Der Wildwuchs bleibt: GEW enttäuscht über fehlenden Konsens zur Schulstruktur

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DÜSSELDORF. Zwei Jahre lang hat die Enquetekommission „Chancengleichheit in der Bildung“ des nordrhein-westfälischen Landtags an Handlungsempfehlungen gearbeitet – 248 an der Zahl. Doch in einer zentralen Frage herrscht weiter Stillstand: der Schulstruktur. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) NRW zeigt sich enttäuscht, dass die Kommission keine Einigung über strukturelle Reformen erzielen konnte.

Wo lang? (Symbolbild.) Illustration: Shutterstock

„Dass sich der Landtag zwei Jahre lang so intensiv mit der Frage befasst hat, wie Bildung in NRW gerechter werden kann, zeigt: Auch politisch ist angekommen, dass unser Bildungssystem seine zentrale Aufgabe nicht erfüllt“, erklärt GEW-Landesvorsitzende Ayla Çelik (News4teachers berichtete über den Abschlussbericht – hier). Doch in der Strukturfrage bleibe das Ergebnis ernüchternd. „Unser aktuelles Bildungssystem schafft es weder, soziale Ungleichheiten wirksam zu kompensieren, noch alle Kinder ausreichend auf die Anforderungen einer gerechten, demokratischen Gesellschaft vorzubereiten. Hier bleibt die Kommission hinter den Erwartungen zurück.“

Zwar betont die GEW, dass die Enquetekommission richtige Schwerpunkte bei der frühkindlichen Bildung, Grundschule und Ganztag setze – dort müsse die Landesregierung aber dringend „ihre Hausaufgaben machen“. Doch was die Organisation besonders vermisst, ist eine offene Debatte über die Zukunft der Schulformen.

Schulstruktur: Wildwuchs statt Klarheit

Ein Blick in den Abschlussbericht zeigt, warum die Strukturfrage so umstritten bleibt. Nordrhein-Westfalen verfügt heute über sage und schreibe zwölf allgemeinbildende Schulformen – von der Hauptschule bis zur Waldorfschule. Diese Vielfalt ist das Ergebnis von Jahrzehnten wechselnder Bildungspolitik und elterlicher Präferenzen.

Was einst als dreigliedriges System begann – Hauptschule, Realschule, Gymnasium – hat sich zu einem kaum überschaubaren Geflecht entwickelt. Neben Gesamtschulen, Sekundarschulen und Gemeinschaftsschulen existieren heute auch PRIMUS-Schulen und verschiedene Förderschultypen. Kommunen dürfen weitgehend selbst entscheiden, welche Schulformen sie anbieten – mit der Folge, dass in manchen Städten kaum noch Hauptschulen existieren, während andere gleich mehrere unterschiedliche Schulformen parallel unterhalten.

Seit 2010 sind zusätzliche Modelle wie Gemeinschaftsschulen und Sekundarschulen hinzugekommen, die ursprünglich als Antwort auf sinkende Schülerzahlen und veränderte Bildungswege gedacht waren. Doch anstatt das System zu vereinfachen, hat NRW die Komplexität weiter erhöht. Der „Schulkonsens“ von 2011 zwischen SPD und CDU schrieb das Nebeneinander dieser Formen fest – und damit auch den Status quo.

Die Bilanz der vergangenen Jahre zeigt deutliche Verschiebungen: Die Zahl der Hauptschulen ist um rund 70 Prozent zurückgegangen, die der Realschulen um mehr als 30 Prozent, während die Gesamtschulen um über 40 Prozent zulegten. Die Zahl der Gymnasien blieb nahezu stabil. Damit zeigt sich ein Trend hin zu integrierten Schulformen – allerdings ohne klare strukturelle Neuordnung.

SPD will Zweigliedrigkeit – doch CDU blockt

Die SPD hatte gehofft, den Stillstand zu beenden. In einem Sondervotum fordert sie, das Schulsystem binnen zehn Jahren auf zwei Säulen zu reduzieren: Gymnasien und Gesamtschulen sollen als Schulen der Sekundarstufen I und II bestehen bleiben, Haupt-, Sekundar- und Realschulen zu einer gemeinsamen Schulform verschmolzen werden. Damit würde NRW jenen Bundesländern folgen, die bereits auf ein zweigliedriges System umgestellt haben – vor allem Hamburg, das sich mit einer klaren Struktur in den vergangenen zehn Jahren in allen Bildungsrankings nach oben gearbeitet hat, gilt als Beispiel.

Doch die Regierungsfraktionen von CDU und Grünen lehnten diesen Vorschlag ab. Sie verweisen auf die kommunale Schulvielfalt als Stärke und sehen im bestehenden Modell ausreichend Durchlässigkeit. Die SPD konnte sich mit ihrer Forderung nicht durchsetzen – die Kommission verabschiedete ihre Handlungsempfehlungen ohne Konsens in dieser Frage.

Forschung mahnt: Ohne Strukturreform keine Bildungsgerechtigkeit

Dass der Strukturstreit mehr ist als eine ideologische Frage, zeigen auch die wissenschaftlichen Analysen im Bericht. Bildungsforscher wie Klaus Klemm und Aladin El-Mafaalani haben wiederholt betont, dass soziale Ungleichheit in Deutschland eng mit der Schulstruktur verknüpft ist. Auch im Enquete-Bericht heißt es, der Befund sei eindeutig: „Unser Bildungssystem verkehrt das Differenzprinzip ins Gegenteil.“ Statt den Schwächeren zu nützen, profitierten jene, die ohnehin privilegiert sind.

Schon 2023 hatte der Bildungsforscher Marcel Helbig konstatiert, dass die Politik „der Strukturfrage ausweiche“. Denn jede ernsthafte Debatte darüber stelle „das Gymnasium in seiner jetzigen Form in Frage“ – und mobilisiere jene Gruppen, die am meisten vom Status quo profitierten. Auch Pädagoge Klaus Tillmann wird im Bericht mit den Worten zitiert: „Die Forderung nach einer Schule für alle Kinder ist 2023 genauso richtig wie 1972.“

Ein System der Vielfalt – oder der Widersprüche?

Der Bericht schließt mit einem Beispiel, das zeigt, wie Durchlässigkeit im bestehenden System funktionieren kann: Auf einem Schulcampus in Meckenheim arbeiten Gymnasium, Realschule und Hauptschule eng zusammen. Schüler können zwischen den Bildungsgängen wechseln, ohne die Schule zu verlassen. Solche Modelle, heißt es, könnten den Weg zu mehr individueller Förderung weisen – ohne die Schulformen abzuschaffen.

Doch ob solche Inselprojekte reichen, um Chancengleichheit herzustellen, bezweifelt die GEW. Ayla Çelik fordert, die Politik müsse endlich „die verhasste Schulstrukturfrage“ anpacken, wenn sie es mit Bildungsgerechtigkeit ernst meine. News4teachers

Gemeinsame Schule für alle: GGG fordert radikale Reform des Schulsystems

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Rüdiger Vehrenkamp
1 Monat zuvor

Zweigliedrigkeit bedeutet Gymnasium oder „Resteschule“. Warum will die SPD auf Teufel komm raus gut funktionierende Realschulen zerstören? In BW haben sie das unter Herrn Stoch bereits geschafft, verbessert hat sich laut Aussagen der Lehrkräfte jedoch nichts.

Realist
1 Monat zuvor

Der Traum der GEW ist und bleibt die staatliche Einheitsschule. Insofern ist das zweigliedrige Schulsystem aus deren Sicht nur ein Zwischenschritt.

Für Politikerkinder (“Obere Mittelschicht” = März) und GEW-Funktionärs-Kinder (“Gehaltspaket von 140.000€”, siehe: https://www.news4teachers.de/2025/10/palastrevolution-faellt-aus-gew-landeschef-stoermer-wiedergewaehlt-trotz-finanzproblemen/ ) bleibt dann immernoch die Privatschule…

dickebank
1 Monat zuvor
Antwortet  Realist

Gesa = Traum, GY = Trauma

AvL
1 Monat zuvor
Antwortet  Realist

Ihr Albtraum ist und bleibt die staatliche Einheitsschule. Insofern ist das zweigliedrige Schulsystem aus ihrer Sicht nur ein beängstigender Zwischenschritt.
Für A*D-Politikerkinder und Kaderfunktionärs-Kinder der A*D (“Gehaltspaket von 140.000€”, bleibt dann immer noch die Privatschule.

Realist
1 Monat zuvor
Antwortet  AvL

Sie phantasieren sich wie immer irgendetwas zu Recht. Traurig.

Mir persönlich kann es sowas von egal sein, ob die staatliche Einheitsschule kommt oder nicht, notfalls vollziehe ich den Exit, ich kann es mir mittlerweile leisten…

Schade nur um die zukünftigen Generationen, die dann ein staatliches Einheitsschulsystem a la USA oder GB erleiden müssen. Es wird leider nicht so kommen wie in Finnland oder der Schweiz, da können Sie sicher sein. Unsere Regierungen werden schon dafür sorgen, denn tradtionell werden in Deutschland die Gelder ja für “wichtigere Dinge” gebraucht…

ed840
1 Monat zuvor
Antwortet  Realist

Wäre m.M. auch nicht unbedingt wünschenswert, wenn NRW einen ähnlichen Absturz in den Bildungsvergleichen erleiden würde wie Finnland bei PISA.

Realist
1 Monat zuvor
Antwortet  ed840

Finnland stürzt aber von einem deutlich höheren Niveau ab als andere Länder…

ed840
1 Monat zuvor
Antwortet  Realist

Die Fallhöhe war zwar größer, aber bei PISA 2022 Mathematik haben die Schüler*innen ohne Migrationshintergrund in FIN schon schlechter abgeschnitten als die Pendants in DE, die Schüler*innen mit Migrationshintergrund ebenfalls.

Auch beim Lesen ähnlich:

FIN = 490 Pkt, Anteil mit Migrationshintergrund 7%, Abstand 92 Pkt
DE = 480 Pkt, Anteil mit Migrationshintergrund 26%, Abstand 67 Pkt

Also müssen auch hier beide Gruppen schlechter performt haben als die Pendants in DE.

dickebank
1 Monat zuvor
Antwortet  ed840

Den selben Absturz wie Finnland kann eigentlich nur OWL erleiden, die beiden entsprechen wenigsten bezüglich der Einwohnerzahlen am ehesten.

AvL
1 Monat zuvor
Antwortet  dickebank

Die Einwohnerzahl passt, aber OWL hat wenigstens einen Cheruskerführer, einen echten Helden , hochreckend das Schwert in der Rechten, den Blick gen Frankreich gerichtet, dem Erbfeind zugewandt.

AvL
1 Monat zuvor
Antwortet  ed840

Der, also ein sog. Realist, weiß anscheinend gar nicht, dass NRW an drittletzter Stelle im bundesdeutschen Bildungsmonitor liegt, dicht gefolgt von den negativen “Erfolgsländern” Brandenburg und Bremen. Bildungsmonitor: Ranking Bundesländer 2025| Statista

AvL
1 Monat zuvor
Antwortet  Realist

Haben Sie eigentlich gar nicht gemerkt, dass ich ihren wenig inhaltstiefen und von Vorurteilen geprägten Kommentar ins Gegenteil verkehrt habe ? Sie unterstellen denen von der GEW und Politikern, “März”, ein falsches Spiel zu leiten.

dickebank
1 Monat zuvor

Heißt dann aber nicht mehr Gymnasium sondern Hauptschule. Also Haupt- und Resteschule.

Rainer Zufall
1 Monat zuvor

Ich wüsste nicht, was sich bei Lehrkräftemangel und fehlenden Investitionen hätte verbessern sollen :/

Rüdiger Vehrenkamp
1 Monat zuvor
Antwortet  Rainer Zufall

Das kommt en top noch mit drauf. Zeitgleich hat man am Schulsystem herumgedoktort und dadurch nichts besser gemacht.

Rainer Zufall
1 Monat zuvor

Ich kann Ihre Meinung nachvollziehen, teile sie aber nicht. Stillstand wäre meiner Meinung nach ebenso zum Scheitern verdammt (und ist weiterhin ein ursächliches Problem im System), andere Konzepte für die neuen Herausforderungen sind mir ehrlichgesagt nicht bekannt.
Vielleicht haben Sie da welche zur Hand, die alternativ umgesetzt werden könnten, ohne sich an Vergangenes zu klammern

Rüdiger Vehrenkamp
1 Monat zuvor
Antwortet  Rainer Zufall

Kennen Sie das Sprichwort „Nicht alle neuen Besen kehren gut?“ Dies beschreibt die Situation doch recht gut. Schenke ich den mir bekannten Lehrkräften Glauben, möchte jede Landesregierung als Nebenprojekt ihre Schulreformen durchboxen, die jedoch nie etwas kosten dürfen. Dazu nimmt man sich jene Wissenschaftler, die dem eigenen Ductus am ehesten entsprechen und die Basis hat deren Ideen dann umzusetzen. In Konferenzen an den Schulen werden dann alle vier Jahre neue Konzepte erarbeitet und geschrieben, die jedoch bisher nie wirklich etwas verbessert haben. Schülerleistungen werden schlechter, Niveaus gesenkt und Anforderungen abgeschafft.

Vielleicht sollte man sich doch mehr an der Vergangenheit orientieren, dann klappt es eventuell auch wieder mit der Bildung.

Rainer Zufall
1 Monat zuvor

Na ich bin mal auf die Vorschläge der Vergangenheit gespannt, wie Medienkompetenz mit Smartphones vermittelt werden soll – gab es nicht.
Oder Wissen zum Klimawandel und der Nachhaltigkeit der aktuellen Politik – gab es nicht.
Oder das Familien alle Deutsch sprechen und dem Nachwuchs bei den Hausis helfen können, um strukturelle Probleme der Schule austugleichen – gibt es heute erheblich weniger.
Oder zur Umsetzung der Iklusion – gab es nicht, jetzt ist sie da und geht nie mehr :/

Mir fällt nichts ein. Welche Lehren ziehen Sie aus der Vergangenheit, um heutige Probleme anzugehen?

blau
1 Monat zuvor

Wir haben doch schon eine Schule für alle: Die Grundschule.
Ich kann beileibe nicht sagen, dass diese Schulform perfekt wäre. Meine Kinder sind froh, wenn sie die Grundschule verlassen und endlich ein Gymnasium besuchen können, wo sie erstens entsprechend ihrer Fähigkeiten gefordert und zweitens ungestörter Lernen können. Ich selbst unterrichte an einer Gesamtschule und wir haben 40% Schüler mit (eingeschränkter) Gymnasialempfehlung. Verglichen mit dem, was mein Ältester am Gymnasium lernt, ist klar, dass meine Kinder an einer Gesamtschule wesentlich weniger Bildung genießen würden. An meiner Gesamtschule geht sehr viel Energie für die verhaltensauffälligen Kinder drauf, viel Energie überhaupt Ruhe in den Unterricht zu bekommen. Auch in den E-Kursen erreichen wir nicht das Gymnasialniveau. Der Absturz in Klasse 11 ist daher vorprogrammiert. Aber schon nach einem Jahr fangen sie sich, haben sie sich ungewöhnt auf den höheren Anspruch und fangen an Leistung abzuliefern, sodass am Ende der Abi-Schnitt zum Teil besser ist als an den umliegenden Gymnasien. Trotzdem bleiben jahrelange Wissenslücken zB hinsichtlich Geschichte, Politik und Erdkunde bestehen. Ich selbst habe Abitur an der Gesamtschule gemacht, mit Gymnasialempfehlung und mein Potenzial wurde verschwendet. An der Uni habe ich mich den Absolventen der Gymnasien gegenüber nicht gelichwertig gefühlt, sie verstanden alles viel schneller als ich, weil sie die besseren Voraussetzungen hatten.w
Ich bin daher nach wie vor gegen die Einführung einer Gesamtschule als einzige Schulform. Ich weiß nicht, wie andere Länder es schaffen, dass das Leistungsniveau an solchen Schulen nicht absinkt im Vergleich zum Gymnasium.

Gelbe Tulpe
1 Monat zuvor

Was hat die GEW eigentlich immer mit dem Ganztag? Der ist doch für Schüler und Lehrer die reinste Qual.

Rainer Zufall
1 Monat zuvor
Antwortet  Gelbe Tulpe

Ich vermute, die GEW will diesen verbessern, DAMIT es nicht mehr die reinste Qual ist – diese Bösewichte 😉

Rüdiger Vehrenkamp
1 Monat zuvor
Antwortet  Rainer Zufall

Und woher nimmt die GEW das Personal dazu her?

Rainer Zufall
1 Monat zuvor

Gar nicht, Sie fordert die Politik auf, Menschen auszubilden und einzustellen, als sich jetzt selbstgefällig auf die eigene Schulter zu klopfen, die Demografie werde das Problem (vielleicht) nach einigen Jahren lösen.

Was würden Ihre Quellen der Vergangenheit unternehmen, die aktuellen Krisen aufzugreifen?

Kleopas
1 Monat zuvor

“Bildungsforscher wie Klaus Klemm und Aladin El-Mafaalani haben wiederholt betont, dass soziale Ungleichheit in Deutschland eng mit der Schulstruktur verknüpft ist.”
Die soziale Ungleichheit besteht nun aber auch in zahlreichen Ländern der Erde mit einheitlichen Schulsystemen, z.B. in USA, Frankreich und GB. Auch Rumänien hat natürlich ein einheitliches Schulsystem, aber bei der Debatte über die Sinti und Roma war viel von sozialer Ungleichheit die Rede. Eine reiche Oberschicht und damit soziale Ungleichheit gibt es in fast allen Ländern, einem einheitlichen Schulsystem zum Trotz. Das gilt auch für Mittel- und Südamerika.
Fazit: Der zitierte Satz ist fragwürdig formuliert, und ein einheitliches Schulsystem kann keine Wunder vollbringen.
Die GEW erweckt dazu den Eindruck, als sei Schule ausschließlich nach der sog. Bildungsgerechtigkeit zu beurteilen und nur noch nebenbei nach dem, was die Schüler tatsächlich lernen. Aber genau das letztere wird in dem sog. Monitoring getestet, Die Gerechtigkeit präzise in Statistiken zu beschreiben dürfte doch schwer fallen. Man müsste ja präzisieren, wie Gerechtigkeit genau zu definieren ist.

Küstenfuchs
1 Monat zuvor
Antwortet  Redaktion

Auch hier findet wieder die Eindimensionalität von Statistikauswertung.Klar kann man solche Gegenüberstellungen machen, aber es wird die Frage, wie viel Geld in das System gegeben wird, vollkommen ausgeklammert. Ist möglicherweise nicht die Struktur, sondern Lehrermangel und schlechte Finanzierung Ursache?

Mal ein Gedankengang: Wenn ich Schülerinnen und Schüler in die 5. Klasse meines Gymnasiums bekomme, dann haben viele im Kern eine Unterrichtsform, nämlich die des Wochenplans. An der in Deutschland schon existierenden Einheitsschule, der Grundschule, werden so die guten SuS geparkt, damit sich die Kolleginnen und Kollegen an der Grundschule um die viel zu vielen Kinder kümmern können, die sprachlich und/oder intellektuell nicht mitkommen. Eine Förderung der Guten findet nicht oder nicht ausreichend statt. Schon gar nicht bekommt der Beste der Klasse so viel Förderung wie der Schlechteste. Er wird höchstens als Hilfslehrer eingesetzt. So wird natürlich der Unterschied zwischen potenziell guten und schlechten SuS gering gehalten. Ich finde nur, dass man dies nicht mit dem Label “gerecht” versehen sollte.

Noch eine Bemerkung, um einen (berechtigten) Shitstorm nicht auszulösen: Die Kolleginnen und Kollegen der Grundschule könnte nichts für die Situation. Sie haben einfach zu große Klassen (auch wegen des Lehrermangels) und müssen oft noch die Arbeit von nicht ausgebildeten Personen, die einfach vor eine Klasse gestellt werden, mitmachen.

Miyagi
1 Monat zuvor
Antwortet  Redaktion

Auf Ihren letzten Abchnitt bezogen:

Die Trennung nach Leistung erfolgt zu früh. Es wäre schon viel geholfen, wenn man die Grundschule um mindestens 2 bis 3 Jahre verlängert und danach die Schülerinnen und Schüler auf weiterführende Schulen lässt. Mit Blick ins Ausland ist dies nämlich der Fall, z. B. Singapur. Da wird dann auch nach einem knallharten Test nach 6 Jahren Grundschule selektiert. Ob letzteres nun so sein muss, dass ein einziger Test mehr oder weniger über die Zukunft eines Kindes entscheidet, sei mal dahingestellt.
Eine Verlängerung der “Grundschule” mit Einbehaltung der weiterführenden Schulen wäre doch ein guter Mittelweg.

Carabas
1 Monat zuvor
Antwortet  Redaktion

Das gegliederte Schulsystem trennt doch nach Noten, AV/SV und in manchen Bundesländern besteht sogar noch die Möglichkeit, einen Aufnahmetest zu machen.

Was ist daran nicht “hart” und transparent genug?

ed840
1 Monat zuvor
Antwortet  Redaktion

Was soll am Besuch einer Gesamtschule so schlecht sein?

Dort steht doch die individuellen Förderung im Vordergrund um Schüler und Schülerinnen entsprechend ihrer Möglichkeiten zu dem jeweils bestmöglichen Abschluss zu führen.

ed840
1 Monat zuvor
Antwortet  Redaktion

Da laut den im Artikel genannten Zahlen ca. 10.000 Kinder ohne deutsche Staatsangehörigkeit aber auch ca. 37.000 Kinder mit deutscher Staatsangehörigkeit auf die Gesamtschulen in NRW wechselten, kann ich die obige Aussage nicht so ganz nachvollziehen.

dickebank
1 Monat zuvor
Antwortet  ed840

Das Verhältnis schein aus meiner Sicht für NRW nicht stimmig zu sein. Die Quote von SuS mit Migrationshintergrund eines geburtsjahrganges (Zuwanderungsgeschichte) liegt im Landesschnitt zwischen 40 und 45%. Und diesen Landesschnitt bilden im Regelfall die Jahrgangsstufen einer GE auch ab.
Wie hier schon mehrfach dargelegt, bedeutet – hier in NRW – Migrationshintergrund nicht automatisch ausländische Staatsbürgerschaft.

ed840
1 Monat zuvor
Antwortet  dickebank

27,4% von 135.000 mit deutscher Staatsangehörigkeit wären nach meinen Berechungen = 36.990

38,9% von 26.000 ohne deutsche Staatsangehörigkeit = 10.114

Ob Sie die Daten aus der Landesstatistik NRW für stimmig halten wollen oder nicht, steht Ihnen natürlich frei.

Und wie hier schon mehrfach dargelegt, geht es bei den Zahlen im Artikel nicht um Kinder mit Migrationshintergrund” , sondern um Kinder ohne deutsche Staatsbürgerschaft.

Wenn die Zusammnesetzung der Schülerschaft an den GE in NRW nach Ihrer Erfahrung nach auch den Landesschnitt repräsentiert, hätten Sie damit die Behauptung von der “Schule für Migranten” auch widerlegt.

dickebank
1 Monat zuvor
Antwortet  ed840

Deshalb meine Frage nach den ukrainischen SuS.

Den Anteil an SuS mit nicht-deutscher Staatsbürgerschaft will ich doch gar nicht bestreiten. Für die Klassenzusammensetzung ist sie aus meiner Sicht weniger relevant.

ed840
1 Monat zuvor
Antwortet  dickebank

Kann ich als Laie schwer beurteilen.

In den PISA-Tests schnitten im gesamtdeutschen Schnitt z.B. Probanden, die aus dem Ausland zugezogen waren, deutlich schlechter ab als Probanden mit Migrationshintergrund , die in DE geboren waren.

Abere ob das eine Relevanz für die Klassenzusammensetzung hat, werden die Profis hier wohl besser wissen.

Dass in NRW laut KMK-Statistik in absoluten Zahlen weniger Schüler*innen aus der Ukraine beschult werden als in Bayern oder Baden Württemberg, habe ich in dem thread schon genauer beschrieben, in dem Sie die Frage gestellt hatten.

ed840
1 Monat zuvor
Antwortet  Redaktion

Kommt aber auch darauf an wie diese “Bildungsungerechtigkeit” gemessen wird. Die obige Studie orientiert sich dabei u.a. an den Punktabständen bei PISA.

Bei PISA 2022 betrug z.B. der Unterschied in Mathematik zwischen der sozial-privilegierten Schicht und der sozial benachteiligten Schicht in DE 111 Pkt, SWE 99 Pkt, NOR 81 Pkt. Also würde DE als besonders ungerecht bewertet, NOR als besonders gerecht.

Die sozial-privilegierte Schicht erreichte in DE 534 Pkt, SWE 518 Pkt, NOR 492 Pkt.

Ob man in DE nun Verhältnisse wie in NOR anstreben sollte?

Interessant auch der Punktabstand Lesen zwischen Probanden mit und ohne Migrationshintergrund.

DE 67 Pkt, NL 56 Pkt, SWE 81 Pkt, NOR 51 Pkt.

Wenn man berücksichtigt, dass die Gesamtpunktzahl in DE 480 Pkt betrug , der Anteil mit Migrationshintergrund 26%, in NL 459Pkt / 14%, in SWE 487 / 21%, NOR 477 / 16%, würden in NL und NOR vor allem die niedrigen Punktzahlen der Probanden ohne Migrationshintergrund rein statistisch für mehr Bildungsgerechtigkeit sorgen.

Rainer Zufall
1 Monat zuvor

“Unser Bildungssystem verkehrt das Differenzprinzip ins Gegenteil.“ Statt den Schwächeren zu nützen, profitierten jene, die ohnehin privilegiert sind.”
Jup, wobei ich da nicht wirklich Widerspruch erkenne, sondern Widerstand

Kleopas
1 Monat zuvor

Auch der Bildungsforscher Ulrich Trautwein meint:
“Hier wird wieder einmal die Illusion genährt, dass Strukturreformen automatisch mit positiven Veränderungen einhergehen.” Siehe:
https://de.linkedin.com/posts/ulrich-trautwein_s-bildung-warum-deutschland-am-gymnasium-activity-7322196081100926976-krO5

ed840
1 Monat zuvor
Antwortet  Kleopas

Deshalb wird vermutlich auch nur auf Hamburg als Beispiel verwiesen, nicht auf Schleswig Holstein.

Beide Bundesländer haben ja vor ca. 15 Jahren auf die Zweigliedrigkeit umgestellt, die Entwicklungen in den Bildungsvergleichen waren aber doch sehr unterschiedlich.

In HH ging es z.B. beim Bildungmonitor Kriterium Schulqualität mit -12,9 Pkt deutlich weniger stark bergab als in den meisten anderen Bundesländern = Rang 2, in SH mit -30,5 Pkt (Rang 10) deutlich stärker und nicht weit von NRW mit -31 Pkt (Rang11).

Auch beim Kriterium Bildungsarmut HH mit -8,6 Pkt auf Rang 2, SH mit -28,9 Pkt auf Rang 9, NRW mit -35,5 Pk = Rang 13.

Schüler*innen ohne ESA einer allgemeinbildende Schule in HH 6,3%, in NRW 6,4%, im Bund 7,2%, in SH 9,5%.

Ich würde nicht auschließen, dass weitere Kriterien eine Rolle spielen könnten, wie z.B. die überdurchschnittlich hohen Bildungsaugaben in HH= 12.300€ pro Schüler*in / Jahr , im Bund = 9.800€, in SH = 9.500 oder auch die deutliche höhere Stundentafel in HH wie z.B. in der GS 1. – 4. Klasse, HH = 108h, SH = 92h.

Die Zweigliedrigkeit scheint jedenfalls kein Selbstläufer zu sein.

Mel
1 Monat zuvor

Was wir auf jeden Fall brauchen sind KLEINE Schulen. Die riesigen Gesamtschulen sind absolut kontraproduktiv und anonym. Bringt gar nichts in Richtung Chancengleichheit, das ist reine Massenabfertigung, so viele einzelne Schüler und Schülerinnen gehen da unter.

Mo3
1 Monat zuvor

Alle Schulen, die ich kenne klagen mehr oder weniger über Lehrermangel. Bei uns am Gymnasium ist das irgendwie noch zu kompensieren, solange keine Krankheitsausfälle dazu kommen, an unserer Gesamtschule sieht man den Lehrermangel an der Stundentafel, die deutlich weniger Wochenstunden aufweist. Aber rein statistisch steht unser Regierungsbezirk im Durchschnitt gut da, so dass es anscheinend kaum Handlungsbedarf gibt. Solange es hier im Argen liegt, braucht eigentlich niemand die Strukturfrage stellen, denn die würde das Problem auch nicht lösen.

Realist
1 Monat zuvor
Antwortet  Mo3

Man will den Mangel einfach auf alle gleichmäßig verteilen. Beste sozialistische Politik. Hat damals “im Osten” ja auch wunderbar geklappt. So bis ca. 1989, dann flog der Laden wegen allgemeiner Unzufriedenheit auseinander.

Knalltütin
1 Monat zuvor

Heterogenität ist doch gut, sagt die GEW. Je diverser, um so besser, sagen die Linken.
Und nu is’ auch wieder nicht richtig?!
Wie im Kleinen, so im Großen.