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Früher wurde mehr gelernt? Stimmt nicht – im Fach Englisch jedenfalls nicht. Und das hat Gründe…

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DÜSSELDORF. Während internationale und nationale Schülervergleichsstudien Deutschland zuletzt vor allem schlechte Nachrichten bescherten – mit deutlichen Kompetenzrückschritten im Lesen und Rechnen –, gab es in einem anderen Bereich durchaus Anlass zur Zuversicht: bei den Fremdsprachen. Deutsche Schülerinnen und Schüler zeigten im Fach Englisch in den vergangenen Jahren stabile oder sogar bessere Leistungen. Doch ausgerechnet dieses Feld könnte nun unter Druck geraten.

Motivatoren (im Wachsfigurenkabinett Madame Tussauds in London). Foto: Shutterstock / PhotoFires

Der IQB-Bildungstrend 2022 hatte auf den ersten Blick wenig Erfreuliches zu berichten: Gegenüber dem Vergleichsjahr 2015 war der Anteil der Jugendlichen deutlich gestiegen, die im Fach Deutsch die Mindeststandards für den Ersten und Mittleren Schulabschluss verfehlten. Ausgedrückt in Kompetenzpunkten hatten Neuntklässler*innen im Schnitt 25 Punkte im Bereich Lesen, 44 Punkte im Bereich Zuhören und 31 Punkte im Bereich Rechtschreibung verloren.

Lernrückschritte in Deutsch, Kompetenzzuwachs in Englisch

Trotz dieses initialen Schocks brachte die Erhebung aber auch positive Ergebnisse hervor: So hatten die Schülerinnen und Schüler in Englisch erheblich bessere Leistungen gezeigt. Sie konnten damit die positive Entwicklung fortsetzen, die sich bereits im Zeitraum zwischen 2009 und 2015 abgezeichnet hatte. Dabei hatten sich 2022 im Vergleich zu 2015 insbesondere die Ergebnisse im mittleren und oberen Leistungsbereich deutlich verbessert, während sie im unteren Leistungsbereich weitgehend unverändert geblieben waren. Zusammengefasst in Kompetenzmittelwerte hatten die Neuntklässler*innen bundesweit 22 Kompetenzpunkte im Leseverstehen und 23 Punkte im Hörverstehen dazugewonnen.

Ein Jahr zuvor waren die Ergebnisse der Vergleichsarbeiten VERA 8 erschienen – mit einem ähnlichen Resultat für Baden-Württemberg: Lernrückschritte in Deutsch, Kompetenzzuwachs in Englisch. Im Vergleich zur Erhebung 2020 entsprach der Lernrückstand der Achtklässlerinnen 2022 in Deutsch laut Kultusministerium einem Drittel Schuljahr. Gleichzeitig waren die Schülerinnen in Englisch mehr als ein halbes Schuljahr voraus.

Ein möglicher Grund: die Motivation

Einen möglichen Hinweis auf die Ursachen dieser Entwicklung liefert eine Zusatzbefragung der Schülerinnen und Schüler im Rahmen des IQB-Bildungstrends 2022. Dabei zeigte die Leistungserhebung zunächst: Soziale Unterschiede erklären die gegensätzliche Entwicklung in beiden Fächern nicht. Sowohl für Deutsch als auch für Englisch gilt, dass besonders Jugendliche aus sozioökonomisch weniger gut gestellten und bildungsferneren Familien in beiden sprachlichen Bereichen schlechter abschnitten als ihre Mitschüler*innen.

Auffällig waren stattdessen Unterschiede bei den sogenannten motivationalen Merkmalen. Bildungsexperte Werner Klein, früherer Leiter der Abteilung Qualitätssicherung, internationale und europäische Angelegenheiten und Statistik beim Sekretariat der Kultusministerkonferenz, erklärte dazu in einem Beitrag für das Deutsche Schulportal: „Da positiv ausgeprägte Selbstkonzepte und Interessen mit einer höheren Anstrengungsbereitschaft, höheren Bildungsaspirationen und folglich besseren schulischen Leistungen von Schülerinnen und Schülern zusammenhängen, lassen sich auf diese Weise Unterschiede in der Kompetenzentwicklung beider Fächer gut nachvollziehen.“

„Das große Interesse für Englisch korrespondiert mit weiteren Verbesserungen in der Kompetenzentwicklung“

Zwar fielen die Unterschiede beim Selbstkonzept demnach noch vergleichsweise gering aus, beim Interesse zeigten sich jedoch deutlich größere Differenzen zwischen den Fächern. Etwa 70 Prozent der Jugendlichen trauen sich im Fach Deutsch, aber auch im Fach Englisch hohe Leistungen zu. Dagegen gaben nur 18 Prozent an, sich auch stark für Deutsch zu interessieren, während 44 Prozent ihr Interesse als gering beschrieben. Im Fach Englisch war das Verhältnis nahezu umgekehrt: 45 Prozent der Schülerinnen und Schüler bewerteten ihr Interesse am Fach als hoch, lediglich 22 Prozent als niedrig.

Besonders auffällig im Vergleich der Erhebungszeiträume: Das Interesse am Fach Englisch war zwischen 2015 und 2022 stabil geblieben, im Fach Deutsch dagegen deutlich zurückgegangen. Für Klein spiegelte sich darin ein enger Zusammenhang zwischen Motivation und Leistung wider: „Das große Interesse für Englisch korrespondiert mit weiteren Verbesserungen in der Kompetenzentwicklung, demgegenüber entspricht das zunehmend geringere Interesse für Deutsch deutlichen Kompetenzverschlechterungen.“

„Englisch ist offensichtlich ‚cool‘“

Offensichtlich werde Englisch von den Jugendlichen als interessantes, attraktives Fach mit einem hohen Anwendungsbezug für das alltägliche Leben wahrgenommen, so die Schlussfolgerung des Experten. Einen Grund dafür sieht er im Lebensalltag der Jugendlichen, denn für viele sei die Sprache Englisch längst Teil ihres Alltags: „Englischsprachige Filme, Serien und Social Media, die tagtäglich gesehen bzw. genutzt werden, erfordern vertiefte Kompetenzen in der englischen Sprache und lösen intrinsische Lernprozesse aus. Englisch ist offensichtlich ‚cool‘, weil das Fach unmittelbar Anwendung findet und verbesserte Kompetenzen direkt im Prozess der medialen Nutzung belohnt werden.“

Der Deutschunterricht wirke dagegen aus Sicht vieler Schülerinnen und Schüler weniger alltagsnah. Hinzu komme laut IQB-Bericht, dass dort häufiger traditionelle Lernformen wie Frontalunterricht, Still- oder Einzelarbeit dominieren. Englischunterricht mit größerer methodischer Vielfalt werde dagegen oft als abwechslungsreicher und motivierender wahrgenommen.

Dass das Interesse am Fremdsprachenunterricht bereits früh besteht, darauf verweist eine Studie von Englischdidaktikerin Jutta Rymarczyk, Professorin an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg (News4teachers berichtete). Demnach erfreut sich das Fach Englisch oder auch Französisch bei Kindern der Klassen 3 und 4 an Grundschulen in Baden-Württemberg großer Beliebtheit. Mehr als 40 Prozent der Befragten wünschten sich sogar einen früheren Start des Fremdsprachenunterrichts, nämlich schon ab der 1. statt erst ab der 3. Klasse.

Politische Kehrtwende beim frühen Fremdsprachenunterricht

Allerdings hat der Englischunterricht in der Grundschule aktuell einen schweren Stand. Seit den jüngsten alarmierenden Ergebnissen von Schulvergleichsstudien im Lesen, Schreiben und Rechnen haben mehrere Bundesländer wie Bayern, Hessen und Mecklenburg-Vorpommern ihr Engagement im frühen Fremdsprachenunterricht reduziert. Das Ziel: mehr Unterrichtszeit für Deutsch und Mathematik zu schaffen, um die Basiskompetenzen zu stärken.

Dieses Vorgehen könnte jedoch zu neuen Kompetenzlücken führen. So verweist Bildungsexperte Werner Klein in seiner IQB-Analyse für das Deutsche Schulportal auf die Bedeutung des frühen Englischunterrichts. Als Beispiel führt er das Saarland an, wo mit rund 40 Prozent deutlich mehr Neuntklässler*innen die Mindeststandards für den mittleren Schulabschluss im Fach Englisch nicht erreicht hatten als im bundesdeutschen Durchschnitt (24 Prozent). „Dieses Ergebnis ist offenbar mit darauf zurückzuführen, dass im Saarland alle Kinder in der Grundschule Französisch lernen, während in allen anderen Ländern der Englischunterricht bereits in der Grundschule einsetzt.“

Inwieweit diese Sorgen berechtigt sind, wird sich erst in ein paar Jahren zeigen, wenn die ersten von den Einschränkungen betroffenen Schülerinnen und Schüler ihr Fremdsprachenkönnen in einer der Vergleichsstudien unter Beweis stellen müssen. Fest steht: Fremdsprachenkompetenz ist in einer global vernetzten Welt von entscheidender Bedeutung. Das sollte die Politik nicht unterschätzen. News4teachers

Hier geht es zu allen Beiträgen des News4teachers-Themenmonats “Sprache bilden”. 

Ohne Deutsch ins Klassenzimmer: Sprachdefizite belasten (nicht nur) Brennpunkt-Schulen massiv

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Einer
1 Stunde zuvor

Ich habe ausnahmslos Schüler, denen irgendeine Vorgängerschule die mittlere Reife attestiert hat und kaum einer kann Englisch. Das Niveau ist seit Jahren unterirdisch. Ich würde mal sagen so A1 ungefähr.
Also ist mit der Studie oder mit meinen Schülern irgendwas falsch.