„Ich bin sehr, sehr ehrgeizig“: Vom Flüchtlingsjungen zum Stipendiaten einer US-Stiftung

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ACHIM. Mit acht Jahren flüchtet Diler Salim aus dem Irak nach Deutschland. Nun ist der Achimer einer der vier Gewinner aus Deutschland, der ein US-Stipendium erhalten hat, das ihn sein Leben lang fördert. Seinen Erfolg hat er sich mit viel Ehrgeiz erkämpft. Was treibt ihn an?

Zu den 100 Auserwählten des Rise-Programms zu gehören, ist schon etwas. Foto: Shuttestock

Als Diler Salim mit seiner Familie aus dem Irak nach Deutschland kam, sprach er nur Kurdisch. Er brauchte nur ein halbes Jahr, um Deutsch zu lernen. Das gelang ihm so gut, dass er bereits nach kurzer Zeit für seine Familie und Freunde als Übersetzer aushalf. Da war er gerade mal acht Jahre alt. «Ich bin ein Mensch, der seine Zeit unglaublich gerne produktiv nutzt. Ich schlafe vier bis fünf Stunden am Tag», sagt der 17-Jährige. Salim besucht das Cato Bontjes van Beek-Gymnasium in Achim im Landkreis Verden. Den Fleiß und Ehrgeiz aus den ersten Jahren in Deutschland hat sich der junge Mann bis heute erhalten.

Und sie haben ihn weit gebracht: Dieses Jahr hat Salim ein Stipendium aus den USA erhalten, das ihn – so die Versprechung – sein Leben lang finanziell fördert. Zehntausende junge Menschen zwischen 15 und 17 Jahren aus mehr als 170 Ländern hatten sich für das Förderprogramm Rise beworben. Nur 100 wurden am Ende ausgewählt, vier von ihnen aus Deutschland. «Ich glaube, dass ich ein sehr, sehr ehrgeiziger Mensch bin und eine sehr interessante Geschichte habe, und ich glaube, dass ich sehr klug bin», sagt Salim selbstbewusst. Das habe ihm zu seinem Erfolg verholfen. Als er erfuhr, dass er gewonnen habe, habe er sich zunächst in einem Schockzustand befunden. Danach habe er «sehr viele Glücksgefühle» gehabt.

Das Rise-Programm wird durch eine private Stiftung des ehemaligen Google-Chefs Eric Schmidt und seiner Frau Wendy Schmidt sowie dem Rhodes Trust Stipendium der Universität Oxford finanziert. Es wurde dieses Jahr ins Leben gerufen und und wird auch 2022 wieder neue Stipendiaten aufnehmen. Jeder der 100 Ausgewählten könne auf eine Förderung im Wert von bis zu einer halben Million Dollar zurückgreifen, sagt Mikolaj Ciechanowicz. Er leitet die Geschäftsstelle der Deutschlandstiftung Integration, die für Rise in Deutschland zuständig ist.

Im Mittelpunkt der Rise-Förderung steht das gesellschaftliche Engagement der Stipendiaten. «Ich weiß, wie es ist zu leiden», sagt Diler Salim, der sechs jüngere Geschwister hat. Sein Vater arbeitet als Friseur. Die Familie gehört der Religionsgemeinschaft der Jesiden an und wurde im Irak von der Terror-Miliz Islamischer Staat (IS) verfolgt. 2012 fanden die Eltern und Kinder in Deutschland Schutz. Dafür ist der 17-Jährige nach eigenen Worten sehr dankbar und möchte nun etwas zurückgeben. Mit den Fördermitteln von Rise will er unter anderem eine gemeinnützige Organisation gründen, die sich für den Schutz des Jesidentums einsetzt. Seine Eltern seien stolz auf ihn, aber auch traurig, ihn in seiner akademischen Ausbildung nicht unterstützen zu können.

Der Elftklässler, der sich sehr gewählt ausdrückt, hat genaue Vorstellungen, wozu ihm die Fördergelder verhelfen sollen: Promotion als Jurist, Aufbau eines sozialen Unternehmens und später Einstieg in den pharmazeutischen Großhandel. Auf diesem Feld könne er sein Interesse für Naturwissenschaften damit verbinden, etwas Gutes für die Menschheit zu tun. Außerdem sei in diesem Bereich viel Geld zu verdienen. Auf dem Weg dorthin könne Rise zum Beispiel die Studiengebühren übernehmen oder ihn durch technologische Ausstattung unterstützen. «Ich möchte finanziell abgesichert sein und nicht neben der Uni jobben müssen.»

Salim ist bereits Stipendiat bei der Start-Stiftung, die Schüler mit Migrationshintergrund fördert. «Diler hat von Anfang an immer ganz groß gedacht», sagt Marcel Müller, Landeskoordinator für Start in Niedersachsen, der den 17-Jährigen gut kennt. Rise biete ihm das nötige Kapital, um seine geplanten Projekte umsetzen zu können. Salim weiß, dass er anders als viele Altersgenossen ist: «Vier Stunden schlafen, seine Zeit produktiv nutzen, das macht jetzt nicht jeder 17-Jährige.» Aber so sei er nun mal.

Nach Angaben der Deutschlandstiftung Integration sollen mit dem Rise-Förderprogramm vor allem Jugendliche aus benachteiligten Verhältnissen unterstützt werden. Laut einer Auswertung von Daten der Bildungsstudie Pisa aus dem Jahr 2015 schneiden Schüler mit Migrationshintergrund in der Schule schlechter ab als Schüler ohne Migrationshintergrund. Deutschland gehört demnach zu den Staaten, in denen die Leistungsunterschiede am stärksten ausgeprägt sind. (Mia Bucher, dpa)

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7 Kommentare
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unverszagte
8 Monate zuvor

Lesenwert für die, die hiesigen Gebrauch des Ausdrucks „Flüchtling“ unpassend empfinden, zu denen gehörte ich eben auch noch:

https://www.deutschlandfunkkultur.de/sprachkritik-fluechtlinge-passt-besser-als-gefluechtete-100.html

Georg
8 Monate zuvor

Tolles Beispiel. Wir hätten weniger Probleme in den Schulen, wenn der junge Mann repräsentativ für alle aktuellen Schülerinnen und Schülern wäre.

Carsten60
8 Monate zuvor
Antwortet  Georg

Ehrgeiz wird im obigen Artikel sehr positiv dargestellt. Das ist auch gut so. Nur in offiziellen Schriften zu den Bildungszielen findet ich diesen Begriff nie. Es besteht die Gefahr, dass in Deutschland — trotz der gepriesenen Heterogenität — ehrgeizige Schüler als „Streber“ gemobbt werden. Und dass man diesem auf breiter Front entgegentritt, das konnte ich nie wahrnehmen. Irgendwas ist da scheinheilig.

Georg
8 Monate zuvor
Antwortet  Carsten60

Richtig. Intrinsische Motivation ist fast alles und die kann ein Lehrer nur schwer vermitteln. Die Kuschelpädagogik ist ein Versuch, das mit Spaß zu überbrücken, geht aber zu Lasten der eigentlichen Bildung.

D. Orie
8 Monate zuvor

Gefällt mir sehr! Man braucht auch positive Nachrichten.

Carsten60
8 Monate zuvor
Antwortet  D. Orie

Aber 100 Geförderte unter Zehntausenden von Bewerbern, das ist natürlich eine echte Elitebildung. Wenn man so bei einer nationalen (familienunabhängigen) Stipendienvergabe für Schüler höherer Klassen oder Studenten vorginge, dann käme sofort der Vorwurf von linksaußen, das sei sozial ungerecht usw. Tatsächlich werden in Deutschland auch Stipendiaten für Leistungsstipendien zwar nach Leistung ausgewählt, das Stipendium wird aber nach Bedürftigkeit ausbezahlt. Alle Leute mit politischem Einfluss scheinen das gut und richtig zu finden, ich finde es armselig. Bei Bafög mag das so sein, bei Leistungsstipendien ist es das falsche Signal.

Marc
8 Monate zuvor

Gute Neuigkeiten sind wichtig. Gibt es eigentlich schon Studien welches Bildungsniveau Flüchtlinge hier erreichen, die seit 2015 im Schulsystem eingegliedert sind? Ich will nicht alles schwarz malen, aber im meiner Brennpunktschule sehe ich leider keinen unsere Rente retten…. zu groß sind die Defizite, teilweise trotz Begabung.