Start Praxis Winterhoff verurteilt – hat sich damit seine Pädagogik vom “Tyrannenkind” erledigt?

Winterhoff verurteilt – hat sich damit seine Pädagogik vom “Tyrannenkind” erledigt?

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BONN. Michael Winterhoff prägte über Jahre hinweg die Erziehungsdebatte in Deutschland – mit der Diagnose einer angeblich „entgleisten“ Kindheit und der Warnung vor einer Generation egozentrischer „Tyrannen“. Nun hat das Bonner Landgericht den Kinderpsychiater wegen Körperverletzung verurteilt, weil er Kindern Psychopharmaka verordnet hat – ohne Notwendigkeit. Ist mit dem Schuldspruch auch die Theorie vom „Tyrannenkind“ erledigt?

Tyrannosaurus Rex. (Symbolbild.) Illustration: Shutterstock

Das Bonner Landgericht hat den Kinderpsychiater und Sachbuchautor Michael Winterhoff wegen Körperverletzung zu einer Freiheitsstrafe von neun Monaten auf Bewährung verurteilt. Die Kammer befand den 71-Jährigen der vorsätzlichen Körperverletzung in sieben Fällen sowie der fahrlässigen Körperverletzung für schuldig.

Zwar habe der Angeklagte Kindern und Jugendlichen das umstrittene Psychopharmakon Pipamperon zur Dauerbehandlung verordnet. Anders als von der Staatsanwaltschaft angenommen, habe er dies jedoch nicht getan, um Patienten zu schaden. Vielmehr habe der Angeklagte „aus seiner ureigenen ärztlichen Überzeugung und in heilender Absicht gehandelt“, sagte die Richterin.

Staatsanwaltschaft hatte fast vier Jahre Haft für Winterhoff gefordert

Die Staatsanwaltschaft hatte für Winterhoff eine Freiheitsstrafe von drei Jahren und neun Monaten wegen gefährlicher Körperverletzung gefordert. Laut Anklage sollte er Patienten das Pipamperon ohne medizinische Notwendigkeit verordnet und Sorgeberechtigte nicht über mögliche Nebenwirkungen aufgeklärt haben.

Hierzu stellte das Gericht jedoch fest, der Angeklagte habe „Nebenwirkungen des Medikaments ersichtlich vermeiden“ wollen. Zudem habe er Einwilligungen zur Behandlung von den Sorgeberechtigten eingeholt – allerdings in der irrigen Annahme, sie ausreichend aufgeklärt zu haben. Winterhoff hatte die Anklagevorwürfe im Prozess zurückgewiesen. Seine Verteidiger plädierten auf Freispruch. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Angeklagt war Winterhoff ursprünglich in 36 Fällen. Da aber umfangreiche Nachermittlungen notwendig wurden, koppelte die Kammer einen Großteil der Fälle während des Verfahrens ab. Wann diese Fälle weiterverhandelt werden, ist offen. Die angeklagten Fälle erstrecken sich über einen Zeitraum von 17 Jahren. Die Beweisaufnahme verlief zäh, immer neue Zeugen wurden gehört. Es gab Streit um Gutachter, gefälschte Internetseiten, fehlende Akten und angeblich beeinflusste Zeugen.

Michael Winterhoff war einst einer der bekanntesten Kinder- und Jugendpsychiater Deutschlands. Mit seinem Buch „Warum unsere Kinder Tyrannen werden“, das im Jahr 2008 erschien, erreichte er eine breite Leserschaft. Seine Thesen prägten die Erziehungsdebatten der damaligen Zeit und wurden vor allem von Befürwortern eines autoritäreren Erziehungsstils gefeiert. Winterhoff selbst leitete bildungspolitische Forderungen aus seinen Thesen ab.

„Es ist ja ein Skandal passiert: Die OECD, also Menschen, die sich um Wirtschaft kümmern, haben Einfluss genommen auf die Bildungspolitik und haben Ideen entwickelt – weit an dem, was Kinder brauchen, vorbei. Nämlich die, dass Kinder autonom groß werden sollen. Die Bildungspolitik hat das, ohne überhaupt mit Lehrern zu sprechen, von oben nach unten durchgedrückt“ – das sagte Winterhoff, der mit pointierten Titeln polarisierte („Warum unsere Kinder Tyrannen werden“, „Deutschland verdummt“, „SOS Kinderseele“) im Deutschlandfunk Kultur. Mit „der OECD“ meinte Winterhoff augenscheinlich die (von der Industrieländervereinigung organisierte) PISA-Studie, die „Ideen“, die er anprangert, sind Kompetenzorientierung, offene Unterrichtsformen und eine Lehrerrolle, die weg vom Alleinunterhalter hin zum Classroom-Manager führt.

„Lehrer sind jetzt nur noch ‚Lernbegleiter‘, decken eine Lerntheke, an der sich die Kinder bedienen sollen”

Damit offenbarte Winterhoff seine schulpolitische Agenda, die auf einer recht einfachen Weltsicht beruht. Im Wortlaut eines weiteren Deutschlandfunk-Interviews klang das bei ihm so: „Die meisten Kinder kommen heute mit sechs Jahren in die Schule und sind nicht mehr lern- und wissbegierig. Sie sind lustorientiert, auf der Stufe eines Kleinkindes. In der Schule haben sie nur dann eine Chance, wenn sie sich entwickeln können – am Gegenüber, in der Beziehung zu den Lehrern. Die Politik will aber seit der Jahrtausendwende autonomes Lernen, das heißt, die Lehrer sind nicht mehr direkte Bezugspersonen, sondern nur noch Lernbegleiter. Doch Bindung und die Orientierung am Lehrer sind wichtig, damit Kinder eine Chance haben, ihre Psyche zu entwickeln und lernen zu wollen.“

Oder so (im „Fokus“): „Lehrer sind jetzt nur noch ‚Lernbegleiter‘, decken eine Lerntheke, an der sich die Kinder bedienen sollen. Für die Ausführung ist das Kind verantwortlich. Es gibt Grundschulen, an denen Schulverträge mit den Kindern abgeschlossen werden, in den Pausen gibt es Viertklässler als Streitschlichter. Viele Kinder müssen Schallschutzkopfhörer tragen, um in Ruhe arbeiten zu können. Wir haben jetzt in vielen Bundesländern die Verbundschreibschrift und die Rechtschreibung abgeschafft.“

Winterhoffs Prophezeiung: „Wenn wir nicht gegensteuern, gerät unsere Gesellschaft in eine katastrophale Schieflage. Unsere Kinder wachsen zu Narzissten und Egozentrikern heran, die nicht auf Andere achten, sich nur um sich selbst drehen und lustorientiert in den Tag leben. Wertschätzung ist ihnen kein Begriff mehr. In einem Sozialstaat müssen die Menschen aber füreinander da sein. Doch Menschen, die sich wie kleine Kinder aufführen, nicht fähig sind zu arbeiten, die sprengen dieses System.“

„Seine Taten waren möglich, weil die Gesellschaft die Mär vom Tyrannenkind so gerne glaubt. Winterhoff sitzt tief in deutschen Köpfen“

Mit solchen Aussagen sprach Winterhoff insbesondere vielen konservativen Pädagoginnen und Pädagogen aus der Seele. Und mit manchem hatte er sicher auch recht: Dass „verhaltensoriginelle“ Kinder den Unterricht sprengen und Lehrkräfte an ihre Belastungsgrenze bringen können – wer wollte dem widersprechen? Die Frage ist allerdings, ob sich daraus eine Gesellschaftsanalyse mit weitreichenden bildungspolitischen Konsequenzen drechseln lässt. Und welche.

Zeit-Redakteur Martin Spiewak nannte Winterhoff den „Thilo Sarrazin der Erziehung“ – und beschreibt in einem 2019 erschienenen Beitrag einen „düsteren pädagogischen Pessimismus, der das ganze Werk des Autors durchzieht“, eine „Pädagogik zum Gruseln“. Kinder und Jugendliche seien demnach rein lustbetonte Wesen, die eine kurze Leine benötigen. „Deutschlands Eltern haben es demnach verlernt zu erziehen. Statt ihrem Nachwuchs Grenzen zu setzen, behandeln sie ihn als Freund und Partner. Im Extremfall, der für Winterhoff meist die Regel ist, verbindet Erwachsene und Kinder eine Art ‚symbiotischer Beziehung‘. Die Folge: Die Sprösslinge haben keine Chance, sich zu entwickeln, ihre Psyche verkümmert auf dem Stand eines Säuglings. Wenn diese Kinder erwachsen werden, gefährden sie unseren Wohlstand, ja die ganze Gesellschaft“, so beschrieb Spiewak den Winterhoff’schen Ansatz.

Der Tagesspiegel kommentiert das Urteil heute so: „Seine Taten waren möglich, weil die Gesellschaft die Mär vom Tyrannenkind so gerne glaubt.“ Und: „Winterhoff sitzt tief in deutschen Köpfen.“ News4teachers / mit Material der dpa

Studie: Zwei Drittel der Eltern wollen „beste Freunde“ ihrer Kinder sein – wie geht das mit dem Leistungsanspruch der Schule zusammen?

 

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Mika BB
28 Tage zuvor

„ Winterhoffs Prophezeiung: „Wenn wir nicht gegensteuern, gerät unsere Gesellschaft in eine katastrophale Schieflage. Unsere Kinder wachsen zu Narzissten und Egozentrikern heran, die nicht auf Andere achten, sich nur um sich selbst drehen und lustorientiert in den Tag leben. Wertschätzung ist ihnen kein Begriff mehr. In einem Sozialstaat müssen die Menschen aber füreinander da sein. Doch Menschen, die sich wie kleine Kinder aufführen, nicht fähig sind zu arbeiten, die sprengen dieses System.““

Jeder gleiche das mit seinem Erleben im Schulalltag ab. Ohne weiteren Kommentar…

Bla
28 Tage zuvor
Antwortet  Mika BB

Sind wir bei “Wirkung” und “Methodik”. In einigen Punkten kann er recht (gehabt) haben. Daher war (und ist) die Wirkung hoch.
Bei anderen Sachen ist er eben sehr kritisch zu sehen. Da sind wir bei der Methodik und Konsequenz.

Beispielsweise:
“Was der Mensch sät, das wird er ernten.”
Würden viele zustimmen.
Trotzdem ist das kein Beweis, dass die Bibel [immer] richtig liegt und es auch einen Gott gäbe …

Das muss man meiner Meinung nach unbedingt trennen. Das ist so unglaublich wichtig.

Das ist eben auch bei anderen Themen ja so … AfD hat auch in einigen Punkten … Punkte.
Migrationspolitik war nicht das, was man sich erhoffte. Hier gab und gibt es Probleme/Schwierigkeiten.
Trotzdem ist die Konsequenz daraus bei der AfD häufig Menschenverachtung und Diskriminierung. Also … Problem erkannt, Problem benannt, und dann kommt es darauf an – wie es weiter gedacht und ggf. angewendet wird. Und das ist bei der AfD zu kritisieren.

Und wenn man dies jetzt überträgt als Prinzip. Dann kann Herr Winterhoff durchaus (auch) richtige Punkte haben, das bedeutet jedoch nicht, dass die Konsequenz eine sinnvolle ist [definitiv bei ihm nicht der Fall], dass er bei anderen Sachen auch richtig lag/liegt oder gar, dass er sinnvolle “Problemlösungen” auch dazu hat(te).

Bitte … Unbedingt dabei beachten. Das ist so immens wichtig.

Herr Winterhoff hat Menschenleben zerstört. Traumatisiert. Zudem stand er als Experte überall und hat massivst polarisiert.
Philosophisch und Psychologisch:
Man könnte auch überlegen, ob das “Egozentrische” und “Narzisstische” – was Herr Winterhoff (allen/den/vielen) Kindern zugeschrieben hat nicht auch teilweise eine Reflektion seiner selbst war … Wenn man sich mal mit der Personalie Winterhoff beschäftigt.

Felina M.
28 Tage zuvor
Antwortet  Bla

Manche Dinge sind richtig, auch wenn es jemand sagt, der sonst nur Quatsch oder Unfug sagt, ja, aber das Gegenteil stimmt auch: Manche Dinge sind falsch, auch wenn es jemand sagt, der sonst viel Richtiges sagt.

Das heißt im Endeffekt doch nur, man sollte jedes Argument, jede Aussage für sich alleine prüfen und nicht davon abhängig machen, WER das sagt oder schreibt, nicht wahr?! So sollte es sein. So ist es aber nicht. Gerade Regierungsparteien lehnen in der Regel alles ab, was von der Opposition kommt und umgekehrt.

Der Artikel hingegen tut das auch. Jemand, der für unberechtigt verschriebene Medikamente verurteilt wurde, hat dann wohl deshalb auch in allem anderen Unrecht, fragt zumindest der Artikel.

Cornelia
27 Tage zuvor
Antwortet  Felina M.

Allerdings hängt auch vieles miteinander zusammen im Sagen/Schreiben und Tun.
So einfach kommt doch kein verantwortungsbewusster Facharzt dazu, Medikamente, die nur für einen begrenzten Zeitraum vorgesehen sind, als Dauermedikation zu verordnen, dazu noch ohne therapeutische Begleitung. Das braucht kein gesundes Kind!
Und wenn ein Kind tatsächlich eine “Störung” hat, dann kann diese so viele unterschiedliche Ursachen haben, dass eine Medikation nach Gießkannenprinzip nur fahrlässig ist!!!

Bla
27 Tage zuvor
Antwortet  Felina M.

Absolut richtig. So sollte es sein.

dickebank
28 Tage zuvor
Antwortet  Mika BB

Nur ist er aber nicht für diese Prophezeiung verurteilt worden.
Ich sehe keinen kausale Zusammenhang.

Felina M.
28 Tage zuvor
Antwortet  dickebank

Ich verstand Mika BB’s Zitat eher so, dass sie dem Zitat zustimmt.

potschemutschka
28 Tage zuvor
Antwortet  Mika BB

Ich würde den letzten Teil wie folgt ändern: ” Jeder gleiche das mit seinem Erleben im … Alltag ab. … “

Ale
28 Tage zuvor
Antwortet  Mika BB

Also da betrifft eben nicht nur die Kinder: schauen Sie die Rentendebatte, die Sozialversicherungsdebatte, die vermeintlichen Schuldigen aller unserer Probleme oder die Sitzauswahl im Nahverkehr an. Es ist halt einfach, immer anderen die Schuld zu geben.

Youneverknowhowthecookiecrumbles
28 Tage zuvor
Antwortet  Mika BB

Er selbst ist da mit gutem Beispiel vorangegangen… sehr authentisch

Augenblickfang
28 Tage zuvor

Es ist klar, dass die Gegner der pädagogischen Thesen von Winterhoff dieses Urteil, das ja eigentlich nichts mit seinen pädagogischen Thesen zu tun hat, (be)nutzen, um seine pädagogischen Thesen ebenfalls infrage zu stellen. Naja, so macht man das eben. Es ist wie eine Ablehnung und Zurückweisung der Reformideen von Martin Luther, weil dieser auch gegen Juden hetzte. Ich hätte jedoch lieber Argumente gegen seine Thesen als “Sippenhaft”.

Ukulele
28 Tage zuvor
Antwortet  Augenblickfang

Das ist heutzutage leider sehr oft der Fall.

Aus der Feststellung, eine Person sei böse, wird abgeleitet, alle seine Argumente seien böse/falsch.

Argumentationen sollten immer sachliche und losgelöst von der Person betrachtet werden.

Eine Person mag in den Punkten A, B und C verwerflcihe Sichtweisen haben und dennoch im Punkt D vollkommen richtig liegen.

dickebank
26 Tage zuvor
Antwortet  Redaktion

Koinzidenz, Korrelation oder Kausalität?

Achin
28 Tage zuvor
Antwortet  Augenblickfang

Solche Kommentare sind Teil des Problems und nicht Teil der Lösung. Einen Winterhoff mit Martin Luther zu vergleichen entlarvt den Sprechenden.

Mir ist es schleierhaft, warum Kolleginnen und Kollegen in pädagogischen Berufen immer wieder auf erleuchtete Personen (m/w/d) hoffen, seien es beispielsweise Influencer (Blume) oder Hirnforscher (Spitzer) oder selbsternannt “Hellsichtige” (Steiner), die endlich den Stein der pädagogischen Weisen gefunden haben möchten.

Das ist unterkomplex und hat nichts mit der Realität in Schule und Gesellschaft gemein.

dickebank
26 Tage zuvor
Antwortet  Augenblickfang

Hab ich oben bereits geschrieben.

Rico
28 Tage zuvor

Die beklagte Lustorientierung zieht sich durch die ganze Gesellschaft. Das dies den Wohlstand gefährdet, Stichwort Work-Life-Balance zeichnet sich ab. Ob das schlecht ist für den Einzelnen, mehr Life, weniger Work, glaube ich aber nicht. Der Fachkräftemangel wird sich sich in bald ohnehin weitgehend erledigt haben und da drängt sich Freizeitorientierung geradezu auf.
Winterhoff hätte doch erkennen können, dass das Problem bei den Eltern der “kleinen Tyrannen” liegt. Schließlich wollten die ihre Kinder mit Drogen, entschuldigung, Medikamenten, passend machen. Das ist im Kern genau die Lustorientierung die er beklagt, denn die Eltern und die Gesellschaft sind es, die mit ihren eigenen Unlustgefühlen, die sie auf die Kinder schieben, nicht anders umzugehen weiß.

Ale
28 Tage zuvor
Antwortet  Rico

Na ja, oder ist es die Gesellschaft, die die Eltern dazu zwingt, in dem der Raum “Familie” immer mehr eingeschränkt wird und Familien immer mehr leisten sollen?

Rico
27 Tage zuvor
Antwortet  Ale

Klar, die niedrige Geburtenrate spricht nicht für eine familenfreundliche Politik.

Vermutlich ist es das “sollen”, welches zu Problemen führt. Winterhoff ist hat seinen Thesen und Methoden ja gerade im leistungsorientierten Milieu angedockt, weil der aufgezeigte Lösungsweg, die Kinder bekommen Medikamente und dann ist alles wieder gut, einem Muster entspricht das dort gelebt wird.

Corinna Gonest- Miss 71%
27 Tage zuvor
Antwortet  Ale

Was ist denn dieses ominöse Immer-mehr?
Ich sehe vor allem das Gegenteil. Unbequeme Erziehungs- und Vorbildarbeit wird verweigert, delegiert und ausgelagert.
Es gibt ja “professionelle Teams”…

dickebank
26 Tage zuvor

Immer mehr Kinderarmut – womit ich nicht den Rückgang der geburtenzahlen meine.

Marie
28 Tage zuvor

Mmh, er wollte heilen, er wollte Nebenwirkungen minimieren, er hatte die Einverständniserklärung der Eltern – und wird trotzdem verurteilt? Da fange ich doch noch mal ganz anders an, über Klassenfahrten nachzudenken…

Bla
28 Tage zuvor
Antwortet  Marie

Jedoch sollte man auch bedenken, wie und wodurch er diese Einverständniserklärungen bekam …
Mal im Ernst: Wenn Sie sonst Ihr Kind an das Jugendamt verlieren … Ist der Zettel schnell unterschrieben.
Befassen Sie sich mit dem Fall Winterhoff. Und dann ist vollkommen klar, warum dieser Herr verurteilt wird/wurde. [Und “verurteilt” hier in mehrerlei Hinsicht!]

Marie
27 Tage zuvor
Antwortet  Bla

Was ich vor allem gesehen habe, war eine absolute Vorverurteilung und quasi „Hexenjagd“ lange, bevor der Prozess überhaupt begonnen hatte. Sie dürfen übrigens auch nicht all die Kinder ( und Familien) vergessen, denen er über viele Jahre geholfen hat.

Bla
27 Tage zuvor
Antwortet  Marie

Hm, also wenn jemand 3 Menschen retten würde, dann hätte er einen frei zu erschlagen?
Oder wie soll ich mir diese Logik jetzt als Realitätsumsetzung oder “Konzept über Moral” vorstellen?

Sie sehen hoffentlich die Problematik dahinter.

Marie
27 Tage zuvor
Antwortet  Bla

Ist mir neu, dass jemand erschlagen wurde.

Bla
27 Tage zuvor
Antwortet  Marie

Noch nie auf der Welt?

Natürlich können wir auch ein näheres Beispiel bei Herrn Winterhoff nehmen:
Wenn man 2 gute Diagnosen macht, rechtfertigt das keine schlechte Diagnose. Sorry. Das sehe ich einfach nicht so.

Dann wurden eben 2 gute Diagnosen gemacht und 1 schlechte Diagnose.
Und die schlechte Diagnose ist eben dann richterlich ggf. zu klären. Insbesondere, wenn dies auf Machtmissbraucht beruhen mag.

nachdenklich
27 Tage zuvor
Antwortet  Bla

Sehe ich anders. Wenn jemand 3 Menschen gerettet hat und 1 Menschen erschlagen hat, hat er trotzdem 3 Menschen gerettet und 1 Menschen erschlagen, sprich die Rettung war trotzdem gut und das Erschlagen trotzdem schlecht.

Bla
27 Tage zuvor
Antwortet  nachdenklich

Aber das eine rechtfertigt das andere natürlich nicht. Es gleicht sich auch nicht aus.

Dann kann man sagen:
3 Menschen hat jemand gerettet.
1 Menschen erschlagen.
Und für den/die Erschlagene/n muss Justiz her.

Im Fall Winterhoff:
Im Punkt des egozentrischen Wandels kann er richtig gelegen haben. Er kann auch manche “richtig behandelt haben” [das gilt eben zu prüfen]. Und in anderen Fällen (offensichtlich) nicht. Und das gilt dann eben zu kritisieren und juristisch zu ahnden.

Diese Trennungen und Einordnungen finde ich persönlich als wichtig und sinnvoll.

Beispielsweise bin ich ja an einer Montessori Schule. Maria Montessori war eben “ein Kind ihrer Zeit” [so wird es häufig benannt]. Kritik gibt es – durchaus zurecht – zu ihrer Zeit und dem Wirken in bestimmten Bereichen. Die Sprache war damals “derb”. Das kann man auch benennen. Das war bei vielen Reformpägagogen und co. so.
Hatte Maria Montessori einige gute Ideen? Zweifelsohne. Muss ich sie “verehren”? Nein. Muss man es zeitgemäß einordnen? Wäre sinnvoll? Sollte man sie wegen ihrer Pädagogik von der Zeit und Methodik zu bestimmter Zeit “freisprechen”? Obwohl sie es evtl. gar nicht besser wusste? Das muss jeder selbst entscheiden. Ich kritisiere das durchaus, obwohl ich auch die guten Seiten sehe [Friedensgedanken nach dem Faschismus]. Ändert aber nichts daran, dass sie zu bestimmten Zeiten eben anscheinend “so dachte, wie sie dachte”.
Warum sollte man das nicht auch benennen und kritisieren [dürfen]? Zumindest zum Diskurs anregen. Um eine “Heiligenfigur” aufzustellen? Ne danke.
Es geht um das zeitliche Wirken. Wie verwendet man eine Pädagogik sinnvoll. Und ob das bei Maria Montessori immer so war … Ist in Frage zu stellen für mich.
Aber man kann es sinnvoll gestalten.

Und auch hier kann Winterhoff durchaus bei Punkten eben richtig liegen. Klar. Aber die Konsequenz war oft nicht sinntragend. Und das ist eben zu kritisieren. Und bei Fehldiagnosen und einem massiv(st)en Machtapparat, welchen er aufstellte … Auch definitiv zu verurteilen meiner Meinung nach.

Rainer Zufall
28 Tage zuvor

Interessant, dass dieses Medium mehr Aussagen Winterhoffs wiedergibt, als wissenschaftliche Ergebnisse dazu – kein Fan 🙁

Stine
28 Tage zuvor

„Lehrer sind jetzt nur noch ‚Lernbegleiter‘, decken eine Lerntheke, an der sich die Kinder bedienen sollen. Für die Ausführung ist das Kind verantwortlich. Es gibt Grundschulen, an denen Schulverträge mit den Kindern abgeschlossen werden, in den Pausen gibt es Viertklässler als Streitschlichter. Viele Kinder müssen Schallschutzkopfhörer tragen, um in Ruhe arbeiten zu können. Wir haben jetzt in vielen Bundesländern die Verbundschreibschrift und die Rechtschreibung abgeschafft.” Also das muss ich leider bestätigen.

unverzagte
28 Tage zuvor
Antwortet  Stine

Was bedauern Sie an Viertklässler*innen, die als erfolgreich ausgebildete Streitschlicher*innen in den Pausen wirken ?

Marie
27 Tage zuvor
Antwortet  unverzagte

Dass sie überhaupt notwendig sind??

unverzagte
26 Tage zuvor
Antwortet  Marie

Also weiterhin die Existenz von Streitereien beklagen und auf Streitschlichtende verzichten ?

H. F.
27 Tage zuvor
Antwortet  unverzagte

Ich hätte ein paar Fragen:

  1. Bringen Viertklässler die nötige Reife mit, um für andere Streit zu schlichten?
  2. Ist das nicht eine Verantwortung und eine Machtposition, die Kinder in dem Alter überfordern könnte?
  3. Warum gesteht man Kindern der Klassen1-3 nicht zu, ihre Streitereien lieber selbst zu lösen und so sozial kompetent zu werden?

Der letzte Punkt zielt darauf ab, dass man heute mMn viel zu schnell in die Konflikte und Beziehungen der Kinder untereinander eingreift. In der Regel machen das Erwachsene, hier werden sogar Kinder angeleitet sich einzumischen. Ich halte das für fragwürdig.

Wie sieht eigentlich diese “erfolgreiche Ausbildung” für Viertklässer aus? Gibt es da mehrwöchige Kurse?

mama51
27 Tage zuvor
Antwortet  H. F.

Ja!

Stine
27 Tage zuvor
Antwortet  H. F.

Das ist bei uns ein Nachmittagskurs im Ganztag, der die Schüler ausbilden soll. Was mir Sorgen macht, hier würgen Kinder andere Kinder oder schlagen sich mit Stöcken auf dem Pausenhof. Wo fängt das Streitschlichten an und wo hört es auf? Für was für Streitigkeiten eignet sich das denn? Entweder löst man sie untereinander oder braucht Hilfe eines Erwachsenen. Wenn schon die Lehrer überfordert sind, mal für Ruhe in der Klasse zu sorgen, wie sollen da 10-Jährige agieren?

unverzagte
26 Tage zuvor
Antwortet  Stine

Vergleichen Sie eine ganze Klasse mit meist zwei streitenden Kindern ?
Fragen Sie doch mal die Streitschlichter*innen an Ihrer Schule, welche Erfahrungen sie gemacht haben . Bin sicher, die können Ihre Zweifel ausräumen.

Bla
26 Tage zuvor
Antwortet  Stine

Wie läuft denn bei Ihnen bitte das Streitschlichterprogramm ab?

Bei uns sind das SuS ab der 5. Klasse (damit “anwachsend mit Alter”).
Die Ausbildung ist auch kein “Abendskurs”, sondern schon etwas anspruchsvoller.
Die Streitschlichter haben ein eigenes kleines Zimmer. Die Streiparteien [jüngere Kinder] können (und sollten) sich bei Bedarf melden. Beide Streitparteien müssen damit einverstanden sein. Die Streitschlichter dürfen bei uns weder “ältere Kinder” als Streit schlichten, noch ihre jeweiligen Klassenkameraden. Das ist der grobe Rahmen. Also bspw. Schlichten dann 8. Klässer 6. Klässler. 5.-X. Klässler Grundschüler.

Wenn dieser Rahmen nicht da ist. Also “Kind geht mit Stock im Pausenhof auf ein anders Kind los”, dann ist natürlich die Erstinstanz kein Streitschlichter … Ist ja nicht der Rahmen.

Man muss eben überlegen, welche Instanzen man hat:
– Kinder [als Zivilcourage]
– Konfliktkinder unter sich [als eigene Instanz der Lösung – insb. bei kleineren Streitigkeiten/Konflikten … Hier ist eine externe Schlichtung ja oft gar nicht nötig (und auch nicht sinnvoll)]
– Streitschlichter [im Rahmen von Zivilcourage und im Rahmen der Anwendung des gewillten Schlichtens]
– Lehrkräfte [Pausenaufsicht, generell]
– Sozialpädagogen

Also natürlich kann ich für Streitklärungen [beidseitig gewillt] eine Streitschlichterinstanz dazu hernehmen, dass das in meinem Unterricht nicht überkocht. Dann schicke ich diese Kinder [die das Problem selbst nicht sinnvoll lösen schaffen] eben zu Streitschlichtern.
Und dann bekomme ich das Feedback, ob sich das geklärt hat oder ob ich das irgendwann klären soll oder unsere Soz-Päd.

Ich glaube einfach, dass der Rahmen an Ihrer Schule nicht klar genug ist.
Sorry … Zeigt mir auch etwas die “Nachmittagsschulung”. Haha.

unverzagte
26 Tage zuvor
Antwortet  H. F.

Ja, unserer Erfahrung nach tun sie das seit vielen Jahren nach erfolgreichem Abschluss der Streitschlichterausbildung. Dafür ist nicht jede*r geeignet, d.h. die Kinder werden ausgewählt.
Ja, es ist eine verantwortungsvolle Aufgabe, an der die Kinder in der Regel wachsen. Für den Fall, dass dennoch Hilfe nötig sein sollte, ist eine Pausenaufsicht ansprechbar – passiert aber so gut wie nie.
Streitschlichter*innen werden nur dann aktiv, wenn die Streitenden auch einverstanden sind, sich helfen zu lassen und dabei bestimmte Regeln einhalten. Soziale Kompetenz wird auf diese Weise gefördert.
Die Streitschlichtenden “mischen sich nicht ein”, sondern bieten ihre Unterstützung an.
Wie diese Ausbildung konkret aussieht, können Sie bitte im Netz nachlesen.

GriasDi
28 Tage zuvor

Zitat:
“hat sich damit seine Pädagogik vom “Tyrannenkind” erledigt?”

Warum? Hat sich die Reformpädagogik mit den Machenschaften des ehemaligen Leiters der Odenwaldschule erledigt?

Na ja
28 Tage zuvor
Antwortet  Redaktion

Jetzt nennt man es halt “pädagogischen Ethos” oder “Haltung”, erledigt hat es sich nicht.

Mika BB
27 Tage zuvor
Antwortet  Redaktion

Von einigen Lehrkräften der Odenwaldschule wurde der Begriff des pädagogischen Eros missbraucht, um Schutzbefohlene sexuell auszubeuten. Von den Nazis wurde und wird der Begriff der Heimat missbraucht, um ihre Blut- und Boden Ideologie zu begründen. Nicht die Begriffe oder Konzepte sind falsch, sondern derMissbrauch derselben. Gern mal näher mit dem Begriff des pädagogischen Eros außerhalb der Odenwaldschule beschäftigen…

https://de.wikipedia.org/wiki/P%C3%A4dagogische_Liebe

Mit freundlichen Grüßen,
Mika BB

Mika BB
27 Tage zuvor
Antwortet  Redaktion

Ja, die Mißbraucher der Odenwaldschule haben den Begriff verbrannt. Deshalb ist doch aber das Konzept nicht falsch. Ich habe Sie in Ihrem Ausgangspost so verstanden, dass das Konzept des pädagogischen Eros als Form der Reformpädagogik sich durch die Odenwaldschule abgeschafft hätte.

Achin
28 Tage zuvor
Antwortet  GriasDi

Sie verharmlosen mit Ihrem Kommentar die strukturellen und langjährigen Entgleisungen von Erwachsenen an der Odenwaldschule, das war erwiesenermaßen kein Einzelfall:

https://www1.wdr.de/mediathek/audio/zeitzeichen/audio-vom-paedagogik-paradies-zum-skandalinternat-die-odenwaldschule-100.html

Wie bei Herrn Winterhoff glaubte man, über den Gesetzen von Recht und Moral zu stehen.

Naaaja
27 Tage zuvor

Mal eine Aufklärung für alle, die sich mit Psychopharmaka nicht so gut auskennen:
Das Problem ist nicht, dass er Psychopharmaka verschrieben hat, sondern dieses spezielle Medikamente über längere Zeiträume.
Pipamperon ist ein niedrigpotentes Neuroleptikum, was bedeutet, dass es nur schwach antipsychotisch (also z.B. gegen Wahn oder Halluzinationen) wirkt aber deutlich sedierend/ müde machend. Pipamperon wird Erwachsenen als Schlafmittel oder bei starken Unruhezuständen verschrieben. Bei Kindern soll es in der Regel nicht länger als 6 Wochen angewendet werden, allgemein soll das Nutzen-Risiko-Verhältnis vom Arzt besonders genau abgewägt werden. Es ist bei Kindern meist nur ein Notfallmedikament für wenn jemand z.B. ausrastet und sich gar nicht mehr beruhigt.

Bei Störungen des Sozialverhaltens werden (wenn mit Medikamenten behandelt wird), Risperidon (oder manchmal Aripiprazol) verschrieben zur täglichen Einnahme. Das sind auch Antipsychotika, die aber nicht erheblich sedierend wirken in üblicher Dosierung.

Bei ADHS gibt es Methylphenidat (z.B. Concerta, Ritalin, Medikinet), Amphetamin (z.B. Elvanse), Atomoxetin, Guanfacin. Nichts davon wirkt sedierend bis auf Guanfacin wenn überdosiert.

Kurz gesagt: Der hat massenhaft Kindern Schlafmittel verschrieben, nur eben für den Tag statt (nur) für die Nacht.

Angelika Mauel
27 Tage zuvor

https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2026-03/michael-winterhoff-urteil-kinderpsychiater-staatsanwaltschaft-revision-gxe Die Staatsanwaltschaft kündigt Revision gegen das Urteil an.

Zwei Berufsrichter, zwei Männer als Schöffen und eine Frau als Vorsitzende. Wie die Auseinadersetzung dieser fünf Menschen war, wird die Öffentlichkeit nie erfahren. Aber die Urteilsbegründung war svhon sehr vom Stil der Richterin geprägt.

Anders als Michael Winterhoff hat Ignaz Semmelweis den Unmut seiner Berufskollegen auf sich gezogen und dadurch wurde sein Leben schwer belastet. Der Retter der Mütter, der auf mangelnde Handhygiene als Ursache für eine besonders hohe Müttersterblichkeit unter von Ärzten betreuten Gebärenden hinwies starb früh, möglicherweise sogar durch eine Gewalttat. – Michael Winterhoff hingegen informierte die ärztliche Fachwelt und schon gar nicht die Presse über seine angeblich guten Erfahrungen mit dem langfristigen und recht hoch dosierten Einsatz von Pipamperon. Bei einem Vierjährigen, so bekannte er es in seiner langen Rede vor Gericht, entdeckte er dass Pipamperon höher dosiert erfolgreich geholfen habe.

Das kam erst über das Enagement von Karin Staab, Nicole Rosenbach und vielen anderen hehatraus. Nicht zu vergessen, die mittlerweie volljährigen Heimkinder, die wie Benjamin Klömpken, ihre Erfahrungen mit diesen Psychiater ins Netz gestellt haben.

Als er anfing, Kindern höher dosiert Pipamperon zu verschreiben, standen gerade im Bonner Raum Naturheilkunde und Homöopathie in einem viel höheren Ansehen als heute. Da war es schon klüger, nicht raushängen zu lassen, dass er als Psychiater selbstverständlich immer wieder auch Psychopharmaka verordnet hat. – Auch wenn die meisten Kinder laut seiner Aussage keine hirnorganische Störung haben…

Veronika Carstens, die Ehefrau des früheren Bundespräsidenten, war eine sehr geschätzte Internistin, der es ein Anliegen war, den Graben zwischen Schulmedizin und Naturheilkunde und Homöopathie zu überwinden. Meckenheim, Rheinbach, Bonn – in diesen Städten gab es Ärztinnen, die als Homöopathinnen Erfolge vorzuweisen hatten, die heute kleingeredet und bespottet werden würden.

Ch.
26 Tage zuvor

Warum wird eigentlich zu keinem Zeitpunkt die offensichtliche Missbrauchsthematik angesprochen oder strafrechtlich verfolgt?
Laut Aussage Betroffener VOR LAUFENDER KAMERA UND IN DER DOKU AUSGESTRAHLT hat der liebe Doktor nämlich körperliche “Untersuchungen” bei Jungs im Genitalbereich durchgeführt. Und das ist einfach im Rahmen seiner Tätigkeit überhaupt nicht notwendig gewesen.
Das wird einfach mal ignoriert!