Nach Abiturfeier-Absage: Pro-Palästina-Gruppen kündigen Protest vor Gymnasium an

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BERLIN. Der islamistische Terrorangriff auf Israel führt auch an Schulen zu Spannungen. Nach der Absage einer Abi-Feier an einem Berliner Gymnasium geht die Diskussion weiter. Das Kollegium stellt sich hinter die Schulleitung. Unterdessen wurden Protest-Aktionen vor der Schule angekündigt.

Jetzt soll vor der Schule demonstriert werden (Symbolbild). Foto: Shutterstock / Fahri Amri

Nach der Absage einer geplanten Abiturfeier wegen angekündigter politischer Proteste im Kontext des Gaza-Kriegs hat die Lehrerschaft die Entscheidung verteidigt. «Wir möchten nicht riskieren, dass im Rahmen einer Schulveranstaltung Sachverhalte unausgewogen dargestellt und Menschen bedroht, beleidigt oder unter Druck gesetzt werden oder ihre Sicherheit sogar gefährdet wird», heißt es in einem offenen Brief der Lehrerinnen und Lehrer auf der Internetseite des Gymnasiums Tiergarten. Einige Abiturienten hätten sich bereits entschieden, nicht an der Feier teilzunehmen.

Das Kollegium bedauere die Absage sehr. «Gleichwohl stehen wir klar hinter der Entscheidung der Schulleitung, der Schulsozialarbeit und der erweiterten Schulleitung», heißt es in dem Brief (siehe unten).

«Wir werden keine Bedrohungen, Hassbekundungen und antisemitischen Äußerungen dulden»

Auch Berlins Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch (CDU) unterstützt den Schritt: «Ich stehe fest an der Seite der Schulleitung und des Lehrerkollegiums in ihren Entscheidungen», sagte sie dem «Tagesspiegel». «Wir werden keine Bedrohungen, Hassbekundungen und antisemitischen Äußerungen dulden und weiterhin gemeinsam gegen jegliche Störungen restriktiv vorgehen. Das gilt sowohl für den Unterricht als auch für sämtliche schulische Veranstaltungen», so die Senatorin.

Schule und Bildungsverwaltung prüfen derzeit, in welcher Form die Abiturzeugnisse doch feierlich übergeben werden können. Die Idee, die Zeugnisse in kleinen Gruppen in der Schule vom jeweiligen Tutor ohne Eltern in Empfang nehmen zu können, kam nach Medienberichten nicht gut an. Zugleich riefen propalästinensische und israelfeindliche Gruppen in sozialen Medien zu Protestkundgebungen vor der Schule an jenem 5. Juli auf, wie es auch in der «Berliner Morgenpost» hieß.

Der Gaza-Krieg sorgt an den Berliner Schulen für eine teils angespannte und aufgeladene Stimmung. Bereits wenige Tage nach dem Terrorangriff der islamistischen Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 gab es in diesem Zusammenhang an einem Neuköllner Gymnasium sogar eine gewalttätige Auseinandersetzung zwischen einem Schüler und einem Lehrer (News4teachers berichtete). News4teachers / mit Material der dpa

Im Wortlaut

Folgende Erklärung hat die Gesamtkonferenz der Lehrkräfte des Gymnasiums Tiergarten am 19. Juni 2024 verabschiedet:

«Das Gymnasium Tiergarten ist eine Schule im Herzen von Berlin, deren Schulgemeinschaft davon geprägt ist, dass Menschen mit unterschiedlichsten familiären und kulturellen Hintergründen und Glaubensrichtungen miteinander lernen und leben. Diese Vielfalt ist eine Besonderheit, die uns bereichert und die unsere Schule ausmacht.

Als Lehrkräfte haben wir neben der Vermittlung von Fachwissen immer auch die Aufgabe, mit den Schüler:innen in kontroverse Gespräche zu gehen, Konflikte zwischen Schüler:innen zu moderieren, sie emotional aufzufangen und ihnen die Werte zu vermitteln und zu erklären, für die wir stehen und denen wir verpflichtet sind. Allen voran sind dies die Würde und der Wert eines jeden Menschen. Diese zu achten bestimmt unser Handeln. Die Würde und den Wert jedes Menschen zu achten und zu schützen steht als oberste Zielsetzung im Zentrum unseres Bildungsauftrags. Wir sind gebunden an die Normen des Grundgesetzes und versuchen, sie jeden Tag mit Leben zu füllen – ebenso wie wir sie verteidigen.

Auch unsere Schulgemeinschaft wird durch weltpolitische Ereignisse beeinflusst. Insbesondere die jüngsten Entwicklungen im Nahen Osten haben bei vielen am Schulleben Beteiligten für Verunsicherung, für Ängste und Verzweiflung gesorgt. Offenbar haben einige Schüler:innen dabei das Gefühl, mit ihren Sorgen und Ängsten nicht genügend gehört zu werden. Andererseits stoßen wir Lehrkräfte durch die Konfrontation mit festgefahrenen Ansichten und einseitigen Darstellungen manchmal an unsere Grenzen. Insgesamt zeigt sich, dass einseitige Positionen und deren vehemente Verteidigung das Miteinander gefährden.

Dabei liegen uns unsere Schüler:innen, die wir so lange auf ihrem Weg zum Abitur unterrichten und ins Leben begleiten, sehr am Herzen. Sie feierlich mit dem Abiturzeugnis zu entlassen, ist auch für uns immer wieder ein bewegender und sehr besonderer Moment.

Die Absage der diesjährigen Abiturverleihung trifft uns entsprechend hart.

Ein beträchtlicher Teil des diesjährigen Abiturjahrgangs hatte den Plan, seinem Protest gegen die Situation der palästinensischen Bevölkerung im Gazastreifen bei der diesjährigen Abiturverleihung „standhaft“ und ohne vorherige Absprache mit der Schule Ausdruck zu verleihen. Es wurde dabei explizit dazu aufgerufen, auch dann fortzufahren, wenn die Lehrkräfte zum Aufhören auffordern würden. Das Vorhaben wurde von ca. der Hälfte des Jahrgangs unterstützt. Gleichzeitig fühlten sich einige Schüler:innen stark unter Druck gesetzt, sich der Aktion anzuschließen.

Diese Tatsache, vor allem aber die nicht zu gewährleistende Sicherheit aller Teilnehmenden ließ keine andere Möglichkeit zu, als diese Veranstaltung abzusagen. Zu groß wäre die Gefahr, dass diese Schulveranstaltung durch die geplante oder zumindest in Kauf genommene Konfrontation außer Kontrolle gerät und dadurch nicht mehr das sein kann, was sie eigentlich sein soll: Die feierliche Auflösung eines friedlichen schulischen Miteinanders.

Wir als Kollegium bedauern diesen Schritt ausdrücklich. Gleichwohl stehen wir klar hinter der Entscheidung der Schulleitung, der Schulsozialarbeit und der erweiterten Schulleitung. Wir möchten nicht riskieren, dass im Rahmen einer Schulveranstaltung Sachverhalte unausgewogen dargestellt und Menschen bedroht, beleidigt oder unter Druck gesetzt werden oder ihre Sicherheit sogar gefährdet wird. Dass einige Abiturient:innen für sich bereits entschieden hatten, der Veranstaltung genau deshalb fernzubleiben, bestätigt unsere Befürchtung einer festgefahrenen Situation.

Unseren Auftrag sehen wir auch in Zukunft darin, mit den Schüler:innen im Gespräch zu sein und zu bleiben, gegenseitiges Vertrauen weiter (oder auch wieder) aufzubauen, gleichzeitig Konfrontationen abzubauen, dabei unterschiedliche Sichtweisen im Rahmen des Grundgesetzes zuzulassen und gemeinsam auszuhandeln, wie der Ort aussehen soll, an dem wir zusammen lernen und leben.

Diese Bereitschaft wünschen und erhoffen wir uns von allen am Schulleben Beteiligten.»

Schulleitung sagt Abitur-Feier ab – weil Schüler aus Protest gegen den Gaza-Krieg mit Palästinensertuch erscheinen wollten?!

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PaPo
21 Tage zuvor

Ja, ja, ja RainerZufall, die wollten alle ’nur‘ eein Tuch tragen…
Ihre Chance RainerZufall, jetzt könne Sie vor ort gemeinsam mit den „propalästinensische[n] und israelfeindliche[n] Gruppen“… ‚protestieren’………

Hysterican
21 Tage zuvor
Antwortet  PaPo

Jepp….wir leben quasi in einem totaliären System—- sorry — aber wenn ich bestimmte Symbole nicht möchte, dann muss ich vorher die Regeln für die Selbstpräsentation deutlich machen… im Nachgang bekommt das immer so nen seltsamen Beigeschmack von Zensur…

Mal davon abgesehen…was ist im Politik- oder Geschichtsunterricht im Vorfeld falsch gelaufen, dass solch dumpf-antisemitischen Positionen rücksichtslos übernommen werden?

Liebe KuK … befragt euch bitte mal…

DerechteNorden
21 Tage zuvor
Antwortet  Hysterican

Jepp, habe mich gerade befragt. Dabei sind dann diese Fragen meinerseits hochgekommen:
Wie stellen Sie sich das vor, dass Lehrkräfte das bewerkstelligen, wenn wir viel zu wenig Politik- und Geschichtsunterricht haben, um all die relevanten Themen durchzunehmen?
Wie schafft man es, den Einfluss des Elternhauses und der Community so zu minimieren, dass alle so laufen, wie gesellschaftlich wünschenswert?
Wie kann man TikTok und Co. noch etwas entgegensetzen, wenn wir gegen die ersten beiden ersten Punkte nicht ankommen?

P.S.: Ich möchte jetzt hier auch schon einmal beantragen, den Zwinkersmiley und die US-Flagge auf den Index zu setzen, da man nicht weiß, ob diese Symbole irgendwann einmal für irgendetwas verwendet werden, dass in gewisser Weise unsere freiheitlich demokratische Grundordnung gefährdet.

Ukulele
20 Tage zuvor
Antwortet  Hysterican

Glauben Sie wirklich, dass über den Politik und Geschichtsunterricht die politische Einstellung der Jugend anerzogen wird?

Ich denke, dass es eher die Familie und der Freundeskreis sowie die sozialen Netzwerke sind, die hier Einfluss haben.

Alx
21 Tage zuvor
Antwortet  PaPo

Vielleicht kann er sie ja rain zufällig dazu bringen nur für die Zivilbevölkerung und nicht pro Hamas zu demonstrieren. Ich wette hundert Euro dagegen.

RainerZufa
20 Tage zuvor
Antwortet  Alx

Wie würden Sie ggf. diese Demonstrationen unterscheiden, um die eine nicht präventiv zu verbieten?

Alx
20 Tage zuvor
Antwortet  RainerZufa

Ich will keine Demonstration verbieten. Wie kommen Sie darauf?
Wegen der abgesagten Abifeier?

Sehen Sie: Eine Demonstration und eine Abifeier sind völlig unterschiedliche Anlässe.

Als Veranstalter einer Feier haftet man unter Umständen am Schluss noch, wenn im Vorfeld bekannt ist, dass eine judenfeindliche Demonstration auf der Veranstaltung geplant ist.

RainerZufall
18 Tage zuvor
Antwortet  Alx

Also ukrainischen, jesidischen, jüdischen und lybischen Kindern müsste untersagt werden, an Schulen ein politisches Statement für den Frieden zu geben?

(Bzw. nur dann, wenn keiner zuschaut?)

DerechteNorden
18 Tage zuvor
Antwortet  RainerZufall

Sie vergallopieren sich.

RainerZufall
17 Tage zuvor
Antwortet  DerechteNorden

Ich wende das Gleiche auf andere Schülergruppen an. Alle sollten meiner Meinung das Recht haben, sich angemessen für Frieden aussprechen zu dürfen.

Die Schule würde sie nach Gutdünken im Vorhinein in gut und verfassungswidrig einteilen oder für alle den Abiball absagen.

Nur weil Sie andere Gruppen Ihres Vertrauens (vorher) als harmlos abstempeln, vergallopiere ich mich hier nicht unbedingt

TheTeacher
21 Tage zuvor
Antwortet  PaPo

Sie nutzen den Eingangspost dazu RainerZufall anzugehen und schreiben kein Wort über den Inhalt des Textes? Hat er ihnen die Frau oder den Mann weggeschnappt? Er ist ihnen auf jeden Fall näher, als sie denken, denn er scheint in ihrem Kopf zu leben.

Hans Malz
20 Tage zuvor
Antwortet  TheTeacher

Wer hier öfter mitliest, kann das einordnen. Das gehört hier zur Folkore.

PaPo
20 Tage zuvor
Antwortet  Hans Malz

Das nämlich!

RainerZufa
20 Tage zuvor
Antwortet  PaPo

Ich sehe ehrlichgesagt nichts Neues in dieser Hinsicht, ehrlichgesagt sogar weniger.
Aber wenn die SuS konkret strafbare/ verfassungswidrige Aktionen durchführen wollte, haben die Kolleg*innen diese hoffentlich an die Behörden weitergeleitet.

Soweit dienen hier Sorgen und Gefühle als Entscheidungsgrundlage. Persönlich finde ich das für eine Bildungseinrichtung dürftig.

SOLLTE es wie befürchtet ablaufen, wurden erfolgreich die gemäßigten aus dem Diskurs zu den Extremen gedrängt – Schade!

Küstenfuchs
21 Tage zuvor

Jede andere Entscheidung als die Absage wäre in meinen Augen auch inakzeptabel.

Hysterican
21 Tage zuvor

Ja und??!!

Wen interessiert es ??

Vielleicht machen die Deppen eine wichtige Lebenserfahrung….

Wer im Zelt schläft hat es ein wenig weiter zum nächsten Klo!!!

So….und nun zu den wichtigen Dingen des Alltags!!

Sepp
21 Tage zuvor

Zugleich riefen propalästinensische und israelfeindliche Gruppen in sozialen Medien zu Protestkundgebungen vor der Schule an jenem 5. Juli auf, wie es auch in der «Berliner Morgenpost» hieß.

Eine Anmeldung als Demo direkt vor der Schule wird so hoffentlich nicht mehr durchgehen. Bleibt zu hoffen, dass die Polizei eine unangekündigte Demo dort sofort auflöst.

RainerZufa
20 Tage zuvor
Antwortet  Sepp

Können Sie bitte den Link einstellen?
Ich fand nur einen Artikel darüber, dass die Gruppen eine Demo bei der Polizei angemeldet haben und die Schule eine minimalistische Übergabe vorhat =/

Kevin
21 Tage zuvor

Immerhin werden die wahren Kräfteverhältnisse deutlicher.

Ulrika
21 Tage zuvor

„Das Kollegium stellt sich hinter die Schulleitung „. Na klar, täte ich auch: keine Mehrarbeit durch Vorbereitung der Feier, keine Feier selbst und damit einen freien Abend, Pluspunkt bei der Schulleitung für die nächste Beförderung.

Mika
20 Tage zuvor
Antwortet  Ulrika

Was Sie hie aufzählen, wird kaum die vordergründige Motivation des Kollegiums sein, sich zur Entscheidung der Schulleitung zu bekennen.

Sepp
20 Tage zuvor
Antwortet  Ulrika

@ Ulrika,
Die Vorbereitungen Abi-Feier werden schon zum Großteil gelaufen sein.
Abi-Feiern finden bei uns zur Schulzeit bzw. bis in den Nachmittag hinein statt. Der Abi-Ball hingegen findet abends statt und ist keine Schulveranstaltung.
Und wenn ALLE KuKs sich hinter die Entscheidung stellen, wer hat dann einen Vorteil bei Beförderungen?

Aber erstmal einen dummen Kommentar gegen Lehrkräfte abgeben…

„..dass bei der für den 5. Juli geplanten Feier «massive konfrontative politische Kundgebungen durch einen großen Teil des diesjährigen Abiturjahrgangs geplant sind»“

Dieses Zitat aus dem anderen N4T-Artikel macht doch klar, wie die Situation einzuschätzen ist. Das würde ich mir auch nicht mehr antun wollen.

Lisa
21 Tage zuvor

Was habt ihr daraus gelernt, liebe Abiturienten? Nicht zu erzählen, was ihr vorhabt, natürlich. Kein Hahn hätte danach gekräht, hättet ihr den Feudel während der Feier aus der Handtasche gekramt und angezogen. Doch ihr musstet ja stets vorher sharen und liken.
Das Verhalten der Schulleitung verstehe ich, denn eine Abifeier ist ein Ort für alle, unabhängig ihrer politischen Einstellung.
Wir selbst hatten 1981 übrigens noch eine hochpolitische Abirede und viele zogen aus Protest gegen etwas, dessen ich mich nicht mehr entsinne, ihre Schuhe aus. ( ?)

Ukulele
20 Tage zuvor

Es wäre gut, die Politik grundsätzlich von Abiturfeiern und ähnlichen Veranstaltungen fern zu halten.

RainerZufall
18 Tage zuvor
Antwortet  Ukulele

Frieden hat nichts mit Schüler*innen zu tun? Sogar die Misses-Wahlen schaffen es, sich für Frieden auszusprechen, aber daran sollen unsere Abiturient*innen nicht heranreichen?