BERLIN. Was junge Menschen im Schulalltag erleben, beschreibt Margret Rasfeld in drastischen Bildern: Leistungsdruck, Angst, Erschöpfung und das Gefühl, nur noch funktionieren zu müssen. Die ehemalige Schulleiterin, Bildungsreformerin und Mitgründerin der Initiative „Schule im Aufbruch“ gehört seit Jahren zu den bekanntesten Stimmen für eine grundlegende Neuausrichtung von Schule. In ihrem Gastbeitrag für News4teachers verbindet sie die Debatte über psychische Gesundheit mit einer fundamentalen Kritik am bestehenden Bildungssystem – und wirbt zugleich für eine Schule, die Beziehung, Verantwortung, Selbstwirksamkeit und demokratische Teilhabe ins Zentrum stellt.
Es folgt der zweite Teil ihres Gastbeitrags – hier geht es zurück zum ersten Teil.

Entfremdung – Kern unserer Krisen und der blinde Fleck unserer Bildung
Die aktuellen gesellschaftlichen Krisen – ökologisch, sozial, individuell – sind Ausdruck dieser Entfremdung: Entfremdung zwischen uns Menschen und der Natur, Entfremdung zwischen Mensch und Mitmensch und die Entfremdung im Selbst. Ein Bildungssystem, das auf Konkurrenz, Selektion und Optimierung basiert, verstärkt genau diese Trennung. Es trainiert Anpassung statt Gestaltung, Funktionieren statt Verantwortung.
Wollen wir zukunftsfähig leben lernen, geht es um einen grundlegenden Wandel:
- ökologisch – von lebensfeindlichen hin zu lebensfördernden Prinzipien,
- sozial – vom Egozentrismus zur kollektiven und partizipativen Wirksamkeit,
- ökonomisch – von der Profitmaximierung hin zu Gemeinwohlorientierung.
Ein System, das auf ständiges Wachstum, Optimierung und Vergleich setzt, produziert Erschöpfung statt Lebendigkeit. Wenn Schule diesen Mustern folgt, verstärkt sie genau das, was wir eigentlich überwinden müssen. Bildung entscheidet maßgeblich darüber, welche Haltungen sich in einer Gesellschaft entwickeln. Deshalb ist sie ein zentraler Hebel für die Transformation. Wir brauchen Menschen mit Empathie und Beziehungsfähigkeit, die kooperieren, die fühlen, die Verantwortung übernehmen. Menschen, die nicht nur erfolgreich sind – sondern fürsorglich wirksam.
Die Kraft der Kinder
Ich selbst durfte als junge Lehrerin an einem Gymnasium in Essen in vielfältigen Projekten früh und tiefgreifend erfahren, welche Strahlkraft Kinder haben, wenn wir ihnen Möglichkeitsräume eröffnen, ihnen eine Stimme geben und ihnen zutrauen, die Welt mitzugestalten. Kinder sind von Natur aus neugierig, kreativ, mitfühlend. Sie stehen für Gerechtigkeit und Ehrlichkeit und haben eine innere Sehnsucht nach Sinn, nach tätig werden und Wirksamkeit. Ihre Augen beginnen zu leuchten, wenn sie erfahren: Ich zähle, auf mich kommt es an, ich kann – zusammen mit anderen- etwas bewirken. So entsteht Gemein-Sinn und eine frühe prägende demokratische Grunderfahrung.
1997 wurde ich Schulleiterin und durfte eine Gesamtschule in herausfordernder Lage in Essen aufbauen, mit Kindern aus 35 Herkunftsländern. Zeitgleich hat die UNESCO 1997 den UNESCO-Bericht zur Bildung für das 21.Jahrhundert herausgebracht, mit den vier gleichwertigen Säulen: Lernen, Wissen zu erwerben, lernen zusammen zu leben, lernen zu handeln, lernen zu sein. Die Geburtsstunde von Bildung für eine nachhaltige Entwicklung. BNE wurde für die AGENDA -Schule Holsterhausen wie später auch für die Evangelische Schule Berlin Zentrum, die ich ebenfalls aufbauen durfte, Leitbild und Ethos, gemäß der Devise: Leben, was wir lehren. Neue Lernformate wurden partizipativ entwickelt: der wöchentliche Projekttag zum Handeln in der Kommune (heute FREI DAY), das Schulfach Verantwortung, das inzwischen hunderte Schulen inspiriert hat, die wöchentliche Schulversammlung, das Einladen von Menschen mit Botschaften, die Auszeichnung für Zivilcourage, die klimagerechte Gestaltung von Gebäude und Campus.
So durfte ich früh und anhaltend erleben, welch Engagementwille in Kindern steckt und mit welcher Ernsthaftigkeit sie Verantwortung übernehmen, mit welcher Leidenschaft und Begeisterung sie sich einbringen, wenn wir ihnen Räume öffnen und an sie glauben. Wo Kinder verantwortlich mitwirken und erleben: Ich bin wichtig; ich kann etwas bewirken; auf mich kommt es an entstehen Berührung, Sinn, Freude am Tun, Gemein-Sinn.
Das ist nicht nur Herzens-Bildung. Sein Gemeinwesen mitgestalten zu können, ist eine frühe prägende Selbstwirksamkeitserfahrung und nachhaltige demokratische Grunderfahrung. Dabei entwickeln sich Metakompetenzen wie Selbstorganisation, Impulskontrolle, Folgenabschätzung, Perspektivwechsel, Mut, sich auf Fremdes einzulassen, Vertrauen in Unbekanntes, Vertrauen in die eigene Kraft, Freude am Helfen. Demokratien leben von der sozialen Kreativität der Menschen und von ihrer Bereitschaft, sich für das Gemeinwohl zu engagieren. Erfunden wurde das Fach Verantwortung 1999 von 11-jährigen Schülern an der Agenda-Schule in Essen. Es hat also schon eine über 20-jährige Erfahrungsbasis und ist inzwischen an vielen Schulen ein wichtiges Lernformat.
In Berlin an der Evangelischen Schule haben wir 2007 weitere Formate wie das Schulfach Herausforderung das selbstorganisierte jahrgangsübergreifende Lernen in Lernbüros entwickelt.
2012 habe ich zusammen mit Gerald Hüther und Stephan Breidenbach Schule im Aufbruch gegründet (www.schule-im-aufbruch.de), eine Button Up Bewegung, die viele andere Schulen inspiriert und ermutigt hat. Heute ist die Bewegung in Deutschland und Österreich nicht mehr wegzudenken. Viele Schulen und Lehrer:innen verbünden sich im SIA-Schulnetzwerk zu einer starken Kraft. Das Lernformat FREI DAY erweist sich als System-Changer, als wirksame Brücke in den Whole School Approach und ist für jede Schule machbar. Hunderte Schulen haben den FREI DAY bereits eingeführt. Und um Schulen im Transformationsprozess zu unterstützen, bildet SIA Transformationsbegleiter aus, die Schulen – orientiert am Whole School Approach – zum Aufbau agiler Arbeitsstrukturen befähigen.
Der Paradigmenwechsel ist keine Option – er ist notwendig
Die Bildungspolitik hat die Weichen bereits gestellt. Referenzrahmen sind das UNESCO Programm Bildung für nachhaltige Entwicklung 2030 mit dem Whole School Approach. Empowerment und Gestaltungskompetenz sind wesentliche Schlüssel. Es geht um Wertebildung, Empathie, Solidarität und Aktionsfähigkeit. Es geht darum, die Herzen zu bilden und junge Menschen zum Handeln zu befähigen. Entscheidend ist nun die Umsetzung. Das verlangt auch von Pädagog:innen einen Haltungswandel hin zu Prozessbegleitung, Ermöglichung und Stärkung, im Potenzialblick. Was wirklich zählt sind Wertschätzung, Beziehung, Partizipation, Verantwortung, Sinn.
Es geht nicht um ein bisschen mehr Wohlbefinden im bestehenden System. Es geht um eine neue Schulkultur. Eine Schule, die stärkt statt schwächt. Die verbindet statt trennt, die Sinn stiftet statt Druck erzeugt. Im RealLabor wurden dazu zusammen mit Jugendlichen 32 Haltungswandelkarten entwickelt, zum Beispiel: Vertrauen statt Angst, Lernfreude statt Lernfrust, Zusammenarbeit statt Konkurrenz, Aufrichten statt unterrichten, Beziehung statt Entfremdung, Bewegung statt Ein-stuhlung, Fehlerkultur statt Fehlerangst, Fühlen statt funktionieren, Aussprechen statt verdrängen, Zeit statt Hetze, Burn for statt Burnout.
Acht Reformpunkte für eine gesunde Schule
- Länger gemeinsam lernen: Die frühe Aufteilung von Kindern verstärkt Druck, Angst und Ungleichheit. Eine Schule für alle bis mindestens Klasse 9 schafft und erhält stabile Beziehungen, nimmt den Übertrittstress für Kinder, Eltern und Lehrkräfte, stärkt Chancengerechtigkeit. Das Zusammenleben lernen ist zentrale Aufgabe für eine starke Demokratie. Die Gemeinsame Schule für alle ist grundlegend für eine Humanisierung der Schule.
- Bewertung grundlegend verändern: Noten als zentrales Steuerungsinstrument gehören auf den Prüfstand. Sie erzeugen Vergleich und Angst, nicht intrinsische Motivation und Lernfreude. Wir brauchen Formen der Rückmeldung, die Entwicklung sichtbar machen statt Defizite zu markieren. Und wir haben diese bereits, wie auch neue Prüfungsformate.
- Verbindliche Zeit für sinnstiftendes Lernen: Mindestens ein wöchentlicher Lernblock mit 4 Stunden für projektbasiertes Lernen an realen Zukunftsfragen (Nachhaltigkeitsziele, BNE). Lernen wird so wieder mit Leben verbunden. Erfahrungen von Partizipation, Selbstwirksamkeit und Sinn stärken Resilienz. Lernformate wie Verantwortung, Service Learning oder der FREI DAY sind erprobt und evauliert, viele Schulen arbeiten bereits so.
- Weg vom Gleichschritt hin zu selbstorganisiertem Lernen: Zunehmende Heterogenisierung mit Gleichschritt zu begegnen überfordert. Selbstorganisiertes Lernen im Fachunterricht stärkt Verantwortung und demokratische Teilhabe. Das Potenzial von Peer-Learning kann gehoben werden. Helfen ist ein Grundbedürfnis von Kindern und stärkt Gemeinschaftsgeist. Coaching der Schüler:innen ist Voraussetzung für das Gelingen des selbstorganisierten Lernens. Materialien sollten auf Plattformen bereitgestellt werden, um Lehrkräfte bei der Einführung zu entlasten.
- Beziehung, Partizipation und psychische Gesundheit strukturell verankern: Multiprofessionelle Teams und verbindliche Zeit für Achtsamkeit, Resonanzräume, Klassenrat, Schulversammlungen. Gesundheit entsteht durch gelebte und verankerte Kultur – nicht durch Zusatzprogramme.
- Schulen echte Gestaltungsmacht geben: Mehr Autonomie für Schulen im Rahmen eines klaren Leitbilds (Whole School Approach): eigene Rhythmen, flexible Zeitstrukturen, neue Lernformate. Gleichzeitig gezielte Qualifizierung von Schulleitungen für Transformation und finanzielle Möglichkeiten für Transformationsbegleitung.
- Ausbildung neu denken: Die Rolle weg von lehrseits zu lernseits erfordert innere Arbeit. Beziehung ist keine Zugabe – sie ist die Grundlage von Bildung. Es braucht Raum für biografische Reflexion und die Bearbeitung von Themen wie Scham, Beschämung, Glaubenssätze, Achtsamkeit, Selbstfürsorge. Und Universitäten und Seminare öffnen sich bereits dafür!
- Regionale Konferenzen: Damit wir gemeinsam verstehen, welch große und großartige Aufgaben vor uns liegen, braucht es regionale Konferenzen mit allen Beteiligten, auch der Kinder. An schönen Orten in guter Atmosphäre. Hier gilt es die neuen Rollen zu finden und die Brücken dahin. Es geht um eine gelebte Partizipations- und Verantwortungskultur auf allen Ebenen, um das Miteinander aller, denn niemand hat einzeln genügend Wandelpotential.
Wenn Pädagog:innen jungen Menschen Möglichkeitsräume eröffnen und sie befähigen, ihre Schule, ihre Kommune, ihre Zukunft aktiv mitzugestalten, werden sie damit zu bedeutsamen Schlüsselpersonen und erfahren ihrerseits Selbstwirksamkeit. Zukunft im Bildungssystem muss sich an größtmöglicher Potenzialentfaltung aller orientieren, und der Bildung von Kopf, Herz und Hand. Ohne humane Bildung keine humane Welt.
Fangen wir an! Mutig, aus dem Herzen. Jede und jeder an seinem Platz. Und gemeinsam!
Lucy, Schülerin 19 Jahre, bringt es tief berührend auf den Punkt, in ihrem Poetry Slam „Wie wollen wir lernen“.
Weitere Informationen gibt es hier.
Die Autorin und ehemalige Schulleiterin Margret Rasfeld setzt sich seit vielen Jahren für eine grundlegende Neuausrichtung von Schule ein. Nach ihrem Lehramtsstudium in Biologie und Chemie arbeitete sie zunächst als Lehrerin in Nordrhein-Westfalen und war später maßgeblich am Aufbau mehrerer Gesamtschulen beteiligt, darunter die Gesamtschule in Essen-Holsterhausen sowie die Evangelische Schule Berlin Zentrum, die sie bis 2016 als Schulleiterin führte.
Im Rahmen des von der damaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel initiierten Zukunftsdialogs zum Thema „Wie wollen wir lernen?“ leitete Rasfeld 2011/2012 als eine von sechs sogenannten „Kernexpert*innen“ die Arbeitsgruppe Gemeinsinn und soziale Kompetenzen. Rasfeld ist Mitbegründerin und Geschäftsführerin der Initiative „Schule im Aufbruch“, die Schulen bei der Entwicklung neuer Lernkulturen unterstützt.
- Hier geht es zu allen Beiträgen des News4teachers-Themenmonats „Gesunde Schule“.
- Hier geht es zurück zum ersten Teil des Gastbeitrags von Margret Rasfeld.









na wir müssen einfach ausplanen aus dem Stundenplan. Ist zu voll.
Mehr freies Arbeiten, tablet Unterricht, 4 Tage Woche.
Ja, sage ich ja. Das wurde überall so gemacht. Hasi hat ja seit Jahren seien 3 Tage Homeoffice und den Genuss der 35 Stunden Woche. Das tolle, er verdient mehr als Lehrer! 😀 Und, was noch? er wird früher in den Ruhestand gehen.
Er spart sich ja noch Geld mit dem Homeoffice bei den Benzinpreisen.
Wer fährt denn noch lange zur Schule? 🙁
In Lippe ist die Schule nicht direkt vor der Haustür. Ist sie wahrscheinlich auch sonst kaum.
Ein bisschen sehr plakativ (der Titel). Klingt irgendwie nach Maria Montessori. Warum hat sich deren Konzept nicht durchgesetzt?
Es klingt auch ein bisschen nach Wolkenkuckucksheim. Macht es wirklich Sinn, die Kinder auf eine (Arbeits-)Welt vorzubereiten, wie sie nicht ist, sodass ihr Scheitern in dieser (Arbeits-)Welt die logische Folge wäre?
Der Kommunismus hat auch eine Welt propagiert, in der alle gleich sind, Klassenunterschiede aufgehoben und jeder sich nach seinen Fähigkeiten einbringt und jedem nach seinen Bedürfnissen gegeben wird. Klingt doch auch gut erstmal. Was draus wurde, wissen wir (DDR, Sowjetunion, Kuba, Nordkorea…).
Es war Pestalozzi. Das Prinzip mit “Kopf, Herz und Hand” durfte ich noch an der Uni lernen. Das geht über die Vorbereitung auf die Arbeitswelt auch deutlich hinaus und ist mehr als “mehrkanaliges” Lernen gedacht.
Bei uns läuft das ja so. Seien Sie also live dabei, wenn beim selbst gesteuerten Lernen Ratlosigkeit herrscht. Du kannst den Plan beenden, musst aber nicht. Seien Sie dabei, wie sich verbundene Schrift einfach von selber findet (und beim ersten Diktat des Lebens die 6. Klasse Gym jammert, weil ihnen die Hände weh tun, weil sie ja immer nur noch Druckschrift schreiben). Seien Sie dabei, wie Eltern plötzlich dumm aus der Wäsche gucken, wenn ihr Kind Förderung bekommen soll, weil sie nie jemand klar und verbindlich über den Lernstand informiert hat. Seien Sie dabei, wenn die 6. Klasse im Freiday alte Handys sucht, die jeder längst lieber im Internet abgibt, weil es Geld dafür gibt, oder wie sie aus alten Papierrollen etwas basteln, was leider niemand benötigt. Seien Sie dabei, wenn sich Kinder komplett unterfordert fühlen und gelangweilt sind und stören. Ich wäre lieber dabei, wenn es wieder Struktur und Anleitung gibt, wenn Kinder wieder flüssig Texte schreiben und Rechtschreibung anwenden, wenn wieder ein Umfeld herrscht, in dem sich Kinder konzentrieren können und in dem wirklich jeder (!) in seinem Tempo lernt, nicht nur die langsameren Schüler.
Da scheint doch irgendwas nicht in Gänze zu funktionieren. Wieso sollten sich Kinder langweilen, wenn sie im eigenen Tempo lernen können – sprich, endlich nicht mehr auf die langsameren SuS warten müssen. Und wieso sind SuS beim selbstgesteuerten Lernen ratlos? – Da muss dann wohl im Coaching nachgesteuert werden. SOL kann man nicht einfach, das will gelernt und zu Beginn angeleitet sein und erst dann darf man darauf vertrauen, dass es von alleine klappt, bei den Einen früher, bei den Anderen später.
Rückmeldungen zu den Leistungen sollte es doch auch regelmäßig geben und nicht erst, wenn es Förderung benötigt.
Klingt also alles noch nicht so rund an Ihrer Schule.
// Wieso sollten sich Kinder langweilen, wenn sie im eigenen Tempo lernen können – sprich, endlich nicht mehr auf die langsameren SuS warten müssen. //
Ja, wie schön ist es Tag für Tag in die Schule zu gehen und allein über seinen Aufgaben zu brüten und sich Inhalte zu erarbeiten. Kein anregendes lehrerzentriertes Unterrichtsgespräch, hohe Lautstärke, wenig Interaktion zwischen der ganzen Klasse und dem Lehrer, dadurch kein echter Klassenverband, da jeder an anderer Stelle im Stoff steht. Der “Coach” ist eh immer bei den Schwächeren und wenn man schnell fertig ist, muss man anderen Schülern gegen seinen Willen helfen oder man bekommt ein neues Arbeitsblatt, weshalb man einen Gang runterschaltet. Die Aufgaben werden kaum kontrolliert, weshalb sie nur noch hingeschmiert werden.
Mein Großer erlebte diese Schule und es war ein Alptraum für ihn. Man kann schon fast von Zeitverschwendung sprechen, denn eine verbundene Schreibschrift mussten wir z.B. daheim erlernen. Die Verfechter dieser Didaktik können sich offenbar nicht vorstellen, dass es Kinder (viele Jungs!) gibt, die davon weder profitieren, noch Spaß daran haben. Wenn mein Sohn nur Wochenplan oder Projektarbeit hört…
Für mich sind Frau Rasfeld und Kollegen letztlich Egoisten, die ohne Evidenz eine gutgemeinte Wohlfühldidaktik durchdrücken wollen, die sie zwar selbst für ideal und wünschenswert halten, die aber nicht im Sinne der meisten Kinder ist.
Das klingt nicht schön für Ihren Sohn. Allerdings kenne ich das nur so, dass die SuS auch die Möglichkeit haben, lieber zusammen zu arbeiten, als alleine und dass eben nicht für Schnelle einfach noch ein Arbeitsblatt gezückt wird, sondern er das machen kann, was er sonst noch machen möchte. Auch hab ich noch nie davon gehört, dass jemand gezwungen wird, anderen zu helfen. Aber da sind die Schulen ja auch unterschiedlich.
Wenn er und auch Sie so unglücklich waren, haben Sie da die Schule gewechselt? Das “klassische” Schulmodell gibt es ja i.d.R. häufiger.
Danke, das musste mal gesagt werden!
Interessant ist, dass solche Feststellungen von jenen Expert*innen aber entweder als rückwärtsgewandt oder anekdotisch zurückgewiesen werden.
Als Beweis dafür, dass solche offenen Konzepte alleinseligmachend sind, werden dann wahlweise Wutöschingen oder die Universitätsschule Dresden oder so anekdotisch angeführt.
Das kommt noch dazu – ist man mit dem Plan fertig, hilft man den anderen Kindern als “Experte”. Was erstmal nett klingt und schön geredet wird – wie schön, sei stolz, du bist Experte! Aber wie ist das für die Kinder, die den anderen was erklären sollen, was die nicht notwendigerweise verstehen, und wie ist das, wenn man in der Gruppenarbeit immer mit den Leistungsschwachen arbeiten muss, damit jemand überhaupt die Aufgabe lesen kann, während die anderen in der Gruppe mit den Freunden arbeiten? Wie ist das, wenn man sich selber dadurch ausgebremst fühlt, und genau weiß, wenn ich jetzt fertig bin, muss ich Person X wieder was erklären? Mein Kind hat eine Zeit lang verweigert lesen zu üben, damit es bloß nicht weiter Experte sein muss. Das andere hat geheult und gemeint, aber wer erklärt mir denn eigentlich mal was Neues, mir ist nur noch langweilig. Das wird leider alles schön ausgeblendet… Arbeite gern schneller, dann musst du aber auf die anderen warten, oder du bekommst das 395. Liesmalheft, mach doch einfach das.
Soziales Lernen? Verfestigung des eigenen Könnens? Braucht kein Mensch (Spaß). Herzliche Grüße Die Redaktion
Herzliche Grüße
Die Redaktion
Das von Stine kritisierte Vorgehen hat weder mit sozialem Lernen noch mit Verfestigung des eigenen Könnens zu tun.
Man will als Lehrer “kein Kind zurücklassen”, und wenn ich in einer außerordentlich heterogenen Klasse alle Kinder individuell optimal fördern könnte, hätte ich am Schuljahresende eine Fortschrittsspannweite von zwei oder drei Schuljahren.
Das geht nicht…
Also lautet der unbewusste Beschluss: Die Langsamsten verlieren leider doch den Anschluss.
Die Schnellen aber werden heftig ausgebremst, indem sie den Langsamen Dinge erklären müssen, die ihnen selbst soooo offensichtlich sind, dass es irgendwann schmerzt.
Natürlich demotiviert das.
Doug Lemov lässt grüßen. Ich schwimme gegen den Strom.
Willkommen in der Gegenstromanlage! Ich bin dabei.
Achtung, Triggerwarnung…Realitätscheck:
Kinder “langweilen” (alternativ: “stressen”) sich beim echten Lernen, weil die allermeisten Kinder (spätestens!! mit Einsetzen der Vorpubertät) NICHT von sich aus lernen wollen – sofern “lernen” hier als das verstanden wird was zählt, nämlich KOGNITIVES Lernen, also das, was man benötigt um eine volltechnisierte Zivilisation materiell zu erhalten und sozial zu schützen, indem wir alle unsere Säugetierinstinkte unterdrücken und diese in produktive, zivilisierte Bahnen lenken.
“Weil die allermeisten Kinder (spätestens!! mit Einsetzen der Vorpubertät) NICHT von sich aus lernen wollen” – Kinder lernen ständig. Nur nicht immer das, was Erwachsene von ihnen wollen. Das Dumme ist, dass auch die heutigen Erwachsenen nicht wissen, “was man benötigt um eine volltechnisierte Zivilisation materiell zu erhalten und sozial zu schützen” – wir alle können angesichts der Rasanz der technologischen Entwicklung nicht mal die nächsten fünf Jahre überblicken. Da wäre es womöglich schlau, auf das zu fokussieren, was sich absehen lässt: nämlich auf die sogenannten Future Skills. Genau das tun Frau Rasfeld. Ob ihre Ideen in jedem Punkt richtig sind, darüber lässt sich ja diskutieren. Dass mit Rezepten von früher eine überaus dynamische Zukunft zu bewältigen sein wird – darf aber getrost bezweifelt werden.
Gerne hier nachlesen: http://www.news4teachers.de/2026/02/kooperieren-reflektieren-verantwortung-uebernehmen-so-foerdern-schulen-future-skills-im-alltag/
Herzliche Grüße
Die Redaktion
Ich finde, bei dem selbstorganisierten Lernen geht einiges verloren.
Man hat kaum Diskussion, vom Lehrer moderiert. In Mathe sieht man keine andere Beweis- oder Lösungswege, die vielleicht andere Schüler gefunden haben und die auch interessant sein könnten. In Geschichte, Literatur verpasst man interessante, nicht ordinäre Ansichten, Erklärungen, Informationen. All das kann eine Impulse für weitere Analyse geben, wird aber mit dem selbstorganisierten Lernen nicht da.
Wie kann der Lehrer schnell reagieren, falls es Probleme gibt oder das Kind unterfordert ist? Oder denkt der Schüler, er verstehe alles, die Realität ist aber anders?
Viele bekannte Kinder, besosnders Jungs, fühlen sich verlassen und verlieren die Motivation. Die Mädchen sind meistens fleißiger.
Für mich waren schonn immemr Hausaufgaben ein selbstbestimmtes Lernen. In der Schule sollte man aktiv kommunizieren können und zusammen das neue besprechen, nicht nur gecoacht. Sonst sollte man den Kindern auch von zuhause arbeiten erlauben.
Soooooooo oldschool 🙂
Und soooooooo wahr!
Und sooo wichtig! (Zur rechten Zeit!)
Ich denke, wie überall, kommt es auf ein gesundes Mittelmaß an. Nur weil es keine Noten im Zeugnis gibt, wird ein Lehrer doch trotzdem merken, wenn ein Kind hinterher hinkt und irgendeine Bewertung sollte ja dann auch im Zeugnis stehen. Irgendwie muss man ja auch festlegen, ab wann ein Kind nichg mehr versetzt wird. Soetwas wie: Der Schüler tut sich schwer neue Dinge zu erlernen oder ähnliches, sollte schon in der Bewertung drinstehen. Es geht ja nur darum, den Vergleich mit anderen Kindern zu erschweren um den Leistungsdruck heraus zu nehmen und nicht darum Probleme und Stärken zu ignorieren. Dass Eltern oft ein wenig schockiert reagieren, wenn ihr Kind Förderung bekommen soll, ist wohl leider an jeder Schule so und kaum ganz vermeidbar.
Ich finde es ein wenig seltsam, dass Sie das erste Diktat in Klasse 6 schreiben. Gehört es nicht mit zum selbstbestimmten Lernen, dass der Lehrer die Lernmaterialien heraussucht und sich dabei am Lehrplan orientiert? Oder ist dass dann nicht mehr selbstbestimmt, aber vermutlich der besser Weg? Also Jeder in seinem Tempo, ja, aber nicht Jeder das was er will. Das wäre dann ein Mittelweg zwischen “die ganze Klasse das Gleiche zur selben Zeit” und dem völlig selbstbestimmten Lernen. Obwohl ich früher in der Grundschule auch eher von einer Lehrerin als Lerncoach begleitet und kaum klassisch unterrichtet wurde (dafür viel mit Lernmaterialien, was auch viel Spaß gemacht hat), haben wir schon in der 3. Klasse Diktate geschrieben. Die “Lernwörter” waren dann in der Zeit davor in den Aufgaben drin und einige Schüler haben sie mit Karteikärtchen auch als Hausaufgaben gelernt. Andere hatten das nicht nötig und daher auch weniger Hausaufgaben.
Ich kann mich nicht erinnern, dass ich oder Jemand anders sich da jemals im Unterricht gelangweilt hat. Es gab ein Bücherregal aus dem man sich frei bedienen und lesen durfte, wenn man schneller war oder in Mathe ein extra Arbeitsheft für diejenigen, die mit den normalen Aufgaben schon durch waren. Manchmal konnte man auch anderen Schülern helfen oder bei anderen Lehrern das Heft schön verzieren. Am besten natürlich, wenn man die Bilder auch noch passend zum Text gemalt hat.
Warum basteln ihre Schüler denn Dinge, die sie selbst nicht haben wollen/benötigen? Für mich klingt das nach vorgegebenen Ideen und nicht so, als hätten die Schüler das selbst gewählt. Und wenn es mit dem Projekt zur Abgabe alter Handys nicht richtig läuft, dann könnten sie sich fragen, was da schiefgelaufen ist. Evtl. die Art an wen und wie es kommuniziert wurde. Natürlich ist nicht jedes Projekt ein Erfolg, aber dass ist in der Wirtschaft und der Realität halt auch so: nicht jede Idee ist erfolgreich. Wichtig ist, dass man aus den Fehlern lernt und wenn nur jedes zweite Projekt erfolgreich ist, lernen Schüler trotzdem, dass sie Erfolg haben können und auch, dass es sich lohnt nochmal was Neues auszuprobieren.
„Ein System, das auf ständiges Wachstum, Optimierung und Vergleich setzt, produziert Erschöpfung statt Lebendigkeit.“
Und ein System ohne Wachstum, Optimierung und Vergleich produziert… ja was eigentlich?
Nur schade, dass Länder mit genau solchen Systemen merkwürdigerweise wirtschaftlich nicht völlig kollabieren, sondern eher… nun ja… funktionieren. Aber gut, Fakten sind ja so 90er.
Reformpunkte????1. Länger gemeinsam lernen
Die frühe Aufteilung verstärke Druck, Angst und Ungleichheit.
Also ignorieren wir Unterschiede einfach und hoffen, dass Begabung sich gleichmäßig verteilt.
Pädagogische Romantik?
2. Bewertung grundlegend verändern
Noten erzeugen Angst?
Sie erzeugen aber auch Orientierung, Verantwortung und die Fähigkeit, Realität auszuhalten.
Aber klar, ersetzen wir sie durch Kompetenzwolken, Lernreisen oder „Ich fühle mich heute leistungsbereit“-Skalen.
Das wird die internationale Wettbewerbsfähigkeit sicher elektrisieren.
3. Selbstorganisiertes Lernen statt Gleichschritt
Selbstorganisation klingt modern.
Was soll da organisiert werden, wenn Inhalte, Struktur und Anspruch vorher konsequent herausoperiert wurden.
Selbstorganisation ohne Substanz ist schlicht Leerlauf.
4. Ausbildung neu denken
Lehrkräfte sollen „innere Arbeit“ leisten, Scham bearbeiten, Glaubenssätze reflektieren.
Das klingt nicht nach Profession, sondern nach Selbsterfahrungsgruppe.
Und ohne solide Fachkenntnis bleibt das alles pädagogisch wertlos.
„Schule im Aufbruch“ klingt nach Bewegung – ist aber oft nur der Rückzug aus Anspruch und Leistung. Ich plädiere wieder für eine Schule mit Anspruch: wo Lernen stattfinden darf, auch wenn’s manchmal anstrengt.
Ich frage mich beim Lesen immer wieder, wie Sie Leistung definieren. Ist es nicht mehr Leistung, wenn man sein Lernen selber organisieren gelernt hat. Wenn man es schafft, die Wochenpläne so zu strukturieren und diszipliniert abzuarbeiten, dass man die Leistungsnachweise gut schafft. Wenn man lernt, sich und seine Leistungsfähigkeit gut einschätzen zu können.
Für mich ist das viel anspruchsvoller und für das spätere Leben sinnvoller, da das Lernen mit dem Schulabschluss nicht aufhört. Einfach Vorgaben der LuL abarbeiten ist für mich viel weniger Leistung. Oder ist das Wichtigste für Sie das Durchquälen durch den Stoff. Trotz Wiederwillen durchhalten, an die Vorgaben halten und dem Druck standhalten?
Ach herrlich, Kopf, Herz und Hand, das holt sicher viele Kollegen ab, bei denen Buchstaben getanzt und Lapbooks gebastelt werden.
Wobei: Beim Schreiben braucht man auf jeden Fall schon mal Kopf und Hand und wenn der Herzschlag dabei nicht aussetzt, habe ich auch nichts dagegen.
Doppelkopf mit Kreuz, Pik, Herz und Karo macht auch Spaß.
Kopf, Herz und Hand – da denkt man doch eher an einen Zerlegebetrieb in der Fleischindustrie.
Make my day! Ich habe auch zuerst an die Wurstmühle gedacht.
Schweinskopf al dente
Das Gesülzte jedoch hat jeglichen Biss verloren.
Im Zerlegebetrieb beachte man außerdem, das es nicht möglich ist, sich kopflos zu behaupten.
Gerald Hüther ist deutlich herauszulesen.
“Fangen wir an! Mutig, aus dem Herzen. Jede und jeder an seinem Platz. Und gemeinsam!”
Im Grunde ein Plädoyer für Privatschulen, denn um sowas zu wuppen brauchen sie Personal, Eltern und Geldgeber die dahinter stehen. Selbst mit viel Idealismus, oft scheitert es leider an fehlendem Personal und an der Finanzierung und kann somit die eigenen Anspüche nicht erfüllen.
Dieser Ansatz wurde auch musikalisch schon vor Jahren in die Dieskussion eingebracht:
2 x 3 macht 4
Widdewiddewitt
und Drei macht Neune !!
Ich mach’ mir die Welt
Widdewidde wie sie mir gefällt ….
Einige Gedanken:
zu 1: nicht unter den jetzigen Bedingungen, das hilft keiner Gruppe
zu 2: gerne, aber die anderen Rückmeldeformen gibt es schon, Noten sind im täglichen Umgang kein Steuerungsinstrument ( bei einem brauchbaren und menschlich vertretbaren Unterrichtsansatz)
zu 3: siehe 1), das ist ein Pferdewechsel im Galopp, übrigens ist Lernen auch jetzt noch ‘mit dem Leben verbunden’, warum immer diese entweder…oder-Sichtweisen?
zu 4: Das Potential von Peer-Learning ist im Sekundarbereich begrenzt und, siehe 1), oft ein Synonym für Ausnutzen und eventuell Überfordern der Stärkeren. Die sind nämlich meist erfolgsorientiert und ‘helfen’ ist mit Misserfolgen verbunden. Auch hilfreiche Peers haben Bedürfnisse und ein Recht auf bestmögliche Entwicklung
zu 5: “..verbindliche Zeit für Achtsamkeit, Resonanzräume, Klassenrat, Schulversammlungen. Gesundheit..” – das sind aber, siehe 1), unter unseren Bedingungen, genau diese Zusatzprogramme
zu 6: Nur zu, gerne. Was genau ändern wir (130 KuK)? Welche Formate sind ideal für jedes Fach? Einfaches Beispiel im jetzigen System: Sprachen mit möglichst häufigen (Einzel)stunden, Sport, Kunst, NW lieber als Doppelstunde…Keine ‘einfach mal’ Aufgabe..
zu 7: Bisher kommen die meisten Studenten und Referendare mit fachlicher Fokussierung. Den Beziehungsaspekt erkennen bzw lernen die meisten allerdings schnell.
zu 8: Super, endlich reden wir mal darüber, was wir beschließen wollen, was zu tun wäre… Sorry, aber geredet wird schon ziemlich viel, leider sehr selten mit den LehrerInnen, umso öfter über sie.
Mit FREI-DAY, neuen Fächern und gutem Willen rettet niemand das Schulsystem. Der Artikel klingt aber, wie so viele, stark nach ‘Kultur ändern’. Es ist nicht (nur) die Kultur, es ist ein durchgängiger Mangel, der Wege verbaut, die doch ‘so einfach’ wären.
Wer revolutioniert denn? Die über ihren Grenzen täglich arbeitenden Lehrkräfte, neben der täglichen Arbeit? Ein Jahr Schulpause, um alle im Schulsystem umbauen zu lassen? Allmähliche methodische Veränderungen, während PISA und VERA mit alten Werkzeugen nach alten Maßstäben den Erfolg beurteilen?
Wie lange soll die Veränderung dauern, bis etwas Neues erkennbar ist, fünf Jahre, zehn, fünfzehn? Haben wir die?
Was wollen Eltern für ihre Kinder? Glück und Erfolg, oft leider Synonyme. Wer ist heute erfolgreich: fürsorgliche, empathische Menschen oder konkurrenzorientierte, rein fachlich perfekte Personen? Ich wünsche mir auch eine ‘nettere’ Gesellschaft, aber dürfen wir Jugendliche auf eine Welt vorbereiten, die wir uns wünschen?
Wir können kritische Haltung und Offenheit fördern, aber den ‘besseren Menschen’ mit entsprechenden ökologischen, sozialen und ökonomischen Prinzipien zu ‘formen’, ist eine Anleitung zum Unglücklichsein.
Hier wird schöne Utopie mit tatsächlich möglichen Veränderungen vermengt, ohne Trennung, so dass am Ende für mich statt neuer Schule ein Traumschloss übrig bleibt, das gegen die Realität sehr weit entfernt wirkt.
Dieses Traumschloss ist aber in einigen Schulen schon gelebte Realität und somit keine Utopie mehr.
Nur mit Kindern, deren Eltern sie dahingehend erzogen haben.
Massentauglich (und darum geht es hier doch!) sind diese Ideen nicht.
Es wird immer so getan, als könnte Schule alle Defizite ausgleichen, die zuhause entstanden sind und auch ja immer weiter wachsen und entstehen, da Kinder tendenziell eher selten ihr Umfeld verlassen, bis sie sich eine eigene Wohnung leisten können.
Aber hey, tut gern immer weiter so, als wäre es anders, liebe “Weltenretter*innen”, wenn euch das glücklich macht!
Alemannenschule, Universitätsschule und was noch alles beschrieben wird? Konzepte, die wie viele andere mit einem kompletten Neustart begonnen haben. Entweder mit passenden Gebäuden oder brennendem, noch nicht ausgebranntem Kollegium oder Eltern, die voll hinter einer Idee stehen. Realität sind sanierungsbedürftige alte Flure, die übliche Mischung der Lehrkräfte von dynamisch-innovativ bis lustlos-burnoutgefährdet und Eltern, die nicht Bildung sondern Abschlüsse wollen.
Gesucht ist ein Weg, das gesamte System im laufenden Betrieb, ohne ‘verlorene Jahrgänge’ zu verbessern. Ja, sogar ohne im regulären Ablauf ‘nur für kurze Zeit’ Nachteile zu erzeugen, denn mit diesen hehren Zielen wäre es nicht zu vereinbaren, einzelne Schüler, noch weniger ganze Jahrgänge mit mehr oder weniger chaotischen Umstellungsproblemen zu konfrontieren. Praktisch mögliche Reformen, mit dieser Randbedingung bleibt eine Verallgemeinerung tatsächlich ein Traumschloss.
Wir sind längst im pädagogischen Buddhismus angelangt.
Samsara, das ewig sich drehende Rad, alles kommt immer wieder, ein unablässiger Wechsel der Reformationen und Gegenreformationen des Schulwesens.
Alles Dasein ist Leiden.
Kann man doch alles auf eine Gebetsmühle schreiben und in den Wind hängen…
Ich will endlich ins Nirvana!
So schön manches davon klingt: Als Mathelehrer kann ich da nur sagen:
Das geht, wenn wir akzeptieren, dass vermutlich über 50% der Gymnasiasten beim Unterstufenstoff bleiben.
Kann man drüber diskutieren, aber dann müssten Unis im Mintbereich erst n paar Jahre Mathe nachholen.
“Geschichte wiederholt sich”, wie Marx bei Hegel gelesen hatte, “einmal als Tragödie und einmal als Farce”:
Leider nennt Frau Rasfeld erneut keine konkreten Ressourcen (ob personell, finanziell, architektonisch…) und lässt reflektierte Praktiker ratlos alleine mit wohlklingelnden Vokabeln zurück.
Na also… Wie ich in Teil eins des Beitrages vorausgesagt habe, kommen genau die erwarteten Buzzwords. Ich könnte wohl auch Experte werden 🙂
Man könnte meinen, Sie schauen in eine Glaskugel! Aber nein, Sie benutzen lediglich Ihren Menschenverstand und zusätzlich Ihre jahrelange Erfahrung. So kann man natürlich auch arbeiten und alternative Schlüsse aus den beiden Artikeln ziehen, die etwas mehr, na ja, bodennah und geradezu erschreckend sachlich sind.
Ich bin ja kein Lehrer, aber mir fallen durch meinen Beruf in der sozialen Arbeit und als Vater zweier schulpflichtiger Kinder durchaus diese Bestrebungen seit Jahren auf. Immer wieder lese ich davon, wie toll alles an der Alemannenschule doch funktioniert, aber das ein oder andere kritische Detail lässt man in der Berichterstattung meist weg. Und dann sehe ich, wie Gemeinschaftsschulen bei uns in der Gegend arbeiten und bekomme immer wieder gespiegelt, dass diese Idee aus Lernbüros, Coachings, Lernwegen, iPads usw. auch nicht wirklich besser funktioniert – vor allem nicht bei leistungsschwachen Kindern, die immer weniger von Haus aus mitbringen. Hier sollen sie sich plötzlich, komplett intrinsisch motiviert, am besten alles selbst und nach eigenem Gusto beibringen. Damit diese Schwierigkeiten schließlich nicht ganz so offensichtlich dargelegt werden, lässt man bis Klasse 9 die Notengebung weg und konzentriert sich auf Lernentwicklungsberichte, die für die meisten Eltern in meinem Dunstkreis wie ein Brief mit sieben Siegeln wirken.
Lese ich die Kommentare vieler Lehrkräfte hier bei N4T unter den einschlägigen Artikeln oder spreche ich mit Lehrkräften verschiedenster Schularten in meiner Gegend, so sehen sie diese Entwicklungen durch ihre Erfahrungen im Alltag ebenfalls sehr kritisch. Ich glaube durchaus, dass ein Konzept wie die Alemannenschule funktionieren kann und die Erfolge der Schule an genau diesem Standort sind auch nicht wegzudiskutieren. Doch bekanntlich macht eine Schwalbe allein noch keinen Sommer. Wir haben sehr viele Schulen, die im tradierten System gut funktionieren – mit einer tollen Berufsorientierung, engagierten Lehrkräften und Sozialarbeitern und Kindern, die gerne in die Schule gehen. Dies wird bei all der reformpädagogischen Energie aber gerne unter den Tisch fallen gelassen. Viel mehr versucht man, die neuen Bildungsideen als den Heiligen Gral anzupreisen und zu verkaufen – ohne Wenn und Aber. Mir geschieht das oft viel zu kritiklos. Und ich weiß ebenfalls nicht, wo wir hingelagen, wenn wir Kindern nicht früh beibringen, mit Niederlagen, Hindernissen und Druck von außen umzugehen.
Ich denke, das sind Sie bereits. 🙂
Wenn ich nicht gewusst hätte, dass das ein Konzept für die Schule der Zukunft sein soll, wäre ich von der Vorstellung einer neuen Kinder- und Jugendpsychiatrie ausgegangen, in der sich die Patientinnen und Patienten in unterschiedlichen Settings und Gruppen Empathie und weitere, notwendige soziale Umgangsformen sowie Selbstwertgefühl und Selbstfürsorge aneignen lernen, ohne in erster Linie, wie bisher, wieder schul- und ausbildungsfähig gemacht zu werden.
Mir selbst liegt es quer, dass bisher in der Kinder- und Jugendpsychiatrie das hauptsächliche Anliegen darin besteht, die psychisch erkrankten jungen Menschen in möglichst kurzer Zeit wieder schultauglich zu machen, ohne sich die Frage nach der eigenen psychischen Gesundheit und der Verbindung von Beziehung zu Bildung überhaupt zu stellen. So wird hauptsächlich verhaltenspsychologisch ohne Lösung der möglichen Traumata gearbeitet.
Das im Artikel dargestellte Konzept beschreibt wesentlich einfühlsamer, wie die Behandlung schulabstinenter Schülerinnen und Schüler ablaufen könnte. Nur- es ist eine Schule und keine Klinik, die Lehrerinnen und Lehrer keine Therapeuten, die Kinder und Jugendlichen nicht alle in dieser Hinsicht bedürftig.
Um ein Problem lösen zu können, muss zunächst einmal eines
bestehen. Es gibt viele lernbereite, lernwillige, sozial gut entwickelte Kinder und Jugendliche, die einfach nur ungestört lernen wollen und das sogar in den bisherigen Schulen, ohne ein Problem zu haben. Über diese erfahre ich im Artikel nur, dass sie als Peers die Schwächeren auffangen sollen, so dass zum Schluss, wie auch immer dieser aussehen soll, alle gemeinsam in ein glückliches, aber nicht näher bezeichnetes Ziel einlaufen können.
Ich frage mich, wie jemand im selbstorganisierten Lernen auf die Idee kommen soll, verschiedene Rechenwege in Algebra zu erforschen, wenn er oder sie sich für Zahlen überhaupt nicht interessiert und gleichzeitig als Peer einem schwächeres Glied der Gemeinschaft mit dem persönlichen Lieblingsfach zur Seite stehen darf, was auch sozial einen wesentlich besseren Eindruck macht. Die Motivation, in einem solchen Umfeld mit den eigenen Talenten als Peer zu punkten, anstatt sich zurückzuziehen, um sich ohne Umzuschauen eine eigene, solide Grundbildung mit ebenso solidem Aufbauwissen anzueignen, scheint mir für junge, emphatische Menschen sehr groß zu sein. Diese könnten letztendlich mit dem Verlust der eigenen Studier- oder Ausbildungsfähigkeit dafür bezahlen müssen.
Mein Fazit ist, dass es zusätzlich zur Schule wesentlich mehr direkt an Schulen oder Schulstandorte angegliederte soziale Arbeit, sowie psychologische Unterstützung für Einzelpersonen und Gruppen bräuchte. An jeder Schule müsste es in einem guten zahlenmäßigen Verhältnis Sozialarbeitende und Schulkrankenpflegende geben.
Was mir bereits in beiden Artikeln von Margret Rasfeld fehlt, ist ein Hinweis auf konkrete schulische Bildung im herkömmlichen Sinn, die zur fachlichen Ausbildungs- und Studierfähigkeit führt. Diese darf niemandem verweigert oder durch eine übermäßige Betonung der Soft Skills erschwert werden.
Da Kinder häufig mit dem ersten Geburtstag in eine Betreuung gegeben werden, auch wenn sie zu diesem Zeitpunkt mitten in der intensivsten Phase der Bindungsentwicklung stehen, und sie dadurch in ihrer Bindung beeinträchtigt werden können, ist es schwierig, ihnen „Beziehung“ beibringen zu wollen. Entweder haben sie eine gute Bindung und Beziehung zu ihren Eltern und damit die Grundlage für Beziehungen generell oder eben nicht. Auch viele andere Faktoren können eine gute erste Bindung gefährden.
So treffen vielfältige psychische Probleme in Schulen aufeinander. Dennoch können meiner Ansicht nach Schulen dafür nicht Heilstätten sein, da dafür bereits Kliniken und Hilfen bestehen, die parallel stark ausgebaut und angegliedert werden müssten. Für gute Schulbildung gibt es jedoch keine Alternativen und diese muss an den staatlichen allgemein bildenden Schulen
erhalten bleiben.
Therapeutische Themen so stark mit Schule zu verbinden, dass es scheint, als würde Ausbildungs- und Studierfähigkeit eher marginalisiert, erscheint mir unseriös und erinnert mich zu sehr an „studiert an der Schule des Lebens“ und „Schwarmintelligenz“. Ich würde mich fürchten, wenn das unsere intellektuelle Zukunft sein sollte.
Ich schrieb es bereits anderswo: Soll die Schule der Zukunft noch Bildungsstätte sein oder ein Therapiezentrum mit Bildungsinhalten?
Danke, Sie nehmen mir die Worte aus dem Mund.
Der Beitrag klingt nicht nach Schule.
Er klingt nach Tagesklinik für psychosomatische Erkrankungen.
Weitgehend volle Zustimmung bei den Punkten, wobei selbstorganisiertes Lernen nicht die einzige Alternative zum “Gleichschritt” ist. Selbstorganisation ist wichtig, wertvoll und – meiner Meinung nach – weit unterschätzt – aber bei weitem nicht der einzige, geschweige geeignete Weg, wobei ich da konkret an keine Förderschüler*innen denke
Und wieder länger gemeinsam lernen. Ich will das nicht für meine Kinder. Es findet an Grund- und Gesamtschulen keine Spitzenförderung statt. In den undifferenzierten Fächern wird auf Hauptschulniveau benotet und der Unterricht ist v.a. Erziehung. Meine Kinder brauchen Bildung und keine Erziehung!
Über den Punkt: Schulen mehr Gestaltungsraum geben.
So ähnlich habe ich das in Irland in den Neunzigern erlebt. Angefangen damit, dass der Rektor die Macht hatte, Lehrer auszuwählen und einzustellen.
War er beispielsweise musikbegeistert, haben sich auch dort Lehrer eingefunden, die es auch waren, und das hat auch Schüler angezogen, die sich besonders für Musik interessierten. Auf diese Weise bekam die Schule ihr besonderes Profil. Es wäre ein ganz anderes System. Es könnte attraktiv, jedoch auch ungerecht sein.