Schul-Chaos – «Kann bei Kindern und Jugendlichen sehr viel Vertrauen zerstören»

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BERLIN. Für Kinder und Jugendliche gibt es seit Beginn der Pandemie viel Hin und Her – gerade im Bereich Schule. Ihr gewohntes soziales Umfeld fehlt. Und die Entwicklung des Infektionsgeschehens lässt nicht darauf hoffen, dass sich die Lage bald wieder normalisiert.

Schüler werden bei der Debatte um den Unterricht in der Pandemie praktisch nicht einbezogen – ein Fehler? Foto: Shutterstock

Wenn Hanna Christiansen den Umgang der Politik mit Kindern und Jugendlichen in der Corona-Pandemie beurteilen soll, kommt der Psychologin das Wort «Katastrophe» in den Sinn. Und damit meint sie vor allem: die Kommunikation. «Seit einem Jahr ist das ein Hin und Her», sagt die Leiterin der Kinder- und Jugendpsychologie an der Philipps-Universität Marburg. Dabei sei es in dieser schwierigen Situation besonders wichtig, vernünftig und eindeutig zu kommunizieren.

«Schüler wissen sehr gut, was sie brauchen und wie es funktionieren kann»

«Wenn gerade wegen der Infektionslage kein Unterricht vor Ort möglich ist, dann muss man vermitteln: Das geht leider gerade nicht, aber wir haben gute Konzepte und wir arbeiten daran, den digitalen Unterricht besser zu machen», sagt Christiansen. Dafür wiederum müsse man die Schülerinnen und Schüler viel mehr einbinden. «Sie wissen sehr gut, was sie brauchen und wie es funktionieren kann.»

Kinder und Jugendliche seien von der Pandemie sehr betroffen – von mangelnden Perspektiven, aber auch von schlechter Kommunikation und fehlender Wertschätzung seitens der Politik. «Warum gibt es keine Thinktanks mit Kindern und Jugendlichen? Sie wissen am besten, was gerade die drängendsten Fragen für sie sind», sagt die Psychologin. Solche Gruppen seien schlau und kreativ, «die kommen auf Ideen, auf die Erwachsene niemals kommen».

Sie fordert, junge Menschen und deren Bedürfnisse ernster zu nehmen und sie mehr einzubinden. Ihnen das Gefühl zu geben, selbstwirksam zu sein. «Das sind Menschen, die gerade anfangen, sich eine politische Meinung zu bilden. Wenn ich mich nicht ernst genommen fühle und zudem nicht weiß, woran ich bin, kann das sehr viel Vertrauen zerstören.»

«Der stärkste Anstieg ist bei Kindern zwischen null bis 14 Jahren zu beobachten»

Wichtig scheint das gerade vor dem Hintergrund, dass mit der zunehmend an Brisanz gewinnenden dritten Welle Besserung nicht so rasch in Sicht ist. Neben Ansteckungen in Privathaushalten und im beruflichen Umfeld sieht das Robert Koch-Institut die Entwicklung verstärkt verursacht durch Häufungen in Kitas und Schulen, wie aus dem Lagebericht vom Dienstag hervorgeht (über den News4teachers ausführlich berichtet – hier). Die Zahl der binnen sieben Tagen gemeldeten Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner steigt demnach vor allem bei den Menschen bis 44 Jahren. «Der stärkste Anstieg ist bei Kindern zwischen null bis 14 Jahren zu beobachten, wo sich die 7-Tage-Inzidenzen in den letzten vier Wochen verdoppelt haben.»

Wie lange es funktioniert, die derzeit zu großen Teilen geöffneten Schulen und Kitas offen zu lassen, weiß darum niemand so recht. Die Infektionszahlen in der Bevölkerung steigen – und die meisten Schulen und Kitas sind von durchgeimpftem Personal und regelmäßigen Tests weit entfernt. «Das ist ein Experiment, bei dem keiner den Ausgang kennt», sagt Folke Brinkmann, die derzeitige Leiterin der Pädiatrischen Pneumologie der Uni-Kinderklinik Bochum.

Die Wissenschaftlerin hätte sich für die Öffnungen ein niedrigeres Start-Level bei den Infektionszahlen gewünscht. Es ergebe zudem keinen Sinn, einmal die Woche zu testen. Das sei «Augenwischerei». «Man braucht gut geimpftes Personal plus Hygieneregeln. Wenn man dann jeden zweiten Tag zusätzlich testet, hätte man eine etwas größere Sicherheit», erklärt Brinkmann. Bei den Ausbrüchen, die sie zuletzt in Kitas und Schulen betrachtet hat, gingen die Infektionen stets von Erwachsenen aus. Die Infektionsraten in den Gruppen sei hoch. Hinzu kommt: «Die Variante B.1.1.7, die sich gerade in Deutschland verbreitet, ist für alle infektiöser.»

Deshalb wäre aus rein epidemiologischer Sicht das nötige Vorgehen völlig klar, so Timo Ulrichs: alles wieder zumachen. «Aber die Schulen sind wichtig», sagt der Epidemiologe von der Akkon Hochschule für Humanwissenschaften in Berlin. Wenigstens bis Ostern Wechselunterricht und im Zweifel alles andere schließen, um das zu ermöglichen – das hält er für die beste Lösung. In den Schulen müssten Hygienekonzepte konsequent eingehalten, Lehrerinnen und Lehrer geimpft und alle engmaschig getestet werden. Zudem müsse auf Infektionen schnell mit Quarantäne für die betroffene Gruppe reagiert werden.

«Die Lage ist in Deutschland gerade sehr heterogen. Wir haben einige Bundesländer mit vielen Fällen und sehr hohen Zunahmen. Dort muss man Lockerungen wieder zurücknehmen», so Ulrichs. In anderen hingegen sei die Situation deutlich besser. Was aus seiner Sicht extrem kontraproduktiv wäre: über Ostern zu reisen. «Wir haben eine viel labilere Lage als im Sommer.» So könnten auch innerhalb Deutschlands Infektionen aus Regionen mit hohen Zahlen in bislang nicht stark betroffene geschleppt werden. Von Alexandra Stober, dpa

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15 KOMMENTARE

  1. Es ist unverantwortlich, die Schulen ständig zu schließen, zu öffnen, zu schließen … Viele Kinder gehen uns im Heimunterricht verloren, echten Lehrern mit Herzblut für ihren Beruf kann das nicht egal sein. Lehrer müssen deshalb rasch geimpft werden und wenn AstraZeneca nicht zur Verfügung steht, dann eben mit einem anderen Impfstoff !

    • @Honigkuchenpferd

      Dann eben mit einem anderen Impfstoff.
      Oh, da geh ich mal rasch in den nächsten Aldi und hol mir rasch ne Portion …

      Waldmeister-Brausepulver?
      Ist bestimmt in rauen Mengen verfügbar.
      Hilft nicht?
      „echten Lehrern mit Herzblut für ihren Beruf kann das nicht egal sein“
      Stimmt.
      Ist nämlich voll doof, wenn die eigene Gesundheit oder gar das eigene Leben verloren geht!

    • Und was ist mit der Gesundheit der Kinder und Jugendlichen? Echte Lehrer*innen mit Herzblut möchten ihren Schüler*innen Longcovid und schwere Verläufe ersparen. Im Moment sind nämlich besonders diese Altersgruppen von Covid-19 betroffen und die Zahlen schwerer Verläufe und von Longcovid oder schweren Entzündungsreaktionen steigen. Da es ja die Schulpolitik in einem Jahr nicht geschafft hat, effizienten Infektionsschutz in die Schulen zu bringen (z.B. mit flächendeckend eingesetzten Luftreinigern) sollte man lieber bei diesen hohen Inzidenzwerten und täglich warnenden Intensivmedizinern lieber auf besseren Distanzunterricht und flankierende Maßnahmen (z.B. in Kleingruppen in entsprechenden Räumlichkeiten) zum Schutz von Schüler*innen, die gefährdet sind durch Vernachlässigung und/oder Gewalt setzen – zum Wohle der Kinder. Bildung kann man nachholen, Gesundheit nicht.

  2. Die Schulpolitik hat keine Zusammenarbeit angestebt und keinen Fahrplan entwickelt. Alle die am Schulleben beteiligt sind haben kein resektvolles Miteinander in der Pandemie erfahren. Das Hin und Her hat den Schultag noch zusätzlich erschwert und alle sind mit vielen Unklarheiten sich selbst überlassen worden. Die Schulen haben sich sehr bemüht eine Struktur und Halt der jungen Generation zu geben. Wir sind in der dritten Welle und es gibt weiterhin keine Richtlinien und kein Austausch. Weiterhin Anweisungen unter dem Motto macht mal. Die Schulpolitik hat keine Hausaufgaben erledigt. Auch keine Perspektiven geschaffen zur Aufarbeitung des Lernstoffs und die Folgen für die Entwicklung der jungen
    Generation wurde von der Politik ganz ausgeblendet. Die Persönlichkeitsbildung ist in der Gemeinschaft und die Entwicklungsschritte in der Gruppe im Regelbetrieb schon sehr lange
    ausgebremst. Der PHV-BW hat ein Corona Aufholjahr G9 eingefordert um eine faire Aufarbeitungszeit für die Lernlücken zu schaffen die bei G8 nicht zu leisten sind. Auch der
    Schülergeneration persönliche Zeit zu schenken um Ihre Lebensfreude zurück gewinnen.
    Denn viele Entwicklungsschritte sind nicht möglich und die Sehnsucht nach einem Miteinander in der Gemeinschaft ist groß. Dies besteht nicht nur aus Bildung sondern ein soziales Mitereinander will erprobt werden. Die Schulpolitik hat kein soziales Miteinander vorgelebt sondern jeglichen Austausch schamlos abgeschmettert. Ein Gehör hat Frau Eisenmann seinem Gegenüber nicht entgegengebracht. Die Entwicklung der Kinder und der
    Jugend ist Handlungsbedarf geschuldet und nicht nur in Lernbrücken, sondern eine langristige Lösung um die verlorene Zeit Schritt für Schritt zu erlernen.

    • @Rosa
      „ausgebremst. Der PHV-BW hat ein Corona Aufholjahr G9 eingefordert um eine faire Aufarbeitungszeit für die Lernlücken zu schaffen die bei G8 nicht zu leisten sind.“

      Und was soll Niedersachsen machen?

      Der Abijahrgang 2021 ist in Niedersachsen der erste (wieder-umgestellte) G9-Jahrgang.
      Die jetzigen Abiturienten (2021) sind durch die Verlängerung um ein Schuljahr von G8 -> G9 mitten in ihrer bereits begonnen Schullaufbahn an der weiterführenden Schule nun von der Pandemie + G9 bereits 2-fach gestraft worden.

      Potentielles G10 kann für Nds. auch nicht die realistische, logische Konsequenz sein ….

      • In welcher Schule soll denn Platz für einen weiteren Jahrgang sein? Und wie soll das Aufschieben bei den Sek I Abschlüssen sein?

  3. „Wenn ich mich nicht ernst genommen fühle und zudem nicht weiß, woran ich bin, kann das sehr viel Vertrauen zerstören.“

    Das ist wahr und das gilt für alle denkenden Menschen in allen Altersgruppen.

    Schön (Ironie) wird es aber auch, wenn man als Erzieher, Lehrer oder auch als Mutter oder Vater zukünftig noch so vernünftig argumentiert und es wird ins Leere laufen (müssen).
    Nicht weil Kinder und Jugendliche „dumm“ wären (Eben nicht!) oder provozieren wollen („So sind sie halt!“ – Eben nicht pauschal!), sondern weil sie es seit 1 Jahr von angeblichen „Vorbildern“ so vorgelebt bekommen, dass man auf seine Mitmenschen sch***** kann!

    Stattdessen steht auf den „Lehrplänen“ unserer Minister „ICH! ICH! ICH! – Und es wird gefälligst nicht widersprochen! Schon gar nicht intelligent oder gar sinnvoll! Sonst wirst du noch sehen was du davon hast!“

    Ich Dummchen hätte mir vor einigen Monaten nicht vorstellen können, dass es so viele Möglichkeiten gibt, ein Land vor die Wand zu fahren.
    Mutwillig.
    Sinnlos.
    „Nachhaltig“.
    Ja, sieht so aus als ob das mit der Nachhaltigkeit ausgerechnet in diesem Zusammenhang mal klappen könnte …

    Und immer noch kann ich mir nicht vorstellen, dass für alles das „nur“ Dummheit ausreicht.
    Was treibt die Insassen der mit Luftfiltern ausgerüsteten Elfenbeintürme wirklich an?

  4. Das ist richtig… Schulen weit geöffnet zu haben u dabei private Kontakte fast vollständig zu verbieten, ist für Kinder natürlich nicht nachvollziehbar! Wieso sollten sie nicht ihr 2 besten Freunde auf dem Spielplatz sehen, wenn sie sie die in Bus u Schule direkt neben sich hatten…

    Wenn Kindern klar vermittelt wird, dass Distanzunterricht gerade nötig ist und Ihnen eine Chance gegeben wird, Anregungen u Verbesserung mit einzubringen, ist auch die Lernmotivation wieder eine andere.
    Kindern, die techn. o. anderweitige Schwierigkeiten haben um zu lernen, sollten unterstützt werden.

    Mir ist klar, dass die Lehrer nicht alles leisten können, aber vielleicht könnten hier Studenten o Sozialpädagogen helfen, Zusatzpersonal.

    Förderlich wäre sicher auch, wenn die Schüler sehen würden, dass sich die Politik Mühe gibt (also nicht nur Fenster u Schulen auf, Augen zu u durch), zb Luftfilter, Nutzung weiterer Räume zur Entzerrung der Klassen, zusätzliche Ansprechpersonen, die helfen können, verbesserte Konzepte zum Distanzunterricht…

  5. Es hätten sich auch kleine konstante Lerngruppen bilden könnten. Aber mit dem Hin und Her war jede Planung und Einübung einer gewissen Routine zum Scheitern verurteilt. Weder LuL noch SuS noch Eltern hatten die Ruhe dazu. Kontinuität in Zeiten Unsicherheit ist das Zauberwort.

  6. Es ist nur noch peinlich, dass die Schulpolitik nichts auf die Reihe bekommt. Bürgermeister und
    Gesundheitsamt reagiert in Mannheim und Eisenmann hält weiterhin daran fest die Schulen bleiben ohne Abstandsgebot geöffnet. Der Umgang mit Schulen und alle die am Schulleben beteiligt sind, bringt man keinerlei Achtung entgegen. Das soziale Miteinander in der langen Krise zwischen Schule und Schulpolitik hat keine vertrauensvolle Basis geschaffen um gemeinsam diesen Weg durchzustehen. Dabei hat die junge Generation hohen Einsatz und Achtsamkeit in der Pandemie umgesetzt.

  7. „Bei den Ausbrüchen, die sie zuletzt in Kitas und Schulen betrachtet hat, gingen die Infektionen stets von Erwachsenen aus.“

    Hat man die Kinder denn überhaupt getestet? Oder ist das ganze erst aufgefallen, nachdem Erwachsene Symptome entwickelt haben?

    Da die Kita-Ausbrüche regelmäßig (gerade bei B117) jede Menge Infektionen in den Familien nach sich ziehen und ich mir nicht vorstellen kann, dass all diese Eltern mit den Erziehern kuscheln, ist es doch sehr wahrscheinlich, dass die Kinder einen wesentlichen, wenn nicht sogar den maßgeblichen Anteil bei der Weitergabe haben. Das wird zwar immer wieder geleugnet, wurde aber schon mehr als einmal gezeigt.

    • Das erscheint auch mir ein wesentlicher Knackpunkt zu sein: Nach wie vor werden Kinder und Jugendliche ohne Symptome bei uns (Hessen) in der Regel nicht getestet, sondern „nur“ in Quarantäne geschickt.

      Wenn man dann von Bekannten hört, dass nach einem Ausbruch an ihrer Schule 60 Kinder ohne Symptome doch mal getestet und davon 19 Kinder positiv getestet werden, macht das doch sehr nachdenklich…

  8. Kinder und Jugendliche erleben die aktuelle Politik als nicht verlässlich und willkürlich. Ich habe hier schon mehrfach erwähnt, dass diese Politik unsere Demokratie gefährdet. Sie nimmt sich selbst ihre Legitimation. Jetzt kommen noch Korruptionsgeschichten hinzu. Ebenso wie fragwürdige Postenvergaben und der leichtfährtige und scheinbar gleichgültige Umgang mit unseren Steuergeldern, ohne dass jemand zur Verantwortung gezogen wird. Kinder und Jugendliche, die sich informieren, erfahren, dass Milliarden für alles andere, als ihren Schutz, zur Verfügung gestellt wird. Sie erfahren, dass für Politiker scheinbar andere Regeln und (Eigen-)Schutzmaßnahmen gelten. Sie erleben starre Hierarchien, denen sie und ihre Eltern sich zu beugen haben. Sie erfahren dies als willkürliche Autorität. Ebenso erleben sie, dass keine Rücksicht auf ihre Sorgen (Gesundheit, Leistungsdruck) genommen wird. Es wird davon gesprochen durch den Präsensunterricht Benachteiligungen entgegenwirken zu wollen. Gleichzeitig werden die Leistungsanforderungen hochgehalten, Noten müssen erbracht werden. Sie sollen funktionieren. Wer’s nicht packt, bleibt sitzen. Sie erleben Leistungsdruck, willkürliche politische Entscheidungen und, dass der Schutz von Politikern mehr wiegt, als ihr eigener.

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