Gesundheitsfachkräfte für Schulen: Bundesweit relevantes Modellprojekt wird eingestampft! VBE ist „fassungslos“

5

POTSDAM. Schießt Deutschland mit seiner geizigen Bildungspolitik mal wieder den Vogel ab? Gesundheitsfachkräfte an Schulen – sogenannte „Schulschwestern“ – sind international Standard, in Staaten wie Großbritannien seit Jahrzehnten. In Deutschland musste dazu eigens ein Modellprojekt in Brandenburg und Hessen aufgesetzt werden. Das lief so, wie es zu erwarten war: höchst erfolgreich. Und was passiert? In Hessen dümpelt das Projekt vor sich hin; in Brandenburg wird es jetzt sogar eingestellt. VBE-Bundesvorsitzender Udo Beckmann spricht von einem «fatalen Signal». Jetzt – mitten in der Corona-Pandemie – an der Gesundheit von Kindern einzusparen, «hinterlässt uns fassungslos».

Gesundheitsfachkräfte an Schulen leisten wertvolle Arbeit – leider gibt es kaum welche in Deutschland (Symbolbild). Foto: Shutterstock

Seit mehr als vier Jahren waren in Brandenburg 18 Gesundheitsfachkräfte auf 14 Vollzeitstellen an 27 Schulen tätig, in Hessen zunächst zehn Gesundheitsfachkräfte. In den beiden Projekten sollte gecheckt werden, ob das Modell „Schulkrankenschwestern“ auch für Deutschland taugt – ein ohnehin schon merkwürdiger Ansatz: Welche Gründe sollten denn ernsthaft gegen den Einsatz von Gesundheitsfachkräften im Massenbetrieb Schule sprechen? Sei’s drum: Evaluiert wurde das Modellprojekt von Wissenschaftlern der Charité-Universitätsmedizin Berlin. Die organisierte dafür rund 3.700 schriftliche Interviews mit Schülern, Eltern und Lehrkräften.

Die Resonanz: einhellig. Die guten internationalen Erfahrungen hätten bestätigt werden können, so heißt es seitens der Forscher. Über die kurzfristige Versorgung von Unfällen und Erkrankungen hinaus habe sich der gesundheitliche Zustand der Kinder (und Familien) auf allen Ebenen verbessert – sei es bei der Mundhygiene oder bei positiven Veränderungen hin zu mehr Bewegung und gesünderer Ernährung.

„Gesundheit wird so ein integraler Bestandteil eines gelebten Alltages in der Schule“

Mehr noch: 42 Prozent der Schüler in der Sekundarstufe 1 gaben an, dass sich dadurch das Klima in der Schule verbessert habe. Eltern wiederum freuten sich, dass ihre Kinder nicht bei jeder kleinen gesundheitlichen Einschränkung im Unterricht von der Schule abgeholt werden mussten. Auch Lehrer sahen die Arbeit der Krankenschwestern mit viel Wohlwollen. Zwei Drittel gaben an, sich von fachfremden, gesundheitsbezogenen Aufgaben entlastet zu fühlen, was sogar ihre Arbeitszufriedenheit insgesamt erhöht.

Die meisten Anlässe für ein Eingreifen der Fachkräfte waren akute Beschwerden (54,9 Prozent) oder kleinere Unfälle (27,8 Prozent). Das Tätigkeitsspektrum reicht vom Fiebermessen und der Ausgabe von Kühlpacks bis zur Bereitstellung von Hustenbonbons. Aber die Spezialistinnen und Spezialisten haben auch darüber hinaus gravierende Probleme der Schüler im Blick: Sie kümmern sich um Ernährungsberatung (zum Beispiel bei Laktoseintoleranz), oftmals tabuisierte und komplexe Probleme wie „Ritzen“, Mobbing und Drogenkonsum, Umgang mit Spritzen (etwa bei Diabetikern), Anstoßen von Nachuntersuchungen, Aufklärung zu Fragen in der Pubertät (zum Beispiel Menstruationsbeschwerden, aber auch die sexuelle Orientierung betreffend). Auch Kinder mit chronischen Erkrankungen und Behinderungen sind für sie ein Thema.

Klaus Hurrelmann, Professor of Public Health and Education an der Hertie School of Governance (und einer der renommiertesten Jugendforscher in Deutschland), bilanzierte: „Die breiten Einsatzmöglichkeiten einer Schulgesundheitsfachkraft können in gesundheitlichen wie auch sozialen Aspekten einen entscheidenden Beitrag leisten. Im besten Fall gelingt es ihr, eine Schülerin oder einen Schüler daran zu hindern, die Schule vorzeitig abzubrechen und dafür den individuell bestmöglichen Bildungserfolg zu erlangen. Gesundheit wird so ein integraler Bestandteil eines gelebten Alltages in der Schule und das Ziel der Bildungsqualität maßgeblich verbessert.“

Also: Gründe genug, das Modell endlich in der Fläche auszurollen. Stattdessen kommt in Brandenburg jetzt: das Aus. Die Koalitionsfraktionen von SPD, CDU und Grünen hatten vor Kurzem bereits angekündigt, dass das erfolgreiche Modellprojekt zum Jahresende auslaufe. Eine Ausweitung auf alle Schulen sei mit Kosten von rund 28 Millionen Euro jährlich verbunden, hatte CDU-Fraktionschef Jan Redmann vorgerechnet. Zu teuer. Niemand habe leicht den roten Stift angesetzt, sagte Carla Kniestedt (Grüne) am Mittwoch. Doch es gebe nun mal Sparvorgaben. Kritik daran kommt von der Opposition. «Das ist unverantwortlich, wie ich finde», sagt Ronny Kretschmer (Linke). Seine Fraktion stellte einen Änderungsantrag zum Haushalts-Entwurf der Landesregierung für 2022. Danach sollte das Modellprojekt erhalten bleiben und ausgeweitet werden – das wurde nun abgelehnt.

„Anstatt nach klugen Lösungen zu suchen, wird das Vorzeigeprojekt Deutschlands sang- und klanglos aufgegeben“

„Dass damit jetzt einfach Schluss sein soll, ist ein fatales Signal. Es heißt nichts anderes, als dass, wenn es darauf ankommt, immer anderes wichtiger sein wird als die Gesundheit von Kindern und ihren Familien“, erklärt Udo Beckmann, Bundesvorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE). Er zeigt sich empört: „Das entbehrt jeder Logik. Anstatt nach klugen Lösungen zu suchen, wird das Vorzeigeprojekt Deutschlands sang- und klanglos aufgegeben. Während andere Länder langsam und zaghaft nachgezogen sind und eigene Pilotprojekte aufgebaut haben, gibt Brandenburg eine Struktur auf, die ihren Nutzen mehr als bewiesen hat. Das ist ein Frevel sondergleichen.“ Seit Jahren kämpft der Verband für eine flächendeckende, bedarfsgerechte Einführung von Schulgesundheitsfachkräften.

Die Entscheidung komme zudem zur Unzeit. Die Inzidenzen bei Kindern liegen durchschnittlich doppelt so hoch wie die Inzidenz in der Gesamtgesellschaft, teils weit darüber. „Wir befinden uns in der mittlerweile vierten Welle der Covid-19-Pandemie. Dass es so weit kommen musste, ist schon schlimm genug. Jetzt bei der Gesundheit der Kinder weiter einzusparen, hinterlässt uns fassungslos. Und dass, wo sie als letzte Gruppe ohne Impfschutz ohnehin besonders gefährdet sind. Insbesondere in der Vermittlung und Umsetzung der Hygienemaßnahmen kam den Schulgesundheitsfachkräften eine zentrale Rolle zu. Überall, wo sie tätig waren, möchte man sie nicht mehr missen“, so Beckmann zur Wirkung der Fachkräfte während der Pandemie.

Immerhin: In Hessen läuft das Projekt weiter – es wurde sogar um zehn Stellen aufgestockt „aufgrund der ausgesprochen positiven Bewertung der Testphase“, wie Hessens Kultusminister Alexander Lorz (CDU) in der Antwort auf eine parlamentarische Anfrage einer SPD-Abgeordneten feststellte. Wenn doch das Modell so erfolgreich war: Warum gibt es denn dann keine Gesundheitsfachkräfte in allen Schulen des Landes? Lorz knappe Antwort: „Es ist eine Entscheidung des Haushaltsgesetzgebers, ob und in welchem Umfang neue Stellen bereitgestellt werden.“ News4teachers / mit Material der dpa

Mediziner fordern Schulgesundheitsfachkräfte für jede Schule

 

 

Anzeige


5 KOMMENTARE

  1. Tja, Schule darf halt nichts kosten. War immer so und wird so bleiben. Und Lehrer können ja immer noch ein bißchen mehr ausgequetscht werden.

  2. „Gründe genug, das Modell endlich in der Fläche auszurollen.“
    In dem Artikel ist vor diesem Zitat schon alles gesagt.
    Es ist ein rundherum erfolgreiches Projekt, wie auch die Wissenschaftler der Charité-Universitätsmedizin Berlin bestätigten aber das sind ja nur WISSENschaftler, was können die schon wissen?! ( Mittlerweile scheint es so, dass Politiker dann gerne „Ätschibätschi, JETZT erst recht NICHT!“-Entscheidungen treffen! )
    Alle unmittelbar betroffenen Personen (LuL, sonstiges Schulpersonal, SuS, Eltern ) sind zufrieden und entspannt, sie profitieren davon maßgeblich. Der Schulalltag wird ruhiger und angenehmer, die SuS werden gesünder, Stichworte s.o. im Artikel, z.B. Gewichtsprobleme/Ernährung.
    WEIL es GUT ist, muss es weg – so die Logik in der Politik. ( In der Corona-Situation doppelt blöd! )
    Dann wird ein neues Projekt an einer anderen Ecke angefangen, wenn wieder mal Gelder hin- und hergeschoben und verbraten werden müssen weil jemand positive Presse braucht.
    Z.B. so etwas: https://www.news4teachers.de/2021/11/schlag-ins-gesicht-jeder-lehrkraft-philologenverband-kritisiert-hubigs-zukunftskongress-in-stil-und-inhalt/

  3. Wenn schon Luftfilter zu teuer sind, so sind es Schulschwestern erst recht!
    Also wird jedes Kind, das sich unwohl fühlt, weiterhin von den Eltern abgeholt werden.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here