
Ausländische Studierende erleben Thüringen oft als wenig weltoffen. Sie tun sich deshalb häufig schwer damit, nach dem Ende ihres Studiums im Freistaat zu bleiben. Das geht aus Forschungsergebnissen der Uni Jena hervor.
«Internationale Studierende zu gewinnen reicht nicht aus – entscheidend ist, ob Thüringen für sie ein Ort ist, an dem sie sich sicher fühlen, passende berufliche Perspektiven haben und politisch sowie wirtschaftlich mitgestalten können», sagte Laura Dellagiacoma, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Zentrums für Rechtsextremismusforschung, Demokratiebildung und gesellschaftliche Integration der Universität Jena (KomRex). Sie war an einem Forschungsprojekt beteiligt, bei dem internationale Studierende sowie nicht deutsche Absolventen der Universität befragt worden sind.
Die politische und gesellschaftliche Situation in Thüringen sei für die Betroffenen kein abstraktes Thema, sagte Dellagiacoma. Dass sie etwa rassistische Erfahrungen im Alltag machten, habe «konkrete Auswirkungen auf Sicherheitsgefühl, Zugehörigkeit und Bleibeperspektiven».
Studierende äußern Sorgen wegen AfD-Zustimmungswerten
Im Rahmen des Forschungsprojektes wurden im Zeitraum von Januar bis Mai 2025 insgesamt 37 Studierende und Absolventen auf Deutsch oder Englisch befragt. Auf die Forschungsergebnisse wird auch in einem Aufsatz verwiesen, der als Teil der aktuellen «Thüringer Zustände» erscheint. Dabei handelt es sich um einen seit 2020 jährlich veröffentlichten Sammelband, der von den Demokratieberatern von Mobit, den Opferberatern von ezra, dem Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft sowie dem KomRex gemeinsam herausgegeben wird.
In diesem Aufsatz heißt es etwa, die hohen Zustimmungswerte für die AfD würden von vielen internationalen Studierenden als besorgniserregend empfunden. «Mehrere Befragte berichteten von einer Zunahme sowohl subtiler rassistischer Handlungen – etwa Mikroaggressionen wie übergriffige Blicke oder unfreundliches Verhalten – als auch manifester rassistischer Vorfälle», sagte Dellagiacoma.
Beleidigt, weil sie nicht Deutsch gesprochen haben
Vor allem in öffentlichen Verkehrsmitteln hätten sich solche Situationen ereignet. Aber auch außerhalb von Bussen und Bahnen kommt es laut den Schilderungen der Studierenden zu solchen Übergriffen. «So wurde geschildert, dass eine Gruppe beim Spazieren im Zentrum Jenas von Jugendlichen angeschrien und rassistisch beleidigt wurde, weil sie sich nicht auf Deutsch unterhielt.»
Mehrere der Befragten, die schon längere Zeit in Thüringen leben, berichteten demnach, dass mehr Menschen im Freistaat ihren Rassismus heute offener zeigten als noch vor einiger Zeit. Rassismus habe an gesellschaftlicher Akzeptanz gewonnen. Angesichts dieser Lage spielten immer mehr internationale Studierende oder Absolventen mit dem Gedanken, Thüringen und Deutschland zu verlassen.
Fachinteresse bringt ausländische Studierende nach Thüringen
Dellagiacoma sagte im Gespräch, aus den Interviews werde auch deutlich, dass viele Studierende wegen sehr konkreter fachlicher Interessen nach Thüringen kämen, etwa wegen sehr spezifischer Master-Programme oder weil bestimmte Forschungsinstitute im Freistaat angesiedelt seien.
«Viele haben vor ihrer Ankunft nur begrenzte Vorkenntnisse über die politische Lage in Thüringen», sagte Dellagiacoma. «Deshalb würde ich vorsichtig damit sein, zu sagen, dass internationale Studierende wegen der politischen Lage grundsätzlich nicht mehr nach Thüringen kommen werden.»
Ob die jungen Menschen dann aber in Thüringen blieben, hänge davon ab, welche Erfahrungen sie während des Studiums machten und ob sie im Land eine passende Arbeitsstelle fänden. «Genau diese beiden Aspekte sind in unseren Interviews stark mit dem politischen und gesellschaftlichen Kontext verbunden.»
Angriff in Ilmenau
In der diesjährigen Ausgabe der «Thüringer Zustände» findet sich auch ein Aufsatz, der sich mit dem Angriff auf mehrere internationale Studierende der Technischen Universität Ilmenau im April 2025 befasst. Diese waren damals aus einem Auto heraus mit Hartgummimunition beschossen worden. In dem Aufsatz heißt es, auch dieser Angriff sei nicht völlig überraschend gekommen. Viele nicht deutsche Studierende seien mit Alltagsrassismus konfrontiert.
An den Thüringer Hochschulen studieren tausende Menschen aus dem Ausland. Nach Angaben des Landesamtes für Statistik gab es im Wintersemester 2024/25 alleine an der Universität Jena etwa 2.400 ausländische Studierende, an der Technischen Universität Ilmenau waren es fast 2.000. News4teachers / mit Material der dpa









Ich erlebe Rassismus seit klein auf, obwohl ich in Deutschland geboren und aufgewachsen bin. Und ich lebe in „Westdeutschland“. Und ich bin Studienrätin und erlebe immer noch Rassismus und Diskriminierung. Mich wundert dieser Bericht nicht.
Mich verwundert er auch nicht, obwohl ich noch nie rassistische Diskriminierungen direkt erfahren habe.
Das ganze widerliche Naziimperium mit seinem Über- und Untermenschentumideal wirkt weiterhin nach, was leider auch am rapiden Anstieg politischer Verbrechen von Rechtsaußen erkennbar ist.
Das ist schade zu hören. Darf ich fragen, welche rassistische Vorfälle hatten Sie. Ich finde, dass manchmal „Mikroaggressionen wie übergriffige Blicke oder unfreundliches Verhalten“ subjektiv so empfunden werden.
Und Ihre subjektive Wahrnehmung trumpft die Betroffener, weil…?
Rassismus ist wirklich zu und zu schade.
…
Darf ich fragen, welche rassistischen Verbrechen (angesichts all der Mordopfer fällt es mir schwer, von „Vorfällen“ zu tippen) Sie erkennen und auch als solche benennen ?
Das müssen die jungen Leute doch bitte verstehen, wenn die sich wohlfühlen, bleiben und – im Himmels Willen! – arbeiten würden, dann würden sich die Menschen ja nicht beschweren, dass „die Fakschen“ bleiben und dann stumpf die Rechtsextremen wählen.
WARUM sollte also die rechtsextreme AfD ein Interesse an gut qualifizierten Menschen (in diesem Fall aus dem Ausland) haben?
„Mehrere Befragte berichteten von einer Zunahme sowohl subtiler rassistischer Handlungen – etwa Mikroaggressionen wie übergriffige Blicke oder unfreundliches Verhalten“
Woher wissen die Befragten, dass das unfreundliche Verhalten nicht einfach typisch ist für die Region, in der sie studieren?
Ich könnte selbst mehrere deutsche Städte aufzählen, in denen die Leute entweder nett oder eben ziemlich grantig waren.
Und wie gehen bitte “ übergriffige Blicke“ ?
Ich nehme Rassismus sehr ernst. Nur darf nicht alles Rassismus sein, weil man sonst den wirklichen Rassismus gar nicht mehr erkennt.
„Auf der Straße der ängstliche oder abschätzige Blick, in der U-Bahn der leer bleibende Platz, obwohl die Bahn voll ist, bei einem Angebot einfach ignoriert zu werden, Beschwerden über zu viele
Schwarze Menschen auf Werbeplakaten, das etwas peinlich berührte, zugleich überhebliche Schmunzeln bei der Forderung, doch bitte auf das N-Wort zu verzichten, die Empörung über das Anliegen, Straßennamen zu ändern, die den Namen von Generälen mit Blut an den Händen tragen, in der Schule und auf der Arbeit, bei der zweifelnden Frage, ob er oder sie denn das Pensum auch schafft, den vielen Absagen bei der Suche nach einer Wohnung, die Maßregelung auf dem Amt, wenn eine medizinische Behandlung unterbleibt, der Besuch einer Theaterveranstaltung Überraschung erntet, die Erfahrungen rassistisch Adressierter ausblendet, der Besuch eines Abendclubs an der geschlossenen Tür scheitert, obwohl sie für andere öffnet, bei der Fahrkartenkontrolle und den sich neugierig drehenden Köpfe der anderen Fahrgäste, beim
Abwimmeln einer Beschwerde als hyperempfindlich und nervig … Der Rassismus im Alltag – diese merkwürdige Häufung von scheinbaren Zufällen von Ignoranz, Ausgrenzung und Abwertung – zeigt
sich in allen Bereichen des Lebens, auf verschiedenen Ebenen, jeden Tag.“ Gerne hier nachlesen: https://www.kulturelle-integration.de/2022/07/04/was-ist-alltagsrassismus/?print=pdf
Herzliche Grüße
Die Redaktion
Sind Sie noch derart angestarrt worden, dass Sie sich unwohl fühlten?
Ja. In der Uni gab es eine große Gruppe von Studenten aus Nigeria. Ich wurde mal von einem bekannten nigerianischen Studenten zum Ballet eingeladen. Scheinbar war es eine kulturelle Aktion für viele von diesen Studenten. Und nach dem wir mit meinem Bekannten uns fotografiert, kamen die (mir) unbekannten Studenten einer nach dem anderen, um sich mit mir auch fotografieren zu lassen. Am Ende fühlte ich mich, wie eine Giraffe im Zoo, sehr unangenehm. Sie fragten mich nicht mal, als ob es ganz normal wäre.
Ich denke aber, es war nicht rassistisch, nur der Unterschied der Kulturen und der Wahrnehmung.
Unangenehmes Anstarren bleibt übergriffig, ob rassistisch , chauvinistisch oder sonstwie motiviert.
Wo fängt unangenehmes anstarren an, wo hört es auf. Ich mag in jeden Fall, dass mir Gesprächspartner in die Augen schauen und nicht auf den Boden. Manche finden das schon übergriffig. Total subjektiv.
Es beginnt, wenn sich die angestarrte Person unwohl oder sogar bedroht fühlt.
Derartige Blickattacken mit einer normalen Gesprächssituation vergleichen zu wollen, verweist auf Unkenntnis oder Ignoranz.
„Anna Weidlich: Was als „Starren“ wahrgenommen wird, ist kein objektives Verhalten, sondern eine Zuschreibung aus der Perspektive des Gegenübers.
Dasselbe Blickverhalten kann je nach kulturellem Kontext völlig unterschiedlich interpretiert werden.“
Quelle: Der German Stare: Blickkontakt im interkulturellen Kontext
Ist immer wieder beeindruckend, wenn unbeteiligte Personen glauben, einem die eigenen Empfindungen erklären zu können.
Wie geht „objektives Verhalten“?
Für diese Besonderheit der Deutschen gibt es sogar einen speziellen Begriff:
Der German Stare: Blickkontakt im interkulturellen Kontext
https://www.fr.de/panorama/erkennen-in-anderen-laendern-unhoeflich-am-german-stare-lassen-sich-deutsche-im-alltag-zr-94247979.html
Jetzt könnte man sich auch fragen, was ist an dieser Besonderheit (kulturelle Gewohnheit) rassistisch?
Sie könnten sich vor allem fragen, ob dieses Starren tatsächlich derart verallgemeinert werden kann.
Übrigens starre ich nicht trotz hiesiger Sozialisation nebst deutschem Pass.
Ein Verwandter mt chinesischer Ehefrau wird in China, außerhalb der Touri-Hotspots auch ständig neugierig „angestarrt“. Obwohl man den Chinesen nachsagen, sehr höflich und distanziert zu sein. Aber liegt sicher nur an seiner Größe von 2m. 🙂
Jede Herabwürdigung einer Person ist zu viel, egal wo. Jena, Ilemnau, Aachen. Es spielt keine Rolle. Es vermischen sich hier viele Entscheidungen der Studierenden, die mit dem Studium fertig werden. Da es in Thüringen leider weniger Industrie gibt, geht es eben zu den DAX-Konzernen in den Westen. Jena ist sehr multikulturell, gerade im Akademikerbereich. Ilmenau weiß genau, was es an seinen international Studierenden hat und die Region auch, es hängen da doch einige Jobs der Einheimischen an der TU. Ich möchte auch nicht die Forschung kleinreden, aber 37 (!) Befragte ist eine immens kleine Stichprobe. Ich lade jeden ein, sich eine eigene Meinung zu den Studien- und Lebensbedingungen in Thüringen vor Ort zu bilden. Fakt ist aber auch und das erlebe ich jeden Tag, der Umgangston hat sich verschlechtert. Wie oft werden wir Lehrkräftte im BVJ belappt? Jeden Tag. Und ernsthaft, hier wird wieder ein Thema aufgemacht und suggeriert, der Osten ist eine NoGo-Area. Klischee!
„Es vermischen sich hier viele Entscheidungen der Studierenden, die mit dem Studium fertig werden.“
Die entscheiden, von Rassist*innen angegangen zu werden?
„Jede Herabwürdigung einer Person ist zu viel.“
Nur manchen sind 37 Beispiele zu wenig, wenn diese „nur“ PoC und keine „angelappte“ Lehrkraft sind…
„Ich lade jeden ein, sich eine eigene Meinung zu den Studien- und Lebensbedingungen in Thüringen vor Ort zu bilden.“
Ich bekam jüngst einen Einblick durch Betroffene. Durchaus lesenswert: https://www.news4teachers.de/2026/06/alltag-in-ost-deutschland-welche-rassistischen-erfahrungen-internationale-studierende-machen-muessen/#comment-814223
Aber ich las schonmal heraus, dass bei Ihnen einen Scheiß auf Rassismus gegen Minderheiten gibt, da lieber über dass eigene Leid des „Belappens“ ergibt… Wie soll Ihr sehr, sehr kleines Herz da noch Anteilnahme oder Bewusstsein für Rechtstaatlichkeit zeigen? (augenroll)
Kennen Sie Ihr Wissen über den Osten Deutschlands nur aus Lesen oder auch aus eigenem Erleben?
… nur vom „Hörensagen“!
Sie interpretieren fleißig. Gönn ich Ihnen. Mir Rassismus und Herzlosigkeit anzudichten finde ich ein stückweit infam. Hören Sie mit solchen Unterstellungen bitte auf. Damit auch Sie es verstehen: Rassismus ist nicht ausschließlich das Problem einer Ostdeutschen Stadt/der Ostdeutschen (der Artikel suggeriert dieses nämlich, bzw. geht er ausschließlich als „Nachricht“ darauf ein.). Im Artikel steht etwas über internatioanel Studierende, nicht über PoC (falls ich falsch liege: sorry). Es kommen doch tausende Studierende jährlich für ein Vollzeitstudium oder Erasmus etc. nach Ostdeutschland. Soll es denen allen so katastrophal schlecht gehen? Da ich ebenfalls PoC, schwul und in der ostdeutschen Provinz unterrichte und auch in Ostdeutschland studiert habe, kann ich aus eigener Erfahrung sagen, dass mir der alltägliche Rassismus von den „Arabern“ entgegenschlägt. War so und ist bis heute so (von den in den Osten Deutschlands migrierte Altnazikader und deren Kiddis mal abgesehen). Damit rede ich nicht die Erfahrungen der Interviewten klein. Das ist aufzuarbeiten und zu analysieren.