Familienhelferin schildert Merkel im Chat die verzweifelte Lage vieler Migrantenkinder

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BERLIN. Corona belastet Eltern und Kinder – vor allem dort, wo Mütter und Väter im Fernunterricht nicht helfen können. Mit einer emotionalen Rede hat eine Wattenscheiderin der «Frau Bundeskanzlerin» erklärt, wie die Realität für viele Migrantenfamilien aussieht. Und nicht nur die hat sie gehört.

Familienhelferin Jihan Khodr im Dialog per Video mit der Bundeskanzlerin. Screenshot

Ihre Tränen und ihr eindringlicher Appell an die Kanzlerin haben viele Menschen berührt. Am Donnerstag hatte die 39-jährige Wattenscheider Familienhelferin Jihan Khodr mit ihrer Schilderung der verzweifelten Lage vieler Familien insbesondere mit Migrationshintergrund in der Corona-Krise einen Stein ins Wasser geworfen, der auch am Tag danach noch Kreise zieht.

„Viele Migrationsfamilien sind einfach Analphabeten. Die Kinder bekommen die Unterstützung nicht“

«Ich habe eine große Botschaft für Sie, weil die Familien wollen deren Kindern mit Bildung helfen», hatte Khodr der aufmerksam lauschenden Angela Merkel (CDU) im digitalen Bürger-Dialog der Kanzlerin erklärt. Leider klappe das in vielen Fällen nicht: «Die Eltern sind machtlos. Viele Familien in Wattenscheid, Bochum, viele Migrationsfamilien sind einfach Analphabeten. Die Kinder bekommen die Unterstützung nicht.»

Am Freitag ist Khodr immer noch aufgewühlt.Viele Reaktionen habe sie bekommen, erzählt die Mutter von vier Kindern. Am Morgen habe sogar schon jemand Laptop-Spenden und Unterstützung für Flüchtlingsfamilien angeboten. «Ich habe mit der Frau Bundeskanzlerin gesprochen, weil ich wollte einfach nur, dass jemand von oben uns hört und die Realität erkennt.» Technische Ausstattung für Kinder, denen in Corona-Zeiten keiner bei den Schulaufgaben helfen könne, reiche alleine nicht, hatte sie Merkel erklärt. Die Kinder und deren Eltern bräuchten Ansprechpartner, Notgruppen, wo sie hinkommen könnten, und Kooperationen mit Schulen, Studenten und ehrenamtlichen Helfern.

Merkel fing den Ball gleich auf und appellierte an alle in Wattenscheid, die dort helfen könnten, sich beim Familienpatinnen-Projekt des Sozialdienstes Katholischer Frauen und Männer zu melden. Dort versucht Khodr mit zwei weiteren Teilzeitkräften ihr Bestes zu geben, um Leid zu lindern.

«Wir wollen dem deutschen Volk auch etwas zurückgeben und uns untereinander helfen»

«Wenn sich jemand meldet, schreiben Sie mir dann mal», verabschiedete Merkel ihre Gesprächspartnerin aus dem Kreis der 14 Mütter und Väter, die per Video-Konferenz mitdiskutiert hatten. Ausdrücklich bedankte sich die Kanzlerin für die eindrückliche Schilderung der Lage von Familien, in denen zuhause eben kein Deutsch gesprochen wird und Eltern auch rein technisch schon nicht den coronabedingten Fernunterricht ihrer Kinder begleiten können.

Das Gespräch habe sie sehr bewegt, erzählt Khodr. Für viele sei Angela Merkel einfach die Bundeskanzlerin. «Für andere ist sie eine Mutter, weil sie jedem zuhört.» Die 39-Jährige Mutter von drei Schulkindern und einem Kita-Kind weiß genau, wovon sie spricht. «Ich bin 1989 mit meiner Mutter und sechs Kindern nach Deutschland geflohen vor dem Krieg im Libanon», berichtet sie. Viel Unterstützung habe es damals nicht gegeben.

Inzwischen gebe es viele weitere Flüchtlingsfamilien hier, die Hilfe benötigten, damit sie eine Ausbildung und eines Tages einen Arbeitsplatz bekommen. Jetzt engagiere sie sich seit vielen Jahren, um anderen Flüchtlingsfamilien zur Seite zu stehen. «Wir wollen dem deutschen Volk auch etwas zurückgeben und uns untereinander helfen.» Von Bettina Grönewald, dpa

Hier lässt sich die Video-Veranstaltung mit der Bundeskanzlerin anschauen.

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13 KOMMENTARE

  1. Absolut richtig – und genau aus diesem Grund wurde immer wieder appelliert, doch bitte für ausreichnd Schutz zu sorgen, damit die Schulen eben nicht geschlossen werden müssen – gerade um dieser Kinder, aber auch um der Kinder mit Lerneinschränkungen, heiklen Situationen in den Familien etc. willen!
    Die derzeitige Situation wäre zu verhindern gewesen, wären die Zahlen nicht so hochgelaufen (worden).

    WARUM wird nicht auf die gehört, die Abläufe und Folgen vor Ort einschätzen können?
    WARUM sieht es so aus, als riskiere die Landesregierung und viele andere, als riskierten die KM ab Mitte Februar WIEDER ein erneutes Hochlaufen der Zahlen??????????????????????

    Es hilft nicht, im Nachheinein (sorry, nicht böse gemeint) „auf die Tränendrüse zu drücken“! Wir müssen verhindern, dass nochmal unbedacht oder leichtsinnig Erfolge aufs Spiel gesetzt werden und die besch… Situation für solche Kinder noch länger dauert.
    Und natürlich muss parallel infektionsschutzverträglich Hilfe im Einzelfall organisiert werden.

    Was hilft es, JETZT aufzumachen, weil viele Kinder unter der Situation leiden?
    Sie werden noch mehr leiden, wenn sie nach kurzer Zeit WIEDER zu Hause bleiben müssen.

    Und dann stelle man sich mal vor, SOLCHE Kinder verlieren ihre Eltern!
    In einem fremden Land, ohne Sprachkenntnisse, mit oft ungeklärter Aufenthaltsperspektive… Wer ist dann für die Folgen verantwortlich?
    Muttersprachliche Kinderpsychologen gibt es schon in normalen Zeiten nicht ausreichend.
    Da ziehe ich doch eindeutig vor, dass Eltern ihren Kindern eben nicht helfen können. Unabhängig von deren Herkunft oder sozialer Situation sind sicherlich viele Kinder davon betroffen. Eine ernsthafte Alternative zum Zuhausebleiben sehe ich nicht!

    Der Rückschluss aus diesen Berichten darf daher m.E. daher nur sein:
    ERST RECHT nicht JETZT öffnen, sondern für niedrige Zahlen sorgen und impfen, um dann mit gutem Gewissen SICHER und behutsam öffnen zu können.

  2. Aber bitte eine Unterstützung, die nicht bedeutet, dass die Familien sich zwischen Bildung und Gesundheit entscheiden müssen!!! Besonders wichtig für die BAME-Familien, die ohnehin ein größeres Risiko für schwere Verläufe haben.
    Unterstützung für digitale Lösungen, Lernpatenschaften, zur Not lernen in Kleingruppen. Und könnten bitte die SozialarbeiterInnen Masken aufsetzen, und zwar so, dass sie auch dicht anliegen (!!!).

  3. So schlimm das ist, man kann aber nicht wegen einen kleinen Teil der Schüler die Schulen wieder öffnen. Durch die neue Virusvariante sind mehr Kinder nicht nur infiziert, sondern auch erkrankt. ( siehe England). Wir haben immer noch eine Pandemie und Gesundheit geht vor Bildung. Es ist ja auch vorübergehend und wer im Homeschooling nicht klar kommt, kann in die Notbetreuung gehen, denn diese ist u.a. für Kinder deren Eltern kein Deutsch können. Auch soll es die Möglichkeit geben, dass Kinder freiwillig das Schuljahr wiederholen können, die bleiben dann nicht sitzen, sondern die Eltern und Kinder dürfen sich das selber entscheiden.

    Ich frage mich, ob es in dieser Fragerunde mit Merkel mit den 14 Müttern und Vätern nur um das Thema Homeschooling und Überforderung der Eltern ging, oder ob auch Mütter und Väter dabei waren, die für Schulschließungen sind, weil sie Angst haben, dass sich ihre Kinder in der Schule infizieren können.
    Ich befürchte ersteres…es ist nämlich sehr unausgewogen, wenn für die Fragerunde nur Eltern ausgesucht wurden, die alle hoffen dass die Schulen nur schnell wieder aufmachen. So kurz vor der Minister- Kanzleramtsschalte nächste Woche, wird auf Merkel so Druck gemacht.

  4. Verstehe ich auch nicht! Meiner Auffassung nach ist die ganze Veranstaltung ziemlich einseitig gewesen. (Vielleicht FidK?)

    Die Eltern dieser Kinder sind halt Analphabeten mit oder ohne Schulschließungen.
    Ich kann aus eigener Erfahrung sagen: Wem seine Kinder wichtig sind, der schafft Möglichkeiten, dass das Kind schulisch nicht hängen bleibt. Der organisiert, macht und tut. Nutzt vielleicht auch den Kinderbonus, den die Eltern erhalten haben oder kriegt von der Schule ein Leihgerät gestellt. Dafür muss man kein Akademiker sein.

    Gerade Migrantenfamilien sind fantastisch organisiert, sie haben einen riesigen Bekanntenkreis. In solchen riesigen Familien hilft jeder jedem. Die Analphabeten sind auch eher in der älteren Generation zu finden. Also bei den Omas und Opas.

    Ich kenne Frau Kodhr nicht. Noch nie etwas von ihr gehört, aber ihre Schilderungen sind für die meisten Familien mit Migrationshintergrund einfach nicht richtig. Es wird definitiv verallgemeinert und überdramatisiert.
    Sicher gibt es die ein oder andere Familie, die Hilfe braucht. Aber die gibt es auch bei deutschen Familien. Und für Menschen, die es tatsächlich nicht gewuppt kriegen, gibt es die Notbetreuung, aber bitte auch nur wenn sie privat an keinen weiteren Massenveranstaltungen teilnehmen. Also nichts mehr mit Hochzeit, Geburtstag usw.

    • Oben im Artikel ist von den vielen Analphabeten in Wattenscheid, Bochum und Umgebung die Rede. Wenn das nicht gerade Flüchtlinge aus fernen Ländern sind, die kürzlich gekommen sind, dann werden es wohl sogenannte „funktionale Analphabeten“ sein, d.h. Leute, die schon mit kürzeren Texten Schwierigkeiten haben, obwohl sie einzelne Wörter verstehen können. Hier aber steht dazu Erstaunliches:
      https://www.spektrum.de/news/warum-gibt-es-so-viele-analphabeten-in-deutschland/1371326
      Da heißt es wörtlich: „Tatsächlich haben vier von fünf funktionalen Analphabeten einen Schulabschluss, davon jeder Fünfte die Mittlere Reife, jeder Achte sogar Abitur.“
      Wie bitte? Funktionale Analphabeten mit Abitur? Wie haben die denn ihr Abitur gemacht? Wenn aber hier jemand behauptet, das Niveau des Abiturs sei gesunken, dann wird er sofort angeschnauzt (z.B. von Bernd), er wolle wohl die Standesschule des 19. Jahrhunderts wieder haben. Was gilt denn nun?

  5. Ich habe lange überlegt, ob ich mich trauen soll, diese meine Erfahrungen zum Thema zu beschreiben.
    Ganz konkret: Ich unterrichte Schüler verschiedener Nationen, die meisten ohne Migrationshintergrund. Einzelne Schüler hatten Corona bzw. wurden positiv getestet. Alle diese Schüler hatten einen Migrationshintergrund. Sie wohnen nicht in Massenunterkünften.
    Die Eltern haben den Kinderbonus bekommen. Aber einige Schüler hatten trotzdem kaum Arbeitsmaterial, auch nicht während des Präsenzunterrichts. Ein Teil hat ein Laptop, überwiegend von der Schule finanziert. Einen Drucker haben nur wenige.
    Und ich muss sehr vielen im Online-Unterricht wirklich hinterherlaufen, auch den Eltern.
    Jetzt sitzen viele Schüler in unserer Notbetreuung, sodass immer mehr KuK Notbetreuung machen müssen. Seitdem die Schüler in der Notbetreuung sitzen, fühlen diese Eltern sich unter Verweis auf die Notbetreuung gar nicht mehr verantwortlich für ihre Kinder.
    Aber das kann auch Zufall sein. Ich schreibe ausschließlich auf Basis meines eigenen, persönlichen Erfahrungshorizonts.

    • Kann ich mir schon vorstellen. Bei mir sind die Erfahrungen insgesamt nicht so krass und, da der Anteil an Kindern mit Migrationshintergrund deutlich höher ist, kenne ich auch genügend Beispiele, bei denen es deutlich besser läuft als bei den meisten anderen Kindern, unabhängig von der Herkunft. Aber letztlich wissen wir seit den 70ern, dass Migrationshintergrund und sozialer Stand bei uns statistisch sehr eng zusammenhängen. Und damit einher gehen eben oft bestimmte Verhaltensmuster und Kompetenzen.
      Aus Perspektive der Eltern gibt es dafür mit Sicherheit einige gute Gründe: beengte Wohnverhältnisse, höherer Druck arbeiten zu gehen um den Lebensunterhalt zu sichern, das Verständnis von Schule als dem einzigen Garant für soziale Sicherung bzw. Aufstiegschancen der Kinder, u.s.w. Und wenn man dann noch einbezieht, dass angesichts des im Durchschnitt geringeren Bildungsgrads der Eltern natürlich auch der Anteil derer höher ist, denen Gesundheitsschutz, soziales Denken oder einfach nur das Versorgen der eigenen Kinder zu hoch sind, dann bekommt man solche Verwerfungslinien in den Klassen. Aber letztlich sehen wir da auch die Folgen jahrzehntelangen Versagens der Politik und werden daran wohl nicht viel ändern können (außer anders zu wählen).

    • Der Kinderbonus ist so eine Sache. Keiner kann kontrollieren ob er auch wirklich den Kindern zu Gute kommt oder was die Eltern damit machen.
      Ich bin kein Lehrer, aber arbeite derzeit in der Notbetreuung. Es gibt Kinder, die ernsthaft erzählen die Eltern hätten kein Geld für Lineal, Stifte, Klebe und Co. Man fragt sich schon, wofür der Kinderbonus und auch das monatliche Kindergeld ausgegeben werden, wenn nicht auch für Schulsachen.
      Dann gibt es noch die Gruppe der sehr wohlhabenden, für die der Kinderbonus und auch Kindergeld sicher nicht nötig ist und wo das Geld woanders mehr helfen würde.

      Wäre es nicht sinnvoller, dass der Staat anstatt des Bonus, das Geld lieber für die Ausstattung der Schulen, Lernmaterialien, Bücher usw. ausgibt?
      Auch beim Kindergeld ( gibt es das in anderen Ländern überhaupt?) denke ich mir, ob nicht eine Reduzierung oder Streichung sinnvoll wäre und das Geld dafür investiert wird in alles was Kinder betrifft.
      Zum Beispiel freie Eintritte, statt nur reduziere Preise, geringere oder befreite Kitabeiträge u.v.m.
      So, dass das Geld auch wirklich bei den Kindern ankommt.

    • Danke für den Erfahrungsbericht. Ich finde es wichtig, dass man Dinge beim Namen benennt und nicht beschönigt oder politisch framed, so wie es grade gebraucht wird.

  6. Schulen kennen ihre Schüler und in der Regel (zumindest an wohl allen SBBZ, von Lernbehinderung bis hin zum Förderschwerpunkt geistige, körperliche, motorische Entwicklung) die Familienverhältnisse, auch durch Hausbesuche.
    An unserer Schule wurden Kinder mit diesen massiven Sprachproblemen (aber auch wenn es zuhause nur zwei Zimmer hat und das Kind keinen Ort zum ruhigen Lernen finden kann), oder sozialen Schwierigkeiten, wo evtl. Gewalt im Elternahaus angenommen werden musste, in die Notbetreuung gebeten. Die Schulleitung ging, nach einer Kurzkonferenz zur Absprache mit den Klassenlehrern, aktiv auf die Familien zu. Die meisten haben das Angebot angenommen, die „Notbetreuung“, die 3 Stunden täglich primär DaZ Unterricht ist, findet in Kleingruppen und versch. Räumen mit viel Raum zwischen den Kindern und zeitversetzt statt, um das Ansteckungsrisiko zu minimieren. Allerdings kommen bei uns, nach intensiven Telefongesprächen mit Eltern, auch nur 4 Kinder mit Betreuungsproblemen ganztägig in die eigentliche „Notfall“-Betreuung, sonst wäre das kaum zu stemmen.
    Mag dies vielleicht anderen als Anregung dienen. Es liegt hier auch an uns allen – Weinende Eltern, die sich große Sorgen machen, müssen nicht sein!
    Dabei ist uns das Ministerium ziemlich „egal“. Ideen dieser Art, die einige Schulen schon praktizieren, sind zu menschlich, als dass sie dort ausgebrütet sein könnten, wo Wahlkampf an erster Stelle steht.

  7. Es ist schwer zu sagen, wenn man quasi nicht vor Ort ist, die Schule nicht kennt. Darum kann ich nur aus meinem Glockenturm berichten. Wir haben Notbetreuung, Schüler mit Foerderbedarf kommen auch, Daz-Klassen, Schüler, die mit der Schulbegleitung im Unterricht sind, Abschlussklassen, L-Kinder. Es ist – klar – alles bis auf ein paar Kinder pro Raum aufgeteilt, man passt sowieso auf, aber unsere Eltern weinen Gottseidank nicht. Muessen sie auch nicht. Ich sehe, wieviel Mühe und Arbeit die Lehrer reinstecken, diesen Schülern und so auch indirekt Familien zu helfen – ein grosses Lob und ein riesen Respekt. PS Ich wuensche, dass auch Familien bzw. Schülern aus Wattenscheid so gut geholfen wird.

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