„Endlich Hoffnung für Schulen, die besonders belastet sind“: VBE-Landeschef Meyer zum Startchancen-Programm

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HANNOVER. Ob in Niedersachsen oder anderswo in Deutschland: Die Situation für Lehrkräfte ist, gelinde gesagt, herausfordernd. Nun soll das Startchancen-Programm ab dem neuen Schuljahr bundesweit 4.000 Schulen helfen, die einen besonders hohen Anteil sozial benachteiligter Schülerinnen und Schüler betreuen. Franz-Josef Meyer, Landesvorsitzender des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) Niedersachsen erklärt im Interview exemplarisch, welche Bildungsbaustellen es in seinem Bundesland gibt, wie er das Startchancen-Programm einschätzt und weshalb die Gewerkschaft jetzt gemeinsam mit dem Lernserver-Institut Weiterbildungsangebote konzipiert, die eigentlich vom Land kommen müssten.

„Wir haben in Niedersachsen Schulen, die wirklich sehr stark belastet sind und im Grunde nur damit beschäftigt sind, ihren Unterrichtsbetrieb aufrechtzuerhalten“, sagt Franz-Josef Meyer, Landesvorsitzender des VBE Niedersachsen. Das Startchancen-Programm werde nicht ausreichen, um die strukturellen Mängel zu behenben. Foto: VBE Niedersachsen.

News4teachers: Herr Meyer, wie sieht die Lage zurzeit aus an den Schulen in Niedersachsen?

Franz-Josef Meyer: Im Moment gibt es viele Probleme. Der eine große Schwerpunkt ist der Personalmangel. Dieses Damoklesschwert strahlt auf alle schulischen Bereiche aus. Der andere ist, dass wir zunehmend feststellen, dass Gewaltvorkommnisse im schulischen Kontext drastisch zunehmen. Das sind neben anderen Baustellen, wie das Besoldungsgefüge und die nicht vorrankommende Inklusion, zwei ernste Themen, die uns im Moment sehr beschäftigen.

News4teachers: Hängen diese beiden Themen Ihres Erachtens zusammen?

Meyer: Es gibt neue Zahlen vom Landeskriminalamt, die besagen, dass gerade unter Kindern und Jugendlichen die Gewaltvorkommnisse drastisch zugenommen haben, und zwar um 90 Prozent im Vergleich zu vor drei Jahren! Und das merken wir auch an den Schulen, die diesen Gewaltausbrüchen nicht mehr Herr werden. Das belastet den schulischen Betrieb erheblich. Dazu kommt natürlich, dass wir Personalmangel haben und entsprechend auch kein multiprofessionelles Team, das diese Probleme auffangen könnte. Wir haben in Niedersachsen Schulen, die wirklich sehr stark belastet sind und im Grunde nur damit beschäftigt sind, ihren Unterrichtsbetrieb aufrechtzuerhalten. Sie können sich deshalb gar nicht gezielt um die Förderung schwieriger Kinder kümmern oder um das Angehen dieser sozialen Probleme, was eigentlich dringend erforderlich wäre.

Wir haben viele Kinder mit Migrationsgeschichte und geringen oder keinen Deutschkenntnissen. Zusätzlich haben wir aber auch eine Art Long Covid an den Schulen. Das ist längst nicht ausgestanden. Diese Zeit der Schulschließung und des Verzichts auf Präsenzunterricht in den Schulen hat erhebliche Auswirkungen auf die Schülerinnen und Schüler gehabt. Sie wieder an den Unterricht heranzuführen und in alte Bahnen zu lenken, das dauert. Wir merken, dass es immer schwieriger wird, das aufzufangen, weil eben das Personal dafür fehlt.

„Diese Aufholprogramme haben überhaupt nichts bewirkt.“

News4teachers: Das Aufhol-Programm sollte ja eigentlich für den Anschluss nach Covid sorgen.

Meyer: Diese Aufholprogramme haben überhaupt nichts bewirkt, dazu gibt es Untersuchungen. Im Gegenteil: Die Probleme haben sich eher verfestigt. Auch das Problem der Gewalt gegen Lehrkräfte. Der VBE untersucht ja schon seit Jahren auf Bundesebene anhand der Schulleiterbefragungen durch das Forsa-Institut die Entwicklung von Gewalt an Schulen. Von Jahr zu Jahr berichten immer mehr Schulleiter, dass diese Gewaltvorkommnisse zugenommen haben und wir stellen fest, dass Corona das noch befeuert hat, denn durch die sozialen Medien sind Mobbing, Beleidigungen und Anfeindungen im Online-Raum noch verstärkt hinzugekommen. Sorgen macht uns, dass wir wenig Möglichkeiten haben, dem etwas entgegenzusetzen. Und ich sehe auch, dass die Landesregierung da ziemlich hilflos ist.

Jetzt ist die große Hoffnung, dass das Startchancen-Programm dabei helfen könnte, gerade die besonders belasteten Schulen mit mehr Personal und mehr Material sozusagen besserzustellen. Grundsätzlich halte ich das für gut, weil es dieses Mal kein Verteilen der Gelder nach dem Gießkannenprinzip gibt, sondern eine gezielte Förderung auf der Basis von Sozialdaten erfolgen soll. Und Niedersachsen hat gerade Mitte Mai noch mal schnell den Sozialindex beschlossen (lacht).

„Lohnt sich der bürokratische Aufwand im Rahmen des Startchancen-Programms tatsächlich für die Schulen […]?“

News4teachers: Und kurz darauf hat das Ministerium schon die vom Startchancenprogramm profitierenden Schulen anhand der bereits vorliegenden Daten bestimmt. Ist das nicht ein bisschen übers Knie gebrochen?

Meyer: Wahrscheinlich hätte man damit schon viel früher anfangen müssen. Wir fordern ja schon lange den Sozialindex für die Schulen. Der Koalitionsvertrag von 2022 sieht das auch vor. Aber es ist erst einmal jahrelang nichts passiert. Und jetzt kurz vor Start des Startchancen-Programms hat man dann reagiert und den Sozialindex mit großem Brimborium eingeführt. Hätte man das früher gemacht, dann hätte man die Schulen in schwierigen Lagen, wo es besonders viele armutsgefährdete Kinder und Kinder mit Migrationshintergrund gibt, schon eher mit mehr Personal bestücken können. Denn das ist ja eines der Hauptziele, dass diese Schulen möglichst mehr Personal bekommen sollen. Lehrer sind allerdings nicht da und Nachwuchs fehlt auch. Die Anzahl derjenigen, die in die Studienseminare kommen, ist seit 2019 um 27 Prozent drastisch zurückgegangen. Deshalb braucht es mehr pädagogisches Personal und, wenn es geht, auch Schulsozialarbeiter.

Eine andere Frage, die sich jetzt stellt, ist: Lohnt sich der bürokratische Aufwand im Rahmen des Startchancen-Programms tatsächlich für die Schulen, zum Beispiel beim Rechenschaftsbericht? Gerade für die kleineren Grundschulen? 400 von insgesamt 3.500 Schulen wurden in Niedersachsen für das Programm ausgewählt, davon sind 240 Grundschulen ­– von insgesamt 1.700 Grundschulen landesweit. Die Laufzeit beträgt zehn Jahre. Wenn nun nur einige Hundert profitieren, wird es natürlich ein großes Wehklagen bei den Schulen geben, die meinen, sie gehörten auch in das Programm. Denn die statistischen Daten können sich auch verändern in einem Jahrzehnt.

News4teachers: Nach der zehnjährigen Laufzeit, so ein Ziel des Startchancen-Programms, soll sich die Zahl der Kinder, die am Ende der Klasse 4 die Mindeststandards nicht erreichen, denen also die Basis-Kompetenzen für eine erfolgreiche Schullaufbahn fehlen, halbiert haben. Das sind in Niedersachsen rund 25 Prozent der Schülerinnen und Schüler. Ist das realistisch, wenn doch erst einmal Personal gefunden werden muss?

Meyer: Das ist für mich zunächst einmal ein sehr mickriges Ziel. Da sollte man in zehn Jahren eigentlich mehr erreichen müssen. Gleichwohl stellt man immerhin fest, dass es am Ende der vierten Klasse zu spät ist, um die basalen Kompetenzen im Lesen, Schreiben und Rechnen zu fördern. Das muss viel früher passieren.

Und deswegen hat unsere Kultusministerin im letzten Jahr schon angekündigt, die Schulen sollen in diesem Jahr eine Stunde mehr bekommen für das erste Schuljahr, in der diese basalen Kompetenzen geübt werden sollen, und im nächsten Jahr eine zweite Stunde mehr und im übernächsten Jahr eine dritte Stunde mehr.

„Jetzt versucht man in aller Hektik, schnell etwas zusammenzustellen, was die Schulen in den Stunden machen könnten.“

News4teachers: Damit ist das sogenannte „Sichere Basis“-Programm gemeint.

Meyer: Richtig. Das Problem allerdings ist, dass man so richtig noch gar nicht weiß, was man eigentlich mit diesen Stunden anfangen soll. Die sollen nicht irgendeinem Fach zugeordnet werden, sondern es sollen einfach Trainingsstunden für basale Kompetenzen sein. Dafür gibt es aber gar keine Lehrpläne oder sonstige Vorgaben. Jetzt versucht man in aller Hektik, schnell etwas zusammenzustellen, was die Schulen in den Stunden machen könnten.

Wir vom VBE haben uns dann mal wieder mit dem Lernserver-Institut zusammengetan und, genauso wie beim Thema Handschreiben und Rechtschreiben, gemeinsam überlegt, wie man die Lehrkräfte in den Schulen unterstützen kann.

Online-Termine der VBE Länder Akademie

 „Handschrift und Rechtschreibung auf dem Rückzug? Worauf es jetzt ankommt.“ 

Schreibanfänger in der Sekundarstufe? – 19.09.2024

Praxisbeispiele aus der Rechtschreibförderung – 12.11.2024

Die Veranstaltungen sind öffentlich zugänglich und gratis.

Hier geht es zur Anmeldung.

Sichere Basis

Sichere Basis – Vorläuferfähigkeiten: 11.09.2024

Sichere Basis – Einstieg in die Schrift: 18.09.2024

Sichere Basis – Schriftsprache und sozioemotionale Kompetenzen: 25.09.2024

Die Veranstaltungen sind öffentlich zugänglich und für VBE-Mitglieder kostenfrei. Für Nicht-Mitglieder fällt eine Gebühr von 15 Euro an.

Hier geht es zur Anmeldung.

Hinter dem Lernserver steckt ein vom Bildungsforscher Prof. Dr. Friedrich Schönweiss entwickeltes Diagnose- und Fördertool, mit dem sich anhand der Münsteraner Rechtschreibanalyse mit passgenauer Förderung gegen die Probleme im Bereich Rechtschreibung steuern lässt.

Das Lernserver-Institut hat darüber hinaus auch ein wirklich gutes Programm, das man nutzen kann, um die Vorläuferqualifikationen festzustellen. Dazu organisieren wir im September über die VBE Länder Akademie eine dreiteilige Veranstaltung, die Anregungen und Nutzungsvorschläge für die Sichere-Basis-Stunde liefert.

Es geht dabei unter anderem um die Frage, welche basalen Kompetenzen zu Beginn des Schuljahres nötig wären, um den Einstieg in die Schrift und um sozio-emotionale Kompetenzen. Die Termine sind schon auf der Website der VBE Länder Akademie hinterlegt und es gibt bereits erste Anmeldungen.

News4teachers: Aktuell läuft auch noch die Veranstaltungsreihe zum Thema Schreiben weiter, die auf reges Interesse stößt.

Meyer: Genau. Wir haben festgestellt, dass wir mit dem Thema Handschreiben und Rechtschreibung richtig ins Wespennest gestochen haben. Wir hatten jetzt schon über 250 Teilnehmer und Teilnehmerinnen. Weitere Veranstaltungen laufen noch im September und November.

Auch nach den ersten Veranstaltungen kamen noch Anfragen von Lehrkräften, die den Termin verpasst hatten. Wir haben deshalb vor, aus dieser Reihe mit dem Lernserver-Team eine kleine Broschüre mit den wichtigsten Infos zu erstellen und Interessierten online zur Verfügung zu stellen. Dasselbe haben wir jetzt auch mit dem Thema Vorläuferfähigkeiten vor. Der wertvolle Input soll nicht einfach so verpuffen.

News4teachers: An den Lehrkräften liegt es also nicht, dass so manches schiefläuft. Es scheint ja ein Interesse zu geben, sich weiterzubilden und diese Problematiken anzupacken.

Meyer: Sicherlich ist das so. Die Lehrkräfte sind einfach verunsichert und wenden sich an uns. Das Ministerium hat im letzten Schulverwaltungsblatt zwar ein paar Hinweise gegeben, wie man diese „Sichere Basis“-Stunden füllen könnte – man müsse nicht eine ganze Stunde machen, man könnte auch jeden Tag fünf Minuten oder dreimal zehn Minuten oder wie auch immer gestalten –, aber davon halte ich nichts.

News4teachers: Eigentlich ist es aber doch Aufgabe des Landes und nicht der VBE Länderakademie und externen Anbietern wie dem Lernserver, für eine angemessene Weiterbildung der Lehrkräfte und ebensolche Materialien zu sorgen?

Meyer: Sicherlich. Es gibt zwar ein Beratungs- und Unterstützungssystem in Niedersachsen. Aber bevor dort etwas angestoßen wird, vergeht schon mal ein halbes Jahr. So viel Zeit haben wir nicht! Wir haben natürlich auch das Niedersächsische Landesinstitut für Qualitätsentwicklung an Schulen, NLQ genannt. Allerdings fehlt dort das Geld, um wirklich ein kontinuierliches, breitgefächertes Angebot zu bieten, das alle wichtigen Themen abdeckt. Selbst Schulleiterqualifizierungen finden zunehmend nur noch online statt. Das ist ein Unding. Aber im Moment ist das Geld dafür nicht da. Und das ist sehr schade.

Deswegen haben wir vom VBE entschieden, einzuspringen. Ich war selbst viele Jahre Grundschulleiter und sehe: Wenn wir an der Basis nicht arbeiten und die Kinder zum ersten Schuljahr hin oder im ersten Schuljahr nicht schulfähig machen und sie nicht für die weiterführenden Schulen genügend vorbereiten, dann haben wir das Problem am Ende der Schulzeit. Deswegen muss der Fokus auf die Grundschule und auf den Kita-Bereich gelegt werden.

„Da braucht man sich nicht wundern, dass den Kindern Basiskompetenzen fehlen […] und die Grundschulen sie erst einmal schulfähig machen müssen.“

Das Institut für Schulentwicklungsforschung der TU Dortmund hat gerade erst festgestellt, dass die Kinder, die bei den Tests versagen und die Mindeststandards nicht erreichen, überwiegend Kinder mit nicht deutscher Herkunftssprache sind und dass 50 Prozent dieser Kinder gar keine spezielle Förderung erhalten. So kann ja auch keine Verbesserung erreicht werden. Das Schlimme ist, dass 50 Prozent dieser Kinder schon in den Kitas waren und auch dort keine Förderung stattfindet, weil die Kitas damit überfordert sind.

Da braucht man sich nicht wundern, dass den Kindern Basiskompetenzen fehlen, wenn sie in die erste Klasse kommen und die Grundschulen sie erst einmal schulfähig machen müssen. Das heißt, sie verlieren mindestens ein Jahr. Denn zunächst muss erst einmal der Leistungsstand in den verschiedenen Bereichen festgestellt werden. Diese Lernausgangsvoraussetzungen sind sehr heterogen. Das bedeutet, dass die Förderung wirklich gezielt erfolgen muss und dass man zu verschiedenen Zeitpunkten auch eine Überprüfung haben muss, wie weit die Kinder sind.

Mit unseren Veranstaltungsreihen können wir hierfür wertvollen Input geben. Und das tun wir auch gern nach unseren Möglichkeiten. Um die strukturellen Probleme muss sich aber das Land kümmern. Da wird ein Startchancen-Programm nicht ausreichen.  Das Interview führte Sonja Mankowsky für New4teachers.

„Kinder können sich das nicht selbst beibringen“: VBE-Workshop zum Thema Handschrift und Rechtschreibung

 

 

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2 Kommentare
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Heuwägelchen
26 Tage zuvor

Schon bei „herausfordernd“ war ich raus.

Es ist gelinde gesagt, eine absolut unverantwortliche Zumutung, seit Jaaaahren einer gesundheitsschädigenden, „herausfordernden“ Dauerüberlastung mit ständig weiteren noch-mehr-Aufgaben ausgesetzt zu sein.

Ich habe noch nie was davon gehalten, irgendetwas schönzureden. Ich halte das nicht nur für eine Verharmlosung, sondern für eine bewusste Lüge, um die Gemüter zu ver..schen.

Das zeigt, wie wenig sich tatsächlich von den 16 Glorreichen irgendwelche Gedanken gemacht werden.

Ob da überhaupt Interesse besteht? Ich wage das zu bezweifeln.

Ich habe fertig.

ReKk
26 Tage zuvor

Ach was!