Bemerkenswerte Studie: Grundschüler, die früh lernen, sich selbst zu regulieren, haben deutlich mehr Erfolg in der Schule

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MAINZ. Selbstregulation – also die Fähigkeit, Aufmerksamkeit, Emotionen und Impulse zu kontrollieren sowie individuelle Ziele konsequent zu verfolgen – ist eine Kompetenz, die maßgeblich für den Schulerfolg ist. Auch schon bei jungen Kindern: Eine Studie der Universitäten Mainz und Zürich belegt, dass eine Förderung der Selbstregulation von Erstklässlerinnen und Erstklässlern signifikant wirksam ist – bis hin zu einer höheren Wahrscheinlichkeit, später eine Empfehlung fürs Gymnasium zu bekommen.

Kinder, die sich selbst regulieren können, haben mehr Erfolg beim Lernen. (Symbolfoto) Foto: Shutterstock

Der Fähigkeit zur Selbstregulation wird von einflussreichen Institutionen wie der UNESCO eine Schlüsselrolle für den Bildungserfolg im 21. Jahrhundert zugeschrieben. Und es ist weitaus mehr als der Bildungserfolg, für den Selbstregulation langfristig eine Rolle spielt: Studien zeigen, dass Menschen, die als Kinder selbstregulierter sind, später als Erwachsene durchschnittlich ein höheres Einkommen, eine bessere Gesundheit und eine höhere Lebenszufriedenheit haben. Weitere Studien belegen, dass die Selbstregulation bereits im Kindesalter gezielt gestärkt werden kann. Vor diesem Hintergrund erscheint es verwunderlich, dass eine explizite Förderung dieser grundlegenden Kompetenz bisher nicht im alltäglichen Schulunterricht oder in Bildungsplänen verankert ist.

Spätestens die pandemiebedingten Schulschließungen und die immer weiter steigende Nutzung digitaler Medien durch Kinder offenbart, wie wichtig diese Kompetenzen auch für Kinder sind.

Kann eine Förderung der Selbstregulationsfähigkeit in den Grundschulalltag integriert werden, ohne viel Unterrichtszeit zu beanspruchen? Ist es in diesem Rahmen möglich, bereits jungen Schülerinnen und Schülern eine abstrakte Selbstregulationsstrategie kindgerecht zu vermitteln, sodass sie diese eigenständig auch außerhalb des Unterrichts auf ihre individuellen Ziele anwenden können? Lassen sich Effekte verbesserter Selbstregulation nach einer Unterrichtseinheit zur Förderung der Selbstregulation nachweisen? Hat diese Unterrichtseinheit das Potenzial, den langfristigen Bildungserfolg zu verbessern? Wie könnte eine solche Förderung gestaltet werden, damit sie flächendeckend praktisch einsetzbar ist? Diese Fragen haben sich Prof. Daniel Schunk, Dr. Eva Berger, Dr. Henning Hermes und Prof. Kirsten Winkel am Potentialbereich „Interdisciplinary Public Policy“ der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) sowie Prof. Ernst Fehr vom Department of Economics der Universität Zürich gestellt.

Die Forschenden konnten ein Jahr nach der Förderung eine deutlich verbesserte Lesekompetenz und weniger Flüchtigkeitsfehler feststellen

Mit einer randomisiert kontrollierten Studie mit insgesamt mehr als 500 Erstklässlerinnen und Erstklässlern in Grundschulen zeigt das Forschungsteam, dass bereits eine kurze Unterrichtseinheit zu einer signifikanten und nachhaltigen Verbesserung der Selbstregulation führt: Die Forschenden konnten ein Jahr nach der Förderung eine deutlich verbesserte Lesekompetenz und weniger Flüchtigkeitsfehler sowie drei Jahre nach der Förderung eine erheblich erhöhte Wahrscheinlichkeit für einen Gymnasialbesuch bei den Kindern feststellen. Die Ergebnisse der Studie sind in der aktuellen Ausgabe der renommierten Fachzeitschrift Nature Human Behaviour veröffentlicht.

Basierend auf Bedenken aus der Praxis wegen bereits sehr voller Schulcurricula haben die Forschenden die Unterrichtseinheit hochgradig kosten- und zeiteffizient konzipiert, sodass sie flächendeckend in Grundschulen einsetzbar ist: Die Unterrichtseinheit selbst dauert nur fünf Schulstunden. Die Klassenlehrerinnen und -lehrer nehmen an einer dreistündigen Fortbildung teil und werden mit vollständig entwickelten Unterrichtsmaterialien ausgestattet, sodass sie die vorbereiteten Unterrichtsstunden unmittelbar in den regulären Stundenplan integrieren können.

Die Unterrichtseinheit basiert auf der MCII-Strategie, kurz für „Mental Contrasting with Implementation Intentions“, die für Erwachsene und ältere Schülerinnen und Schüler bereits gut erforscht ist: Die Klassenlehrerinnen und -lehrer vermitteln die abstrakte Strategie spielerisch mithilfe eines Bilderbuchs und der Identifikationsfigur HÜ, dem Hürdenüberspringer. Im ersten Schritt stellen sich die Kinder die positiven Effekte eines erreichten Ziels vor. Sie kontrastieren diese zu den Hindernissen, die ihnen auf dem Weg zum Ziel entgegenstehen („Mental Contrasting“). Im Anschluss identifizieren die Kinder konkrete Verhaltensweisen, um den Hindernissen zu begegnen, und sie entwickeln daraus „Wenn-dann-Pläne“ („Implementation Intention“).

„Dass frühe Investitionen in so grundlegende Kompetenzen auch der Gesellschaft sehr viel bringen, sollte mehr bildungspolitische Beachtung finden“

Einer der Autoren der Studie, Prof. Ernst Fehr von der Universität Zürich, stellt fest: „Die weitreichende Bedeutung von Selbstregulationsfähigkeiten ist schon lange bekannt. Mit dieser Studie zeigen wir nun, wie wir die explizite Förderung dieser Fähigkeit schon früh im Grundschulunterricht einbetten können. Die Steigerung der Selbstregulation bewirkt, dass die Kinder mehr Verantwortung für das eigene Lernen übernehmen und sich selbst Ziele setzen und daran arbeiten. Dank der leichten Skalierbarkeit könnten so also flächendeckend Schlüsselkompetenzen von Kindern verbessert werden, die heutzutage von fundamentaler Bedeutung für einen erfolgreichen Bildungsweg und für ein gelingendes Leben sind.“

Prof. Daniel Schunk von der JGU, ebenfalls Autor der Studie, hebt hervor: „Das Besondere an unserer Studie sind die langfristigen Transfereffekte einer kurzen Unterrichtseinheit. Diese kommen zunächst dem Kind zugute, übertragen sich aber im weiteren Lebenszyklus des Kindes in vielfacher Weise auf die ganze Gesellschaft. Dass frühe Investitionen in so grundlegende Kompetenzen nicht nur dem Kind alleine, sondern auch der Gesellschaft sehr viel bringen, sollte mehr bildungspolitische Beachtung finden.“ News4teachers

D. Schunk et al., Teaching Self-Regulation, Nature Human Behaviour, 13. Oktober 2022,
DOI: 10.1038/s41562-022-01449-w

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Dil Uhlenspiegel
1 Monat zuvor

Ja, die Selbstregulation! Sehr wichtig, sehr entscheidend für die Entwicklung, jawoll. Dazu gibt es z.B. den berühmten Marshmallow-Test für Kinder. Kennt ihr?
https://youtu.be/d8M7Xzjy_m8?t=35

Ich war darin als Kind überragend aufgrund meiner ganz basalen Persönlichkeitsstrukturen, die sich hier unbedingt vorteilhaft auswirkten. Ich habe nämlich Marshmallows gehasst.

Rabe aus NRW
1 Monat zuvor
Antwortet  Dil Uhlenspiegel

Neeeee, keine Marshmallows, ich will das mit MonCheri üben!!! *aufstampf*

Georg
1 Monat zuvor

Bemerkenswerte Erfahrung: Grundschüler, die von ihren Eltern bildungsnah erzogen wurden, haben deutlich mehr Erfolg in der Schule

Wurde eigentlich von den Forschern auch nach den Berufen und höchsten Abschlüssen der Eltern, der Intelligenz und weiteren sozioökonomischen Faktoren gefragt?

Friedrich Schiller
1 Monat zuvor
Antwortet  Georg

Wäre tatsächlich eine wichtige Info und hat sicherlich auch einen Einfluss. Bei einer randomisiert kontrollierten Studie denke ich aber, dass man vorsichtig davon ausgehen darf, dass schon versucht wurde, diese Effekte zu minimieren.

PaPo
1 Monat zuvor

Überraschung!

Kritischer Dad*NRW
1 Monat zuvor

Nachlesen für $32.00, nein Danke.

Marion
1 Monat zuvor

Super. Endlich DIE Lösung. Fünf Schulstunden in „Selbstregulation“ und der Laden läuft wieder wie geschmiert.
Ich hätte nicht gedacht, daß das so einfach sein könnte.
Gibt’s das auch für Kitakinder?
Vielleicht sollten wir mit dem Selbstregulationstraining schon bei Kindern im Mutterleib anfangen, dann könnte man die nach der Geburt noch früher in die Krippe geben. Dank erlernter Selbstregulation schaffen die Kleinen dann auch locker schon ab 6 Monaten einen Achtstundentag in der Krippe. Hurra! Das Leben kann so schön sein – und so einfach.

Dil Uhlenspiegel
1 Monat zuvor
Antwortet  Marion

… und gedeihen in doppelt so große Gruppen in halb so großen Räumen. Hm, deftiger Ein(spar)topf, lecker!

dickebank
1 Monat zuvor
Antwortet  Dil Uhlenspiegel

… bei verkürzter Garzeit – ähm Kompetenzerwerb:)

Quasi der didaktische Thermomix als Lernfix oder auch „Schneller Brüter“ genannt.)

Die schulischen Kompetenzen gehen in kürzester Zeit auf wie ein Souffle und fallen bei Entnahme aus dem Schutzraum Schule infolge der real existierenden Lebenswirklichkeit eben auch zusammen wie ein Souffle.

Pit2020
1 Monat zuvor
Antwortet  dickebank

@dickebank

„… bei verkürzter Garzeit – ähm Kompetenzerwerb:)“

Garzeit … oder Gärzeit? 😉

Rabe aus NRW
1 Monat zuvor
Antwortet  Pit2020

Fermentation ist im Moment das Ding

Friedrich Schiller
1 Monat zuvor
Antwortet  dickebank

Nur, dass genau das schon häufig gezeigt wurde, dass eine Fähigkeit zur Selbstregulation eben nachhaltig positive Effekte auf das gesamte Leben auch außerhalb der Schule hat und eben *nicht*wie Souffle in sich zusammenfällt… siehe Marshmallowtest, den Dil Uhlenspiegel erwähnt hat, ist doch eine ganz coole Entdeckung 😉

Rabe aus NRW
1 Monat zuvor
Antwortet  Dil Uhlenspiegel

You’ve made may day, thank you 🙂

Friedrich Schiller
1 Monat zuvor
Antwortet  Dil Uhlenspiegel

… oder man sieht es einfach als eine gute Entdeckung, um den Lehrermangel auszugleichen. Wenn die Kinder mit so einem Workshop besser betreut sind bei gleicher Klassengröße, dann kann man damit einen Teil des Lehrermangels in den betroffenen Gebieten abfedern und die anderen haben einfach so eine bessere Betreuung.

Carsten60
1 Monat zuvor
Antwortet  Marion

Nur wird eben im Artikel nichts Konkretes gesagt, wie diese 5 Schulstunden „Selbstregulation“ annähernd aussehen und ob das vielleicht doch nur unter privilegierten „Laborbedingungen“ so funktioniert. Man darf skeptisch sein. Und die Intention darf auch nicht übertrieben werden, etwa mit Tricks ein „erwünschtes Sozialverhalten“ zu erzwingen, gleichzeitig aber die Heterogenität zu preisen.

Robert
1 Monat zuvor
Antwortet  Marion

Ist Ihr Kommentar diesmal bittere Ironie bezüglich des gezielt in Umlauf gesetzten Irrglaubens, dass unsere Kinder am glücklichsten sind und am besten gedeihen, wenn sie schon möglichst kurz nach der Geburt und möglichst den ganzen Tag über in Masseneinrichtungen fremdbetreut und den erwerbstätigen Eltern vom Hals gehalten werden?
Nur als Ironie kann ich ihn nämlich verstehen, weil ich schon seit vielen Jahren der Meinung bin, dass Kinder zum eigenen Wohl und zum Wohl der Gemeinschaft tatsächlich wieder mehr Selbstdisziplin lernen müssen.

Die seit Jahren und Jahrzehnten praktizierte Verteufelung der sogenannten Sekundärtugenden hat viel Schaden in der kindlichen Entwicklung zu einem selbstständigen, erfolgreichen und verantwortungsbewussten Erwachsenen angerichtet. Menschen, die nicht schrittweise von Kindesbeinen an gelernt haben, sich an den Riemen zu reißen, sind vorprogrammiert für ein späteres ziemlich unglückliches Leben durch häufiges Anecken, mangelndes Verständnis für andere und für vielfältige Minderleistungen.
Selbstdisziplin lernt man allerdings nicht in 5 Kita- oder Schulstunden, auch nicht in 20 oder 30. Dieser Ansatz ist ein Witz. Man lernt sie nur durch behutsames, dennoch konsequentes und ständiges Training während aller Schulstunden. In hartnäckigen Fällen müssen Lehrer/innen und Erzieher/innen auch Mittel zugestanden werden, mit denen sie die Kinder zu mehr „Selbstregulation“ zwingen können.

Der Wert des Artikels liegt für mich in dem Hinweis auf den Wert von (Selbst)Disziplin. Er ist heutzutage ja schon fast revolutionär.
Die 5 Schulstunden als Lösung des Disziplinproblems schiebe ich einfach beiseite und hoffe darauf, dass der Weg der Erkenntnis in Zukunft noch weiterführt.

Marion
1 Monat zuvor
Antwortet  Robert

Ja, das ist Ironie. Und ja, ich bin, wie sie, der Meinung, daß es bezüglich der Fähigkeit zur Selbstregulation vieler Kinder große Defizite gibt.
Aber glaubt hier eigentlich wirklich jemand, daß das, was in den Jahren davor schiefgelaufen ist, in 5 Schulstunden behoben werden kann?

potschemutschka
1 Monat zuvor
Antwortet  Marion

Ich weiß leider nicht mehr, wer das gesagt hat: „Erziehung findet bis 5 Jahre statt, danach geht nur noch Umerziehung!“ Ich finde diesen Satz sehr richtig!

Monika, BY
1 Monat zuvor
Antwortet  potschemutschka

Damit meinen sie Gesellschaft, oder?

potschemutschka
25 Tage zuvor
Antwortet  Monika, BY

Die auch!;)

TaMu
1 Monat zuvor
Antwortet  Marion

Diesbezüglich gefällt mir der Vergleich mit dem Soufflee durch Dicke Bank weiter oben sehr gut!

Petra
1 Monat zuvor
Antwortet  Marion

Nein, Marion, wahrscheinlich glaubt hier kein Mensch, „daß das, was in den Jahren davor schiefgelaufen ist, in 5 Schulstunden behoben werden kann“.
Der Wert der Studie liegt darum, wie Robert schon sagte, allein in der Wiederentdeckung der Selbstdisziplin und seiner immensen Bedeutung fürs ganze Leben.
Die 5 Schulstunden sind völlig unrealistisch und irreführend. Hier geht man anscheinend noch von der falschen Annahme aus, der Mensch brauche nur etwas einzusehen, und schon handle er gemäß dieser Einsicht.
So simpel ist das aber nicht, denn alle Menschen handeln immer wieder gegen ihr besseres Wissen, nicht zuletzt Kinder. Es kommt also ganz wesentlich auf die Stärke der Selbstdisziplin an. Sie muss täglich trainiert werden, indem man das Kind nicht dauernd tun lässt, was es will und ihm nicht ständig jeden Wunsch erfüllt, sei er auch noch so unsinnig.

Rabe aus NRW
1 Monat zuvor
Antwortet  Marion

Ich würde mir auch so ein Zaubertraining für die Erwachsenen im zweiten Bildungsweg wünschen …..

Friedrich Schiller
1 Monat zuvor
Antwortet  Marion

Liebe Marion, ich kann verstehen, dass du wahrscheinlich vom Bildungssystem enttäuscht bist. Aber das hier leistet einen konkrer positiven Effekt, warum lehnst du das ab? Ich beschreibe mal, wie ich den Artikel lese: Selbstregulation ist ein Prozess, der sowieso im Leben stattfindet. Z.B. telefonierst du nicht während eines Schultheaterstücks aus Höflichkeit gegenüber den Kindern. Das schon früher zu erkennen ist hilfreich. Umso besser wenn es nicht durch Strenge und Disziplin von außen aufgezwungen wird, sondern die Kinder selbst motiviert sind es zu tun, weil sie daran denken, wie sich z.B. ihr Verhalten auf andere Kinder oder sich selbst auswirkt. Normalerweise beginnt das tatsächlich schon im Säuglingsalter, wo Eltern ihren Kindern z.B. nicht unendlich viel Eis oder Burger geben, nur weil das Kind sie essen will.
So: Und dieser Artikel probiert halt aus, genau das in der Schule zu vermitteln. Was sich gezeigt hat, ist, dass das sehr einfach geht und den Kindern nachhaltig zugutekommt!
Es geht dabei überhaupt nicht um irgendeine Indoktrination – im Gegenteil. Die Kinder sollen früher das Vertrauen bekommen, selbstbestimmt entscheiden zu können.
Damit werden nicht alle Probleme gelöst aber einige verbessert. Warum also ablehnen?

Fr.M.
1 Monat zuvor

„Die Kinder sollen früher das Vertrauen bekommen, selbstbestimmt entscheiden zu können.“

Ich verstehe Sie nicht. Es geht doch darum, Kindern, die unter „selbstbestimmt entscheiden“ vor allem Disziplinlosigkeit und mangelnde Selbstbeherrschung verstehen, diese Einstellung abzugewöhnen.
„Mach, was du willst, richte dich allein nach dir selbst“, sollte als moderner und angeblich fortschrittlicher Lehrsatz der Pädagogik endlich ausgedient haben.

Marion
1 Monat zuvor

Ich lehne das doch gar nicht ab.
Dieses Programm mag durchaus eine gute Ergänzung sein.
Der Bericht liest dich aber ein bißchen so, als wäre mit 5 Stunden Selbstregulationstraining alles in Butter.
Ist es aber nicht. Kinder haben heute verstärkt Probleme mit der Selbstregulation und nicht nur damit. Das spüren alle, die mit Kindern arbeiten, ganz deutlich. Das ist ja auch immer wieder Thema hier bei news4teachers. Auch der Spiegel hat neulich sogar eine ganzeTitelgeschichte diesem Thema gewidmet, unter der Schlagzeile: „Gut (v)erzogen“. Mir wird zu wenig über die Ursachen diskutiert.
Wir merken seit Jahren, daß im Erziehungs – und Bildungssystem etwas nicht mehr stimmt.
Wir merken seit Jahren, daß Kindern wichtige, altersgemäße Kompetenzen fehlen.
Wir merken seit Jahren, daß immer mehr Eltern Schwierigkeiten haben, ihrem Erziehungsauftrag gerecht zu werden.
Grundschullehrer beklagen, daß sie Kindern die einfachsten Basiskompetenzen erst beibringen müssen, bevor sie überhaupt unterrichten können.
Erzieher flüchten aus dem Beruf, weil sie der Belastung nicht mehr gewachsen sind.
Und außer hier auf news4teachers, interessiert das den Rest der Gesellschaft, selbst die Eltern, eher so mittelmäßig bis gar nicht.
Ab und zu erscheint mal der ein oder andere Artikel in der ein oder anderen Zeitung und dann war’s das auch schon wieder.
Wir haben ja schließlich Krieg, Klimawandel und Inflation. Da können wir uns nicht auch noch mit solchen Nebensächlichkeiten befassen.
Aber halt! Da gibt es jetzt dieses tolle Programm: 5 Schulstunden spielerisch Selbstregulation üben. Super. Ich finde das gut, ehrlich.;-)
Aber das kann es ja wohl nicht gewesen sein.
Das ändert nichts daran, das Kindheit heute komplett institutionalisiert ist, obwohl wir gar nicht mehr die personellen Ressourcen haben, um diesem Anspruch gerecht zu werden.
So ein Training ist da für mich der berühmte Tropfen auf den heißen Stein. Schadet nicht. Aber wirklich nachhaltig verbessern wird sich dadurch auch nichts.
Kinder brauchen meiner Meinung nach wieder mehr Zeit, außerhalb von eigens für sie künstlich hergestellter institutioneller Ganztagsbetreuung.
Kinder sollten wieder sichtbarer im öffentlichen Raum werden.
Vor kurzem bin ich auf dem Heimweg von der Arbeit durch eine der Ortschaften gefahren, die auf dem Weg liegen.
Mitten auf dem Dorfplatz hielt sich eine Gruppe Kinder auf.
Kein Erwachsener in der Nähe.
Die haben da einfach so gespielt.
Das Schlimme daran ist, daß es mir aufgefallen ist, weil es so ungewöhnlich war.
Ich sehe nämlich in unseren Dörfern kaum noch Kinder nachmittags draußen beim Spielen. Wenn, dann sieht man sie Hand in Hand in Zweierreihen marschieren und am Anfang und am Ende der Schlange jeweils eine pädagogische Fachkraft.
Oder man sieht sie hinterm Zaun, wenn man am Kindergarten vorbei geht.
Kinder leben ihr Leben mittlerweile zu einem großen Teil in ihrer abgeschotteten, eigens künstlich für sie geschaffenen Kinderwelt, betreut von eigens dafür ausgebildeten Fachkräften.
Ja, ich weiß, daß sich die Lebensumstände der Menschen nun mal verändert haben.
Aber unseren Kindern wird dadurch soviel vorenthalten. Die Kindheit, die wir ihnen bieten ist um so vieles ärmer geworden.
Wo können Kinder heute noch Abenteuer erleben? Im Kindergarten? Im Hort oder der Ganztagsschule?
Wo können sie wirklich noch was ausprobieren, was vielleicht sogar ein kleines bißchen gefährlich ist, ohne daß sofort ein Erwachsener „Stop“ ruft.
Wo können sie heimlich was Verbotenes tun, ohne daß sie von einem der 25 anderen verpetzt werden?
Wo können sie noch echte Streiche aushecken.
Mein Vater, Jahrgang 38 konnte das. Ich, Jahrgang 68 konnte das.
Meine Nichten und Neffen, Jahrgang so Anfang der Neunziger gingen zwar schon in einen Kindergarten, aber erst ab 3 oder vier Jahren und nur halbtags. Auch die konnten das noch. Aber danach wurde es dann schon eng für die freie Kindheit. Wir enthalten unseren Kindern soviele wertvolle Erfahrungen vor, die frühere Generationen noch ganz selbstverständlich machen durften. Mir ist nicht bekannt, daß man sich damals ständig um die Basiskompetenzen, das Sozialverhalten und die Bildung der Kinder hätte sorgen müssen.
Was mir besonders unangenehm auffällt: Seit wir angefangen haben, Kindheit mehr und mehr zu institutionalisieren, geht es zunehmend bergab.
Und je mehr Verantwortung wir den Familien abgenommen haben und sie in „professionelle Hände“ gelegt haben, desto weniger funktioniert unsere Gesellschaft.
Eltern ächzen unter der Doppelbelastung Familie und Beruf und sie verlernen mehr und mehr, wie man Kinder erzieht.
Erzieher und Lehrer ächzen unter den Belastungen, die ihr Beruf unter den derzeitigen Bedingungen mit sich bringt.
Keiner wird mehr den Ansprüchen, die an ihn gestellt werden, so richtig gerecht.
Da ist doch etwas GANZ GRUNDSÄTZLICH falsch.
Kinder gehören wieder MITTEN IN DIE GESELLSCHAFT. Sie müssen wieder teilnehmen können am Leben der Erwachsenen.
Aber dafür müßten wir weg von dem, was wir jetzt leben.
Hin zu kleineren Einheiten, familiäreren Strukturen, weg vom Globalen und wieder mehr zum Regionalen, nachhaltiger, weniger.
Ich weiß das ist Utopie.
Aber so wie es jetzt ist, funktioniert es auch nicht.
Da könnt ihr Selbstregulation üben, bis ihr schwarz werdet.
Sorry, es ist schon wieder mit mir durchgegangen.

Nora
1 Monat zuvor
Antwortet  Marion

Ein Kommentar ganz nach meinem Herzen!! Danke, Marion!
Ich bin ähnlich alt wie Sie und kann nur bestätigen, was Sie vom paradiesischen Aufwachsen früherer Generationen im Vergleich zu heute erzählen. Wir genossen große Freiheit durch unsere schulfreien Nachmittage, Bewegungslust und -befriedigung außerhalb der Wohnung, und Eltern, die uns nicht dauernd beaufsichtigten, weil uns ja hätte Schlimmes passieren können.
Und noch eins möchte ich erwähnen: Wir kannten noch gemeinsame Geheimnisse und echte Kameradschaft. Es wurde nicht gepetzt und bei Erwachsenen über andere beschwert, wenn man sich mal gestritten hatte. Die Sache wurde untereinander geklärt und erledigt. Heute ist Petzen und Beklagen bei Erwachsenen fast Mode, auch wenn man angeblich befreundet ist.

Dass diese wunderbare Zeit heute oft völlig falsch dargestellt wird als nur streng und das kindliche Wesen unterdrückend, macht mich immer wieder fassungslos. Man braucht wohl diese Märchen, um die heutige Pädagogik als fortschrittlich und einzig kindgerecht begründen zu können, obwohl sie das Gegenteil ist, auch wenn die Kinder maßlos verwöhnt und in Watte gepackt werden.

mama51
1 Monat zuvor
Antwortet  Marion

Marion, großartig beschrieben! Einfach nur großartig! Danke!

Monika, BY
1 Monat zuvor
Antwortet  Marion

„Wir merken seit Jahren, daß im Erziehungs – und Bildungssystem etwas nicht mehr stimmt.“

Weil es in der Gesellschaft etwas nicht mehr stimmt – nie wurde Wissen und Können so wenig gesellschaftlich geschetzt, wie heute. Kita und Schulen sind nur ein Projektor.
 
Was war zuerst, ein Ei oder ein Huhn.

Echt
1 Monat zuvor
Antwortet  Marion

Sie haben vollkommen Recht. Ich kann mich beim Thema „Institutionalisierung der Kindheit “ auch regelmäßig in Rage reden. Viele erwachsene Menschen sehen es tatsächlich als Fortschritt, wenn Eltern ihre Kinder (und umgekehrt) kaum mehr sehen. Tatsächlich scheinen junge Erzieherinnen oft auch schon dahingehend indoktriniert. Die Kinder müssen sich der glücklichmachenden Rundumbetreuung anpassen oder sind halt verhaltensauffällig und benötigen weitere Förderung, statt die Familien wieder in ihren ureigensten Aufgaben und Verantwortungen (wie ich finde auch Rechte) zu bestärken.
Förderprogramme sind auf Funktion mit einem festgelegtem Ziel ausgelegt. Was fehlt ist Freiheit. Kindheit sollte eine Zeit der Freiheit sein, sich entwickeln, die Welt entdecken. Wo hat das freie Kind-Ich noch Berechtigung? Dies gehört aber auch dazu, um Selbstregulation zu entwickeln. Viele Eltern denken, dass sie ihre Kinder frei erziehen, handeln aber eher laissez-faire. Diese tatsächlich „unerzogenen“ Kinder erleben ich nicht als frei, sondern unsicher, ängstlich, wütend und sich all den äußeren Anforderungen gegenüber verweigernd. Die Verunsicherung der Eltern bei politisch suggerierter Verantwortungsabnahme durch Kita und Schule, scheint die Gesellschaft immer weiter zu verunsichern und zu vereinzeln und schwächt somit das Selbstwertgefühl des Einzelnen und unsere Gesellschaft als Ganzes. Die heutigen Kinder erleben viele Ambivalenzen. Häusliche Überbehütung vs. ganztägiger Fremdbetreuung. Vermeintliche Freiheit und Erziehung zur Selbstbestimmung vs früher Anpassung an die wirtschaftlichen Erwartungen an ihre Eltern. Aus dem Blick gerät das Individuum Kind. Ins Blickfeld und im Vergleich gestellt werden Entwicklungsstand und Funktion. Und hier gibt es kein Entkommen, keine Verstecke, Geheimnisse oder eigenes unbeobachtetes Erleben und einfach Sein.
Um Selbstregulation zu entwickeln, braucht ein Kind ein Gefühl der Selbstwirksamkeit im Rahmen einer orientierungs- und sicherheitsgebender Bindung und Erziehung, statt beständiger Regulationsversuche von Außen.

Pit2020
1 Monat zuvor
Antwortet  Marion

@Marion

„Mitten auf dem Dorfplatz hielt sich eine Gruppe Kinder auf.
Kein Erwachsener in der Nähe.
Die haben da einfach so gespielt.
Das Schlimme daran ist, daß es mir aufgefallen ist, weil es so ungewöhnlich war.“

Isso, leider!

Etwa seit 20 Jahren führt mich der immer gleiche Arbeitsweg durch mehrere Stadtteile hindurch. Anfangs waren die Kids noch oft per Pedes oder Fahrrad auf dem Weg zur Schule, jetzt entweder per Bus/Bahn oder Elterntaxi. (Haben nicht Studien 😉 gezeigt, dass Kinder, die eine zu bewältigende Strecke Schulweg tatsächlich laufen oder mit dem Rad zurücklegen, im Unterricht konzentrierter und emotional ausgeglichener sind?!)
Die Elterntaxen sorgen immer für viel „Action und Freude“ vor den Schulen, weil ja (scheinbar nur?) das eigene Kind sicher zur Schule gelangen soll, die anderen können dann ja sehen, wo sie bleiben: Nämlich für andere Verkehrsteilnehmer oft unsichtbar hinter einer Reihe von schicken SUVs gut verborgen, solange bis die Kids ungeduldig hervortreten – so viel zum Thema „Wo können Kinder heute noch Abenteuer erleben? 🙁
Vor 20 Jahren habe ich dann nachmittags, wenn es wieder mal später wurde mit der Heimfahrt, durchaus noch Kinder im Straßenbild gesehen – jetzt kaum noch.
Ach: Immer ehrlich bleiben … Gestern nachmittag holten 2 Elternteile (vielleicht sogar 1 Familie?) 2 kleine Menschen aus einer Kita ab. Es war nachmittags gegen drei und die beiden „Zwerge“ plärrten aus Leibeskräften, so wie überreizte Kinder das halt tun, wenn ganz, ganz dringend eine Mütze Schlaf brauchen und sie sich in so einem Fall freiwillig!!! Zuhause auf den nächsten weichen Untergrund legen und auf der Stelle einschlafen würden, zur Freude und Entspannung aller daheim. So, wie es beim Spielen im Kinderzimmer oder Wohnzimmer durchaus mal passieren kann … 🙂 In der Kita wird das wohl nicht möglich sein … Tja, echt übel, dass die beiden Kleinen sich so gar nicht selbst regulieren konnten (Ist ja gut! Das war jetzt Ironie.) und die Eltern von dem Geschrei (direkt ins elterliche Ohr, weil beide so fertig waren, dass sie getragen wurden/werden mussten) wahrscheinlich den Rest des Tages nicht mehr gut hören konnten …

Sissi
1 Monat zuvor
Antwortet  Marion

Dankeschön @ Marion;
nein, das ist noch nicht überall Nostalgie.
Wir wohnen in einem bei Touris sehr beliebten Örtchen, Vorort zu einem größeren Ort, 150m entfernt von einem größeren Fluss.
Unsere Dorfkinder sind regelmäßig ums Dorf unterwegs, interessant dabei: auch die Zugezogenen trauen ihren Kindern inzwischen zu, sich – wenn Hiesige dabei sind – frei zu bewegen. Tourikinder werden von der kleinen Meute schnell akzeptiert, eingewiesen: keine Kühe füttern, sonst schimpft X, erst fragen, bevor man in die Gärten geht, Anton nicht mit Steinen bewerfen, sonst wird Sissi sehr ……Unser Anton (großer Münsterländer )hat sich viel Arbeit aufgetan, vermeldet Kinder am Wasser, indem er mich oder die Nachbarin zur Tür schiebt, oder meinen Koffer an die Tür zerrt, oder selbst rettend eingreift. Die Dorfkinder gurten sich ( meist ) an, wenn sie im Flachbereich waten, bei Tourikindern ist ihnen das verboten,
Schwimmen nur mit Großem ( Strömung ist nicht ohne); manchmal verstoßen sie dagegen.
Und: wenn ich das beobachte – es sind 2 Schwierigere dabei – Superselbstregulationsübung, auch für die Urlauberkinder ist auch das Mitspielen-Dürfen. Jeder bekommt zunächst seine Chance.
So stecken Kids auch so manche Problematik daheim besser weg und können sichs von der Seele reden/spielen/laufen.
Allerdings
🙂 bin ich schon oft von Urlaubern oder, wenn er mich ärgern will ( Du bekommst wohl nie genug), von meinem Guten gefragt worden:
Sie übernehmen die Verantwortung?
Die meisten Kinder machen das sehr gut. Erwachsene !

Achja, die Handys,
Einer muss! Gebot! eins dabei haben; werden halt oft verloren,
restliche dürfen bei mir auf den Gartentisch gelegt werden…….

Marion
1 Monat zuvor
Antwortet  Sissi

Danke, @Sissi.
Genau so stelle ich mir eine gelungene Kindheit vor.
Nun hat natürlich nicht jeder das Glück so idyllisch zu wohnen.
Aber es gäbe mit Sicherheit Möglichkeiten, auch in Großstädten Räume zu schaffen, in denen Kinder ungestört und frei ihrem Spieltrieb nachgehen können.
Das müßte beim Planen und Bauen neuer Wohnviertel berücksichtigt werden. Ausreichend Grünflächen mit Bäumen, Büschen und anderen Versteck-und Rückzugsmöglichkeiten, geschützt vor dem Straßenverkehr, sollten für Städteplaner zur Pflicht werden.
Wohnblöcke in Brennpunktvierteln sollten mit, für Kinder ansprechend gestalteten, Innenhöfen ausgestattet werden.
Und es müsste Zentren geben, Treffpunkte und Anlaufstellen, wo Kinder, die nicht so beschützt und behütet aufwachsen, immer Ansprechpartner finden.
Ich glaube, daß es das in vielen Großstädten schon gibt, aber wahrscheinlich noch zu wenig.
Kinder sollten bei der Entwicklung neuer Lebensräume immer mitgedacht und ihre Bedürfnisse berücksichtigt werden.
Wenn dann noch Familien, die dazu in der Lage sind, sich wieder verstärkt selbst um die Erziehung und Betreuung ihrer Kinder kümmern
könnten, dann wären mehr personelle Ressourcen frei, für diejenigen, die wirklich Unterstützung brauchen.
Ich weiß nicht, ob das nur naive Träumereien fernab jeglicher Realität sind.
Aber irgendetwas muß sich ändern. Sonst laufen wir demnächst gegen die Wand.
Unser Staat schüttet per Gießkannenprinzip Segnungen aus, in deren Genuß auch die kommen, die mit ein bißchen gutem Willen gar nicht darauf angewiesen wären. Dadurch hat sich eine Mentalität breitgemacht, sich bei der Bewältigung diverser Hindernisse, die sich einem im Leben so in den Weg stellen können, nach dem Staat zu rufen.
Diejenigen, die, ich sag jetzt mal salopp, „wirklich die Arschkarte gezogen haben“, bleiben mehr und mehr auf der Strecke.
Es kann doch nicht sein, daß wir die Bewältigung all unserer
gesellschaftlichen Probleme, den Schulen und Kitas aufbürden, wohlwissend, daß die das schon lange nicht mehr bewältigen können.
Dann werden Programme entwickelt, wie das im Artikel oben beschriebene, oder das Programm „Faustlos“ für den Kindergarten. Aber wenn wir den Kindern diese Dinge nicht vorleben, wenn wir Kinder nicht mehr teilhaben lassen an unserem Alltag, wenn wir sie immer nur „aus dem Weg haben müssen“, weil wir so sehr mit unserer Erwerbstätigkeit beschäftigt sind, dann helfen auch diese künstlich geschaffenen Programme nicht weiter, weil sie eben immer nur ein Abbild des wirklichen Lebens sind und nicht das Leben selbst.
Theorie eben.
Lassen wir Kinder doch wieder mehr am ECHTEN Leben teilhaben.

Bettina
1 Monat zuvor
Antwortet  Marion

Ich kenne das Programm „Faustlos“ in einer Klasse an unserer GS schon vor ca. 20 Jahren. Ich hoffe, Hoffentlich machen Sie damit bessere Erfahrungen als wir.
Nach Einführung sorgte es zunächst für positive Effekte. Nach wenigen Tagen aber für kindliche Arroganz. Die Kinder dieser Klasse fühlten sich anscheinend dazu berufen, in den Pausen Schüler und Schülerinnen anderer Klassen argwöhnisch zu beobachten und zu kontrollieren. Dann schwärzten sie voller Stolz „Bösewichte“ bei den jeweiligen Klassenlehrerinnen oder der eigenen Klassenlehrerin an.
Nach wenigen Wochen waren diese Kinder in ihrem Verhalten dann wieder „normal“ und verhielten sich ebenso wie früher. „Faustlos“ war also nicht nachhaltig und sorgte kurzfristig nur für das stolze Gefühl, besser zu sein als die anderen.

Ich kann allerdings nicht sagen, ob das Programm „Faustlos“ so schlecht war oder ob die Lehrerin es falsch anwendete.

Petra
1 Monat zuvor

Wunderbar, der Wert von Disziplin bzw. Selbstdisziplin wird wiederentdeckt, nachdem er viele Jahre nicht nur in Frage gestellt, sondern sogar diffamiert wurde! Ich freue mich.

Erfahrene Lehrkräfte wussten immer, dass es ohne Disziplin nicht geht und sich die meisten Kinder auch Disziplin wünschen. Sie hielten mit der Zeit aber immer mehr den Mund, weil sie automatisch als altmodisch und verknöchert abgestempelt wurden.

Wie bei so vielem, haben sich die „Experten“ und modebewussten Ratgeber an den Kindern orientiert, denen „Selbstregulation“ ein Fremdwort war. Man forderte lustbetontes und selbstbestimmtes Lernen, was nichts anderes bedeutete, als diese Kinder gewähren zu lassen und ihren spontanen Impulsen, die oft störend für sich selbst und andere waren, möglichst freien Lauf zu lassen. Alles andere galt als überholte, mittelalterliche Pädagogik, die den kreativen Einfallsreichtum der Kinder angeblich nur unterdrückte, anstatt ihn für den Erwerb von „Kompetenzen“ (was immer das sein sollte) zu nutzen.

Ich kann nur noch einmal sagen, dass ich die Neubesinnung auf die „Fähigkeit zur Selbstregulation“ freudig begrüße und hoffe, dass auch die Einforderung von Disziplin, die äußere Disziplin also, nicht weiter verpönt und den Lehrkräften schwergemacht wird.
Das käme allen zugute, sowohl den Schülern als auch den Lehrern und ihrem Ansehen.

Friedrich Schiller
1 Monat zuvor
Antwortet  Petra

Der Unterschied zwischen Disziplin und Selbstregulation liegt darin, dass es eben *Selbst*regulation und nicht Fremdregulation wie bei Disziplin ist. Selbstregulation ist damit höchstwahrscheinlich nachhaltiger, weil intrinsisch motivierte, selbstauferlegte Regeln für ein Kind sinnvoller und damit verbindlicher sind und es nicht versucht, sie zu umgehen oder auszutricksen. Das ist genau der Teil bei Selbstbestimmung, der häufig vergessen wird. Selbstbestimmung bedeutet eben nicht grenzenlose Freiheit, sondern Freiheit in Verantwortung. Dann ist sie allerdings m.E. der Disziplin aus oben genannten Gründen überlegen.

U.B.
1 Monat zuvor

Richtig, Selbstdisziplin ist der Fremdregulation meilenweit überlegen. Dennoch braucht es, vor allem beim Erlernen von Selbstdisziplin, auch die Steuerung von außen. Ohne Ge- und Verbote von außen, lernt der Mensch nur schwer und unvollkommen Selbstdisziplin. Sie sind verstärkende Orientierungshilfen und Stopschilder für die Selbstregulation.

Georg
1 Monat zuvor
Antwortet  U.B.

Das ist Aufgabe der Eltern und ab dem fünften Lebensjahr kaum noch zu ändern.

Lera
1 Monat zuvor

Selbstregulation ist das ZIEL – aber worin besteht der WEG?

Ganz ohne Gehorsam (uuuh, böses Wort) gegenüber zunächst rein äußerlichen Regeln und Anweisungen, die dann mit der Zeit INTERNALISIERT werden, erreicht man das Ziel nicht – siehe auch Kohlbergs Stufen der Moralentwicklung. Und dabei ist gerade am Anfang die Angst (uuuh) vor Bestrafung (uiuiui) ein entscheidender Hebel.

Eine MORALISCHE EINSICHT in den Sinn der Bedürfnisregulation ist in den ersten Schuljahren schon deshalb nicht zu erwarten, weil die Fähigkeit zur Perspektivübernahme (als Voraussetzung zur Einsicht in kollektive Regeln) sich erst im Laufe der Grundschulzeit herausbildet – oder eben auch nicht, wenn man nach dem Motto „wird schon“ verfährt, wie es angesichts des Fehlens praktikabler Erziehungsmittel üblich geworden ist.

Pit2020
29 Tage zuvor
Antwortet  Lera

@Lera

Und was macht „wird schon“ (m/w/d), wenn er/sie/… groß und stark und immer noch auf Kohlbergs Stufe 1 ist?
https://www.gmx.net/magazine/panorama/eier-wuerfe-schlaegereien-halloween-krawallmacher-randalieren-mehreren-regionen-37433844
Ich habe ebenfalls große Zweifel daran, dass ein freundlich-augenzwinkerndes „dududu!“ (Ist das schon „schwarze Pädagogik?!), Zeigefingerwackeln und „Wir sind alle gaaaanz traurig darüber, wie du dich verhalten hast …“ bei jedem kleinen Menschen die gewünschte Wirkung erzielen kann.

potschemutschka
1 Monat zuvor

Das ist eine neue Studie? Das habe ich schon vor über 40 Jahren während meines Studiums zum Sonderpädagogen in den Vorlesungen zur „Entwicklungspsychologie des Kindes“ gelernt! Außerdem gab es schon vor Jahrzehnten Experimente mit Vorschulkindern (ich glaube in den USA), in denen getestet wurde, ob sie mit dem Essen einer Süßigkeit warten konnten, wenn man ihnen versprach, nach einer gewissen Zeit noch eine Süßigkeit dazu zu bekommen. Kinder, die warten konnten, waren später in der Schule besser…. Außerdem hätte wahrscheinlich jeder Lehrer oder Erzieher diese Fragestellung auch ohne wissenschaftliche Studie einfach aus langjähriger Beobachtung genauso beantwortet. Muss das Rad denn immer wieder neu erfunden werden? Manchmal genügt gesunder Menschenverstand. Und das ist wesentlich billiger!

Dil Uhlenspiegel
1 Monat zuvor
Antwortet  potschemutschka

„gesunder Menschenverstand“ – Ihr habt mich gerufen, hier bin ich, zu Euren Diensten! Aber billig bin ich nicht.

Die Marshmallow-Studie kenn ich auch. Ich glaube, es wurde daran herumgekrittelt, weiß aber nicht, worum es genau ging. Vielleicht ging’s nur darum, dass sie später dann nicht en vogue war ab einem gewissen Vol.% an Zeitgeist.

Friedrich Schiller
1 Monat zuvor
Antwortet  potschemutschka

So wie ich es verstehe, ist der Gewinn durch diese Studie, dass sie didaktisch konstruktiv ist. Dass sie also nicht nur den Stand der Entwicklung der Kompetenz feststellt, sondern zeigt, dass bereits ein einfaches, kurzes, skalierbares Programm die Fähigkeiten merklich verbessert.

Kalle
1 Monat zuvor

Ich glaube nicht, „dass bereits ein einfaches, kurzes, skalierbares Programm die Fähigkeiten merklich verbessert“.
Selbstdisziplin braucht innere Stärke und nicht nur Einsicht. Die gewinnt man aber nur durch viel Training und tägliche Übung.

Anna Konda
26 Tage zuvor

Hä?
Ich plädiere dafür, das viele Geld für sinnlose Studien von Menschen, die ihre Daseinsberechtigung als hochdotierte Mitarbeiterinnen (genetisches Femininum) unter Beweis stellen müssen, direkt der Basis -also den Kitas und Schulen- zur Verfügung gestellt wird!

Anna Konda
25 Tage zuvor
Antwortet  Anna Konda

Natürlich „generisches“ Femininum!
Auch der letzte Satz ist mir grammatikalisch misslungen; beide Themen regen mich wahnsinnig auf:
Fehlende Erziehung und unsinnige Studien für viel Geld.

blau
1 Monat zuvor

Super! Jetzt bitte noch Infos, wo man als Lehrkraft die Fortbildung und das Material bekommt, bitte auch für die Sekundarstufe 1. Danke!

Dil Uhlenspiegel
1 Monat zuvor
Antwortet  blau

… für Abi-Vorbereitung auch nicht schlecht.

Pit2020
1 Monat zuvor

„Basierend auf Bedenken aus der Praxis wegen bereits sehr voller Schulcurricula haben die Forschenden die Unterrichtseinheit hochgradig kosten- und zeiteffizient konzipiert, sodass sie flächendeckend in Grundschulen einsetzbar ist: Die Unterrichtseinheit selbst dauert nur fünf Schulstunden. Die Klassenlehrerinnen und -lehrer nehmen an einer dreistündigen Fortbildung teil und werden mit vollständig entwickelten Unterrichtsmaterialien ausgestattet, sodass sie die vorbereiteten Unterrichtsstunden unmittelbar in den regulären Stundenplan integrieren können.“

Das ist schön, wenn auch die Praxis von Anfang an mitgedacht wird.
Wenn es dann tatsächlich auch flächendeckend funktionieren sollte: Umso schöner!

Der m.E. nach größte Gewinn wird im Artikel allerdings vergleichsweise
kurz angerissen:
„Diese kommen zunächst dem Kind zugute, übertragen sich aber im weiteren Lebenszyklus des Kindes in vielfacher Weise auf die ganze Gesellschaft. Dass frühe Investitionen in so grundlegende Kompetenzen nicht nur dem Kind alleine, sondern auch der Gesellschaft sehr viel bringen, sollte mehr bildungspolitische Beachtung finden.“
Vielleicht passiert dann in einiger Zeit weniger Schiet (Sorry.) dieser Art …?
https://www.news4teachers.de/2022/10/einbruchsserie-aufgeklaert-kinderbande-verwuestet-bis-zu-30-schulen-und-kitas/
oder
https://www.news4teachers.de/2022/10/schueler-setzt-bombendrohung-an-freiburger-schule-im-internet-ab-raeumung/
oder
https://www.news4teachers.de/2022/10/unbekannte-feuern-silvesterrakete-auf-kita-niemand-verletzt-polizei-ermittelt/
oder …

Ron
1 Monat zuvor

„Vor diesem Hintergrund erscheint es verwunderlich, dass eine explizite Förderung dieser grundlegenden Kompetenz bisher nicht im alltäglichen Schulunterricht oder in Bildungsplänen verankert ist.“

Wir brauchen keine immer weitere Sezierung von Einzelkompetenzen, sondern die Förderung des Ganzheitlichen. Statt Currikulare Vorgaben immer weiter durch Einzelkompetenzen auszuweiten, brauchen wir wieder Unterricht, der ganz übergreifend Wissen, Bildung und Selbständigkeit anregt. Weg mit den Arbeitsheftchen, den vielen Kopierereien zum engmaschigen Ausfüllen, den Wochen-Arbeitsplänen, Methodentraining-Modulen usw. usw. Warum sind Frontalunterricht, Tafelanschrieb, klassische Mappenführung, das Schreiben, Rechnen und Lernen so aus der Mode? Warum nutzt man nicht das uralte Prinzip von Vorbild und Nachahmung? Gerade dadurch werden bei Schülern Strukturen gelegt, die die Basis für eigenes erfolgreiches Denken anregen. Da braucht es keine neuen Bildungspläne.

Dil Uhlenspiegel
1 Monat zuvor
Antwortet  Ron

Wie sind dir die letzten drei Minuten gelungen? Was würdest du dir für den nächsten Atemzug anders wünschen?

Pit2020
1 Monat zuvor
Antwortet  Dil Uhlenspiegel

@Dil Uhlenspiegel

… tief traumatisiert vom „bunten“ Methoden-Alltag? … Da hilft es bestimmt, die Klangschale mal direkt auf der Fontanelle zu platzieren und deftig dran rumzudengeln … 🙂

Aber nicht zu lange, gell?
Hörst du das lockende Rascheln? Es ist kein Herbstlaub, es sind die nächsten Arbeitsblätter (für Ganzjahresfreude)! 😉

Dil Uhlenspiegel
1 Monat zuvor
Antwortet  Pit2020

Also ich trage ja die Klangschale meistens umgedreht als Helm, und die Schulen sind sicher.

Ron
1 Monat zuvor
Antwortet  Pit2020

Und am Ende der Selbstfindung noch den Sprechenden Stein rumgeben, damit auch jeder sein Feedback mitteilen kann. Ich klebe auch gerne unter ausgehängten Oberthemen rote Anerkennungspunkte, gestalte das Erfahrene als Museumsrundgang oder inszenieren mich szenisch zum Gehörten. Da komme ich mir bei Fortbildung immer so prächtig ernstgenommen vor.

Ça me fatigue
1 Monat zuvor

Selbstregulation – also die Fähigkeit, Aufmerksamkeit, Emotionen und Impulse zu kontrollieren sowie individuelle Ziele konsequent zu verfolgen – erlernt sich nicht erst in der Schule, das beginnt im Säuglingsalter, sobald dem Kind auffällt, dass die Menschen, von denen es umgeben ist, auf bestimmte Verhaltensweisen reagieren. Irgendwann bedeutet Schreien eben nicht mehr Hunger/Durst/Hose voll/müde/Bauchweh/Zahnweh, sondern auch Langeweile oder Ausprobieren von Reaktionen.

Wenn dann keine Regeln von den Erwachsenen eingefordert werden, ist die Schule später überfordert, denn da sitzt ja nicht nur ein Kind oder zwei …

Kinder sind keine kleinen Erwachsenen. Sie denken in wesentlich kürzeren Abschnitten als Erwachsene, sie reflektieren ihr Handeln auch nicht bewusst.

Lassen wir Kindern bitte auch ihre Kindheit. Sie brauchen ein gesundes Maß an Freiheit und Regeln.

Geben wir ihnen Regeln, die sie einhalten können und helfen wir ihnen, das zu tun … von Anfang an … das kostet Zeit und Nerven und viiiel Geduld … die Belohnung sind Kinder die die Selbstregulierung beherrschen, ohne jemals darüber nachgedacht zu haben … und das bereits im Kindergartenalter oder früher …

… Erziehung würde ich das nennen …

Weiterso
1 Monat zuvor

Mich schüttelt es, wenn ich lese, dass die „Belohnung“ die Empfehlung für das Gymnasium ist. Genau darin liegt m.E. Ein Problem dieser Gesellschaft. Ein guter Schüler besucht grundsätzlich das Gymnasium. Für die anderen reicht die Resteschule. Solange da auch medial kein Umdenken stattfindet, wird sich am Volksglauben nichts ändern können. Man darf gespannt sein, ob an der Uni nach dem 10. Semester Sozialwissenschaften perspektivisch auch Kurse zur Reparatur einer Heizungsanlage angeboten werden. Das wird in den kommenden Jahrzehnten zur Bewältigung des Lebensalltages sicher enorm hilfreich sein.

DerechteNorden
1 Monat zuvor

Warte mal, Selbstregulation beinhaltet doch hauptsächlich die Fähigkeit zurückstecken zu können, oder nicht? Das heißt, man muss nicht immer sofort sämtliche Bedürfnisse erfüllt bekommen.
Meiner Meinung nach ist es viel zu spät, das erst in der Grundschule anzufangen zu trainieren. Das muss doch bereits zuhause im Kleinkindalter beginnen.
Sogar, wenn ein Kind erst mit vier Jahren in den Kiga kommt, merken die Erzieher*innen dort schon sofort, wie ein Kind diesbezüglich erzogen wurde. Da wird es bereits schwierig, es wieder abzutrainieren, wenn ein Kind zuhause gelernt hat, dass sich alles nur um es dreht und alles andere sofort stehen und liegen gelassen wird, wenn es etwas will, wenn die Eltern nicht mitmachen, sondern ihren Stiefel weiter durchziehen.

DerechteNorden
1 Monat zuvor
Antwortet  DerechteNorden

Ja, ich finde es auch doof, wenn ich etwas zu den nicht sinnvoll erziehenden Eltern schreiben muss.

GriasDi
1 Monat zuvor

Zitat:
„die Fähigkeit, Aufmerksamkeit, Emotionen und Impulse zu kontrollieren sowie individuelle Ziele konsequent zu verfolgen – ist eine Kompetenz, die maßgeblich für den Schulerfolg ist.

Früher fasste man das unter Disziplin zusammen. Wer allerdings auf Diziplin Wert legte, wurde dann sehr schnell als unpädagogisch und „von Gestern“ verunglimpft. Als jemand, der sich Kinder nicht entfalten lässt. Dabei können sich gerade solche Kinder viel besser entfalten, da sie viel mehr Optionen haben.

Alla
1 Monat zuvor

Geht es nur mir so oder erinnert das auch andere an die alten, heute so verpönten, Kopfnoten?
Impulskontrolle (Betragen)
Ziele konsequent verfolgen (Fleiß)
Aufmerksamkeit (hieß auch damals so)
Fehlt nur noch ‚Ordnung‘

Und das soll erfolgversprechender sein als Selbstbestimmung, (Verhaltens-) Kreativität und Spaß?
Sogar so wichtig, dass es nicht einzusehen ist, dass die Selbstregulation im Grundschulunterricht nicht gelehrt wird?

Ist das nicht ziemlich reaktionär, gar Wirtschaftslobbyismus? Hat da jemand evtl. nach den asiatischen Ländern geschielt, die in PISA ganz oben rangieren?

Aber wenn das in nur 5 Unterrichtsstunden vermittelt werden kann (nach einer 3-stündigen Fortbildung) wäre es ja einen Versuch wert!

Ich_bin_neu_hier
1 Monat zuvor
Antwortet  Alla

@Alla:

„Aber wenn das in nur 5 Unterrichtsstunden vermittelt werden kann (nach einer 3-stündigen Fortbildung) wäre es ja einen Versuch wert!“

Na ja, ich vermute mal, man kommt dadurch von einem insgesamt eher niedrigen Niveau an Selbstregulation in der Versuchsgruppe zu einem messbar höheren Niveau, welches aber nicht zwingend das Ende der Fahnenstange sein muss…

Die nächste Interessante Frage: Was würde eigentlich passieren, wenn man das mehrfach und konsequent und vielleicht auch noch zu Hause einübt? Eine Dystopie brav-blöder Arbeitsdrohnen, die alles vermittelte Wissen unhinterfragt aufsaugen? Ein unerwartet funktionierendes Schulsystem?

(Nein, ich jedenfalls kenne die Antworten nicht.)

Schattenläufer
1 Monat zuvor

Eine elementare Erkenntnis die man heute laut Zeitgeist nicht mehr aussprechen sollte.
Daher wohl die nette Umschreibung von unpopulären Dingen wir Disziplin, Pflichtbewusstsein und Co. als Selbstregulation.

Es ist leider eine unschöne Tatsache, dass unser Leben aus Dingen besteht die Spaß machen und Dingen die weniger Spaß machen aber nötig sind.

Zunächst gibt es da mal rein körperliche Bedürfnisse wie Hunger, Durst, Müdigkeit und Stoffwechsel.

Stufe Zwei bilden die Dinge die Spaß machen. Sozialkontakte, Unterhaltung durch Medien, Musik, Sport, Hobbys.

Parallel erfordern Schule und Arbeit Konzentration auf oft persönlich momentan nicht direkt interessante Inhalte.

Der pädagogische Zeitgeist geht heute dahin, dass zarte Kinderseelen durch keinerlei Forderungen belastet werden sollten. Bedürfnisse müssen möglichst schnell, am besten sofort erfüllt werden.

Ist natürlich unschön, wenn die Schulstunde noch 10 Minuten dauert und ich JETZT Hunger habe oder auf die Toilette muss.
Warum im Unterricht aufpassen und mitarbeiten, wenn direkt nebenan die beste Freundin oder der beste Freund sitzt der so interessante Storys vom Wochenende zu erzählen hat? Der Ohr-Knopf für coole Musik vom Handy ist auch in greifbarer Nähe.
Warum für die öde Englisch-Arbeit lernen. Heute ist Training im Sportverein und XY hat Geburtstag.
Warum eine Internet-Recherche zu langweiligen Physikthemen. Der gleiche Rechner bietet ja auch die Möglichkeit zu Tik Tok oder einem Chat mit Freunden.

Früher war es Konsens, dass Kinder von Eltern und Schule langsam an die Tatsache herangeführt werden mussten, dass man gewisse Dinge hinten anstellen muss um lästige aber notwendige Pflichten zu erfüllen.
Traurig aber jeder hat in der Schule oder am Arbeitsplatz Pflichten die ihm nicht unbedingt persönlich Spaß machen.

Im einer wichtigen Konferenz sollte man den Drang etwas zu essen oder zur Toilette zu gehen auch mal für 15 Minuten unterdrücken können.
Um wichtige Arbeiten erledigen zu können sollte man den Kopf für ein paar Stunden von Spiel, Spaß und Sozialkontakten frei halten.
Lästig, Lästig.

Das alles muss man langsam schon im Grundschulalter lernen.

Dies erfordert so überholte Techniken wie ruhig sitzen, zuhören, üben, lernen.

Das macht oft keinen Spaß und ist frustrierend.

Früher haben Schule und Eltern den Kindern erklärt, dass das aber sein muss.

Heutigen Kindern ist das aber nicht mehr zu zu muten. Schule ist ein Lebensraum, kein Lernort. Sie soll hauptsächlich Spaß machen und darf die zarten Kinderseelen nicht durch Forderungen oder gar Noten belasten.

Die Pädagogik der schulfernen Unis hat das als Leitziel ausgegeben. Der Staat hat es übernommen, klingt halt gut.
Die Eltern fordern es vehement ein und den Schulen wurden sämtliche Handlungsspielräume genommen.

Achtung, ich plädiere hier nicht für die Wiedereinführung der Pauk-.Schulen aus Kaisers Zeiten!
Ich plädiere dafür Kinder schon in der Grundschule langsam und mit Menschenverstand an gewisse, unangenehme Notwendigkeiten heran zu führen. Was Hänschen nicht lernt…

Das dicke Ende kommt eh. Spätestens wenn die, völlig an sofortige Befriedigung sämtlicher Bedürfnisse gewöhnten, Jugendlichen die erste Arbeitsstelle antreten. Dann lernen sie vom wirtschaftlich orientierten und unpädagogischen Arbeitgeber die Dinge die sie im Elternhaus und der Schule nicht gelernt haben mit der groben Keule.
Oder auch nicht. Dann landen sie in der stetig wachsenden Gruppe, die nicht für den Arbeitsmarkt geeignet ist.

Merke: Nicht jeder der Dinge einfordert will damit schaden und nicht jeder der alle Wünsche erfüllt tut damit etwas Gutes.

Salentin
1 Monat zuvor

Selbstregulation – also die Fähigkeit, Aufmerksamkeit, Emotionen und Impulse zu kontrollieren sowie individuelle Ziele konsequent zu verfolgen – ist eine Kompetenz, die maßgeblich für den Schulerfolg ist.“

Nennt man das nicht auch „(Selbst-)Disziplin“? In manchen Bundesländern gibt es für diese Kompetenz (Sachsen: Betragen) Bewertungen oder sogar Noten, wodurch sie in den Fokus gerückt wird.

Ich finde das gut.

„In die Noten für das Arbeitsverhalten fließen beispielsweise Pünktlichkeit, Fleiß, Belastbarkeit und Ausdauer ein. Beim Sozialverhalten zählen unter anderem Umgangsformen, Teamfähigkeit, Konfliktverhalten und Hilfsbereitschaft.“
Mecklenburg-Vorpommern: Richter untermauern Benimmnoten – FOCUS online
(von 2014)

Last edited 1 Monat zuvor by Salentin
Melissentee
1 Monat zuvor

Waren das nicht alles Fähigkeiten, die ein Kind früher brauchte um schulfähig zu sein? Die schon im Kindergarten gefördert wurden? Alle basteln ihr Osterkörbchen fertig und verziehen sich NICHT in die Bauecke, auch wenn es doof ist? Und Mama kommt nicht daher und sagt, dass ihr Marvin-Kevin das nicht muss, wenn er nicht will?

Dil Uhlenspiegel
1 Monat zuvor
Antwortet  Melissentee

Der hochintelligente Bub wirkt eben selbst regulierend auf sein Umfeld ein, sagt Mama.

dickebank
1 Monat zuvor
Antwortet  Dil Uhlenspiegel

… und was ist, wenn dass Umfeld regulierend zurück schlägt.

Bäume schlagen ja auch selbst reguliert infolge des Jahreszeitenwechsels aus. Solche Reaktionen sind eben genuin angelegt, auch bei weniger kognitiv hervorstechenden Buben – oder gerade bei denen mit 10.000 Watt Leistung
aber keiner „Birne“ sprich fehlender Resililenz und Frustrationstoleranz auch als Selbstkompetenz bezeichnet.

Dil Uhlenspiegel
1 Monat zuvor
Antwortet  dickebank

Wenn das Umfeld dagegen reguliert, dann kommt Mama und reguliert kräftig mit.
10.000Watt Leistung aber keine Birne, das gefällt mir :o)

Indra Rupp
1 Monat zuvor
Antwortet  Melissentee

Immer auf die Kevin’s…. gut das ich bei meinen Kindern seltene Namen gewählt hatte.

Mein_Senf
1 Monat zuvor

Es wäre super, wenn man irgendwie an diese Unterrichtseinheit herankäme, um diese in den eigenen Klassen zu nutzen.

potschemutschka
1 Monat zuvor
Antwortet  Mein_Senf

Meinen Sie wirklich, Sie können in ein paar Unterrichtsstunden zurechtbiegen, was in der Erziehung in den Jahren davor schief gelaufen ist?

Mein_Senf
25 Tage zuvor
Antwortet  potschemutschka

Natürlich nicht. Aber in den Klassen leisten wir Erziehungsarbeit – ob wir wollen oder nicht! Und wenn es da ein kleines Training dazu gibt, das womöglich noch einfach durchzuführen ist, würde ich das gerne mal probieren.

Dil Uhlenspiegel
1 Monat zuvor
Antwortet  Mein_Senf

Also ich verstehe das Ziel der Unterrichtseinheit so:
Einem Initialimpuls muss man lernen sich zu widersetzen und das Für und Wider abzuwägen, dann hat man’s später leichter … ;o)

Last edited 1 Monat zuvor by Dil Uhlenspiegel
Lera
1 Monat zuvor
Antwortet  Redaktion

Ich träume von einer Welt, in der öffentliche finanzierte Forschung ihre Arbeit selbstverständlich in den Dienst der Allgemeinheit stellt – ohne Bittbriefe, ohne Gnadenakt, einfach so als sogenannter „Download“.

Hätte auch den Vorteil, dass man hier nicht im Nebel herumstochern muss, ob das Material wirklich so dermaßen hot ist, wie angepriesen …

vhh
1 Monat zuvor

Falsche Zielgruppe, warum als Unterrichtseinheit? Als Eltern-Kind-Einheit zur Einführung des Begriffs „Erziehung“ ist das doch viel effizienter. Und erst einmal die Motivation! Wenn die Chancen aufs Gymnasium dadurch steigen, wird mit Lars-Ingo und Clara-Mathilde nur noch Selbstregulation geübt! Nach kurzer Zeit werden erste „Institute für kindliche Selbstreflexion und – regulation“ gegründet! Elternchatgruppen tauschen allabendlich Tips und Erfolge aus! Da tun sich Möglichkeiten auf! Endlich ein revolutionär neuer Ansatz, nur die Lehrer sprechen immer noch von so einer komischen „Erziehung“. Creepy!
Aber bitte, nur unter uns: Die Begriffe Fleiß, Ordnung, Disziplin und Arbeitsverhalten sollten jetzt wirklich auf die schwarze Liste, sonst merkt jemand etwas und wir müssen das doch noch im Unterricht machen…

Last edited 1 Monat zuvor by vhh
potschemutschka
1 Monat zuvor

Am meisten würden mich folgende Fragen zu dieser Studie interessieren:

  • Wie wurden die Kinder ausgewählt?
  • Welche Kontrollgruppe wurde ausgewählt?

Meine Vermutung: Da für solche Studien in der Regel das Einverständnis der Eltern vorliegen muss, handelt es sich bei den Kinderrn um solche aus bildungsnahen Elternhäusern.
Ich würde mir wünschen, dass endlich mal ALLE Studien, die Bildung betreffen, unter realen Bedingungen durchgeführt werden. D. h. an Brennpunktschulen (auch gern Kitas) mit hohem Anteil bildungsferner Elternhäuser, mit vielen verschiedenen Inklusionskindern und einem hohen Anteil an Kindern ndH. Andere Studien unter „Laborbedingungen“ sind in meinen Augen nutzlos!

ysnp
1 Monat zuvor

„Mit dieser Studie zeigen wir nun, wie wir die explizite Förderung dieser Fähigkeit schon früh im Grundschulunterricht einbetten können. Die Steigerung der Selbstregulation bewirkt, dass die Kinder mehr Verantwortung für das eigene Lernen übernehmen und sich selbst Ziele setzen und daran arbeiten.“

Mir kommt es so vor, als wäre die Methode, diese Selbstregulation zu erreichen, eine Art systematische Selbstreflexion.
Sind die Grundschulen hauptsächlich mit den Lernentwicklungsgesprächen, Lerntagebüchern und diversen Reflexionsmethoden zumindest auf dem Weg dorthin?
Bei den individuellen Lernentwicklungsgesprächen werden die Ist- Zustände reflektiert und dann Ziele gesetzt. Das betrifft alle Bereiche: Lern-, Arbeits- und Sozialverhalten. Jede Reflexion über eigenes Verhalten müsste doch zur Selbstregulation beitragen. Z.B. ist es in der Grundschule üblich, bei Nachgesprächen zu Gruppenarbeiten und offenen Unterrichtsformen auch das eigene Verhalten zu reflektieren, bei Klassenarbeiten werden z.B. immer wieder Einschätzungsfragen beantwortet. Ich selbst habe bisher gute Erfahrungen mit monatlichen Selbstreflexionen der Schüler gemacht (Zeilsetzungen und Reflexionen darüber, ob die Ziele erreicht wurden odern nicht), wenn ich eine etwas kleinere Klasse hatte und keinen Stoffstress. Nach Corona war es leider nicht mehr möglich, zum einen wegen der Klassengröße und zum anderen wegen des nachzuholenden Stoffes.

Ich gebe vielen Vorschreibern Recht, die schreiben, dass die Erziehung zur Selbstregulation im Elternhaus anfangen muss. Kita und Schule können etwas dazu beitragen, aber bei manchen, wo es schon lange in die andere Richtung gelaufen ist, wird es sehr sehr schwer. Und dann gibt es ja auch noch solche Fälle wie ADHS.

Bei den 5 Unterrichtsstunden kann es in meinen Augen nicht bleiben, wahrscheinlich muss die vorgeschlagene Methode konsequent durchgezogen werden. Ob es ein Fortschritt ist und mehr erreicht wird, muss sich erst in der Praxis zeigen. Die Frage bleibt auch, wie groß der Zeitaufwand ist und wo man das Zeitfenster schaffen kann.

Kalle
1 Monat zuvor
Antwortet  ysnp

Ich halte den Zeitaufwand für sehr gering, wenn den Lehrkräften einfach nur erlaubt wird, sich wieder mehr „durchzusetzen“, ohne Eltern, Rechtsanwälte und Vorgesetzte fürchten zu müssen.

Rabe aus NRW
1 Monat zuvor

In 5 Unterrichtsstunden erlernbar für Erfolg im ganzen Leben. — Hm, dauerte das früher nicht insgesamt 6 Jahre, nämlich bis zur Einschulung?

Pit2020
1 Monat zuvor
Antwortet  Rabe aus NRW

@Rabe aus NRW

Ja, das war aber früher …
Heute – das sind nun mal schnelllebige Zeiten! 😉

Mo3
1 Monat zuvor

Die Entwicklung eines jeden Kindes läuft unterschiedlich und ist sicher auch vom Umfeld geprägt. Grundsätzlich werden ältere Kinder diese Fähigkeiten eher mitbringen als jüngere. Vor diesem Hintergrund wäre es zu überlegen, Kinder wieder nur dann einzuschulen, wenn sie auch schulreif sind. Dann würden die Schuleingangsuntersuchungen auch wieder Sinn ergeben. Heute könnte man darauf ja auch getrost verzichten, weil Kinder unabhängig vom Ergebnis ja doch nach Geburtsdatum eingeschult werden und dann dieser Reifeprozess früher oder später im Laufe des ersten Schuljahrs vollendet wird, was für die Kinder, Lehrer und Eltern eine anstrengende Erfahrung sein kann, die nicht selten mit einem Wiederholungsjahr endet, was vielen Kindern dann aber letztendlich sehr gut tut.

Indra Rupp
1 Monat zuvor

Man geht wohl bei dieser Selbstregulation von eher energischen, cholerisch-aktiven Kindern aus? Was ist mit stillen, in sich gekehrten Kindern? Die haben nämlich eher zu viel Selbstregulation, werden später eher herumgestoßen, ausgenutzt und von Armut betroffen sein. Bevor man sich also mit dem Gedanken gefällt, man gehöre als wohlhabende, gebildete Person zu den „selbstlosen, selbstregulierten“ und die Armen und /oder schlechter Gebildeten zu den „gierigen, selbstsüchtigen“ – ne, Leute, so einfach ist das nicht. Das Mädchen, das kleinlaut zurücksteckt, das hat später bei dem Partner auch nicht die Hosen an mit dem Ergebnis, dass dieser den Respekt verliert und sie wie einen Hund behandelt, bevor er sie sitzen lässt. Alleinerziehend wird der Eindruck nicht besser, die Gesellschaft traut ihr nichts zu und gibt ihr keine Chance. Schade um die Intelligenz und die eventuellen Talente. Naja, als Mutter zu meinen, man lebe nur noch für andere, ist ja auch nicht so selten.

Georg
1 Monat zuvor
Antwortet  Indra Rupp

Die erforderliche Selbstregulation ist in den meisten Fällen eine Erziehungssache aus den allerersten Lebensjahren.

Achin
1 Monat zuvor

Erneut ein alter Wein in neuen (Marketing-) Schläuchen:
Herbert nannte „Selbstregulation“ vor langer Zeit „Gehorsam in die eigene Einsicht“. Können wohlbestallte Pädagogikprofessor*innen nicht mal neue und praxisrelevante Erkenntnisse verkünden?

Achin
1 Monat zuvor
Antwortet  Achin

„Herbart“ natürlich, Autokorrektur…

Riesenzwerg
1 Monat zuvor

WAS für eine NEUigkeit!

Ich bin bannig beeindruckt!

Susanne
1 Monat zuvor

Habe ich das Überlesen oder ist in diesem Artikel nichts dazu geschrieben, wie und wo Kinder Selbstregulation lernen? Das fängt doch nicht erst in der Einrichtung an, sondern schon in den ersten Lebenstagen….. Nicht durch Fremdbetreuung sondern durch die ersten Bezugspersonen

Walter Hasenbrot
1 Monat zuvor

Selbstregulation war schon immer Teil des heimlichen Lehrplan von Kitas und Schulen.

Man lernt Selbstregulation in guten Beziehungen zu Eltern und Lehrern es ist nämlich Vertrauen in die Verlässlichkeit des Umfelds dafür nötig, und im ganz normalen Fachunterricht.

Selbstregulation als separaten Fachinhalt unterrichten zu wollen, ist eine Schnapsidee