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Kein Jugendarrest mehr für Schulschwänzer: Kultusministerin setzt auf Hilfen (und Schüler-ID)

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HANNOVER. Niedersachsen vollzieht beim Umgang mit Schulverweigerung einen Kurswechsel: Minderjährige sollen wegen Schulschwänzens nicht mehr im Jugendarrest landen, stattdessen sollen Jugendhilfe, Schulsozialarbeit und Schulpsychologie früher eingreifen. Erziehungsberechtigte nimmt das Land zugleich stärker in die Verantwortung. Hintergrund sind auffällig hohe Arrestzahlen: Allein im ersten Halbjahr 2025 kamen in Niedersachsen einschließlich Bremen 355 Jugendliche wegen Schulschwänzens in Arrest. Doch das Land setzt nicht nur auf mehr Hilfe – eine neue Schüler-ID soll künftig verhindern, dass Kinder nach einem Schulwechsel oder Schulabbruch überhaupt aus dem Blick der Behörden verschwinden.

„Am Ende geht es uns immer darum, die Kinder zu unterstützen“: Niedersachsens Kultusministerin Julia Willie Hamburg (Grüne). Foto: Simona Bednarek / Die Grünen

Minderjährigen Schulschwänzern droht in Niedersachsen seit diesem Schuljahr kein Jugendarrest mehr – stattdessen setzt das Land stärker auf Unterstützung. Bisher sei das Jugendamt immer gleichzeitig mit dem Ordnungsamt informiert worden, sagte Kultusministerin Julia Willie Hamburg im Gepräch. «Wir sagen jetzt: Erst wird das Jugendamt informiert, das dann auf die Familie zugeht. Erst, wenn das nicht greift, wird das Ordnungsamt informiert. Wir glauben, dass das deutlich effektiver ist, weil es die Bereitschaft, Hilfsangebote anzunehmen, erhöht.»

Die Grünen-Politikerin kündigte an, die Schulsozialarbeit und die Schulpsychologie auszubauen. «Das Fernbleiben von der Schule hat viele sehr unterschiedliche Gründe: Prüfungsangst, Depressionen, Gewalt in der Familie, um nur einige Beispiele zu nennen», sagte sie. «Am Ende geht es uns immer darum, die Kinder zu unterstützen.»

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«Letztendlich sind die Eltern dafür zuständig»

Auf Freiheitsentzug als letztes Mittel will Hamburg aber nicht vollständig verzichten. «Die Ordnungsmaßnahme Knast gibt es im Zweifel dann immer noch, aber nur noch für Volljährige oder die Erziehungsberechtigten», sagte sie. «Letztendlich sind die Eltern dafür zuständig, dass die Kinder zur Schule gehen, und sie sind diejenigen, die das nachhalten müssen.»

Laut Schulgesetz ist es eine Ordnungswidrigkeit, der Schulpflicht nicht nachzukommen – seit August allerdings nur noch für Volljährige. Auch Erziehungsberechtigte können mit einem Bußgeld belegt werden, wenn sie nicht dafür sorgen, dass schulpflichtige Kinder regelmäßig am Unterricht teilnehmen. Minderjährige selbst werden für Schulpflichtverletzungen dagegen nicht mehr mit einem Bußgeld belegt. Damit entfällt auch der bisher in der Folge mögliche Jugendarrest. Erwachsenen kann bei Nichtzahlung einer Geldbuße unter bestimmten Voraussetzungen aber Erzwingungshaft drohen.

Die Schulpflicht dauert in Niedersachsen grundsätzlich zwölf Jahre. Sie beginnt in der Regel mit dem Schuljahr, in dem ein Kind sechs Jahre alt ist oder bis Ende September sechs Jahre alt wird. Zudem sind Auszubildende für die Dauer ihres Ausbildungsverhältnisses berufsschulpflichtig.

So häufig war Jugendarrest wegen Schulschwänzens

In Niedersachsen war Jugendarrest für Schulschwänzer nach den verfügbaren Zahlen vergleichsweise häufig. Die Ministerin sagte sogar: «Niedersachsen ist beim Jugendarrest bundesweit der absolute Spitzenreiter.» Im ersten Halbjahr 2025 habe es im Land eine dreistellige Zahl von Fällen gegeben und das nächste Bundesland habe nur knapp 50 gezählt.

«Das ist ein frappierender Unterschied», sagte Hamburg. «Wir haben deshalb sehr intensiv analysiert, wie wir dazu beitragen können, dass erst mal pädagogische Maßnahmen greifen und Eltern in die Pflicht genommen werden.»

Eine Umfrage des Redaktionsnetzwerks Deutschland hatte die Zahlen Ende 2025 ergeben. In Niedersachsen kamen demnach im ersten Halbjahr 2025 insgesamt 355 Jugendliche wegen Schulschwänzens in Arrest. Darin enthalten waren auch Jugendliche aus Bremen. Hessen etwa meldete 48 Fälle bis Oktober 2025. Allerdings lieferten mehrere Länder gar keine Daten.

«Mit der Schüler-ID wird uns kein Kind mehr verloren gehen»

Um die Bildungswege der Schüler und Schülerinnen besser nachvollziehen zu können, führt Niedersachsen überdies eine Schüler-ID ein. Die Schulsoftware Neo wird dafür weiterentwickelt. «Sobald wir damit die Schülerdaten verwalten, bekommt jede Schülerin und jeder Schüler eine Nummer», sagte die Ministerin.

Pseudonymisiert will das Land dann unter anderem Einblicke gewinnen, wo es Übergänge zwischen den Schulen gibt und wo es zu Abbrüchen kommt. «Gleichzeitig können sich Schülerinnen und Schüler nicht mehr von der Schule abmelden, ohne an einer anderen Schule angemeldet zu sein», sagte Hamburg. «Es gibt Eltern, die ziehen viel um, melden ihre Kinder ab und irgendwann melden sie sie nicht mehr an. Dann sind die Kinder weg. Das kann jetzt nicht mehr passieren. Mit der Schüler-ID wird uns kein Kind mehr verloren gehen.»

Zugleich will das Land verhindern, dass Jugendliche nach dem Verlassen der Schule ohne Anschlussperspektive aus dem Blick geraten. «Wenn ein Jugendlicher die Schule abbrechen will, dann haben wir jetzt auch die Möglichkeit, der Agentur für Arbeit die Kontaktdaten zu übergeben», sagte Hamburg. «Auch dieser junge Mensch ginge nicht verloren, sondern würde direkt über die Agentur für Arbeit weiter begleitet.» News4teachers / mit Material der dpa

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9 Kommentare
Rüdiger Vehrenkamp
9 Tage zuvor

«Es gibt Eltern, die ziehen viel um, melden ihre Kinder ab und irgendwann melden sie sie nicht mehr an. Dann sind die Kinder weg. Das kann jetzt nicht mehr passieren. Mit der Schüler-ID wird uns kein Kind mehr verloren gehen.»

Es sei denn, die Familie meldet ins Ausland ab, dann bringt die Schüler-ID nichts mehr. Das durften wir in unserem Einzugsgebiet bereits mehr als einmal erleben. Offiziell stand der Umzug in ein anderes Land im Raum und dennoch sah man den eigentlich abgemeldeten Schüler immer wieder auf der Straße vor Ort rumlungern. Was sich diese Familien davon versprechen, weiß ich nicht.

Rainer Zufall
9 Tage zuvor

Solche Extremfälle lassen sich dann aber auch nicht über Alternativen zur Schüler-ID lösen.
Und Familien, die sich ins Ausland absetzen, betreffen halt auch das Schulsystem nicht mehr…
Ist halt nur eine von mehreren Maßnahmen.

Wie ist es bei Ihnen ausgegangen? Haben Sie den Schüler/ die Familie gemeldet?

Fräulein Rottenmeier
7 Tage zuvor
Antwortet  Rainer Zufall

Extremfälle? Bei uns sind zwei Mädchen (Grundschule) an eine griechische Schule (Privat) angeblich angemeldet worden. Nach Rückfrage, sind die Kinder dort aber nicht angekommen…..vermutlich inzwischen beide verheiratet…..irgendwo in Deutschland…..nicht nachzuvollziehen….und nun?

Rainer Zufall
6 Tage zuvor

Das klingt nach Extremfällen, wenn Sie mich fragen

unverzagte
6 Tage zuvor

Griechenland ist ein europäischer moderner Staat, in dem Zwangsheirat unter Strafe steht…

Rainer Zufall
9 Tage zuvor

Freut mich, dass Schulsozialarbeit und -Psycholog*innen gestärkt werden sollen, wobei da konkrete Pläne und Zahlen hilfreich wären…
Das mit der ID niemand verloren geht – und Lehrkräfte nicht bei Null starten müssen! – dürfte wohl begrüßt werden.

Daumendrück für den Gegenwind, dass es kein Wundermittel ist!

Palim
8 Tage zuvor

Es klingt vor allem nach viel Aufwand.

(Grund-)Schulen erhalten eine Meldung über zugezogene Kinder und wissen dann, wo nachgehakt werden muss, und erhalten die Akte der vorherigen Schule.

Wenn es trotz Androhung des Arrests zu so hohen Fehlzeiten kommt, braucht es wohl noch ganz andere Hilfen für diese Jugendlichen als eine Schüler-ID und den Besuch des JA.

Fräulein Rottenmeier
7 Tage zuvor
Antwortet  Palim

Wenn eine ID, dann Deutschlandweit, denn wenn wir Schüler an Niedersachsen abgeben, dann erfährt davon niemand…..

F.m
5 Tage zuvor

Schulpräsenspflicht gehört abgeschafft.
Sie hat vielen Jugendlichen und Familien Leid gebracht.
In eine Freie Schule würde es nicht so laufen.
Die Familien und kinderplage.
Kinder in Arrest zu schicken ist Kindeswohlgefährdung und die Familien mit Bußgelder und Jugendamt zu drohen und zu nötigen.
In eine Soziale Schule würde jeder gern gehen