
CDU, BSW, SPD und Linke haben sich im Thüringer Landtag klar zur Schulpflicht bekannt – gegen die AfD (die mit ihrer Forderung, Heimunterricht zu erlauben, offensichtlich eine staatsferne Klientel bedienen will). Thüringens Bildungsminister Christian Tischner sagte, die Schulpflicht sei ein zentrales Versprechen des demokratischen Gemeinwesens: «Jedes Kind in Thüringen erhält die Chance auf bestmögliche Bildung, persönliche Entwicklung und damit auch auf ein selbstbestimmtes Leben.» Er sei dankbar, dass die Unterschiede zwischen den Fraktionen im Landtag deutlich geworden seien. «Wer damit die Schulpflicht in Frage stellt, der stellt auch die moderne Demokratie und den modernen Rechts- und Sozialstaat in Frage.»
Acht-Stunden-Job, dann Unterricht?
SPD-Bildungspolitiker Matthias Hey fragte, welche Eltern Heimunterricht überhaupt leisten könnten. «Welche Elternteile sind in der Lage, wenn die zum Beispiel arbeiten gehen, kommen 17.00 Uhr nach Hause und sollen ihre Kinder täglich nochmal sechs oder fünf Stunden lang unterrichten, also bis 23.00 Uhr. Von welcher Klientel reden wir eigentlich?»
Der Lehrer und BSW-Abgeordnete Dirk Hoffmeister meldete Zweifel an, dass Eltern die gleichen Fähigkeiten mitbrächten wie Lehrerinnen und Lehrer, die studiert und ein Referendariat absolviert hätten. «Wir als Brombeere stehen zur Schulpflicht als Garant für solide Bildung in unserem Land», sagte er.
AfD-Bildungspolitiker Denny Jankowski hingegen argumentierte, dass es in vielen anderen europäischen Ländern bereits die Möglichkeit des Heimunterrichts gebe. «Sind diese Länder deswegen untergegangen? Sind das keine Demokratien mehr? Gab es schon gesellschaftlichen Zerfall? Können die Kinder nicht mehr Lesen und Schreiben? Natürlich nicht», sagte Jankowski. Daher dürfe man Debatten über alternative Schulmodelle nicht im Keim ersticken.
AfD sieht Heimunterricht als «gute Ergänzung»
Auslöser der Debatte ist das Wahlprogramm der AfD in Sachsen-Anhalt. Die Partei strebt darin eine Wahlfreiheit zwischen Schulunterricht und Unterricht zuhause an, sofern im Hausunterricht die gleichen Qualitätsstandards erfüllt werden. Zur Kontrolle soll es halbjährlich zentrale Prüfungen geben.
Nach Angaben von Jankowski ist die Thüringer AfD-Fraktion offen für Heimunterricht. «Er kann eine gute Ergänzung in unserem Bildungssystem auch in Thüringen darstellen.» Es gebe aber bisher keine explizite Forderung zur Abschaffung der Schulpflicht im Thüringer AfD-Wahlprogramm und die Fraktion plane keine parlamentarische Initiative dazu.
Mehrheit laut Umfrage gegen Abschaffung der Schulpflicht
Eine Civey-Umfrage im Auftrag der Thüringer CDU-Fraktion war kürzlich zu dem Ergebnis gekommen, dass eine deutliche Mehrheit der Thüringer eine Abschaffung der Schulpflicht zugunsten einer Bildungspflicht mit mehr Heimunterricht ablehnt. 70 Prozent sprachen sich gegen ein solches Modell aus. Nur 24 Prozent würden den Ansatz positiv bewerten, wie die CDU-Fraktion mitgeteilt hatte. Civey hatte den Angaben nach vom 27. April bis 4. Mai 1.000 Thüringer online befragt.
Die Schulpflicht ist in Deutschland Ländersache und in den jeweiligen Landesgesetzen geregelt. Das Grundgesetz legt in Artikel 7 fest: «Das gesamte Schulwesen steht unter der Aufsicht des Staates.» Eine Änderung hin zu Heimunterricht würde daher Grundgesetzänderungen und Reformen in allen Bundesländern erfordern. News4teachers / mit Material der dpa
AfD will Schulpflicht faktisch abschaffen – Juristen warnen vor Angriff auf demokratische Bildung









Wer würde denn halbjährlich die zentralen Prüfungen erstellen und all das in allen Schulfächern? Das dürfte viel Personal binden, besonders wenn die Konzeption ähnlich sorgfältig gemacht werden soll wie die jetzt schon vorhandenen Zentralen Prüfungen am Ende der Mittelstufe und besonders im Abitur. Und all das für vielleicht Hundert Kinder und Jugendlichen pro Jahrgang, eher weniger.
Jaja, die Organisation ist hier wahrlich eine Frage (der Rechtsextremen)
Der Rest stellt sich da fassungslos ganz andere Fragen. Erkundigen Sie sich doch beizeiten mal im Kollegium 😉
„Welche Elternteile sind in der Lage, wenn die zum Beispiel arbeiten gehen, kommen 17.00 Uhr nach Hause“
Das ist ein Strohmann. Selbstverständlich werden nicht zwei voll berufstätige Eltern häuslichen Unterricht machen wollen. Man mag es ja kritisch sehen, wenn manche dem Familienleben einen höheren Stellenwert einräumen, aber erlaubt ist das allemal.
„täglich nochmal sechs oder fünf Stunden lang unterrichten“
Die Kinder kommen in ihrem Tempo weiter und müssen nicht permanent auf andere warten. Es ist komplett unrealistisch, dass jemand die Kinder zu Hause unterrichtet, die 6 Stunden für den Stoff brauchen. Sorry an die Lehrer, diese Kinder werden weiter ganz normal den Unterricht besuchen.
Wir reden von der gut gebildeten Mittelschicht, die ihre aufgeweckten, bildungsaffinen und leistungsorientierten Kinder zu Haus Unterrichten wollen.
Übrigens denkt auch niemand, dass Eltern das gleiche leisten könnten wie Lehrer und auch nur einen Tag unter den aktuellen Umständen an einer Regelschule bestehen könnten. Die Eltern würden das ausbauen, was sie jetzt auch oft nachmittags mit den Kindern machen. Der Unterschied in den Studien zwischen den Kindern bildungsnaher Eltern und den Anderen fällt nicht vom Himmel.
„Wer damit die Schulpflicht in Frage stellt, der stellt auch die moderne Demokratie und den modernen Rechts- und Sozialstaat in Frage.“
Klar. Drunter machen wir´s ja nicht mehr. Wer seinem Kind Mathe beibringen will, lehnt die Demokratie ab. Der Zusammenhang ist offensichtlich.
Meine Kinder in der Grundschule beschweren sich über die Lautstärke, so dass sie sich in der Klasse nicht konzentrieren können und erledigen kaum Aufgaben. Deshalb muss ich tatsächlich nach der Arbeit sie „unterrichten“ oder nacharbeiten, was sie in der Schule machen mussten. Jemand nimmt in so einem Fall Nachhilfe. Zu behaupten, als ob Eltern heute sich immer auf die Schule verlassen können (zumindest in den ersten Klassen), ist meiner Meinung nach falsch.
Vielen Eltern dürfte die sichergestellte Aufsicht von 7:30 bis 16:00 ausreichen.
„Wer damit die Schulpflicht in Frage stellt, der stellt auch die moderne Demokratie und den modernen Rechts- und Sozialstaat in Frage.“
Öhm, bei genauer Betrachtung haben nur Diktaturen wie China eine Schulpflicht. So ziemlich jede Demokratie, von den USA über Australien bis Österreich und Frankreich, haben alle keine Schulpflicht.
Ehrlich gesagt, ich finde diese Behauptung schon ganz schön dreist anderen Ländern die Demokratie abzusprechen.