Stärker belastet, aber schlechter ausgestattet – Studie zeigt: Unterschiede zwischen Kitas abhängig von der Klientel

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BERLIN. Gibt es Kitas zweiter Klasse? Ja, sagt eine aktuelle Studie im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung. Demnach kämpfen Einrichtungen, die viele Kinder aus ärmeren Verhältnissen betreuen, mit einer systematischen Mehrfachbelastung. „Die Folge: Benachteiligte Kinder besuchen relativ häufig Kitas, in denen Problemlagen kumulieren“, heißt es im Ergebnisbericht. Chancengerechtigkeit sieht anders aus. Entsprechend empfehlen die Autor:innen betroffene Kindertagesstätten finanziell besser auszustatten – basierend auf einem Sozialindex-Wert. Braucht es also ein Startchancenprogramm für den Kita-Bereich?

Je mehr arme Kinder eine Kita besuchen, umso größer sind die zu bewältigenden Herausforderungen. Chancengerechtigkeit? Fehlanzeige! Symbolfoto: Shutterstock

Mehr Kinder mit größerem Unterstützungsbedarf bei gleichzeitig höherem Personalmangel – so lässt sich die Situation von Kindertagesstätten zusammenfassen, die vor allem ärmere Kinder besuchen. Das geht aus der Studie „Kitas 2. Klasse?“ im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung hervor. Sie basiert auf der Befragung von Einrichtungsleitungen, die im Rahmen des ERiK-Surveys des Deutschen Jugendinstituts (DJI) 2020 stattgefunden hat. Demnach finden sich in Kindertagesstätten mit vielen Kindern aus ärmeren Verhältnissen auch mehr Kinder mit Förderbedarf, einer Behinderung oder diagnostizierten Störung, mit Fluchthintergrund und nicht deutscher Familiensprache.

Die Herausforderungen, die mit einer solchen Zusammensetzung einhergehen, kann das bestehende Personal allerdings nicht auffangen – es fehlt in den Einrichtungen an Fachkräften. Die Gründe dafür sind laut den befragten Kitaleitungen vielschichtig: Einerseits bleiben freie Posten aufgrund mangelnder Bewerbungen länger unbesetzt, andererseits fallen Mitarbeitende länger durch Krankheit oder Elternzeit aus. „Der Effekt von unbesetzten Stellen könnte dabei auf einen Teufelskreis aus fehlenden Personalressourcen und dem durch die Ballung von Herausforderungen in der Kita als womöglich weniger attraktiv wahrgenommenen Arbeitsplatz hinweisen“, vermuten die Autor:innen und verweisen auf weitere mögliche Zusammenhänge: So könnten die längeren Ausfallzeiten des Personals und die damit verbundene Notwendigkeit, Personallücken auszugleichen, das Belastungs- sowie Stressempfinden und damit die Gesundheit der Fachkräfte beeinflussen. Ebenso sei denkbar, dass sich die erhöhte Belastung auf die Arbeitszufriedenheit und Motivation des Personals auswirke.

Missverhältnis zwischen Bedarfen und Ressourcen

Den befragten Kitaleitungen zufolge mangelt es in den Kitas mit vielen benachteiligten Kindern zudem häufiger an pädagogisch ausgebildeten Fachkräften sowie Fachkräften mit besonderen Kompetenzen etwa im Bereich der Inklusion sowie im Bereich der kultursensiblen Pädagogik. „Zwar bedingt der Bedarf vor Ort den empfundenen Mangel an entsprechend qualifizierten Fachkräften“, heißt es von Seiten der Autor:innen, „jedoch ist dieses Mangelempfinden ein wichtiger Indikator dafür, wie gut es dem pädagogischen Team der Kita aus Sicht der Leitung gelingt, den Bedarfen der Kinder und Familien durch die Qualifikationen der Fachkräfte gerecht zu werden.“ Das Ergebnis weise darauf hin, dass die Schere zwischen den wahrgenommenen Bedarfen für die Arbeit im Kontext von Inklusion, sozioökonomischer Benachteiligung und kultursensibler Pädagogik einerseits und den empfundenen Ressourcen zur Bedarfsdeckung andererseits weit auseinander gehe.

Zusätzlich zu den personellen Herausforderungen berichten die Leitungen, dass die vertraglich vereinbarten Leitungsressourcen nicht den Bedarf an tatsächlicher Leitungszeit decken. Hinzu kommt, dass sie weitere Belastungen wahrnehmen, unter anderem durch mangelndes Engagement der Eltern, mangelnde Unterstützung durch den Träger, unzureichende Ausstattung in der Kita sowie behördliche Vorschriften.

Forderung nach mehr Unterstützung der frühen Bildung

„Die hier dargestellten Mehrfachbelastungen und Ressourcenbenachteiligungen machen die politischen Handlungsbedarfe einmal mehr deutlich. Chancengerechtigkeit durch frühe Bildung setzt voraus, dass insbesondere jene Kitas mit einem relativ großen Anteil benachteiligter Kinder adäquat ausgestattet und nicht als Kitas 2. Klasse behandelt werden“, lautet die Schlussfolgerung der Autor:innen.

Ähnlich sieht das Bildungsforscher Kai Maaz. Gegenüber News4teachers kritisiert der Geschäftsführende Direktor des DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation, dass das Startchancenprogramm erst in der Grundschule beginnt. Dadurch suggeriere es ungewollt, „dass Bildungsungleichheiten dort ihren Anfang nehmen. Kompetenzunterschiede zwischen Kindern aus sozial begünstigten und sozial benachteiligten Familien entstehen aber nicht allein in der Grundschule, sondern vor allem in den ersten sechs Jahren davor.“ Seine Hypothese lautet daher: „Wenn wir nicht den Bereich der frühen Bildung systematisch und nachhaltig stärken und in die Förderlogik einbinden, werden diese Programme nicht erfolgreich sein. Die Schule wird das nicht aufholen können, was in den ersten sechs Jahren an Differenzen außerhalb des Schulsystems bereits entstanden ist. Deswegen finde ich es gut, wenn man sich bildungspolitisch relativ schnell überlegt, auch den Bildungsauftrag der frühen Bildung erheblich stärker mit in den Fokus zu nehmen.“

Braucht es also ein Startchancenprogramm für den frühkindlichen Bildungsbereich? Zustimmung zu der Idee kommt aus Dortmund. Das sei „ein hervorragender Vorschlag“, sagt Bildungsforscherin Nele McElvany, Leiterin des Instituts für Schulentwicklungsforschung (IFS), im Interview mit News4teachers (hier geht es zum Beitrag). „Mit den Mitteln des Chancenbudgets sollen ja vor allem evidenzbasierte Fördermaßnahmen gefördert werden. Überträgt man diesen Ansatz auf den Kita-Bereich, könnte man so die frühkindliche Bildungsqualität erheblich steigern.“ Mehr Personal, wie über die 3. Säule an die Startchancen-Schulen kommen sollen, wäre zudem auch für den Kita-Bereich von großer Bedeutung, um Fördermaßnahmen auszuweiten und zu intensivieren.

Landesprogramm für mehr Chancengerechtigkeit

In klein und auf Landesebene plant bereits Schleswig-Holstein Unterstützung für Kindertagesstätten in herausfordernden Lagen. 2025 soll das Programm „PerspektivKita“ starten. „Die Startchancen für die Kinder sind alles andere als gleich. Mit den PerspektivKitas setzen wir einen gezielten Impuls, um das zu ändern und mehr Chancengerechtigkeit herzustellen“, verspricht Sozialministerin Aminata Touré (Grüne). „Wir greifen dort unter die Arme, wo Kinder es besonders schwer haben. Je früher ein Kind gefördert wird, desto größer ist die Chance, dass ein guter Einstieg in die Schule gelingt und es Freude am Lernen entwickelt.“

An zunächst 40 Standorten will das Land bestehende Kitas zu Perspektiv-Kitas weiterentwickeln. Die Einrichtungen erhalten zusätzlich eine halbe Fachkraftstelle. Die Auswahl erfolgt durch das Land und ist von mehreren Faktoren wie beispielsweise der Armutsquote im Sozialraum und dem Anteil der Kinder mit besonderem Unterstützungsbedarf im Übergang von der Kita zur Schule abhängig. Eine weitere Voraussetzung: die feste Kooperation mit einer Schule aus dem bereits etablierten „PerspektivSchul-Programm“ beziehungsweise einer Schule aus dem Startchancen-Programm des Bildungsministeriums. „Mit dem Einstieg in die Förderung von Kitas in sozioökonomisch herausfordernden Lagen entwickelt die Landesregierung über Ressortgrenzen hinweg das Perspektivschul-Programm weiter. Die besondere Förderung setzt damit schon im Kita-Alter an“, sagt Bildungsministerin Karin Prien (CDU). Damit folge Schleswig-Holstein den Empfehlungen nahezu aller Bildungswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler. News4teachers

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potschemutschka
16 Tage zuvor

Und wieder eine teure Studie, die das zeigt, was man (wer sehen will) auch so sieht. Man muss nur mit offenen Augen und Ohren verschiedene „Kieze“ in Berlin besuchen, nicht nur die „Szeneviertel“! Besteht da evtl. auch ein Zusammenhang zum Wahlverhalten bei der letzten Wahl? Das wäre doch mal eine Studie wert!

Unfassbar
16 Tage zuvor

Solange es die freie Wahl beim Beruf und dasselbe Gehalt gibt, wird sich das nicht ändern, eher noch verschärfen. Man müsste also am Gehalt drehen und zwar ordentlich. Vielleicht auch noch mit der Klausel, dass es das hohe Gehalt nur in Verbindung mit Vollzeit gibt, damit die Stelle nicht in Teilzeit nur teilweise besetzt ist, weil Netto ja genug rum kommt.

Lisa
15 Tage zuvor
Antwortet  Unfassbar

Warum negativ motivieren und nicht positiv? In Bogota, Kolumbien, gibt es die sogenannten Roten Zonen, das sind soziale Brennpunkte. Wer als Erzieher oder Lehrer dort arbeitet, bekommt jedes Jahr als doppeltes Jahr für die Pension angerechnet. Eine Schwägerin von mir macht das so.

GriasDi
15 Tage zuvor
Antwortet  Unfassbar

Diejenigen, die Teilzeit machen, machen das nicht, weil sie gerne weniger verdienen. Sie machen es, um der Belastung standzuhalten. Sie denken an ihre Gesundheit, weil diese sonst jedem egal ist.

Unfassbar
15 Tage zuvor
Antwortet  GriasDi

Zumindest bei mir an der Schule gibt es reichlich Kolleginnen mit erwachsenen Kindern, die trotzdem in Teilzeit arbeiten. Insofern lasse ich Ihr Argument nur teilweise gelten.

Manfred
14 Tage zuvor
Antwortet  GriasDi

Kann ich aus meinem Umfeld nicht bestätigen.
Das sind Frauen, die mit Ärzten oder Anwälten verheiratet sind, viel Zeit beim Pferd verbringen und ihre Ferien (großteils ohne Mann) mit den Kindern in Südfrankreich verbringen.
Mega Belastung.

Besseranonym
14 Tage zuvor
Antwortet  Manfred

Schönes Klischee;
das mag zT auch zutreffen – aber immer weniger…..

Mr. Farmer
13 Tage zuvor
Antwortet  Manfred

Sind Sie Lehrer oder arbeiten Sie im sozialen Bereich? Ihre Wahrnehmung wirkt sehr oberflächlich, „…aus meinem Umfeld…“. Ich als Realschullehrer melde Ihnen gerne zurück, dass eine 50-60 Stundenwoche als Vollzeitkraft wahrlich eine Belastung darstellt und leider dazu führen kann, dass man aus gesundheitlichen Gründen kürzer treten muss. Aber klar, „mega Belastung.“ Nehmen Sie bitte Ihre eindimensionale Brille ab.

Bla
13 Tage zuvor
Antwortet  Manfred

Klar und den Job machen sie rein als Ausgleich zur vielen Freizeit und den anstrengenden Hobbys und Urlaub. Wozu auch sonst …
Anwälte und Ärzte arbeiten dementsprechend einfach viel, weil der Job so einfach und im Prinzip Freizeit ist, oder? Die Welt kann so einfach sein mit solchen „logischen“ Verkettungen. Bin echt begeistert, wie einfach gestrickt manche Menschen sind. Auch das ist eine besondere Begabung.