BERLIN. Die aktuelle Debatte über sexualisierte Gewalt gegen Frauen (ausgehend vom Fall der Moderatorin und Schauspielerin Collien Fernandes) rückt zugleich eine unbequeme Frage in den Fokus: Warum geraten so viele junge Männer in eine Schieflage? Die zeigt sich in schulischen Problemen, in sozialer Verunsicherung und politischer Radikalisierung – in einem Ausmaß, das mittlerweile über Einzelfälle weit hinausgeht und eng mit Schule und Erziehung verbunden zu sein scheint. Drei Stimmen aus Forschung, Psychiatrie und Politik versuchen eine Einordnung.

Jungen und junge Männer geraten in zentralen Bildungs- und Lebensbereichen zunehmend ins Hintertreffen. Besonders sichtbar wird das im sogenannten Gender Education Gap: Jungen haben im Durchschnitt schlechtere Noten, erreichen seltener höhere Abschlüsse und brechen häufiger die Schule ab. Auch darüber hinaus verdichten sich die Hinweise auf strukturelle Probleme. Bei Jungen wird häufiger ADHS diagnostiziert, junge Männer haben größere Schwierigkeiten beim Übergang in den Beruf und begehen deutlich häufiger Suizid als junge Frauen.
Diese Entwicklungen werden in der öffentlichen Debatte unterschiedlich interpretiert und zunehmend politisch aufgeladen. Vor allem rechtspopulistische Akteure deuten die Befunde zu einer ideologischen Erzählung um, in der von „Entmännlichung“ oder „woker Indoktrination“ die Rede ist. So beklagte die AfD in einem Antrag im Bundestag eine angebliche „Feminisierung“ des Bildungssystems und machte diese für schulische Probleme von Jungen verantwortlich.
Ähnliche Deutungen kursieren in sozialen Netzwerken und rechtspopulistischen Medien – und treffen damit offenbar den Nerv einer verunsicherten Generation junger Männer. Die orientiert sich dann auch in wachsendem Maße politisch nach Rechtsaußen (was zuletzt auch bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz zu beobachten war), während junge Frauen zunehmend nach links tendieren.
Was ist da los? Drei Perspektiven zum Thema.
„Sie scheitern häufiger im Bildungssystem, sie fühlen sich sozial und emotional unterlegen. Und dann beginnen sie, alternative Erklärungen zu suchen“
„Ich habe in meinem Umfeld gesehen, wie junge Männer beginnen, sich in sehr merkwürdige Richtungen zu entwickeln. Da tauchen plötzlich Begriffe, Denkweisen, ganze Weltbilder auf, die man aus der sogenannten Manosphere kennt (einem frauenfeindlichen Netzwerk, d. Red.). Und ich hatte das Gefühl: Wenn wir da nichts machen, wird es schwierig“, sagt der Zukunftsforscher Tristan Horx in einem Interview mit der Zeit. Horx arbeitet gerade an einem Buch zum Thema.
Wo ist aus seiner Sicht das Problem? „Ich glaube, die zentrale Formel ist: Ihnen wird permanent gesagt, sie seien privilegiert – aber die Gen Z und die Generation Alpha, also alle, die seit 1995 geboren wurden, erleben dieses Privileg nicht. Im Gegenteil: Sie scheitern häufiger im Bildungssystem, sie fühlen sich sozial und emotional unterlegen. Und dann beginnen sie, alternative Erklärungen zu suchen. Das ist der Moment, in dem Verschwörungserzählungen oder rechte Ideologien andocken.“
Diese Diskrepanz verstärke sich durch schulische Entwicklungen und gesellschaftliche Verschiebungen. „Schon bei den Abiturientenquoten gibt es mehr Mädchen als Jungen. Und ich habe mir bei der Arbeit an meinem Buch auch die heutige Generation der Berufseinsteiger in westlichen Industrienationen genau angeschaut: Da hat sich die Lage finanziell inzwischen zugunsten der Frauen verändert. Was natürlich mit dem höheren Schulabschluss zusammenhängt.“ Für viele Jungen entstehe daraus ein Gefühl von Verlust, das sie selbst nicht historisch einordnen könnten.
Horx sieht darin auch ein pädagogisches Versäumnis. „Das folgt einer einfachen Logik: Wenn mir erzählt wird, ich hätte früher mehr Macht gehabt und jetzt gehe es mir schlechter, dann erscheint es rational, zu diesem Zustand zurückzukehren. Dass dieser Zustand für alle – auch für Männer – schädlich war, wissen sie nicht. Es wurde ihnen nie vermittelt.“ Schule und Erziehung hätten diese Zusammenhänge nicht ausreichend erklärt.
Gleichzeitig fehle es an konkreten Bezugspersonen im Alltag der Jungen. „Die Jungen brauchen Trainer, Lehrer, ältere Jungs, zu denen sie aufschauen können. Die aber keine performative Männlichkeit vor sich hertragen.“ Die aktuelle Debatte erschwere diese Suche zusätzlich. „Es ginge eher darum, Männer nicht immer direkt oder indirekt zum Problem zu erklären oder sie zu ignorieren. Sie brauchen schon eine Ansprache. Und die Botschaft, dass typische Männlichkeit nicht sofort stigmatisiert, ja pathologisiert wird.“
„Viele Jugendliche wissen nicht, wie ein angemessenes Verhalten und damit auch eine angemessene Sexualität in ihrem Alter aussehen könnte. Woher auch? Pornografie hat längst in die Kinderzimmer Einzug gehalten“
Der Kinder- und Jugendpsychiater Oliver Dierssen beschreibt in einem Interview mit dem Spiegel die Folgen dieser Entwicklungen aus der Perspektive seiner Praxis – und rückt dabei insbesondere das Thema Gewalt in den Mittelpunkt. „Wir sehen in unserer Praxis regelmäßig Mädchen, die bei guter psychischer Gesundheit waren und plötzlich Symptome wie Ängste, Schlafstörungen, Depressionen entwickeln. Dahinter steckt häufig ein Vorfall aus dem Bereich der sexualisierten Gewalt – und manchmal ist die Täterperson kein Onkel, kein Lehrer und erst recht nicht der Fremde hinter dem Busch. Sondern es sind andere Jugendliche, die übergriffig geworden sind. Die Bereitschaft, Täter zu werden, entsteht sehr früh.“
Und er benennt auch das Geschlechterverhältnis klar: „Bei sexuell konnotierten Übergriffigkeiten unter Jugendlichen sind in aller Regel die Mädchen die Leidtragenden und Jungen die Handelnden, das muss man leider so sagen.“
Die Ursachen sieht Dierssen unter anderem in fehlender Orientierung und unzureichender Bildung im sozialen Bereich. „Viele Jugendliche wissen nicht, wie ein angemessenes Verhalten und damit auch eine angemessene Sexualität in ihrem Alter aussehen könnte. Woher auch? Pornografie hat längst in die Kinderzimmer Einzug gehalten, und ich sehe die Folgen in meiner Praxis. Ich bin seit 2010 als Kinder- und Jugendpsychiater tätig und würde sagen: In diesem Zeitraum beobachten wir mehr Übergriffe durch Gleichaltrige.“
Die Rolle digitaler Medien beschreibt er als strukturell prägend. „Keine Mutter und kein Vater würde einer wildfremden Person erlauben, sich vier, fünf Stunden zum eigenen Kind zu setzen und ihm die Welt zu erklären. Doch genau das passiert über Social Media. In dieser Zange werden Eltern zerrieben und Kinder geschädigt.“ Gleichzeitig fehlten Gegenbilder. „Leider oft diese: Du bist ein richtiger Mann, wenn du dominierst. Eltern müssen hier gegensteuern.“
Doch das passiere allzu häufig nicht. Neben diesem Einfluss digitaler Inhalte beschreibt Dierssen ein zweites, davon unabhängiges Problem: Unsicherheiten und Fehlentwicklungen in der Erziehung selbst. Diese beträfen nicht nur Wertevermittlung, sondern auch den Umgang mit Regeln und Grenzen im Alltag.
Auch im schulischen Alltag zeigen sich laut Dierssen Konsequenzen dieser veränderten Erziehungsmuster. „Ich höre von Kindern und Jugendlichen, die auch in der Schule ihre eigenen Bedürfnisse an erste Stelle setzen. Wenn die Lehrkraft sagt, wir gehen jetzt in die Turnhalle und machen Sport, sagen sie: Ich habe keine Lust, es ist mein Körper und Nein heißt Nein. So funktioniert das nicht. Das ist falsch verstandene Bedürfnisorientierung.“ Schule gerate dadurch in ein Spannungsfeld zwischen individuellen Ansprüchen und kollektiven Regeln.
Im Ergebnis steht eine tiefgehende Verunsicherung vieler Jungen – und ein lockender vermeintlicher Ausweg: digitale Games. „Die Jüngeren, so bis etwa 14 Jahre alt, sind oft völlig absorbiert von elektronischen Medien. Die verbinden sich darüber, wer gerade was spielt, auf eine Art, dass mir schon fast das Wort ‚gleichgeschaltet‘ in den Kopf schießt. Sie spüren kaum noch, was sie selbst wollen, brauchen, fühlen. Sie stehen unter enormem Druck, suchen händeringend nach einer Identität und sind dabei überfordert.“
Später setze sich diese Entwicklung fort. „Wenn sie dann 16, 17 Jahre alt sind, sagen sie: Mädchen sind ganz hübsch, aber was soll ich mit einer Freundin? Soll ich mich stundenlang mit deren Bedürfnissen beschäftigen? Da gehen sie lieber ins Gym und arbeiten an ihrem Körper oder scrollen durch ihre Timelines.“
„Ich glaube, es ist an der Zeit, mal zu fragen, wie geht es eigentlich den Männern, welche Vorbilder haben die Jungen“
Auch Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU), die der Zeit ein Interview zum Thema gegeben hat, sieht das Problem – beginnend im Bildungssystem. „Wir haben uns auf Mädchen fokussiert, das sollten wir auch weiter tun, aber wir müssen eben zugleich auf die Jungs gucken. Der beklagte Leistungsrückgang ist auch auf schlechtere Leistungen von Jungs zurückzuführen. Mädchen sind oft anpassungsfähiger. Mädchen sind in nahezu allen Bereichen des Bildungssystems erfolgreicher.“ Darin steckt für sie mehr als ein statistischer Befund. Es geht um eine Generation von Jungen, die die Erfahrung macht, im Schulalltag häufiger zu scheitern und zugleich in den großen gesellschaftlichen Debatten kaum als eigene Gruppe vorzukommen.
Prien verbindet das mit einer grundsätzlichen Kritik an der politischen Wahrnehmung. Dass politische Entscheider in den letzten Jahrzehnten Jungs und Männer zu sehr aus dem Blick verloren haben, nennt sie als Teil des Problems. Sie weist ausdrücklich zurück, daraus einen Angriff auf den Feminismus zu machen. „Die teile ich ausdrücklich nicht. Ich glaube aber, der Feminismus hat Nebenwirkungen. Es entsteht der Eindruck, Männer würden nur noch wie defizitäre Frauen behandelt, die ohne Widerrede das volle feministische Programm vertreten sollen. Ich glaube, es ist an der Zeit, mal zu fragen, wie geht es eigentlich den Männern, welche Vorbilder haben die Jungen, und wie können wir dafür Sorge tragen, dass sie sich in der Gleichstellungsdebatte gesehen und auch gerecht behandelt fühlen.“
Die Gegenmaßnahmen, die Prien daraus ableitet, zielen vor allem auf Schule, Kita und Berufsbilder. „Aber wie können auch Jungs ihre Talente in der Kita, in der Schule besser entfalten? Sie brauchen mehr männliche Vorbilder. Wir werben zwar sehr stark für Mädchen und Frauen in klassischen Männerberufen, in den MINT-Fächern, doch wir werben relativ wenig für Jungs in den sozialen Berufen, Erziehungsberufen und Pflegeberufen.“ Gefordert seien auch die Väter. „Wo sind die männlichen Vorbilder, die zeigen, dass sie partnerschaftlich leben, und das auch selbst als Mehrwert empfinden?“
Zugleich beschreibt Prien, was auf dem Spiel steht, wenn es nicht gelingt, junge Männer zu erreichen. „Wir steuern inzwischen auf einen Political Gender-Gap zu: Männer entwickeln sich eher konservativ oder reaktionär, Frauen eher liberal oder progressiv. Das führt auch dazu, dass Männer und Frauen immer schwerer zusammenfinden.“ Wenn Jungen sich im Bildungssystem als Verlierer erleben und in gesellschaftlichen Debatten nur noch als Problem vorkommen, dann, so legt Prien nahe, wächst die Gefahr, dass sie sich aus gemeinsamen Räumen zurückziehen und sich politischen oder kulturellen Gegenwelten zuwenden.
Vereinfachungen, das betont die Bundesbildungsministerin allerdings auch, führen in die falsche Richtung: „Ich möchte wirklich davor warnen zu sagen: Alle Männer sind so. Denn es ist erstens falsch, und zweitens halte ich das für extrem kontraproduktiv. Man muss benennen, welche Strukturen zu solchen Missständen führen. Trotzdem muss man sich dringend davor hüten, alle Männer in einen Topf zu werfen. Das führt nämlich dazu, dass viele junge Männer sich von der Debatte abgehängt fühlen – und sich nur noch in ihrer eigenen Welt bewegen.“ News4teachers








