma“ klappt das, ist nicht überall gewollt und/oder gekonnt!
Didaktische Leitung…gut gemeint, sehr engagiert, aber Pläne, Konzepte, Konferenzen usw., sehr ‚leitungsmäßige‘ Sichweise darauf. Das klingt vernünftig, wäre es sogar, wenn alle die Zeit dafür hätten. Bsp.: wann zum T… soll man denn Coachinggespräche führen?Ich habe über 30 fünfzehnjährige SuS, fünf Flüchtlingskinder mit rudimentären Deutschkenntnissen, einige ADHS, zwei nicht diagnostiziert aber offensichtlich ESE, bin inzwischen gut bekannt mit dem Jugendamt, ab und zu Polizei, nur die Eltern der ‚Problemfälle‘ trifft man nicht so leicht. Coaching…?
Eine Kleinigkeit wäre vielleicht noch zu erwähnen: „Am 14. November 2024 sind die…Schule und das Centrum für Lehrkräftebildung und Bildungsforschung der Uni Hildesheim eine wegweisende Kooperation eingegangen“, muss wohl zufällig unter den Tisch gefallen sein.
Die Homeschooling-Fans sollten einmal etwas genauer lesen, die -angeblich nur anfängliche- Mehrarbeit ist beträchtlich. Meine didaktische Leitung neigt übrigens sehr dazu, die lästigen kleinen Restarbeiten oder den laufenden Aufwand, der dauerhaft im Hintergrund erledigt werden muss, deutlich zu unterschätzen.
Ich gebe Ihnen vollumfänglich Recht, und ich habe es letztendlich abgelegt, ein schlechtes Gewissen zu haben, wenn ich von hervorragend funktionierenden Projekten und pädagogischen Konzepten lese. Jede Schule hat andere Voraussetzungen und eine individuell ausgerichtete Schülerschaft, ich würde sogar behaupten, dass bei manchen Klassen gewisse selbständige Lernprojekte funktionieren und bei manchen nicht, bei manchen Schülern innerhalb der Klasse sind sogar eklatante Unterschiede.
Es hört sich immer alles so toll an, aber das große „Aber“ fehlt, dies und jenes funktioniert eben nicht so reibungslos, weil die unterschiedlichsten Voraussetzungen imSchulbetrieb einen Strich durch die Rechnung machen und der Dienstherr auch nicht unbedingt immer für optimale Voraussetzungen sorgt.
Mittlerweile wird der Lehrplan auch dermaßen vollgepackt, dass man Dinge, die gut gelaufen sind und das freie Arbeiten, was erheblich mehr Zeit erfordert, gefördert hat mit gutem Ergebnis (die Schüler reden nach dem Abi noch davon) herausnehmen muss, schweren Herzens. Ich habe so das Gefühl, dass man vor 20 Jahren noch viel mehr kreative Elemente in den Unterricht einbeziehen konnte, heute muss strikt auf ein Ergebnis sprich Abschlussprüfung vorbereitet werden (ich spreche von der FOS), sonst kommen die Eltern und beschweren sich, dass dies oder jenes Thema nicht intensiv vorbereitet wurde (obwohl man nie weiß, welcher Themenbereich nun in der Abschlussprüfung gefragt ist).
Distanzunterricht und digitales Lernen geht meines Erachtens nur mit hoch motivierten und disziplinierten Schülern, wir werden aber nicht umhin kommen, diese Form von Unterricht jetzt sukzessive aufzubauen und die Schüler dahingehend zu konditionieren. Ein schneller Wechsel, wie zu Corona Zeiten, wird nie funktionieren. Und die Sprachschwierigkeiten mancher Schüler erfordern weitere dringende Überlegungen, die momentan wenig unterstützt werden (der Stuhl, der dazugestellt wird).
So gesehen mögen die vielen positiven Beispiele von Schulleitern und ausgeklügelte Empfehlungen von Experten zwar Anreize und neue Impulse bieten, aber als Patentrezept für alle können sie keinesfalls dienen.
Wir Lehrer, und davon gehe ich in den meisten Fällen aus, sind durchaus offen für neue Ideen und waren auch in Krisenfällen wie Corona bereit, die Dinge in den Griff zu bekommen, auch wenn dies unedliche Mehrarbeit erforderte, aber auch zufriedenstellend war, wenn man dies gewuppt hat. Jedoch bei den kargen Voraussetzungen an den meisten Schulen kommt man nun mal an seine Grenzen.
An der Grundschule mache ich sehr gute Erfahrungen mit LOL – Lehrer organisiert Lernen, Schulen/Klassen mit SOL sind im Vergleich zu mir viel lauter und lernen deutlich weniger.
An der Grundschule hat man auch ein viel bequemeres Zeitfenster, um diese zeitaufwändigen und zweifellos pädagogisch wertvollen Lernmethoden unterzubringen.
Wenn irgendwo SOL mit weniger Vorbereitung als mein LOL praktiziert wird, ist es ziemlich schlechtes SOL, würde ich meinen.
@ Redaktion:
Ich hätte mir mal ein paar Nachfragen gewünscht, wie freies Lernen gelingt, wenn es nicht um das reine Abarbeiten von Arbeitsblättern und Lesen von Buchseiten geht.
Herr Oks benennt klar AWT, was bei uns in den ersten Jahren z.B. Werken (Holz/Metall) und Kochen beinhaltet. Das gleiche gilt besonders auch für Naturwissenschaften.
Wie soll es gelingen, die Kinder in freier Zeiteinteilung in Fachräumen werken, kochen oder experimentieren zu lassen? Da müssen immer genügend Fachlehrer zur Verfügung stehen…
Bei uns ist schon der Ansatz gescheitert, in Planarbeit die Schüler zu beaufsichtigen, wenn gleichzeitig ein Kind das Zusatzexperiment mit Wasser und Strom durchführen will, zwei Kinder mit mir ein Experiment mit dem Brenner nachholen wollen, viele Kinder in Ruhe dem Buch an Grundlagen arbeiten, die Schülerin mit Förderbedarf mich aber „ganz dringend“ braucht usw. Alleine ist das nicht zu machen!
Und selbst in Doppelsteckung in speziellen Forder-Kursen, in denen Schüler höherer Jahrgänge eigenständig Projekte mit Experimenten durchführen, kommt man schnell an seine Grenzen.
Ebenso würde mich interessieren, wie anschlussfähig die Schüler der Schule bezüglich der Oberstufe sind. Die Schule hat ja keine eigene Gymnasiale Oberstufe und „sieht“ nicht, wie gut die Schüler dort zurechtkommen.
Danke für dieses aufschlussreiche Interview! Jetzt braucht es „nur noch“ Kultusminister:innen, die Haltung und Innovationsgeist mitbringen…
Ich bin inzwischen großer Gegner offener Lernstrukturen.
Offene Lernstrukturen sind einerseits sexistisch:
Mädchen: Arbeiten an Wochenplänen oder Stillarbeit fällt ihnen empirisch leichter. Sie nutzen freie Lernphasen öfter zielgerichtet für Pflichtaufgaben und fangen fehlende Struktur im Unterricht öfter durch eigene Anpassungsleistung auf.
Andererseits werden neurodivergente Kinder und Kinder die unter Anderem mehr Anleitung brauchen komplett abgehängt.
Das spielt aber wahrscheinlich eh alles keine so große Rolle, da diese Kinder ja nicht an Gymnasien kommen und daher nur eine untergeordnete Rolle spielen.
Offene Lernstrukturen sind einerseits sexistisch:
Das kann nicht sein; fragen Sie mal einige Foristen hier.
Es gibt keinen Sexismus gegen Jungen und Männer, da wir in einer patriarchalen Gesellschaft leben. Sexismus gegen Männer gäbe es ganz bestimmt nur in einer matriarchalen Gesellschaft, die wir nunmal nicht haben…
Sie haben leider tatsächlich Recht, gerade Jungen sind jetzt schon in vielen Aspekten von Mädchen abgehängt. Gesellschaftlich haben wir leider andere Erwartungen an sie als an die „braven, fleißigen Mädchen“, gleichzeitig hängen Jungs in kognitiven Bereichen hinterher, können sich weniger organisieren und werden von offenen Lernformen benachteiligt.