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Deutscher Lehrkräftepreis: „Dahinter steht ein großer Vertrauensbeweis von Schülern, Kollegien und Schulgemeinschaften“

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HANAU. Martin Fugmann, Leiter des Evangelisch Stiftischen Gymnasiums in Gütersloh und Vorstand der Heraeus Bildungsstiftung, gehört zu den Köpfen hinter dem Deutschen Lehrkräftepreis. Im Interview mit News4teachers spricht er über die Wirkung von Auszeichnungen im Schulbereich, die Herausforderungen des Bildungssystems, die Rolle von Schulleitungen – und darüber, warum Schulen gerade angesichts von Künstlicher Intelligenz neu über Bildung nachdenken müssen.

“Fokus auf das Kind”: Martin Fugmann. Foto: Heraeus Bildungsstiftung

News4teachers: Herr Fugmann, Sie sind selbst Schulleiter – und kennen die Dynamiken innerhalb von Kollegien gut. Was bewirkt eine Auszeichnung wie der Deutsche Lehrkräftepreis bei Lehrkräften?

Fugmann: Die Auszeichnung ist natürlich zunächst einmal eine große Wertschätzung. Der wichtige Teil liegt schon im Prozess davor: Schülerinnen und Schüler schreiben sich auf einem Portal ein, um eine Lehrkraft zu nominieren, die ihnen besonders ans Herz gewachsen ist oder die sie besonders beeindruckt hat. Ich finde, da beginnt es eigentlich schon. Das Gleiche gilt für Schulleitungen, die von Kolleginnen und Kollegen nominiert werden.

Bei „Unterricht innovativ“, unserer dritten Kategorie, stellen Lehrkräfte ihre Projekte vor, weil sie erfahren haben, dass das, was sie gemacht haben, wirksam war und Schülerinnen und Schüler besonders angesprochen hat. Oft wollen sie auch zeigen, wie Schule ihren Bildungsauftrag über die 45- oder 90-Minuten-Einheit hinaus erweitert. Seit diesem Jahr können auch Grundschullehrkräfte oder -teams sich in der Kategorie „Starke Grundschule“ bewerben – wir möchten damit auch die Leistungen von Grundschule wertschätzen – und damit mehr Anerkennung von Grundschule bewirken.

Ein wichtiger Pfeiler ist deshalb das, was vor der Preisverleihung passiert: der Nominierungsprozess, die Wertschätzung, die Selbstvergewisserung und auch der Schritt, sich an die Öffentlichkeit zu wagen. Das ist in unserem Berufsstand nicht immer selbstverständlich.

Unsere Aufgabe ist es dann, diesen Initiativen eine Bühne zu geben und deutschlandweit zu zeigen, was Schule leistet. Wir setzen damit auch einen Kontrapunkt zur öffentlichen Diskussion. Wir sagen nicht: „Es ist alles wunderbar im deutschen Bildungswesen.“ Die Herausforderungen kennen wir natürlich – die Studienlagen, mangelnde Grundkompetenzen, psychische Belastungen. Aber wir glauben, dass die Initiativen, die beim Deutschen Lehrkräftepreis prämiert werden, dazu beitragen können, Lösungen voranzubringen und Vorbilder zu zeigen.

Deutscher Lehrkräftepreis – die neue Runde

Die Bewerbungsphase für den „Deutschen Lehrkräftepreis – Unterricht innovativ“ 2026 läuft. Machen Sie mit! Empfehlen Sie (als ehemaliger Schüler bzw. ehemalige Schülerin) Ihre frühere Lehrkraft! Würdigen Sie (als Kollegium) Ihre tolle Schulleitung! Oder bewerben Sie sich als Lehrkräfte-Team mit Ihrem innovativen Unterrichtskonzept! Einsendeschluss ist der 30. Juni 2026.

Gesucht werden engagierte Lehrkräfte, Lehrkräfte-Teams und vorbildliche Schulleitungen aller deutschen Schulformen (auch im Ausland). Ein besonderer Fokus liegt in diesem Jahr auch auf den Grundschulen. Schülerinnen und Schüler der Abschlussjahrgänge 2025/2026, Lehrkräfte-Teams und Kollegien können ihre Vorschläge bzw. Bewerbungen unter www.lehrkraeftepreis.de bis zum 30.6.2025 einreichen.

Über die Auswahl der Preisträgerinnen und Preisträger des „Deutschen Lehrkräftepreises – Unterricht innovativ“ entscheidet nach einer intensiven Gutachterphase eine hochkarätig besetzte Jury. Die Träger des Wettbewerbs, der Deutsche Philologenverband und die Heraeus Bildungsstiftung, wollen mit der Auszeichnung die Leistungen von Lehrkräften und Schulleitungen würdigen und in den Fokus der öffentlichen Wahrnehmung rücken. Schirmherrin ist Bundesbildungsministerin Karin Prien.

News4teachers: Kritiker sagen manchmal, beim Lehrkräftepreis würden eher „Orchideen“ ausgezeichnet – und nicht die eigentliche Kernarbeit, die das Bildungswesen insgesamt voranbringen könnte. Ist diese Kritik berechtigt?

Fugmann: Diese Kritik gibt es bei fast jeder Preisverleihung. Das hat auch etwas mit unserer Kultur zu tun. Andere Länder feiern ihre Erfolge stärker als wir. Bei uns wird oft eher skeptisch geschaut: „Das hätten wir auch gekonnt.“

Ich würde die ausgezeichneten Beispiele aber nicht kleinreden wollen. Früher hätte man vielleicht von „Leuchttürmen“ gesprochen. Wir sagen aber ausdrücklich nicht: Das ist Deutschlands beste Lehrkraft oder die beste Schulleitung. Wir sagen: Das ist ein exzellentes Beispiel, das hervorsticht. Dahinter steht ein großer Vertrauensbeweis von Schülerinnen und Schülern, Kollegien und Schulgemeinschaften.

Natürlich trifft die Jury eine Auswahl. Aber schon die Vielzahl der Nominierungen und Sonderpreise zeigt, dass wir eine respektable Vielfalt auf die Bühne bringen.

“Bei Lehrkräften gibt es gelegentlich auch Neid oder Unverständnis. Das kennen wir. Aber das ist nicht repräsentativ”

News4teachers: Sie bekommen ja auch mit, was nach der Preisverleihung passiert. Wie wirkt sich der Preis auf die Schulen und die weitere Arbeit aus?

Fugmann: Gerade bei Schulleitungen sehen wir, dass der Preis stark in die Schulen hineinwirkt. Die Schulen bekommen Aufmerksamkeit, ihre Konzepte werden wahrgenommen und diskutiert. Sie werden anders gesehen als vorher.

Auffällig ist, dass viele ausgezeichnete Schulleitungen stark auf Teambildung, Gemeinschaft und geteilte Verantwortung setzen. Das wirkt dann auch in die Schule hinein.

Bei Lehrkräften gibt es gelegentlich auch Neid oder Unverständnis. Das kennen wir. Aber das ist nicht repräsentativ. Wir laden die Preisträgerinnen und Preisträger zu Exzellenzcamps und Alumni-Veranstaltungen ein. Dieses Netzwerk wird als sehr unterstützend und inspirierend erlebt. Viele entwickeln sich weiter, auch ihre Schulen entwickeln sich weiter.

Deshalb glaube ich schon, dass der Lehrkräftepreis ein Hebel sein kann, der in der Schullandschaft einiges verändert.

News4teachers: Das heißt, der positive Effekt strahlt aus Ihrer Sicht auch auf das Bildungswesen insgesamt aus?

Fugmann: Ja, das sehe ich so.

News4teachers: Gibt es für Sie persönlich eine Lieblingssäule des Lehrkräftepreises?

Fugmann: Nein, nicht wirklich. Es geht ja darum, die Arbeit von Lehrkräften wertzuschätzen. Ich finde das übrigens für einen Verband wie den Deutschen Philologenverband, der ja gemeinsam mit der Heraeus Bildungsstiftung den Preis trägt, eine starke Herangehensweise: nicht nur Interessen zu vertreten, sondern auch sichtbar zu machen, was der Berufsstand leistet.

Später kam die Säule „Ausgezeichnete Schulleitung“ hinzu, weil wir überzeugt sind, dass Schulleitungen eine herausgehobene Rolle haben. Viele prämierte Lehrkräfte haben auch von Schulleitungen, die Innovation ermöglichen und unterstützen, profitiert.

Besonders wichtig ist uns aktuell die stärkere Einbeziehung der Grundschule. Grundschulleitungen konnten schon immer vorgeschlagen und ausgezeichnet werden, aber Lernprojekte aus Grundschuleselbst sollen jetzt stärker sichtbar werden.

Wir erleben, dass der Fokus auf Grundschule oft eher defizitorientiert ist. Dabei wird dort hervorragende Arbeit geleistet. Die Grundschule hat die volle Vielfalt der Kinder vor sich und übernimmt in besonderer Weise auch eine erzieherische Aufgabe. Gleichzeitig sind Grundschulen oft kleiner organisiert und haben weniger Ressourcen, um Projekte sichtbar zu machen. Deshalb wollen wir dazu beitragen, dass diese Arbeit stärker ins Zentrum rückt und die Wertschätzung erhält, die ihr gebührt.

News4teachers: Wie setzen Sie das konkret um? Gerade bei der Nominierung durch Schülerinnen und Schüler gibt es ja Unterschiede zwischen Grundschule und weiterführenden Schulen.

Fugmann: Die Grundschule wird über die Kategorie „Unterricht innovativ“ eingebunden. Dort geht es um die Projekte und ihre Ergebnisse. Natürlich spielen Grundschülerinnen und Grundschüler in der Nominierungslogik eine andere Rolle. Wir haben verschiedene Überlegungen diskutiert, etwa eine stärkere Einbindung der Eltern. Dafür haben wir uns zunächst nicht entschieden.

Stattdessen haben wir Kriterien entwickelt, die speziell auf die Grundschule zugeschnitten sind. Dabei haben uns auch Expertinnen und Experten beraten, unter anderem aus dem Grundschulbereich. Wir haben intensiv darüber nachgedacht, was Grundschulunterricht und Grundschulprojekte besonders auszeichnet.

“Wir müssen uns fragen, ob ein dauernder Blick auf Defizite die Menschen im System wirklich motiviert”

News4teachers: Sie haben schon angesprochen, dass Sie die problematischen Bedingungen im Bildungssystem sehen. Wenn Sie den Zustand des Bildungswesens insgesamt beschreiben müssten: Wo stehen wir gerade?

Fugmann: Wir haben Daten, die zeigen, dass wir im internationalen Vergleich zurückfallen. Das betrifft auch die digitalen Kompetenzen. Gleichzeitig haben wir gelernt, dass mehr Ressourcen allein nicht automatisch bessere Ergebnisse bringen. Ich vergleiche das manchmal mit einer zehnspurigen Autobahn, die seit Jahrzehnten geplant wird. Immer wieder kommt eine neue Spur hinzu, aber der Stau wird nicht besser.

In den vergangenen Jahrzehnten sind ständig neue Initiativen hinzugekommen: Berufsorientierung, Demokratiebildung, Medienbildung, Gütesiegel und vieles mehr. Es wird immer addiert. Gleichzeitig erleben wir aber, dass die Kernprobleme bleiben: Vielen Kindern geht es schlechter, und auch die Leistungen stimmen oft nicht. Dazu kommen Fragen des Umgangs mit Migrationserfahrungen und psychosozialen Belastungen, gerade seit Corona. Da sind noch viele Fragen offen.

Gleichzeitig haben wir hervorragend ausgebildete Lehrkräfte. Aber wir müssen uns fragen, ob ein dauernder Blick auf Defizite die Menschen im System wirklich motiviert. Ich erlebe viele Kolleginnen und Kollegen mit einem hohen pädagogischen Ethos. Sie sind Lehrkräfte geworden, weil sie mit Kindern arbeiten wollen. Gleichzeitig entsteht durch die öffentliche Diskussion oft das Gefühl: „Ich gebe alles, aber es wirkt nicht.“

Für Schulleitungen stellt sich deshalb die Frage: Wie bringen wir Innovation in die Schule? Das gelingt eher über Wertschätzung, Beziehung, Offenheit und Kommunikation als über rein hierarchische Steuerung. Natürlich haben wir enorme Herausforderungen: kommunale Finanzprobleme, Sanierungsstau, Digitalisierung, KI, demografischer Wandel. Da besteht großer Handlungsbedarf. Aber das ist nicht die einzige Ursache der Probleme.

News4teachers: Fehlt vielleicht auch eine gesellschaftliche Debatte darüber, was Bildung eigentlich sein soll?

Fugmann: Bildung muss angesichts von Künstlicher Intelligenz tatsächlich neu begründet werden. Schon das Internet hat die Wissensvermittlung grundlegend verändert. Wissen ist heute jederzeit verfügbar und asynchron zugänglich. Mit KI kommt jetzt noch einmal eine neue Dimension hinzu. Die Rolle von Lehrkräften als Wissensvermittlerinnen und Wissensvermittler steht stärker zur Diskussion. Deshalb brauchen wir einen Gegenentwurf und müssen uns klar darüber werden, wohin wir eigentlich wollen.

News4teachers: Sie waren kürzlich in China und haben dort Schulen besucht. Haben Sie dort einen solchen Gegenentwurf erlebt?

Fugmann: Dort werden ähnliche Begriffe wie bei uns verwendet, etwa „personalisiertes Lernen“, aber anders interpretiert. Gemeint ist dort teilweise eine umfassende Datenerfassung – bis hin zu Emotionserkennung oder dem Essverhalten in der Mensa. Manche sagen dann schnell, China habe uns technologisch überholt. Aber wenn jemand jemanden „überholt“, bewegt man sich eigentlich auf derselben Straße. Ich glaube eher, dass wir auf unterschiedlichen Straßen unterwegs sind – und das ist auch gut so.

Man kann andere Länder nicht einfach kopieren. Man kann nach Gelingensfaktoren suchen. Aber dafür muss man zunächst wissen, wohin man selbst eigentlich will.

“All das funktioniert nur, wenn gleichzeitig Beziehungen gepflegt werden und Schule auch ihrer kulturellen und gesellschaftlichen Aufgabe gerecht wird”

News4teachers: Gleichzeitig gibt es in Deutschland sehr unterschiedliche Vorstellungen davon, wie Schule aussehen soll. Manche wollen stärker zurück zu klassischen Grundfertigkeiten, andere setzen auf Reformpädagogik und neue Lernformen.

Fugmann: Ich glaube gar nicht, dass das echte Gegenentwürfe sind. Wir diskutieren in Deutschland oft in einem Entweder-oder. Dabei gehört vieles zusammen. Natürlich müssen Kinder lesen, schreiben und rechnen lernen. Aber zu den Grundkompetenzen gehören heute auch digitale Kompetenzen. Und all das funktioniert nur, wenn gleichzeitig Beziehungen gepflegt werden und Schule auch ihrer kulturellen und gesellschaftlichen Aufgabe gerecht wird. Wir brauchen deshalb eine Debatte, die Dinge zusammenführt, statt sie gegeneinanderzustellen.

News4teachers: Gibt es eine Gemeinsamkeit, die alle Preisträgerinnen und Preisträger verbindet?

Fugmann: Der Fokus auf das Kind.

News4teachers-Herausgeber Andrej Priboschek führte das Interview. Priboschek gehört selbst der Jury des Deutschen Lehrkräftepreises an.

Hier geht es zu Interviews mit Preisträgern des Deutschen Lehrkräftepreises. 

Deutscher Lehrkräftepreis: „Habt Vertrauen in die Kraft eures Berufes!“ Was Preisträgerin Khader den Kollegien mit auf den Weg geben möchte

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