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„Innovation ist möglich“ – Warum Deutschlands wohl ambitioniertester Schulversuch trotzdem auf der Kippe steht

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DRESDEN. Die Universitätsschule Dresden gilt als eines der ambitioniertesten Schulentwicklungsprojekte Deutschlands. Eigentlich wäre Halbzeit für den auf 15 Jahre angelegten Schulversuch, doch eine wissenschaftlich fundierte Zwischenbilanz kann die wissenschaftliche Leiterin Anke Langner derzeit nicht ziehen. Im Interview erklärt die Professorin für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Inklusive Bildung an der TU Dresden, warum die Begleitforschung praktisch zum Erliegen gekommen ist, welche Erkenntnisse sich dennoch bereits abzeichnen – und weshalb sie die größten Hindernisse für innovative Schulen im Bildungssystem selbst sieht.

Auf der Kippe. (Symbolfoto.) Foto: Shutterstock

News4teachers: Der Schulversuch Universitätsschule Dresden ist auf insgesamt 15 Jahre angelegt, aktuell ist quasi Halbzeit. Wie lautet Ihr Zwischenfazit?

Anke Langner: Ein belastbares Zwischenfazit im engeren Sinne fällt derzeit schwer, da die wissenschaftliche Begleitforschung faktisch nicht mehr existiert und ich aktuell den Evaluationsbericht ohne zusätzliche Ressourcen und damit ehrenamtlich erstelle. Die Auswertung der über Jahre erhobenen Daten ist äußerst aufwendig und noch nicht abgeschlossen. Hinzu kommt, dass die wissenschaftliche Begleitung des Schulversuchs über viele Jahre hinweg nicht in dem Umfang unterstützt wurde, der für eine systematische Dokumentation und Rekonstruktion aller Entwicklungsprozesse notwendig gewesen wäre. Deshalb möchte ich an dieser Stelle bewusst keine detaillierten Ergebnisse vorwegnehmen, die wissenschaftlich noch nicht abgesichert sind.

„Die größten Hürden sehe ich in den Rahmenbedingungen des Bildungssystems“

Was sich allerdings bereits heute sehr deutlich sagen lässt: Die größten Herausforderungen bei der Entwicklung einer Schule der Zukunft liegen nicht bei den Schülerinnen und Schülern. Auch die Lehrkräfte haben sich vielfach als deutlich innovationsbereiter erwiesen, als häufig angenommen wird. Herausforderungen ergeben sich gelegentlich in der Zusammenarbeit mit Eltern, vor allem dann, wenn Schule sehr bewusst vertraute Strukturen verlässt. Die größten Hürden sehe ich jedoch in den bestehenden administrativen und strukturellen Rahmenbedingungen des Bildungssystems.

Insbesondere seit der Genehmigung der gymnasialen Oberstufe ist die Umsetzung der konzeptionellen Ideen der Universitätsschule deutlich anspruchsvoller geworden. Viele der ursprünglich entwickelten Ansätze bewegen sich an den Grenzen bestehender administrativer Vorgaben und erfordern kontinuierliche Abstimmungs- und Aushandlungsprozesse. Zudem kämpft die Universitätsschule auch nach sieben Jahren noch um angemessene räumliche Bedingungen. Die Schule arbeitet weiterhin unter Bedingungen, die hinsichtlich der Raumversorgung deutlich hinter dem zurückbleiben, was an anderen Dresdner Schulen selbstverständlich ist. Daran wird sichtbar, dass die Entwicklung einer innovativen Schule nicht allein eine pädagogische Frage ist, sondern immer auch eine politische und administrative Dimension besitzt.

Gleichzeitig hat sich in den vergangenen Jahren immer wieder gezeigt, dass die Universitätsschule auch im internationalen Vergleich ein außergewöhnliches Projekt darstellt. Der Austausch mit Kolleginnen und Kollegen aus Kanada, den USA, Finnland und anderen Ländern hat mir verdeutlicht, wie besonders die enge Verzahnung von Schulentwicklung, wissenschaftlicher Begleitung, Lehrerprofessionalisierung und der konsequenten Neugestaltung schulischer Lernprozesse ist. Vergleichbare Laboratory Schools oder Ausbildungsschulen verfolgen einzelne dieser Ziele, die systematische Verbindung aller Bereiche ist jedoch selten.

Vielleicht liegt genau darin ein Teil der Herausforderung: Die Universitätsschule hinterfragt etablierte Vorstellungen davon, wie Schule organisiert wird, wie Lehrkräfte arbeiten, wie Lernen dokumentiert wird und wie Wissenschaft und Schulpraxis zusammenwirken können. Solche Veränderungen erzeugen naturgemäß Irritationen und mitunter auch Widerstände. Innovation bedeutet nicht nur, neue Lösungen zu entwickeln, sondern auch bestehende Routinen und Strukturen zu hinterfragen.

Mein Zwischenfazit wäre daher weniger ein Urteil über einzelne Konzeptbestandteile als vielmehr die Feststellung, dass die Universitätsschule gezeigt hat, dass schulische Innovation in einem deutlich größeren Umfang möglich ist, als vielfach angenommen wird. Die eigentliche Herausforderung liegt nicht darin, ob Schülerinnen und Schüler oder Lehrkräfte solche Innovationen tragen können, sondern ob das Bildungssystem bereit ist, die notwendigen Rahmenbedingungen für ihre langfristige Entwicklung und wissenschaftliche Begleitung bereitzustellen.

Erste Konzepte finden bereits Nachahmer

News4teachers: Die Universitätsschule versteht sich als Reallabor für Schulentwicklung. Welche getesteten Konzepte haben sich als besonders erfolgreich erwiesen und sind für andere Schulen oder das Bildungssystem insgesamt interessant? Welche Ansätze haben sich in der Praxis als weniger tragfähig herausgestellt?

Langner: Die Frage würde ich zunächst etwas anders beantworten. Die Universitätsschule versteht sich als Reallabor für Schulentwicklung. Ziel eines Schulversuchs ist es nicht primär festzustellen, welche Konzepte scheitern, sondern Konzepte in einem kontinuierlichen Entwicklungsprozess zwischen Schule und Universität so weiterzuentwickeln, dass sie tragfähig werden und perspektivisch auch von anderen Schulen übernommen werden können. Insofern ist weniger die Frage relevant, welche Ansätze sich als nicht tragfähig erwiesen haben, sondern vielmehr, welche Konzepte weiterentwickelt werden mussten und welche inzwischen eine solche Reife erreicht haben, dass sie auch außerhalb der Universitätsschule aufgegriffen werden.

Anke Langner ist seit 2013 Professorin für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Inklusive Bildung an der TU Dresden. Foto: Privat

Entsprechend den erwähnten Schwierigkeiten hinsichtlich des Evaluationsberichts zum Schulversuch aufgrund der fehlenden Begleitforschung stehen die folgenden Aussagen über Wirkungen und Transferpotenziale unter dem Vorbehalt der noch ausstehenden Gesamtauswertung. Einige konzeptionelle Ideen sind aus der Universitätsschule Dresden heraus bereits in sächsischen Schulen angekommen.

Ein erstes Beispiel ist die enge Verzahnung von Schule und Ganztag. Bereits mit dem Start der Universitätsschule im Jahr 2019 wurde bewusst auf die klassische Trennung zwischen Schule und Hort verzichtet. Während im sächsischen Schulsystem Ganztagsangebote häufig ergänzend organisiert werden, verfolgen wir einen integrierten Ansatz, bei dem Erzieherinnen und Erzieher als Teil des pädagogischen Teams den gesamten Schultag mitgestalten. Die Umsetzung war insbesondere in den ersten Jahren mit erheblichen Herausforderungen verbunden, da hierfür zunächst keine ausreichenden personellen Ressourcen zur Verfügung standen. Inzwischen hat sich dieses Modell etabliert und wird auch von den für den Kita- und Hortbereich zuständigen Trägern der Landeshauptstadt Dresden als zukunftsweisender Ansatz betrachtet. Erste Elemente werden bereits in anderen Einrichtungen erprobt. In diesem Bereich sehen wir daher ein erhebliches Transferpotenzial für die Weiterentwicklung eines gebundenen Ganztags.

Ein zweiter zentraler Entwicklungsbereich sind die Lernpfade als Alternative zu einer klassischen Notenorientierung. Die Universitätsschule konnte eine Befreiung von der Notengebung bis einschließlich Klassenstufe acht umsetzen und hat stattdessen Formen individueller Lernrückmeldungen entwickelt. Die gegenwärtigen Diskussionen im Rahmen des Bildungslands Sachsen 2030 über alternative Formen der Leistungsbewertung und eine teilweise Abkehr von der klassischen Notengebung zeigen, dass Impulse aus diesem Bereich inzwischen deutlich über die Universitätsschule hinauswirken.

Besonders bedeutsam erscheint auch der Praxistag in den Klassenstufen sieben und acht. Schülerinnen und Schüler verbringen dabei über einen längeren Zeitraum hinweg regelmäßig einen Tag pro Woche in Betrieben oder Einrichtungen. Ursprünglich entstand dieses Modell auch als Antwort auf Herausforderungen des Lehrkräftemangels und der Frage, wie Schule stärker mit beruflicher Orientierung verbunden werden kann. Mittlerweile wird dieser Ansatz insbesondere von Schulen in ländlichen Regionen Sachsens aufgegriffen. Viele der organisatorischen und rechtlichen Hürden, die im Rahmen des Schulversuchs zunächst überwunden werden mussten, sind heute bereits geklärt, wodurch die Übernahme des Modells erheblich erleichtert wird.

Ein weiteres Beispiel stellt die Jugendschule dar. Sie knüpft an reformpädagogische Ansätze, insbesondere an Überlegungen Maria Montessoris, an und verfolgt das Ziel, Jugendlichen mehr Eigenverantwortung und Praxisbezug in ihren Bildungsprozessen zu ermöglichen. Einzelne Elemente dieses Konzepts finden inzwischen auch an anderen öffentlichen Schulen Anwendung, wenngleich bislang selten in der umfassenden Form, wie sie an der Universitätsschule umgesetzt wird.

Auch auf der Ebene der Unterrichtsentwicklung lassen sich Ansätze beobachten, die zunehmend außerhalb der Universitätsschule aufgegriffen werden. Dazu gehören Formen des selbstregulierten Lernens, die an der Universitätsschule systematisch entwickelt wurden. Während im sächsischen Lehrplan traditionell vom selbstorganisierten Lernen gesprochen wird, zielt unser Ansatz stärker auf die Förderung der Fähigkeit von Schülerinnen und Schülern, ihr Lernen eigenständig zu planen, zu reflektieren und zu steuern. Angesichts aktueller Herausforderungen wie des Lehrkräftemangels erhält dieses Thema derzeit erneut besondere Aufmerksamkeit. Ähnliches gilt für fächerverbindenden Unterricht sowie projektorientierte Lernformen, die inzwischen vielerorts als wichtige Bausteine einer zeitgemäßen Schulentwicklung diskutiert werden.

Insgesamt zeigt sich, dass die Universitätsschule weniger einzelne isolierte Innovationen hervorbringt, sondern Entwicklungsprozesse anstößt, die schrittweise weiterentwickelt, angepasst und schließlich auch von anderen Schulen übernommen werden können. Genau darin liegt die Funktion eines Reallabors für Schulentwicklung.

News4teachers: Sie haben schon mehrfach auf die schwierige finanzielle Situation der wissenschaftlichen Begleitforschung hingewiesen. Inwieweit ist diese auf das Ende der Landesförderung zurückzuführen, die 2025 ausgelaufen ist?

In den nächsten Tagen erscheint der zweite Teil des Interviews auf News4teachers.

 

Gute Noten für Deutschlands spannendsten Schulversuch, die Universitätsschule Dresden

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17 Kommentare
Realist
3 Stunden zuvor

aktuell den Evaluationsbericht ohne zusätzliche Ressourcen und damit ehrenamtlich erstelle.“

Sorry, Frau Professorin. Das gehört doch einfach dazu, wenn man im System Schule arbeitet. Das ist für Lehrkräfte seit Jahrzehnten selbstverständlich! Wir entwickeln dauernd Komzepte, Curricula usw. und evaluieren diese „ohne zusätzlich Ressourcen und damit ehrenamtlich“.

„Insbesondere seit der Genehmigung der gymnasialen Oberstufe ist die Umsetzung der konzeptionellen Ideen der Universitätsschule deutlich anspruchsvoller geworden.“

Das nennt man „Output-Orientierung“, also Ausrichtung des schulischen Unterrichts an messbaren Ergebnissen, hier in Form des Zentralabiturs. Das wurde von Wissenschaftlern vor mehr als zwanzig Jahren als „Heiliger Grahl“ empfohlen und anschließend von der Politik flächendeckend implementiert und jetzt hat ausgerechnet eine „Universitätsschule“ Probleme damit? Verstehe ich nicht, da sollten doch die Expertinnen sitzen, die sich das alles ausgedacht haben.

Zudem kämpft die Universitätsschule auch nach sieben Jahren noch um angemessene räumliche Bedingungen.“

Damit kämpfen andere Schulen seit Jahrzehnten und kommen auch irgendwie zurecht. Zwangsweise. Warum kann das die „Universitätsschule“ nicht auch? Geht es bei dieser Schule um eine „didaktisch-pädagogische Traumschule“ oder darum, wie man unter gegebenen Bedingungen das Beste herausholen kann? 50 Milliarden Euro Investitionsstau im Schulsystem werden eben nicht nur an der „Universitätsschule“ sichtbar…

Palim
3 Stunden zuvor
Antwortet  Redaktion

Ich denke schon, dass wir den Artikel verstanden haben:

  • Die Arbeit kann nicht gemacht werden, weil personelle Ressourcen und Geld fehlen.
  • Es fehlt an angemessenen räumlichen Bedingungen.
  • Entwicklung ist schwierig, wenn Schulträger nicht mitmachen möchten oder nicht zusätzlich investieren wollen oder können.
  • Es fällt schwer, die Ergebnisse zu evaluieren, wenn man das zusätzlich in der Mangelsituation leisten muss.
  • Es ist schwierig, das erworbene Wissen weiterzugeben und Fortbildungen zu halten, wenn es zusätzlich erfolgen muss.

Ja, so ist es in der Schule, auch ganz ohne Uni-Anbindung, Studierende zur Unterstützung, den Alltag und die ständig neuen Ideen, die von außen in die Schule gebracht werden, auf die man reagieren und sich einstellen muss.
Dazu gibt es dann Schulen im Brennpunkt, Schulen mit Unterversorgung, fehlende Vertretungen, Ganztag ohne Fachpersonal etc.

Wenn das jetzt an einer Uni-Schule erhoben und festgestellt wird, hat es ja vielleicht mehr Gewicht als die unzähligen Berichte von Lehrkräften, die das täglich erleben.
Die können ihre Aufgaben aber nicht auf die lange Bank schieben, weil es gerade so schwierig ist.

Masha
2 Stunden zuvor
Antwortet  Redaktion

Aber die Schule und die Lehrer gibt es doch noch. Die könnten doch einfach wie bisher weiterarbeiten. An anderen Schulen muss es doch auch gehen. Die „Begleitforschung“ wirkt sich doch nicht direkt auf die praktische Arbeit aus, oder? Immerhin konnten die Lehrer dort doch schon wissenschaftliche Erfahrungen sammeln und brauchen diese nur fortzusetzen. Wenn dieses sich bisher bewährt hat, werden die Lehrer ihre neuen Erkenntnisse doch sicher weiter mit Begeisterung fortführen und weiterentwickeln, ohne begleitende Forscher.

Palim
1 Stunde zuvor
Antwortet  Redaktion

Was eine unbelegte Behauptung ist.

Wenn weniger Stellen als für den Bedarf nötig ausgeschrieben und noch weniger besetzt werden, wenn die Pflichtstundentafel nicht versorgt werden kann und der Ganztag mit BufDis ausgestaltet wird, spart man eine Menge Geld.

Alles andere, was an Schule implementiert wird, alles, was immer neu gefordert wird, wird den in Schule Beschäftigten aufgetragen – in der Regel ohne Entlastung.

Ja, es ist nicht gut, dass die Forschungsgelder gestrichen wurden und Mitarbeitende fehlen und offenbar auch nicht über die Lehrstühle der Uni finanziert werden können. Diese Finanzierung hätte man auf 15 Jahre vorab festschreiben und absichern müssen.

Es wird im Artikel aber auch angesprochen, dass auch andere Mittel fehlen, Räume fehlen … und das ist Alltag an sehr vielen Schulen.

Man muss auskommen mit dem, was man hat, erreichen, was damit möglich ist, und aushalten, dass die Wirklichkeit nicht dem Wunsch entspricht, wie Lehrkräfte oder Personen außerhalb der Schule sich den Alltag dort vorstellen.

Genau das ist laufend die Kritik: Es werden Leistungen erhoben, nie aber die Bedingungen. Es werden Forderungen gestellt, nie aber die Umstände oder Ressourcen dafür überhaupt ins Gespräch gebracht. Schule soll mit bestehendem Mangel immer mehr übernehmen und erreichen, muss sich aber gleichzeitig vorwerfen lassen, dass die Leistung nicht stimmen und die Leistungsbereitschaft nicht gegeben sei.

Gleichzeitig wird alles das, was an Schule längst erfolgt, gar nicht erhoben und gar nicht gesehen – keine wissenschaftliche Begleitung, also nicht existent.
Stattdessen wissen viele, wie Schule zu sein hat, ohne überhaupt in der Schule zu sein, zu hospitieren oder nachzufragen.
Es gibt sicherlich eine Menge Lehrkräfte, die etliches ausprobieren und auch evaluieren, die ihren Unterricht immer wieder anpassen, neu denken – im Rahmen der bestehenden Räume, allein, stetig.
Das ist keine wissenschaftliche Begleitung, das ist mir bewusst, aber lieber wäre mir in der Not, wenn wir erst einmal ausreichend Personal für den Alltag hätten.

Katze
3 Stunden zuvor

Oh, das nächste sächsische RealLabor…
Kommt eine Schulidee aus der Universität, treibt es jedem leistungsorientierten Oldschool-Lehrer Schweißperlen auf die Stirn. Schließlich entstehen dort inzwischen nicht nur neue Schulkonzepte, sondern sogar Professuren für Glück, Wohlbefinden und Positive Psychologie. Dass dabei ausgerechnet Fachwissen und Leistung gelegentlich wie Randnotizen wirken, dürfte reiner Zufall sein. Und siehe da: Die Universitätsschule Dresden gilt als eines der ambitioniertesten Schulentwicklungsprojekte Deutschlands. Ambitioniert heißt im Bildungsdeutsch bekanntlich oft: möglichst weit weg vom Klassenzimmer – aber mit maximalem Sendungsbewusstsein.
Besonders interessant: Seit der Genehmigung der gymnasialen Oberstufe sei die Umsetzung der eigenen Ideen „deutlich anspruchsvoller“ geworden. Viele der ursprünglich entwickelten Konzepte bewegten sich „an den Grenzen bestehender administrativer Vorgaben“ und müssten ständig „abgestimmt“ und „ausgehandelt“ werden.
Was gibt es da überhaupt auszuhandeln? Die Schülerinnen und Schüler der Universitätsschule Dresden müssten die gymnasiale Lernlandschaft der Oberstufe doch im Vorbeigehen meistern. Schließlich wurde jahrelang versprochen, genau dieses Konzept sei die Schule der Zukunft. Merkwürdig nur, dass die Zukunft ausgerechnet am Abitur plötzlich nach Dauerabstimmung verlangt.
Übersetzt: Sobald das Abitur mit seinen verbindlichen Leistungsanforderungen vor der Tür steht, kollidieren die schönen Theorien und eigenen Ideen mit der Realität. Plötzlich reichen Lernblasen, Coachings und Prozessmoderation offenbar doch nicht mehr aus – dann braucht es Fachwissen und kognitive (Einzel)Leistung. Dabei werden die Anforderungen im sächsischen Abitur seit 2025 mit den IQB-Bildungsstandards ohnehin bereits auf ein Niveau umgestellt, das viele Lehrkräfte der gymnasialen Oberstufe als Verwässerung des bisherigen Anspruchs sehen. Und mancher Lehrer dürfte sich zudem fragen, ob das „Aushandeln“ und „Abstimmen“ inzwischen nicht längst auch in so mancher Versetzungskonferenz oder mündlichen Abiturprüfung Einzug gehalten hat. Ist selbst das für die Konzepte der Reallabore noch zu viel Realität?
Klingt für mich verdächtig nach dem bekannten Blubbern anderer Bildungs-Reallabore: Erst wird die klassische Schule für überholt erklärt, dann geraten die eigenen Konzepte genau an den Strukturen ins Schleudern, die jahrzehntelang für Vergleichbarkeit und Qualität gesorgt haben. Vielleicht liegt das Problem ja nicht in den Vorgaben – sondern darin, dass man Wissenschaft zunehmend mit Bildungsromantik verwechselt.
Sachsen gilt im Leistungsvergleich noch als Einäugiger unter den Blinden. Mit jedem neuen pädagogischen Reallabor arbeitet man jedoch entschlossen daran, auch dieses letzte Auge zu schließen.

#Reallabor #Bildungsexperimente #Pädagogikblase #SchuleDerZukunft #FachwissenStattBuzzwords #InnovationOderIllusion

Katze
2 Stunden zuvor
Antwortet  Redaktion

Habe keine Angst vor Widerstand denke daran, dass es der Gegenwind und nicht der Rückenwind ist, der einen Drachen steigen lässt.

Sprichwort aus der Drachenstadt

Maybe
1 Stunde zuvor
Antwortet  Redaktion

„Gut gebrüllt Löwe“ ( in positivem Sinne )
Ja, hier rollen auch die Blechbüchsen oft recht schnell, ohne rechts und links zu schauen, unter Getöse den KommentarHang hinunter.
( Ich weiß schon, dass Max Kruse mit der Blechbüchsenarmee das Militär karrikieren wollte – aber es gibt auch im Zivilleben gar viele Haudraufs, wie man auch hier erlesen kann)

Hans Malz
3 Stunden zuvor

„Hinzu kommt, dass die wissenschaftliche Begleitung des Schulversuchs über viele Jahre hinweg nicht in dem Umfang unterstützt wurde, der für eine systematische Dokumentation und Rekonstruktion aller Entwicklungsprozesse notwendig gewesen wäre.“

Na dann müssen die an der Uni halt mal ihr Mindset ändern. Auch außerhalb einer auskömmlichen Finannzierung ist Veränderung möglich, wenn man nur will. Dazu muss man halt mal den Extrameter gehen. Ich finde, dass man das schon erwarten kann. Es geht doch um die Kinder und die Zukunft.

Fräulein Rottenmeier
2 Stunden zuvor

Hier wie dort: Ohne Moos Nix los…..
Auf der einen Seite sehr bedauerlich, dass die Ressourcen fehlen, um eine ordentliche Evaluation zum Anschluss zu bringen. Auf der anderen Seite trifft dieser Umstand genau die Realität, die an den meisten anderen Schulen in Deutschland herrscht.
Vielleicht erdet dieses Erlebnis ja auch und bezieht zukünftig den Umstand mit ein, dass Innovationen nur dann stattfinden können, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Wäre ja auch eine Erkenntnis, die in so eine Evaluation miteinfließen kann….

Hans Malz
1 Stunde zuvor

Eine nahezu revolutionäre Erkenntnis … total crazy …

Canishine
1 Stunde zuvor

An diesem Beispiel kann man sehen, welchen Stellenwert Bildungsforschung und damit Bildung letztlich haben, wenn das Geld knapp wird. Mir erscheint der Schulversuch in Dresden vergleichsweise realitätsnah, und es ist sicherlich sinnvoll, neue Konzepte und Ideen mit langfristiger wissenschaftlicher Begleitung zu erproben. Und auch wenn ich nicht alle Ansätze der Schule (soweit mir bekannt) für erfolgversprechend bzw. In der Breite umsetzbar halte, wäre die Einstellung der finanziellen Unterstützung dieses Projekts ein Rückschritt für die Bildung in Deutschland.

Hysterican
1 Stunde zuvor

An die Red:

Schönes Symbolbild … aber die Tatsache, dass der „Seiltänzer“ noch Sicherheitsleinen hat ist völlig unrealistisch … was wir erleben ist, dass aus dem Publikum noch mit Steinen nach dem „Artisten“ geworfen wird, während an den jeweiligen Seilenden die Bildungspolitiker noch fleißig das Seil ins seitwärtsschwingen bringen … und zwar arythmisch.

ich nehme noch Wetten an,….. – nicht ob – sondern wie schnell der Künstler den ungesicherten Abgang macht.