Wissenschaftsbetrieb in der Pandemie – besonders der Mittelbau leidet

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FRANKFURT/MAIN. Relativ reibungslos ist der Lehrbetrieb an nahezu allen deutschen Universitäten in der COVID-19-Pandemie auf Onlineformate umgestellt worden. Doch auch der Wissenschaftsbetrieb ist stark von den Coronafolgen betroffen. Besonders junge Forscher mit unsicheren Verträgen am Anfang ihrer Karriere leiden, betont jetzt der Verband Deutscher Historikerinnen und Historiker (VDH).

Die Corona-Pandemie stelle den gesamten Wissenschaftsbetrieb vor massive Probleme, gerade auch die archivgestützte historische Forschung, so der VDH. Dies gilt insbesondere für Promovierende und Post-Docs mit befristeten Verträgen. Care-Verpflichtungen, geschlossene Bibliotheken oder auch die Unmöglichkeit, geplante Forschungsreisen anzutreten, verzögerten die wissenschaftliche Arbeit massiv, ohne dass sich in vielen Fällen die Finanzierungsdauer verlängere. Im schlimmsten Fall könne dies zu einem Abbruch des Forschungsprojekts führen. Der VHD fordert in diesem Kontext zusätzliche Abschlussfinanzierungen von sechs Monaten.

Der Wissenschaftsbetrieb lässt sich kaum 1:1 auf „Online“ umstellen, darunter leidet besonders der universitäre „Mittelbau“. Foto: Shutterstock

Viele Promovierende und Postdocs mit Kindern oder pflegebedürftigen Angehörigen hätten derzeit einen erheblichen Mehraufwand in der Betreuung. Die Schließung der Kitas und Schulen führte dazu, dass viele neben Arbeit und Forschung ihre Kinder betreuen oder auch beschulen mussten. Das Planen eigener Forschungsprojekte sei so nur sehr eingeschränkt möglich.

Wissenschaftler konnten 2020 außerdem ihre Forschungsaufenthalte nur eingeschränkt oder gar nicht wahrnehmen. Die Schließung von oder der stark eingeschränkte Zugang zu den Lesesälen der Archive mache eine Planung fast unmöglich, so der VDH. Bei geöffneten Archiven komme eine erhebliche Wartezeit auf einen Arbeitsplatz hinzu, die den Forschungsprozess und den Abschluss des Forschungsprojekts verzögere. Aufgrund des erhöhten Aufkommens und der eingeschränkten Arbeit der Archive sei auch die Wartezeit für digitalisiertes Material häufig lang. Nicht immer sei außerdem der reibungslose Zugang zu den universitären Infrastrukturen gegeben.

Internationale Forschungsaufenthalte durchzuführen, die für die Fortsetzung und den Abschluss des eigenen Forschungsprojektes von Nöten sind, sei coronabedingt 2020 nahezu unmöglich gewesen. Gewährte Forschungsstipendien für Forschungsaufenthalte seien häufig verfallen. Auch die üblichen Austauschforen, wie Tagungen, Workshops und Konferenzen seien weitgehend geschlossen geblieben oder nur noch per Videokonferenz möglich. Damit entfalle eine wichtige Basis des Networkings für Promovierende und Post-Docs. Die Vorstellung und Diskussion der Projekte in einer breiten Forschungsöffentlichkeit könnten so zunächst nur schwer umgesetzt werden. Die mittlerweile etablierten Onlineformate könnten nicht den informellen Austausch ersetzen, den es für eine gute Vernetzung brauche.

Durch die unterschiedlichen Finanzierungsmodelle, im Rahmen derer Promovierende und Post-Docs an ihren Forschungsprojekten arbeiten, stellt sich insgesamt eine sehr diverse Situation dar. So sind etwa viele Promovierende als wissenschaftliche Mitarbeiter an Professuren beschäftigt. Die „Ad-hoc-Digitalisierung“ der universitären Lehre führe in den meisten Fällen zu einer Mehrbelastung in der Vorbereitung und Durchführung, da hier neue Formate entwickelt werden mussten. Gestiegen sei außerdem der Betreuungs- und Korrekturaufwand.

Viele Promovierende hätten durch den Wegfall von Nebenjobs und freiberuflichen Tätigkeiten massive Einkommenseinbußen, die es teilweise unmöglich machen, das Forschungsprojekt zu Ende zu bringen. In einigen Bereichen seien zwar schon Lösungen zu einer weiteren Finanzierung gefunden, etwa durch die Verlängerung der Verträge von wissenschaftlichen Mitarbeitern über die Befristungsgrenzen hinaus, kostenneutrale Finanzierungsverlängerungen bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) oder der dreimonatigen Anschlussfinanzierungen von Promovierenden und Post-Docs in Graduiertenkollegs. Auch einige Begabtenförderungswerke hätten Anträge ermöglicht, um in Härtefällen Anschlussstipendien zu gewähren. In vielen Fällen sei aber eine Verlängerung der Promotionsmittel, beispielsweise aus Projektstellen oder Stipendien, nicht möglich.

Insgesamt könnten die bisherigen Einzellösungen die vielfältigen Einschnitte, welche den Promovierenden und Post-Docs mit befristeten Stellen durch die Pandemie entstanden sind und weiterhin entstünden, nicht auffangen, so der VDH. Der Verband tritt daher dafür ein dass Historikerinnen und Historiker mit befristeten Verträgen, deren Forschungen sich durch Care-Tätigkeiten oder durch blockierte Forschungsaufenthalte verzögert haben, zusätzliche Abschlussfinanzierungen von sechs Monaten gewährt werden. Insbesondere die öffentlichen Einrichtungen zur Förderung von Wissenschaft und Forschung, insbesondere die DFG seien hier zu rascher Hilfeleistungaufgerufen. (zab, pm)

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