Weitere Lernstandserhebungen sollen Grundschulen auf die Sprünge helfen

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STUTTGART. Ranzen auf und ab in die Schule: Am Montag ist wieder Leben in die baden-württembergischen Klassenzimmer eingekehrt. Das neue Schuljahr hat begonnen. Zurück sind dann aber auch alte Probleme wie der Lehrermangel, die Leseschwäche bei Grundschülern und die Ausstattung. Das Kultusministerium reagiert mit Neuerungen – wie zusätzlichen Lernstandserhebungen.

Wächst ein Kind schneller, wenn man es öfter misst? (Symbolfoto) Foto: Shutterstock

Schluss mit Ferien, es geht zurück ins Klassenzimmer: Für mehr als 1,5 Millionen Kinder und Jugendliche sowie rund 130.000 Lehrerinnen und Lehrer in Baden-Württemberg hat am Montag nach sechs Wochen Sommerferien wieder der Unterricht begonnen. Unter ihnen sind nach Schätzungen des Statistischen Landesamts auch gut 111.000 Schulanfängerinnen und -anfänger, die eingeschult werden.

Besonders groß war der Andrang zum neuen Schuljahr an den rund 2400 Grundschulen im Land. Dort werden laut Kultusministerium seit Montag 15.000 Kinder mehr unterrichtet als noch im vergangenen Schuljahr. Als Grund für den starken Anstieg nannte das Ministerium die große Zahl an Flüchtlingen, vor allem – aber nicht nur – aus der Ukraine. Der größte Anstieg sei in Klasse 1 zu verzeichnen. Für diese Kinder brauche es Hunderte zusätzliche Klassen – und eben auch Lehrkräfte. «An den Grundschulen ist das Personaltableau einfach sehr, sehr dünn», sagte Kultusministerin Theresa Schopper (Grüne).

An Personal mangelt es zum Schulstart aber nicht nur an den Grundschulen – auch an anderen Schulen gibt es noch unbesetzte Stellen. Immerhin: Zu Beginn des neuen Schuljahres fehlen im Südwesten weniger Lehrer als noch zu Beginn des vergangenen. Derzeit seien landesweit noch 565 Lehrerstellen unbesetzt, hatte Schopper in der vergangenen Woche bekanntgegeben. Zu Beginn des vergangenen Schuljahres hatten rund 890 Lehrerinnen und Lehrer gefehlt.

Besonders deutlich ist der Mangel an den Grundschulen. Dort sind 120 Stellen unbesetzt, an den Haupt-, Werkreal-, Real- und Gemeinschaftsschulen fehlen noch 135 Lehrkräfte. Deutlich besser ist die Situation an den Gymnasien: Dort sind vor Schulbeginn noch fünf Stellen vakant.

Mit mehreren Neuerungen will Schopper im neuen Schuljahr gegen Leistungsprobleme ankämpfen, vor allem in den Grundschulen. Im vergangenen Jahr hatte eine Studie des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) gezeigt, dass Viertklässler im Südwesten zunehmend Probleme beim Lesen und Zuhören haben. Fast jedes fünfte Kind schafft die Mindeststandards in Deutsch und auch in Mathematik nicht. Als Reaktion darauf gibt es künftig eine verbindliche Leseförderung an den Grundschulen. Schülerinnen und Schüler sollen zwei Mal in der Woche im Unterricht laut vorlesen.

Zudem will Schopper mit weiteren Leistungsmessungen frühzeitig den Lernfortschritt und die Probleme der Schüler erfassen. Dafür können Grundschulen ab dem neuen Schuljahr in der zweiten Klasse die Lesekompetenz erheben. «Lernstand 2» ist zunächst freiwillig und soll zum nächsten Schuljahr dann Pflicht werden. Außerdem wird eine weitere Vergleichsarbeit in der vierten Klasse eingeführt. Mit dem «Kompass 4», der ebenfalls zunächst freiwillig ist, sollen Lehrkräfte und Eltern zusätzlich zur Grundschulempfehlung Hinweise zum Leistungsstand des Kindes bekommen.

Die Schüler legen die Finger in eine andere Wunde: Denn auch am Montag hing in manchen Klassenzimmern statt eines modernen Smartboards noch eine alte Kreidetafel. Das gehe nicht, kritisiert der Landesschülerbeirat. Er will deswegen einheitliche Mindeststandards. «Es kann nicht sein, dass Schüler nach den Ferien in ein Klassenzimmer reinkommen, in dem noch ein Tageslichtprojektor steht», sagte der Vorsitzende der Schülervertretung, Berat Gürbüz.

Aus Sicht der Schülervertreter braucht es etwa eine flächendeckende Versorgung mit WLAN an den Schulen. «Wenn es die Schulen nicht hinbekommen, sich digital auszustatten, sollte es keinem verwehrt werden, sein privates Gerät mitzubringen und auch in der Schule zu nutzen», sagte Gürbüz. Dafür brauche es aber ein funktionierendes WLAN. «An vielen Schulen ist die Infrastruktur nicht da.»

Aus seiner Sicht müsse sich Schule mehr öffnen und auch mehr auf externe Partner setzen, sagte Gürbüz weiter und fügte hinzu: «Wenn ich die Schule betrete, habe ich manchmal das Gefühl, ich betrete eine andere Welt.»  News4teachers / mit Material der dpa

Altersermäßigung, Team-Coaching, Hilfskräfte… GEW-Liste gegen den Lehrermangel

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24 Kommentare
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Klugscheisser
10 Monate zuvor

Erhebungen sind wie Beobachten. Ist billig und endet selten in einer Handlung.

Der Zauberlehrling
10 Monate zuvor

Werter Landesschülerbeirat! Wenn sich die Probleme im Bildungssystem nur so einfach durch Ersetzen einer Kreidetafel durch ein Smartboard lösen ließen.

Diese Kurzsichtigkeit ist einfach bewundernswert.

Generationen hatten nur eine Schiefertafel vor sich und über die wurde auch gewischt. Danach war wieder Platz. Die Kreidetafel war ein gutes, wirksames und nachhaltiges Instrument, welchs es digital zu ergänzen gilt – damit man die heutige Jugend dort abholt, wo sie steht.

Vielleicht mal etwas selbstkritisch die eigene Aufnahmefähigkeit betrachtten, die manchmal nicht über fünf Minuten hinausgeht.

Daddeln können ist nicht gleichzusetzen mit Medienkompetenz, Internet ist nicht nur WhatsApp.

Landesschülerbeitrat als Verein von angehenden Schwätzern und Philosophen ohne vernüftige Vorschläge zur Problemlösung.

Canishine
10 Monate zuvor

Man fragt sich, ob den Kindern die eigenen Aussagen vielleicht später einmal peinlich sind.

potschemutschka
10 Monate zuvor
Antwortet  Canishine

Falls diese Kinder später in die Politik gehen sollten, … dann eher NEIN!

Der Zauberlehrling
10 Monate zuvor

Frau Schopper, vom Messen der Temperatur allein wird das Badewasser nicht wärmer.

mama51
10 Monate zuvor

…und auch nicht VOLLER!

Herr Hirsch
10 Monate zuvor

Ein Freund von mir ist Landwirt. Der sagt immer: Vom wiegen wird das Schwein nicht fett.

Mo3
10 Monate zuvor

Ein Smartboard macht noch keinen guten Unterricht. Der Punkt mit dem immer noch fehlenden WLAN ist natürlich grundsätzlich beschämend, aber gerade in der Grundschule auch noch nicht so relevant – eher ein „wäre schön, wenn es funktioniert“. Und was zusätzliche Lernstandserhebungen als erster Schritt bringen sollen, erschließt sich mir nicht, wenn man doch weiß, dass die Defizite da sind.

Dil Uhlenspiegel
10 Monate zuvor

Lernstand erheben ist sowas wie genau hingucken.

Canishine
10 Monate zuvor
Antwortet  Dil Uhlenspiegel

So wie versprochen – immerhin.

Hirschlgruber
10 Monate zuvor

Noch eine Testung… noch weniger Zeit für Übungen… werden andere Ergebnisse erwartet als bei den gefühlten 245 anderen Tests während der Grundschulzeit? Weshalb brauchen die Eltern für die Grundschulempfehlung weitere Bögen? War Frau Schopper jemals bei einem Gespräch über die Schulwahl anwesend? Mir reichten bisher die Klassenarbeiten vollkommen aus.

Herr schmeiß‘ Hirn ra! Vor allem das Kultusministerium sollte etwas davon abkriegen!

PaPo
10 Monate zuvor

Während die Diagnose längst eindeutig ist, die Ursachen bekannt sind, veordnet das Ministerium weiterhin, man müsse weitere Symptome messen… und verursacht infolgedessen eine Verschlimmerung der Diagnose. Kann man sich nicht ausdenken.

Marion aus A.
10 Monate zuvor

Oh. Das tut mir für die Lehrer leid. Und die Schüler. Lernstandserhebungen und Smartboards.

In analogen Privatschulen ist längst nicht alles in Butter, längst nicht. Aber wenn ich solche Artikel lese, bereue ich es keine Sekunde, dass meine Kinder eine Privatschule besuchen.

Palim
10 Monate zuvor

Und wenn der Lernstand dann einmal mehr erhoben wurde, was folgt dann?

Auf welche Weise möchte das KM die Schulen zusätzlich unterstützen, damit sie Schüler:innen und Schülern entsprechend des Leistungsspektrums Förderung und Herausforderung anbieten können?

Wenn das KM den Schulen zusätzliche Testungen verordnet, sind doch sicherlich erhebliche Maßnahmen daran gekoppelt, die nicht nur den Aufwand ausgleichen, sondern den Schulen ein Mehr an Ressourcen bringen.
Oder wollte das KM zum Ausdruck bringen, dass es die Schulen nicht unterstützen will und deshalb die Test-Idee bewirbt, um davon abzulenken, dass sie die Beteiligten an den Schulen weiterhin im Regen stehen lässt?

Canishine
10 Monate zuvor

Es ist wirklich fast der Stein der Weisen:

Das IQB stellt fest, dass Schüler schlecht lesen und zuhören können.
Das Ministerium ordnet daraufhin zweimal laut Vorlesen pro Woche an.
Danach wird erneut umfangreich getestet.

Georg
10 Monate zuvor
Antwortet  Canishine

Reiner Aktionismus, der keiner relevanten Wählergruppe oder sonstiger schützenswerter Gruppe weh tut und kaum Geld kostet.

Dejott
10 Monate zuvor

Lernstandserhebungen nach dem Motto: Je öfter man eine Sau wiegt, desto fetter wird sie.

Käsekuchen
10 Monate zuvor

Und was machen wir dann mit den Testergebnis? Kommt zu der verbindlichen Lesezeit dann verbindliche Schreib und Grammatikzeit dazu?

TaMu
10 Monate zuvor

Ich hoffe wirklich sehr, dass in den Grundschulen weiterhin mit Bleistiften und Holzstiften auf Papier und mit Kreide an der Tafel geschrieben wird.
Ich habe nicht den Eindruck, dass Kinder ohne diese Mittel, nur mit Smartboard, gut und richtig schreiben lernen. Ich finde es auch richtig, wenn sie weiterhin aus Büchern lesen lernen.
Wenn sie das können, können sie es auch auf einem Smartboard. Andersherum ist das deutlich schwieriger.

Konfutse
10 Monate zuvor

Wer korrigiert eigentlich die Lernstandserhebungen? Die VERA muss ich in SEK 1 selbst korrigieren, obwohl das Arbeiten sind, die man aussourcen könnte. Für mich verbrannte Zeit, ein Abhalten von qualitativer Unterrichtsvorbereitung. Wenn ich zwei Nachmittage oder mehr damit verbringe, den Unsinn in den Computer zu kloppen, dann bin ich einfach damit durch, mir etwas Hübsches für meine SuS für den nächsten Tag zu überlegen.

Im Spiegel gerade einen Artikel gelesen, in dem steht, dass zu viel sinnlose Arbeit auf die arbeitenden Schultern verteilt wird und damit die Arbeitsbienen lange vor ihrem gesetzlichen Ruhestandsalter am Anschlag sind. Kein Wunder, dass viele vorher versuchen, den Absprung (mit hohen Einbußen) zu schaffen. Da geht es nicht um Faulheit; man kann einfach nicht mehr!!! Wenn ich einfach „nur“ Lehrerin sein dürfte, dann könnte ich bis 67 arbeiten. Jetzt bin ich 53 und will unter allen Umständen in 10 Jahren raus.

Der Zauberlehrling
10 Monate zuvor
Antwortet  Konfutse

Wenn das so weitergeht, wie es gerade so geht, dann sind die 10 Jahre eine optimistische Einschätzung.

Möge der Plan gelingen! Mein sieht sehr ähnlich aus bei ähnlichen Zahlen.

mama51
10 Monate zuvor

Es ist nicht zu glauben:
Denkt denn diese Person, dass LK sonst nichts zu tun haben?
Frechheit, dieses Ansinnen!!!

Palim
10 Monate zuvor
Antwortet  mama51

Zumal dabei auch suggeriert wird, die Lehrkräfte würden nicht genau hinsehen und es müssten von außen vorgegebene zusätzliche Tests erfolgen.

Nina
10 Monate zuvor

Die Sau wird vom Wiegen nicht fetter…..