BRAUNSCHWEIG. Frühe Sprachförderung wirkt, sagt Sprachwissenschaftler Holger Hopp. Entscheidend sei jedoch nicht nur der Startzeitpunkt. Im zweiten Teil des News4teachers-Interviews erklärt der Professor für Englische Sprachwissenschaft und Mitgründer des Mannheimer Zentrums für Empirische Mehrsprachigkeitsforschung (MAZEM), warum gerade der Übergang von der Kita in die Grundschule kritisch ist und was sich aus seiner Sicht ändern muss.
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News4teachers: Damit sprechen Sie indirekt einen wichtigen Punkt an: Von sprachlicher Bildung und Sprachförderung profitieren ja nicht nur Kinder, die mit einer anderen Erstsprache aufwachsen. Auch Kinder, die zu Hause weniger sprachliche Anregung erhalten, dürften in gleichem Maße von solchen Angeboten profitieren.
Holger Hopp: Genau, das ist ein ganz wichtiger Punkt. Schlechte Deutschkenntnisse sind – um es deutlich zu sagen – kein Problem, das durch Mehrsprachigkeit entsteht.
Wir sehen das auch in den Sprachförderprojekten der aim (Akademie für Innovative Bildung und Management Heilbronn-Franken gGmbH; Anm. d. Red.), die wir am MAZEM evaluiert haben beziehungsweise evaluieren: Dort sind viele Kinder, die Deutsch als Erstsprache haben, also aus deutschsprachigen Familien kommen. Sie wachsen aber in einem eher bildungsfernen oder sprachlich wenig anregenden Umfeld auf und haben deshalb ebenfalls Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache und Förderbedarf.
„Digitale Werkzeuge können auch wichtige diagnostische Instrumente sein“
News4teachers: Sie haben bereits beschrieben, worauf es bei erfolgreicher Sprachförderung grundsätzlich ankommt. Wie bewerten Sie die Möglichkeiten, die digitale Lernangebote in diesem Bereich bieten. Können diese die sprachliche Bildung auf eine neue Ebene heben?
Hopp: Digitalisierung und auch die Nutzung von Künstlicher Intelligenz können sehr gute ergänzende Angebote sein. Sie können dazu beitragen, dass sich Kinder auch über die begrenzte Zeit im Unterricht oder in der Sprachförderung hinaus spielerisch mit Sprache beschäftigen.
Das sind sinnvolle flankierende Maßnahmen. Sie werden die sprachliche Bildung allerdings nicht auf eine neue Ebene heben. Denn das Entscheidende ist die Interaktion – und diese muss mit anderen Menschen stattfinden. Sprache dient der Kommunikation. Auf Dauer wollen wir nicht mit Apps, Maschinen oder KI-gestützten Sprachmodellen kommunizieren, sondern mit anderen Menschen: um ihnen etwas zu erzählen, sie zu etwas zu bewegen und dabei Selbstwirksamkeit zu erfahren.
Dennoch bietet die Digitalisierung große Chancen. Im Schulsystem werden diese Möglichkeiten oft noch nicht ausgeschöpft – unter anderem wegen mangelnder Ausstattung sowie fehlender Aus- und Fortbildungsangebote. Das ist schade. Denn digitale Werkzeuge können auch wichtige diagnostische Instrumente sein. Sie können helfen, den Sprachstand von Kindern einzuschätzen und darauf aufbauend sprachliche Angebote im Unterricht oder in der Sprachförderung gezielt auf die nächste Entwicklungsstufe der Lernenden auszurichten.

News4teachers: Einen stärkeren Fokus auf die Diagnostik legt inzwischen ja auch die Politik. Viele Bundesländer haben verpflichtende Sprachstandserhebungen im Kita-Bereich eingeführt. Kinder, die dabei auffallen, sollen noch vor der Einschulung zusätzliche Sprachförderung erhalten. Ist das aus Ihrer Sicht der richtige Weg?
Hopp: Anhand der Ergebnisse der Wirksamkeitsstudien, die wir vom MAZEM etwa zu den Sprachförderprojekten der aim durchführen und in denen wir Kinder über drei bis vier Jahre begleiten, sehen wir sehr deutlich: Ein früher Beginn der Sprachförderung ist entscheidend. Grundsätzlich sind Sprachstandserhebungen oder Screenings also sinnvoll, um Kinder mit Förderbedarf zu identifizieren. Aus unseren Evaluationen wissen wir allerdings auch, dass ihre Bedeutung überschätzt wird. Getestet bedeutet ja nicht auch gleichzeitig gefördert. Die Tests sind zudem für die beteiligten Einrichtungen oft zeitaufwendig und im Alltag schwer umzusetzen.
Hinzu kommt: Viele Testverfahren beruhen auf einem – stark monolingualen Blick. Die Vergleichswerte liegen häufig überwiegend oder sogar ausschließlich für einsprachige Kinder vor. Dadurch werden mehrsprachig aufwachsende Kinder oftmals allein aufgrund ihrer Mehrsprachigkeit als sprachförderbedürftig eingestuft, obwohl sie eine völlig normale mehrsprachige Entwicklung durchlaufen. Dass ihre Deutschkenntnisse zunächst noch nicht dem Niveau einsprachiger Kinder entsprechen, gehört in vielen Fällen zu diesem Entwicklungsprozess dazu.
In den aim-Projekten werden Kinder für das Sprachförderprogramm „Sprachliches Leben“ deshalb nicht ausschließlich auf Grundlage von Tests ausgewählt, sondern auch auf Empfehlung der pädagogischen Fachkräfte in den Kitas beziehungsweise der Grundschullehrkräfte. Das funktioniert insgesamt sehr gut. Die Fachkräfte verfügen über viel Erfahrung und können meist gut einschätzen, welche Kinder Förderbedarf haben und welche nicht.
Es gibt mittlerweile allerdings auch Testverfahren, die schon weiter sind – etwa LiSe-Daz, die Linguistische Sprachstandserhebung Deutsch als Zweitsprache, für die Vergleichswerte sowohl für einsprachige als auch für mehrsprachige Kinder vorliegen. Wenn wir solche Instrumente stärker nutzen oder weiterentwickeln, können pädagogische Fachkräfte sehr viel besser einschätzen, welche Kinder zusätzliche Unterstützung brauchen und welchen Kindern man einfach noch etwas Zeit geben kann.
„Gerade der Wechsel vom Elementar- in den Primarbereich birgt eine große Herausforderung“
News4teachers: Wo sehen Sie Chancen, aber auch Herausforderungen einer frühen Sprachförderung?
Hopp: Der frühe Beginn ist, wie gesagt, zentral. Genauso wichtig ist aber eine kontinuierliche Förderung mit Blick auf den Übergang von der Kita in die Grundschule. Das führt zu deutlich größeren Fördereffekten – bis hin zu sprachlichen Entwicklungsvorsprüngen von etwa einem Jahr. Doch gerade der Wechsel vom Elementar- in den Primarbereich, für den unterschiedliche Träger und Ministerien verantwortlich sind, birgt eine große Herausforderung. Dabei gehen häufig Zeit und Informationen verloren.
Davon abgesehen ist entscheidend, wie Sprachförderung den Kindern vermittelt wird. Im Idealfall heißt es: „Wir haben hier ein zusätzliches Angebot für dich, damit du deine sprachlichen Fähigkeiten weiterentwickeln kannst.“ Oft erleben Kinder aber etwas anderes: „Du kannst nicht gut genug Deutsch, deshalb musst du jetzt in die Sprachförderung.“ Das ist kontraproduktiv – insbesondere bei Kindern, die gar keine sprachlichen Defizite haben, sondern einfach mehrsprachig aufwachsen. Das schwächt ihre Selbstwirksamkeit, ihre Motivation und letztlich auch ihre sprachliche und soziale Teilhabe.
News4teachers: Abschließend noch eine grundsätzliche Frage: Wenn Sie der Bildungspolitik Empfehlungen geben könnten – was müsste sich aus Ihrer Sicht im Bereich sprachliche Bildung und Sprachförderung ändern? Wo würden Sie ansetzen?
Hopp: Mein erster Wunsch wäre, den Übergang von der Kita in die Grundschule stärker in den Blick zu nehmen und dafür zu sorgen, dass dort keine Brüche in der Bildungsbiografie und auch nicht in der sprachlichen Bildung von Kindern entstehen.
Der zweite Punkt betrifft die Gestaltungsmöglichkeiten vor Ort. Ressourcen sind natürlich immer ein Thema. Aber ich würde mir wünschen, dass mehr Freiräume für lokale Lösungen geschaffen werden – etwa für Kooperationen zwischen dem Elementar- und dem Primarbereich. Mittel sollten dort eingesetzt werden können, wo sie vor Ort gebraucht werden. Ansätze dafür sehen wir bereits, etwa im Startchancen-Programm oder in Baden-Württemberg mit dem Programm „Rückenwind“. Dort wird deutlich, wie groß das Engagement der Lehrkräfte und pädagogischen Fachkräfte ist. Dieses Engagement sollte nicht durch zu enge Vorgaben eingegrenzt werden.
Diese Punkte habe ich bewusst gewählt, weil es keine zu großen Forderungen sind, sondern solche, die tatsächlich Chance auf Umsetzung haben. News4teachers / Anna Hückelheim führte das Interview.
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Prof. Dr. Holger Hopp ist Professor für Englische Sprachwissenschaft an der Technischen Universität Braunschweig und Mitbegründer des Mannheimer Zentrums für Empirische Mehrsprachigkeitsforschung (MAZEM). Er zählt zu den führenden deutschen Forschern auf den Gebieten Spracherwerb, Mehrsprachigkeit und Sprachverarbeitung. Im Mittelpunkt seiner Arbeit steht die Frage, wie Kinder Sprache erfolgreich erwerben – und welche Formen der sprachlichen Bildung nachweislich wirksam sind.
Das MAZEM entstand 2011 aus der Forschungs- und Kontaktstelle Mehrsprachigkeit der Universität Mannheim. Seit 2002 entwickelt und begleitet das Team Projekte zur sprachlichen Bildung und Sprachförderung, berät Bildungseinrichtungen, evaluiert Programme und bietet Fort- und Weiterbildungen an. Ziel ist es, wissenschaftliche Erkenntnisse zu Spracherwerb und Mehrsprachigkeit so aufzubereiten, dass sie unmittelbar in Kitas, Schulen und anderen Bildungseinrichtungen genutzt werden können. Das MAZEM versteht sich als Brücke zwischen Forschung und Praxis und setzt dabei auf einen engen fachlichen Austausch mit den beteiligten Einrichtungen.
So begleiten Hopp und das MAZEM seit mehreren Jahren die Sprachförderprogramme der Akademie für Innovative Bildung und Management (aim) wissenschaftlich. Im Projekt „Kinder sprachlich begleiten“ untersuchten die Forschenden unter anderem die Entwicklung von Wortschatz, Grammatik, Lesefähigkeiten sowie sozial-emotionalen Kompetenzen von Kindern mit sprachlichem Förderbedarf beim Übergang von der Kita in die Grundschule. Ein zentrales Merkmal des Konzepts ist die kontinuierliche Begleitung durch dieselbe Förderlehrkraft über mehrere Jahre hinweg. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse fließen unmittelbar in die Weiterentwicklung der aim-Programme ein und bilden zugleich die Grundlage für die Aus- und Fortbildung von Förderlehrkräften. Damit verbindet die aim langjährige Praxiserfahrung mit wissenschaftlicher Evidenz.









