Sprach- und Lesekompetenzen: Was hilft gegen die Defizite? „Digitale Medien ermöglichen eine gezielte Förderung“

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DORTMUND. Chancengerechtigkeit im Bildungssystem ist in Deutschland ein seit Jahrzehnten ungelöstes Problem. Auf einen Grund dafür hat jüngst das Institut für Schulentwicklungsforschung (IFS) der Universität Dortmund hingewiesen. Dessen Sonderauswertung der Internationalen Grundschul-Lese-Untersuchung (IGLU) zeigt: Grundschulkinder mit nicht-deutscher Familiensprache erhalten kaum spezielle Leseförderung, obwohl sie besondere Defizite im Bereich der Lesekompetenz aufweisen (News4teachers berichtete). News4teachers sprach mit der Instituts- und Studienleiterin Professorin Nele McElvany über Gründe, Unterstützungsmöglichkeiten und Konsequenzen für die Förderpraxis.

Studien zeigen: Grundschulkinder mit nicht-deutscher Familiensprache weisen besondere Defizite im Bereich der Lesekomkpetenz auf – erhalten aber kaum spezielle Leseförderung. (Symbolfoto) Foto: shutterstock

News4teachers: Eine der jüngeren IGLU-Sonderauswertungen des IFS zeigt, dass Grundschulkinder mit nicht-deutscher Familiensprache deutliche Lesekompetenzrückstände aufweisen, eine spezifische Förderung an den Schulen aber oftmals ausbleibt. Hat Sie das Ergebnis überrascht?

Nele McElvany: Tatsächlich hat es mich überrascht, denn wir konnten keinen Zusammenhang feststellen zwischen der Häufigkeit der Förderung und dem Anteil der Kinder mit nicht-deutscher Familiensprache in einer Klasse beziehungsweise an einer Schule. Vor der Untersuchung hatte ich die Hypothese, dass häufiger gefördert wird, wenn es mehr Kinder mit nicht-deutscher Familiensprache gibt.

News4teachers: Darüber hinaus geht aus der Untersuchung hervor, dass die Lesekompetenz von Grundschulkindern noch geringer ausfällt, wenn sie die deutsche Sprache erst mit Beginn ihrer Schulzeit erlernen. Was bedeutet das für die notwendige Förderung?

Evidenzbasierte Leseförderung in heterogenen Klassen: Mit eKidz leicht gemacht!

Seit beinahe 10 Jahren setzt Hamburg erfolgreich auf eine flächendeckende Leseförderung. Mit dabei seit 2022: eKidz, eine wissenschaftlich basierte App für Lesediagnose und Lesetraining. Auch andere Bundesländer, zum Beispiel Niedersachsen, setzen die App ergänzend zu Methoden wie etwa dem Hamburger Leseband an Grundschulen ein.

Der Grund: Die eKidz-App ist konzipiert für das eigenständige Leseflüssigkeitstraining in der Schule und zuhause. Sie schult unterschiedliche Teilkompetenzen des Lesens auf dem individuellen Niveau des Kindes und ermöglicht so eine zielgerichtete Förderung der Sprachentwicklung – sowohl für Kinder mit deutscher Muttersprache als auch solche mit Deutsch als Zweitsprache.

In Kooperation mit dem Fraunhofer-Institut für Digitale Medientechnologie Oldenburg, der Uni Regensburg sowie der Hochschule Flensburg ist das Start-up Projekt nun auf dem Weg zu einem umfassenden adaptiven Lernprogramm fürs Lesen. Bereits jetzt macht ein KI-gestütztes Diagnose-Tool den Einsatz der App sowie die Nachbereitung für Lehrkräfte noch einfacher.

Hier erfahren Sie mehr über eKidz: www.ekidz.eu.

McElvany: Das sind die Daten aus der Auswertung, die besonders spannend sind, da sie aufzeigen, wo man mit der Förderung ansetzen sollte und wo der Bedarf der Kinder besonders groß ist. Der Anteil der in der IGLU-Studie getesteten Viertklässler*innen, deren Muttersprache Deutsch ist, lag bei fast 75 Prozent. Von den Kindern, bei denen das nicht der Fall ist, haben die meisten, rund ein weiteres Fünftel, Deutsch zumindest vor Schuleintritt gelernt. Ihre Lesekompetenz ist besser als die der Kinder, die Deutsch erst nach Schuleintritt gelernt haben, das sind sechs Prozent.

In diesem Zusammenhang ist wichtig zu wissen, ab welchem Zeitpunkt die Kinder in Deutschland gelebt haben, wann also eine gezielte Sprachförderung überhaupt möglich gewesen wäre. Ein genauerer Blick auf die Verteilung zeigt, dass der Großteil der Viertklässler*innen in Deutschland geboren ist, nämlich etwa 87 Prozent. Von den knapp elf Prozent, die zugewandert sind, war etwa die Hälfte jünger als sechs Jahre. Diese Kinder haben also die Möglichkeit, vor Schulbeginn eine Kita zu besuchen, um frühzeitig Deutsch zu lernen. Entscheidend dafür ist zum einen, dass das Angebot bekannt ist und der Zugang erleichtert wird, durch ausreichend Betreuungsplätze und geringe Kosten. Zum anderen muss aber auch eine gute Sprachförderung in den Einrichtungen erfolgen – das erfordert wirksame Konzepte und ausreichend Personal und wird unterstützt, wenn viele andere Kinder in den Gruppen Deutsch sprechen.

News4teachers: Auf die sprachliche Heterogenität und die damit verbundenen Kompetenzrückstände innerhalb der Schülerschaft reagieren Lehrkräfte laut der Analyse unterschiedlich: Einige nutzen jede Deutschstunde zur Leseförderung, andere fördern einmal im Monat, einige Schulen organisieren außerunterrichtlichen Angebote, andere nicht. Wie lässt sich das erklären?

McElvany: Da die Häufigkeit der außerunterrichtlichen Lesefördermaßnahmen und die gezielte Förderung im Deutschunterricht für Kinder mit Deutsch als Zweit-/Fremdsprache an den Schulen relativ gleich verteilt ist, unabhängig von der Anzahl der Kinder mit nicht-deutscher Familiensprache, wissen wir noch nicht so viel über die genauen Gründe. Bei außerunterrichtlichen Angeboten hängt es möglicherweise vom Engagement der Lehrkräfte ab, während im Unterricht auch der Lehrkräftemangel vor Ort eine Rolle spielen könnte. Wir müssen uns auch die Frage stellen, wie gut wir die Lehrkräfte für diese Aufgabe ausbilden. In der 3. Klasse sprachintegriert mit Kindern zu arbeiten, die kein Deutsch sprechen, ist etwas anderes, als sprachsensibel darauf zu achten, nach und nach einzelne Wörter der Bildungssprache zu vermitteln.

News4teachers: Es ist derzeit also eine Frage des Glücks, ob Kinder die benötigte Förderung in der Schule erhalten. Um die Chancengerechtigkeit im Bildungssystem zu verbessern, hat die Bundesregierung jüngst das Startchancenprogramm aufgelegt, über das Schulen in herausfordernden Lagen zusätzliche Mittel erhalten können, um Bildungsdefizite in der Schülerschaft auszugleichen. Inwieweit bietet das Programm das Potenzial, die Lesekompetenzförderung zu verbessern?

McElvany: Im Bereich der 2. Säule des Startchancenprogramms, dem Chancenbudget für bedarfsgerechte Lösungen zur Schul- und Unterrichtsentwicklung, können Schulen evidenzbasierte Fördermaßnahmen finanzieren. Auch diagnostische Instrumente könnten verstärkt eingesetzt werden. Diese ermöglichen es zu ermitteln, wo Lehrkräfte bei ihren Schülerinnen und Schülern jeweils ansetzen müssen, um sie wirksam zu fördern.
Darüber hinaus ist das Programm auf zehn Jahre angelegt – ein ungewöhnlich langer Zeitraum. In dieser Zeit sollten die Schulen zusätzlich befähigt werden, auf Basis neuer Evidenz wirkungsvolle Fördermaßnahmen selbstständig erkennen und ihre Bemühungen somit aktuell halten zu können.

News4teachers: Wie von Ihnen erwähnt, weisen die Ergebnisse der IGLU-Sonderauswertung darauf hin, wie wichtig die frühkindliche Sprachförderung für die Chancengerechtigkeit ist: Müsste es vor diesem Hintergrund nicht eigentlich auch ein Startchancenprogramm für den Kita-Bereich geben?

McElvany: Das ist eine interessante Frage – ein hervorragender Vorschlag, wenn ich so spontan darüber nachdenke. Mit den Mitteln des Chancenbudgets sollen ja, wie gesagt, vor allem evidenzbasierte Fördermaßnahmen gefördert werden. Überträgt man diesen Ansatz auf den Kita-Bereich, könnte man so die frühkindliche Bildungsqualität erheblich steigern. Zusätzlich soll über die 3. Säule mehr Personal an die Startchancen-Schulen kommen – das wäre auch für den Kita-Bereich von großer Bedeutung. Schließlich bestimmen die personellen Ressourcen, wie intensiv die Erzieher*innen mit jedem einzelnen Kind sprachlich interagieren können und wie viel Förderung in Kleingruppen- oder Eins-zu-eins-Settings möglich ist. Dieses ist besonders in Regionen wichtig, in denen viele Kinder leben, die nicht Deutsch, aber eine gemeinsame andere Sprache sprechen, auf der sie sich unterhalten können. In solchen Fällen reicht es nicht aus, dass die Kinder eine Kita besuchen, um Deutsch zu lernen. Dann brauchen die Erzieher*innen ausreichend Zeit für die sprachliche Förderung und dafür braucht es Personal.

News4teachers: Personal fehlt aktuell auch an den Schulen: Inwiefern können angesichts des Lehrkräftemangels digitale Medien bei der Sprach- und Leseförderung eine Unterstützung bieten?

McElvany: Sicherlich bietet die digital gestützte Förderung eine große Unterstützung, nicht nur im Hinblick auf den Fachkräftemangel, sondern auch aufgrund ihrer Adaptivität. Verbunden mit integrierter Diagnostiksoftware ermöglichen digitale Medien eine gezielte Förderung, die die Kinder weder unter- noch überfordert.

„Wichtig wäre, dass die Förderung beginnt, bevor die Kinder in die Schule kommen“: Professorin Nele McElvany, Geschäftsführende Direktorin am IFS. Foto: IFS

Am IFS beschäftigen wir uns aktuell im Projekt SPEAK mit dieser Thematik. Ziel des Projekts ist es, eine digital gestützte Sprachfördermaßnahme in den Bereichen Wortschatz und Grammatik für Schülerinnen und Schüler in der ersten Klasse zu entwickeln, um möglichst frühzeitig Sprachdefizite auszugleichen. Da die Kinder zu Beginn der Schulzeit noch nicht lesen können, arbeiten wir mit Audiodateien, Tablets und Kopfhörern. Neben der Förderung im Unterricht wollen wir zudem analysieren, welchen Effekt es hat, wenn die Förderung zusätzlich im Ganztag oder der Familie stattfindet. Aktuell befinden wir uns in der Endphase der Pilotstudie, ab September wollen wir die Studie mit überarbeitetem Förderdesign ausweiten und abschließend evaluieren.

News4teachers: Zur Veröffentlichung der IGLU-Sonderauswertung zur Sprachenvielfalt haben Sie umfassende Konzepte für Sprachdiagnostik und Sprachförderung gefordert. Was sollten diese bieten?

McElvany: Wichtig wäre, dass die Förderung beginnt, bevor die Kinder in die Schule kommen. In Hamburg werden Kinder bereits mit viereinhalb Jahren getestet, sodass vor dem Schuleintritt noch ein Jahr für intensive Förderung bleibt. Dies würde ich mir bundesweit einheitlich, flächendeckend und verbindlich im vorschulischen Bereich wünschen. Diese Förderung müsste dann in der Schule fortgesetzt werden, um ein Gesamtsystem zu schaffen, in dem die Ergebnisse der Diagnostik zu Konsequenzen in der Förderung führen.

Nach einer festgelegten Zeit sollten die bisherigen Fördermaßnahmen wiederum überprüft werden, um festzustellen, ob bestehende Kompetenzdefizite ausgeglichen werden konnten oder weitere Maßnahmen notwendig sind. Das klingt aufwändig und teuer, aber ich bin überzeugt, dass dieses Vorgehen nicht nur für die Kinder, sondern auch gesamtgesellschaftlich von Vorteil wäre. Auf diese Weise würden wir weniger junge Menschen im Laufe ihrer Schulzeit und ihres Lebens abhängen, die später ohne Schulabschluss und mit schlechten Aussichten auf den Ausbildungs- und Arbeitsmarkt blicken. Das lässt nämlich das Potenzial vieler Menschen ungenutzt und kostet ebenfalls viel Geld. News4teachers / Anna Hückelheim, Agentur für Bildungsjournalismus, führte das Interview.

IGLU-Studie: Häufig keine effiziente Klassenführung – Leseunterricht an Grundschulen auch didaktisch optimierbar

 

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FL62
21 Tage zuvor

Das ist ja fast zu schön: Dass die digitalen Medien helfen, den Schaden zu begrenzen, den sie angerichtet haben . . . und ewig grüßt Neil Postman.

AvL
19 Tage zuvor
Antwortet  FL62

Nicht die digitale Technik der Lese- und Sprachförderung
ist der Grund der schlechten Sprach- und Leselernvermittlung.
Entscheidend an der neuen Technologie ist, wie die Anwender
diese Technologien nutzen.
Wer seine Kinder unkontrolliert mit Handy
und Spielkonsole in Verbindung bringt, der schadet diesen.
Die in Hamburg angewandte Technologie dient aber der gezielten
Förderung in der Lesekompetenz.

Zitat oben: „Der Anteil der in der IGLU-Studie
getesteten Viertklässler, deren Muttersprache Deutsch ist,
lag bei fast 75 Prozent.
Von den Kindern, bei denen das nicht der Fall ist,
haben die meisten, rund ein weiteres Fünftel,
Deutsch zumindest vor Schuleintritt gelernt.
Ihre Lesekompetenz ist besser als die der Kinder,
die Deutsch erst nach Schuleintritt gelernt haben,
das sind sechs Prozent.“
Genau diese 6 % der Kinder müssten eigentlich
gezielt in den Schulen gefördert werden.
Hinzu kommen noch die Kinder
mit einem muttersprachlichen Sprachdefizit, Kinder mit auditiven
Wahrnehmungsstörungen .
Zitat oben: „Eine der jüngeren IGLU-Sonderauswertungen des IFS zeigt,
dass Grundschulkinder mit nicht-deutscher Familiensprache deutliche Lesekompetenzrückstände aufweisen, eine spezifische Förderung an
den Schulen aber oftmals ausbleibt.“ 
Zitat: „Ein genauerer Blick auf die Verteilung zeigt, dass der Großteil der
Viertklässler in Deutschland geboren ist, nämlich etwa 87 Prozent.
Von den knapp elf Prozent, die zugewandert sind, war etwa die Hälfte
jünger als sechs Jahre.“
Es besteht also bei einem Großteil der Kinder die Möglichkeit diese bereits vor dem Schuleintritt gezielt zu fördern.

Andreas
7 Tage zuvor
Antwortet  AvL

Was zum Teufel ist Lesekompetenz??

Lanayah
20 Tage zuvor

Wie hat Frau McElvany recherchiert (oder gar nicht, bzw. gleich eine Studie gemacht). Wieso überrascht es sie, dass nicht mehr gefördert wird, wenn mehr Kinder kein Deutsch sprechen? Für die Lehrerzuweisung ist es leider kein Kriterium, ob die Kinder Deutsch sprechen oder nicht. Man erinnere sich, dass einfach Stühle dazugestellt werden sollten. Die fördern leider nicht.
Interessieren würde mich, wie Kolleg*innen es schaffen, in jeder Deutschstunde Leseförderung anzubieten, während sie gleichzeitig ihren Unterricht machen. Dass außerunterrichtliche Leseförderung vom Engagement der Lehrkräfte abhängt, hinterlässt bei mir auch Fragezeichen. Ist damit gemeint, dass diese Lehrkräfte unbezahlte Zusatzstunden leisten?
Wenn ein System personell so unterbesesetzt ist, kann es nicht besser funktionieren. Da helfen auch Studien nicht. Leider ist es immer wieder Usus so zu tun, als ob Dinge nicht laufen, weil Lehrkräfte nicht gut genug organisiert oder unengagiert sind. Damit wir damit klarkommen, können wir aber mittlerweile außerhalb der Unterrichtszeit kostenloses Resilienztraining machen.
Gilt das Starchancen-Paket denn für alle Schulen? Ich hatte das so verstanden, dass es nur für besonders belastete Schulen gelten soll…..wobei, das sind natürlich alle, aber manche sind besonders besonders belastet.

Palim
20 Tage zuvor
Antwortet  Lanayah

Danke, lanayah, diese Fragen haben sich mir auch gestellt.

Zum Startchancen-Paket: Es sind einzelne Schulen, Niedersachsen hat diese vor ein paar Wochen veröffentlicht. Zur Auswahl gab es Kriterien, die den Schulen nicht bekannt waren, nun werden diese Schulen – im Brennpunkt – besonders gefördert mit Geld, Personal, Begleitung. Hoffentlich bringt es den Schulen nicht nur Arbeitskreise und Papierkram.

Warum der Förderunterricht so gering ausfällt?
Das muss vermutlich wissenschaftlich erhoben werden, aber eine kurze Antwort kann jede Lehrkraft geben:

  • Lehrkräfte fehlen und erst einmal wird nur der Pflichtstundenunterricht irgendwie aufgefangen.
  • Es gibt Bundesländer, die zwar in Erlassen Förderung aufführen, diese Stunden in der Stundentafel aber gar nicht führen. Wo keine Stunden zugewiesen sind, können Lehrkräfte auch keine Förderung erteilen. Möglich ist dies nur, wenn irgendwoher Stunden generiert werden (es wird etwas anderes gestrichen oder es ist eine private Schule, deren Vorgaben andere sind).
  • Förderstunden für besondere Bedarfe müssen umständlich beantragt werden und werden dann anteilig zugewiesen. Dieser Stundenpool ist begrenzt, sodass sich alle Schulen die Stunden irgendwie teilen. Ist der Bedarf größer, ist es der Pool deshalb noch nicht. Die Zuweisung erfolgt nach Anträgen zum Sommer hin, Änderungen im Schuljahr werden in der Regel nicht abgebildet. Förderstunden für Deutsch/ Lesen kann man bei uns gar nicht beantragen. Und immer muss man hoffen, dass genug Stunden im Pool sind bzw. genug Lehrkräfte zur Verfügung stehen, um diese Stunden zu übernehmen.
  • Sucht man innerhalb des Systems während des Schuljarhes eine kurzfristige Vertretung, wird der Förderunterricht aufgelöst und die Lehrkraft übernimmt den Unterricht der erkrankten Lehrkraft, der Förderunterricht fällt also aus. (NDS hat als Reserve noch pädagogische Mitarbeiter:innen, die die Aufsicht übernehmen können, wenn Lehrkräfte fehlen. Sie sollen keinen Unterricht machen und auch keinen vielfach differenzierten Unterricht vorbereiten und erteilen. Ebenfalls ist es nicht zumutbar, dass andere Lehrkräfte zusätzlich zum Deputat weitere Stunden vorbereiten und als Beschäftigung für die Stunden mit pädagogischer Mitarbeiterin zur Verfügung stellen.)
  • Braucht man eine längere Vertretung muss die Schulleitung die Stundenversorgung (und vieles mehr) offenlegen, zunächst werden dann die Stunden der Zusatzbedarfe (also der Förderunterricht) gegengerechnet, also ersatzlos gestrichen, danach kann man dann für restlich verbleibende Fehlstunden eine Vertretung bekommen.
  • Mir ist nicht bekannt, ob das Land den Pool für die DaZ-Stunden erhöht hat, die Kinder, die diese Förderung brauchen, sind aber mehr geworden und die Bedarfe andere. In meinem BL sind neu zugezogene Kinder ohne Deutschkenntnisse sofort mit im Unterricht, was ich gut finde. Allerdings brauchen diese Kinder eben DaZ-Unterricht auf dem Niveau A0/A1 UND oft auch Alphabetisierung, was in Kleingruppen aufgefangen werden müsste, da es innerhalb des regulären Unterrichts zwar unterstützt werden kann, aber nicht gänzlich aufgefangen. Wenn man nicht mehr Stunden zur Verfügung hat, muss man mit denen, die man hat, haushalten und alle betroffenen Kinder bekommen insgesamt weniger Förderung.

Dazu der Hinweis darauf, dass Kinder, die noch nicht alphabetisiert sind, dies zunächst lernen müssen und DaZ-Kinder das in ihrer Zweitsprache bewältigen, was ungleich schwieriger ist. Schon deutschsprachige Erstklässler:innen brauchen 1 Jahr, generell wird von 2 Jahren für die grundlegende (im Sinne von einfach und wirklich nur den Grundstein gelegt) Lesefähigkeit.
Sind die DaZ-Kinder zuvor nicht zur Schule gegangen, weil sie zu jung waren oder auf der Flucht, ist die erste Alphabetisierung um so schwieriger. Diese Kinder benötigen Förderunterricht zur Alphabetisierung, der auch das Erstlesen berücksichtigt, nicht aber Leseförderung im Sinn von sinnentnehmendem Lesen von Sätzen und Texten. Wenn das Lesen noch nicht erlernt ist, bewältigt man keine Sätze, wenn der Wortschatz nicht ausreichend groß ist, versteht man sie auch nicht. Dann kann man feststellen, dass diese Kinder weniger Leseförderung erhalten. Aus meiner Sicht scheint diese aber auch unsinnig und da man mit den Stunden haushalten muss, wird man sie anderweitig einsetzen und Kinder im Lesen fördern, bei denen dies aussichtsvoll erscheint, da sie bereits alphabetisiert sind.

Annemaus
19 Tage zuvor

Wenn ich sehe, dass es sogar noch für Teenies Bücher in extragroßer Schrift und wenig Text gibt, sagt das viel über die Lesefähigkeit von heutigen Schülern aus.

Konfutse
19 Tage zuvor

Ich sage nach 26 Jahren Schuldienst und nach aufmerksamer Beobachtung der Digitalisierung des Unterrichts und eigener Erfahrung in den Klassen mit derselben: Lasst die Finger vom Daddelgerät weg, die Kindlein werden zuhause sowieso schon damit zugeschissen. Die Kinder müssen erst mal richtig lesen und schreiben können, um an die Geräte herangelassen zu werden. An meiner RS würde ich, wenn überhaupt, erst ab Klasse 9 zulassen, mit dem IPad im Unterricht zu arbeiten. Und sowieso erst nur dann, wenn sie sich halbwegs vernünftig artikulieren können und wie oben gesagt, relativ sicher im Lesen und Schreiben sind. Leider können sie nichts davon.
Meine besten Erfahrungen resultieren aus dem analogen Lesen und Schreiben. Tja, ich bin halt eine alte weiße Frau….

Ulla
18 Tage zuvor

Alles, was im Artikel steht, ist uns Lehrerinnen und Lehrern bekannt. Da braucht es keine Studien, sondern nur die Beobachtung im alltäglichen Unterricht. Es ist immer wieder frustrierend, wenn uns von oben aufgezeigt wird, wo wir wie mehr fördern müssen, wir aufgrund von fehlendem Personal einfach nicht die Möglichkeiten haben.

Auch die sprachliche Testung und Förderung im Kindergarten ist keine neue Idee, ist aber aus den gleichen Gründen kaum umzusetzen.

Andreas
7 Tage zuvor

Der Skandal fängt doch schon damit an, daß Lehrer die Worte „Können“ und „Fähigkeiten“ nicht mehr kennen, sondern stattdessen von Kompetenzen herumstottern. Wie will sowas die Schüler die deutsche Sprache lehren?!

DerechteNorden
7 Tage zuvor
Antwortet  Andreas

1. „Sowas“ für Menschen zu Verwenden ist respektlos und geht somit gar nicht.
2. Es sind nicht die Lehrkräfte, die sich das mit den Kompetenzen ausgedacht haben.

Realist
7 Tage zuvor
Antwortet  Andreas

Viele Vorurteile, keine Ahnung…

Der Kompetenzbegriff wird von den Kultusministerien vorgegeben. Ihren Ursprung hat dieser Begriff letztendlich in PISA und der Bildungs“forschung2. Also alles Dinge, die Leute wie Sie sicherlich gut finden: Bildungspolitik, PISA; Schleicher, Bildungs“forschung“. Kein Lehrer hat sich das ausgedacht. Lehrer wenden diese Konzepte an, weil sie dazu verpflichtet sind. Wenn Ihnen Ihr Arbeitgeber sagt, dass Raider jetzt Twixx heißt, halten Sie sich sicherlich im Kundenkontakt auch daran und riskieren nicht Ihren Job…

Jeannette
7 Tage zuvor

Zwei mal die Woche im Unterricht laut vorlesen lassen?!? Jedes Kind welches lesen lernt sollte täglich 10 Minuten laut vorlesen. Wer sich das mal ausrechnet wird schnell merken, das dies im Unterricht gar nicht realisierbar ist. Nicht mal 1x wöchentlich 10 min für alle Kinder lässt sich durch den Unterricht abdecken.dss wären ja 240 bis 300 Minuten, also weit mehr als 5 Lektionen! Ich spreche aus Erfahrung, unsere Familiensprache ist zwar Deutsch, aber mein Kind hat eine Leseschwäche. Da sind wir als Eltern gefragt zum einen die Förderung in der Schule einzufordern, zum anderen zu Hause entsprechend zu unterstützen. Wer der deutschen Sprache nicht mächtig ist wird das kaum hinkriegen. Digitale Lösungen könnten den Kindern tatsächlich helfen. Die Voraussetzungen ist aber das dies von der Familie unterstützt wird, es ein tragbares Konzept gibt und es entsprechend auch den Familien vermittelt wird.
Wäre das so bin ich überzeugt das es auch angenommen wird, denn (fast) alle Eltern, insbesondere mit Migrationshintergrund wünschen sich für ihre Kinder ein „besseres“ Leben.
Jeannette