Start Leben Inklusion versprochen, Teilhabe verweigert: „Es geht um die Menschenwürde unserer Kinder“

Inklusion versprochen, Teilhabe verweigert: „Es geht um die Menschenwürde unserer Kinder“

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KÖLN. Inklusion ist in Deutschland seit 2009 bildungspolitisches Ziel – doch zwischen dem menschenrechtlichen Anspruch und dem Schulalltag vieler Kinder klafft weiterhin eine erhebliche Lücke. Andreas Albrecht, Vater zweier Töchter und stellvertretender Vorsitzender der Landeselternkonferenz NRW, kennt die Hürden schulischer Inklusion auch aus eigener familiärer Erfahrung. In seinem persönlichen Gastbeitrag beschreibt er fehlende Schulbegleitung, Therapie- und Transportprobleme nicht als bedauerliche Einzelfälle, sondern als Ausdruck eines Systems, das Teilhabe verspricht, sie aber nicht zuverlässig gewährleistet.

Draußen. (Symbolbild.) Illustration: News4teachers

Das Märchen von der schulischen Inklusion -Warum Lippenbekenntnisse keine Kinder beschulen

Im Wahlkampf sind fast alle für Inklusion. Danach beginnt das große Aber.

Aber das Personal fehlt. Aber die Kommune ist zuständig. Aber der Haushalt ist angespannt. Aber der Antrag muss neu geprüft werden. Aber der Schülerspezialverkehr ist nicht vorgesehen. Aber die Schule hat keine Kapazitäten. Aber Therapie kann nicht in Schule stattfinden. Aber zieldifferentes Lernen passt nicht ins Profil. Aber das Kind sei an einer anderen Schulform vielleicht doch besser aufgehoben.

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Am Ende steht vor jedem Kind mit Unterstützungsbedarf ein anderes Aber. Und hinter jedem Aber verschwindet ein Stück Teilhabe.

Seit Jahren erzählt sich Deutschland das Märchen von der schulischen Inklusion. Es steht in Wahlprogrammen, Koalitionsverträgen, Leitbildern, Schulbroschüren und Sonntagsreden. Alle sind dafür. Niemand will dagegen sein. Doch für viele Kinder und Familien beginnt nach diesen warmen Worten kein Recht auf Teilhabe, sondern ein Spießrutenlauf durch Anträge, Gutachten, Zuständigkeiten, Kürzungen und Ablehnungen.

Das ist keine Inklusion. Das ist die Verwaltung eines menschenrechtlichen Versprechens, dessen Umsetzung vielerorts noch nicht einmal richtig begonnen hat.

Seit dem 26. März 2009 ist die UN-Behindertenrechtskonvention in Deutschland rechtlich verbindlich. Seitdem ist schulische Inklusion kein freundlicher Wunsch, kein Modellversuch und kein pädagogisches Schmuckwort mehr. Sie ist menschenrechtliche Verpflichtung. Und genau daran gemessen ist die Bilanz verheerend.

Seit mehr als anderthalb Jahrzehnten wird Inklusion angekündigt, erklärt, befürwortet, vertagt und verwaltet. Wirklich umgesetzt wurde sie nicht. Keine politische Mehrheit, die seitdem Verantwortung getragen hat, kann sich davon freisprechen. Die Ausreden blieben.

Geblieben sind dieselben Kämpfe: um Schulbegleitung, Schülerspezialverkehr, Personal, Räume, Nachteilsausgleich, therapeutische Unterstützung, Zuständigkeiten und um die Frage, ob ein Kind willkommen ist oder nur geduldet wird.

Wer nach so vielen Jahren noch immer sagt, man sei „auf dem Weg“, verhöhnt die Familien, die diesen Weg seit Jahren auf Knien gehen müssen.

Die derzeit diskutierten Kürzungsvorschläge bei Eingliederungshilfe, Kinder- und Jugendhilfe, Schulbegleitung und Teilhabeleistungen reißen die Maske vom schönen Wort Inklusion. Sozialverbände warnen vor massiven Einschnitten bei Kindern, Jugendlichen und Menschen mit Behinderung. In der parlamentarischen Debatte wird kritisiert, dass Menschenrechte zur Verhandlungsmasse und Menschen mit Behinderung zum Kostenfaktor degradiert werden könnten.

Solange Inklusion nichts kostet, wird sie gefeiert. Sobald sie Personal, Zeit, Fahrdienste, Therapien und verlässliche Unterstützung braucht, wird sie zur Belastung erklärt. Dann wird nicht zuerst gefragt, was Kinder brauchen. Dann wird gefragt, was sich kürzen, bündeln, poolen, verschieben oder neu prüfen lässt. Aus Unterstützung wird ein Kostenblock. Aus Teilhabe wird ein Einsparpotenzial. Aus einem Kind mit Anspruch auf Bildung wird ein Fall in einer kommunalen Rechnung.

Das Problem ist nicht die Vielfalt der Kinder. Nicht das Kind mit Autismus, nicht das Kind mit Dyskalkulie, nicht das Kind mit ME/CFS, Diabetes, einer körperlichen Behinderung, einer psychischen Erkrankung oder einem anderen Unterstützungsbedarf ist das Problem. Inklusion kann gar nicht ehrlich bewertet werden, solange ihre Voraussetzungen vielerorts nicht geschaffen werden. Was wir erleben, ist nicht das Versagen der Inklusion — sondern der fehlende politische Wille, sie endlich wirklich beginnen zu lassen.

Wer Inklusion will, muss Personal bezahlen, Schulbegleitung verlässlich sichern, Schülerspezialverkehr ermöglichen, therapeutische Unterstützung in Schule integrieren, Lehrpläne modernisieren und Schulen so ausstatten, dass Verschiedenheit nicht als Ausnahmefall behandelt wird. Alles andere ist kein Konzept. Es ist Mangelverwaltung.

Ich schreibe das nicht abstrakt. Ich kenne diesen Kampf. Ich kenne Gespräche, in denen Eltern nicht zuerst gefragt werden, was ihr Kind kann, sondern was es kostet, welche Hilfe erneut begründet werden muss und ob Unterstützung vielleicht auch mit weniger Stunden reichen könnte. Viele Familien erleben genau das jedes Jahr. Schulbegleitung wird nicht selbstverständlich fortgeführt, sondern neu verhandelt. Stunden werden nicht am Bedarf des Kindes gemessen, sondern an knappen Haushalten. Eltern müssen wieder und wieder nachweisen, was längst bekannt ist. Aus einem Recht wird ein Bittgang.

Denn Kinder spüren sehr genau, ob sie willkommen sind oder ob sie als Belastung betrachtet werden. Sie spüren, ob Erwachsene an ihre Möglichkeiten glauben oder nur ihre Akte sehen.

Eines der hartnäckigsten Vorurteile über das Gemeinsame Lernen ist die Vorstellung, Kinder mit Förderbedarf seien automatisch die Schwächeren in der Klasse. Das ist falsch. Förderbedarf ist kein Leistungsurteil. Ein Kind kann Unterstützung beim Lernen, in der Kommunikation, in der Wahrnehmung, in der Motorik, in der sozialen Orientierung oder im Schulalltag brauchen — und trotzdem in einzelnen Fächern, Themen oder Fähigkeiten stärker sein als viele Kinder ohne Förderbedarf.

Wer diese Kinder nur über ihren Unterstützungsbedarf definiert, sieht nicht ihre Möglichkeiten. Er sieht nur die Verwaltungsakte.

Genau deshalb ist es so fatal, wenn Schule weiter an starren Lehrplänen und alten Leistungsbildern hängt. Viel zu oft wird gefragt, ob ein Kind in den bestehenden Ablauf passt. Ob es den Lehrplan schafft. Ob es tragbar ist. Ob es stört. Ob es zu teuer wird. Eine inklusive Schule müsste genau andersherum fragen: Was muss Schule verändern, damit dieses Kind lernen, dazugehören und seine Stärken zeigen kann?

Auch innerhalb der angeblichen Inklusion wird wieder aussortiert. Zielgleich? Vielleicht. Zieldifferent? Schon schwieriger. Körperlich eingeschränkt? Wenn Räume und Wege passen. Emotional-sozialer Unterstützungsbedarf? Lieber nicht zu viel. Autismus? Kommt darauf an, wie „störungsarm“ das Kind funktioniert.

So sieht die Wirklichkeit vielerorts aus. Nicht jedes Kind mit Unterstützungsbedarf ist gleich willkommen. Das System sucht sich die Kinder aus, deren Unterstützung noch in den Ablauf passt. Die anderen werden weitergereicht. So wird aus Inklusion eine Sortiermaschine mit freundlicher Fassade.

Diese Kritik richtet sich nicht nur an eine Partei. Genau das ist der bittere Punkt. Schulische Inklusion leidet nicht daran, dass zu wenige Parteien schöne Worte für sie finden. Schöne Worte gibt es genug: in Wahlprogrammen, Koalitionsverträgen, Leitbildern und Sonntagsreden. Die nächsten Wahlen werden zeigen, ob Inklusion für die demokratischen Parteien mehr ist als ein Programmpunkt, der nach der Wahl wieder hinter Zuständigkeiten, Haushaltslagen und angeblichen Sachzwängen verschwindet — oder ob Teilhabe endlich als politischer Auftrag verstanden wird.

Ein Beispiel dafür ist Nordrhein-Westfalen. Offiziell soll bei festgestelltem sonderpädagogischem Unterstützungsbedarf grundsätzlich mindestens eine allgemeine Schule benannt werden, an der ein Angebot zum Gemeinsamen Lernen eingerichtet ist. Gleichzeitig erklärt das Schulministerium, dass zieldifferentes Lernen an Gymnasien ein freiwilliges Angebot ist.

Das ist ein Widerspruch im Herzen des Systems: Inklusion soll Regelfall sein — aber ausgerechnet die prestigeträchtigste Schulform darf sich Teilen dieser Verantwortung leichter entziehen. So entsteht keine inklusive Bildungslandschaft, sondern eine parallele Schulwelt: hier die Schulen für Vielfalt, dort die Schonzone eines selektiven Systems.

Auch die aktuelle Kürzungsdebatte zeigt, dass das Problem nicht an einer einzelnen Parteifarbe hängt. Wenn bei Eingliederungshilfe, Schulbegleitung und Teilhabeleistungen gespart werden soll, dann wird das Versprechen der Inklusion nicht mit lauten Parolen gebrochen, sondern mit Haushaltsentscheidungen. Dann wird nicht offen gesagt: Dieses Kind soll weniger dazugehören. Dann heißt es: Ressourceneinsatz, Pooling, Zuständigkeit, Prüfung, Haushaltslage.

Das klingt nüchtern. Für Familien aber bedeutet es Angst: ob die Schulbegleitung bleibt, ob die Stunden reichen, ob das Kind den Weg zur Schule überhaupt schafft, ob die Schule noch mitträgt, ob man wieder kämpfen muss, ob das eigene Kind am Ende doch aussortiert wird.

„Viele Schulen sind nicht die Gegner der Inklusion. Viele Lehrkräfte, Sonderpädagoginnen, Sozialarbeiter, Therapeutinnen und Schulleitungen wollen mehr, als sie leisten können“

Das ist der eigentliche Skandal: Die demokratischen Parteien sprechen von Teilhabe, aber sie organisieren sie nicht verlässlich. Sie bekennen sich zur UN-Behindertenrechtskonvention, aber sie lassen Eltern um Schulbegleitung kämpfen. Sie loben Gemeinsames Lernen, aber sie sichern den Schülerspezialverkehr nicht ausreichend. Sie reden von multiprofessionellen Teams, aber stellen nicht genug Personal bereit. Sie verlangen von Schulen Inklusion, aber verweigern ihnen zu oft die Voraussetzungen dafür.

So entstehen gebrochene Versprechen. Nicht, weil Inklusion unmöglich wäre. Sondern weil sie politisch immer wieder nur so weit getragen wird, wie sie nicht weh tut, nicht teuer wird und alte Strukturen nicht ernsthaft verändert.

Zur Wahrheit gehört aber auch: Viele Schulen sind nicht die Gegner der Inklusion. Viele Lehrkräfte, Sonderpädagoginnen, Sozialarbeiter, Therapeutinnen und Schulleitungen wollen mehr, als sie leisten können. Man darf Schulen nicht für eine Inklusion verantwortlich machen, die Politik nie ausreichend möglich gemacht hat.

Wer einer Schule gemeinsames Lernen aufträgt, aber keine ausreichenden multiprofessionellen Teams, keine verlässliche Schulbegleitung, keine therapeutische Unterstützung, keine Räume, keinen Schülerspezialverkehr und keine Zeit für Kooperation bereitstellt, produziert Überforderung — und nennt sie anschließend pädagogisches Problem.

Und trotzdem gibt es einen Unterschied, der nicht verwischt werden darf. Die demokratischen Parteien tragen Verantwortung, wenn sie Inklusion versprechen und sie anschließend praktisch aushöhlen. Die AfD greift den Gedanken der Inklusion offen an. Das eine ist gebrochenes Versprechen. Das andere ist politischer Angriff auf Teilhabe selbst.

Im Bundestagswahlprogramm der AfD wird Inklusion nur „mit Augenmaß“ gefordert; Förderschulen sollen nach dieser Linie wieder der Regelfall für Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf werden. Noch deutlicher wird es im AfD-Programm für Sachsen-Anhalt. Dort wird Inklusion ausdrücklich als „Experiment“ bezeichnet, das „auf ganzer Linie gescheitert“ sei. Am Ende steht dort die Ankündigung, Inklusion unverzüglich zu beenden und Förderschulen auszubauen.

Das ist keine Reform. Das ist Rückabwicklung.

Die AfD ist keine Alternative zu einer Inklusion, die politisch bis heute nicht ernsthaft ermöglicht wurde. Sie ist die offene Absage an das Versprechen gemeinsamer Teilhabe. Während andere Parteien Inklusion versprechen und sie anschließend durch fehlendes Personal, verweigerten Spezialverkehr, unsichere Schulbegleitung und Haushaltsvorbehalte ausbluten lassen, sagt die AfD im Grunde gleich, dass sie dieses Recht nicht will. Sie verstellt sich weniger — aber nicht aus Anstand, sondern weil sie den Gedanken gemeinsamer Teilhabe grundsätzlich verwirft.

Wer Inklusion zurückdrängen oder beenden will, stellt nicht nur eine pädagogische Organisationsform infrage. Er stellt infrage, ob Kinder mit Behinderung, chronischer Erkrankung, Autismus, Lernbesonderheiten oder anderem Unterstützungsbedarf selbstverständlich dazugehören. Damit berührt diese Debatte den Kern unserer Verfassung: die gleiche Würde jedes Menschen.

Und an jene, die heute vielleicht darüber nachdenken, genau so eine Politik zu wählen, richtet sich eine einfache Frage: Was ist, wenn es morgen nicht mehr um „die anderen“ geht? Was ist, wenn plötzlich das eigene Kind betroffen ist? Das Enkelkind? Der Neffe, die Nichte? Was ist, wenn eine Diagnose kommt, ein Unfall, eine chronische Erkrankung, eine psychische Belastung, Autismus, Diabetes, ME/CFS oder eine Lernbesonderheit — und genau dann die Unterstützung fehlt, die heute noch als überflüssig, zu teuer oder störend abgetan wird?

Menschenwürde ist kein Recht, das man erst verteidigen sollte, wenn es in der eigenen Familie gebraucht wird. Teilhabe ist keine Gefälligkeit für andere. Sie ist ein Versprechen an uns alle. Wer Inklusion schwächt, schwächt nicht nur die Rechte einer Minderheit. Er schwächt die Sicherheit jeder Familie, dass ein Kind auch dann dazugehört, wenn es nicht in die Norm passt.

„Wer Inklusion fordert, muss wissen, wohin eine Gesellschaft geraten kann, wenn sie Menschen nach Leistung, Anpassung, Gesundheit, Kosten und vermeintlichem Nutzen bewertet“

Hier liegt auch die historische Verantwortung dieses Landes. Die nationalsozialistischen „Euthanasie“-Morde, die unter dem Namen „Aktion T4“ geplant und organisiert wurden, sind kein fernes Randkapitel der Geschichte. Menschen wurden entrechtet, erfasst, begutachtet, abtransportiert und ermordet, weil ihr Leben als krank, behindert, nicht leistungsfähig, nicht nützlich oder belastend abgewertet wurde. Die Morde standen zudem in einem engen Zusammenhang mit späteren Formen des industriellen Massenmordes. Dieser Zusammenhang ist wissenschaftlich erforscht, aber öffentlich bis heute viel zu wenig präsent.

Das muss in die Schulen. Nicht als Zusatzthema für einen besonderen Projekttag. Nicht als Fußnote zwischen Nationalsozialismus und Holocaust. Sondern als fester Bestandteil historisch-politischer Bildung.

Wer Inklusion fordert, muss wissen, wohin eine Gesellschaft geraten kann, wenn sie Menschen nach Leistung, Anpassung, Gesundheit, Kosten und vermeintlichem Nutzen bewertet. Heute ist nicht damals. Aber wer aus der Geschichte lernen will, muss empfindlich werden gegenüber jedem Denken, das Menschen zuerst als Belastung beschreibt.

Deshalb sollte die Geschichte der NS-„Euthanasie“ verbindlich im Unterricht behandelt werden. Filme wie „Nebel im August“ können dabei ein wichtiger Zugang sein, wenn sie pädagogisch gut begleitet werden. Schülerinnen und Schüler müssen erfahren, dass Ausgrenzung nicht mit Mord beginnt. Sie beginnt mit Sprache. Mit Kategorien. Mit Akten. Mit Zuständigkeiten. Mit dem Gedanken, dass manche Menschen weniger zählen.

Gerade darum ist Inklusion keine freundliche Zusatzleistung. Sie ist ein Prüfstein dafür, welches Menschenbild Schule lebt.

Ein inklusives Schulsystem erkennt man nicht daran, dass es das Wort Inklusion benutzt. Man erkennt es daran, ob ein Kind morgens zuverlässig zur Schule kommt, dort Unterstützung erhält, nicht aus dem Unterricht herausorganisiert wird, nicht am Transport scheitert, nicht wegen fehlender Therapieplätze Unterricht verpasst, nicht jedes Jahr neu beweisen muss, dass es Hilfe braucht, und nicht spüren muss, dass es für das System zu anstrengend ist.

Solange das nicht gelingt, ist schulische Inklusion kein eingelöstes Versprechen. Sie ist ein Märchen — und für viele Familien ein bitteres.

Lippenbekenntnisse beschulen keine Kinder. Broschüren ersetzen keine Schulbegleitung. Sonntagsreden fahren kein Kind zur Schule. Haushaltsvorbehalte schaffen keine Teilhabe. Und ein Bildungssystem, das Vielfalt nur dann akzeptiert, wenn sie wenig kostet, hat mit echter Inklusion noch nicht einmal begonnen.

Es ist der organisierte Bruch eines menschenrechtlichen Versprechens — auf dem Rücken der Kinder, die am meisten Schutz und Unterstützung brauchen.

Zur Person

Andreas Albrecht ist Vater zweier Töchter. Er engagiert sich unter anderem als stellvertretender Vorsitzender der Landeselternkonferenz NRW, im Städtepartnerschaftsverein Köln–Tel Aviv-Yafo sowie als Beisitzer im Vorstand des Städtepartnerschaftsvereins Köln–Esch-sur-Alzette. Zudem ist er Mitglied der Kölschen Kippa Köpp. Sein Einsatz gilt Verständigung, Vielfalt, Erinnerungskultur und gesellschaftlichem Zusammenhalt. Der Text gibt seine persönliche Haltung wieder.

Erinnerungskultur: „Meine Tochter hätte im Nationalsozialismus kaum eine Chance gehabt“

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29 Kommentare
Bla
24 Tage zuvor

So ist es im Prinzip.
Guter Beitrag/Artikel.

Uhu
23 Tage zuvor

Weder die UN-Behindertenkonvention von 2006 noch die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts verlangen die vollständige Auflösung von Sonderschulen. Vielmehr gewährt die Gesetzeslage Eltern nun das Recht, Kinder mit Behinderungen an Regelschulen anzumelden, wobei Schulen eine Aufnahme in begründeten Ausnahmen verweigern dürfen. Nach Auffassung des Bundesverfassungsgerichts steht eine pauschale Abschaffung von Förderschulen nicht in Übereinstimmung mit dem Grundgesetz; entscheidend bleibt stets eine einzelfallbezogene Prüfung des Kindeswohls und der optimalen Förderung.

(nachzulesen bei den Schulrechtsexperten Günther Hoegg und Thomas Böhm!)

Fridolin
22 Tage zuvor
Antwortet  Uhu

Es sollte auch meiner Meinung nach immer darum gehen, was ist für das jeweilige Kind im Einzelfall am besten und es müssen immer auch die Rechte der anderen Kinder in der Klasse auf einen gelingenden Unterricht beachtet werden. Deshalb macht es auch aus meiner Sicht keinen Sinn, ideologisch verbrämt die generelle Schließung von Förderschulen zu fordern.

Wenn ich lese, was manche da so alles für ihr eines Kind fordern, was natürlich der Staat bezahlen soll, dann frage ich mich, woher soll all das Geld kommen, wenn man doch gleichzeitig immer wieder liest, das nicht genug da ist und die Sozialabgaben überhand nehmen, weswegen wir ja nun die Rente haben, wie sie ist (und nicht höher) und uns weitere Kürzungen bevorstehen, alleine schon durch die Anhebung des Renteneintrittsalters. Auch als Kranke bekommen wir weniger Leistungen, müssen selber mehr zahlen usw. Also wie soll das alles finanziert werden, was manche da so verständlicherweise gerne für ihr eines Kind hätten? Wer soll das bezahlen? Renteneintritt noch später? Grundsicherung noch geringer? Steuern rauf? Da hätte ich gerne mal Antworten.

Bla
22 Tage zuvor
Antwortet  Redaktion

Hier müsste man jedoch wieder „gruppieren“, einordnen und einteilen.
Also „welche Ausgaben konkret“ rechnen sich im Schnitt?
Nimmt man den Gesamtschnitt, dann stimmt dies.
Schaut man sich die Einzelbelastungen an – wie sieht es denn dort aus?

Und hier wird halt ein systemisches Problem und die Herausforderungen eines Sozialstaates und Sozialleistungen etc. angesprochen.
Also ist das doch bissl komplexer.
Auch das mit der Rente. Das ja sehr einfach gedacht.
Bis viele Rente bekommen kann sich noch viel ändern. Und „das Vertrauen“ auf „Mehrgenerationsverträge/-abkommen“ ist auch so eine Sache, sorry.

Daher muss man halt eben doch konkreter das Ganze etwas bedenken. Und da muss man halt auch solche Fragen sich stellen wir Fridolin.
Ihre Antwort ist evlt. gut gemeint … Aber „allgemeingesehen als Schnitt“. Fridolin spricht ja gerade nicht den Schnitt/die Masse an. Haben Sie auch dazu einen Artikel/Link?

Augenblickfang
22 Tage zuvor
Antwortet  Redaktion

Mir ist das zu vage. Ich finde die Frage berechtigt, woher nehmen wir das Geld für all das Wünschenswerte? Wer soll wobei mehr zahlen oder wer soll für was weniger bekommen?

Opossum
22 Tage zuvor
Antwortet  Uhu

Theoretisch ist es viel leichter die nötigen Therapien in den Förderschulen mit speziellen Förderschwerpunkten zu organisieren (Physio-, Ergotherapie, Logopädie), weil sie oft in den Schullaltag integriert werden. Bei Inklusion aber liegt es an den Eltern, Therapieplätze zu suchen und ihre Kinder dahin zu bringen.
Meine Freundin hat für ihr Kind extra einen Kindergarten mit integrierter Logopädie ausgesucht, weil sie sonst nicht alles stemmen könnte.
Die andere Frage ist Fachkräftemangel, sodass nicht mal Förderschulen garantieren können, dass sie immer Therapeute finden.

Opossum
22 Tage zuvor
Antwortet  Redaktion

Teilhabe bedeutet aber nicht, dass es keine spezialisierte Angebote, wie auch Förderschulen, verschwinden müssen. Es soll den Betroffenen gelassen werden zu wählen, welches Angebot ihnen am besten passt, meiner Meinung nach.

Es gibt ein alter Artikel, wo „militant inclusionista ideology“ kritisiert wird. https://www.ncsautism.org/blog//inclusion-sucks-or-why-my-son-with-severe-autism-has-nowhere-to-swim-this-summer

Dass die heutige Inklusion an sich positiv ist, liefert aber nicht, was versprochen wurde, und braucht viel mehr Resourcen, steht außer Frage.

Bla
22 Tage zuvor
Antwortet  Redaktion

Doch, wird sie ja bereits stets gemacht.

Teilhabe ist zudem ein potentiell weites Feld. Man kann Teilhabe auch außerhalb von Schule denken und machen.
Dazu ist dann die Frage eben wieder: Welche Art und Form von Teilhabe?
Also „in der Klasse an Regelschulen?“, „als (gesonderte) Klasse an der Regelschule“, als „alle sollen teilnehmen? [Das ist auch oft der realistische Begriff …]“, „es soll Begegnung stattfinden?“ Usw. usf.

Gibt es dazu dann auch „Voraussetzungen/Bedingungen“?

Wo ist das denn noch so? Schwimmen ohne Schwimmfähigkeit? Wird ja jetzt immer mehr auch kritisiert und als Problematik benannt.
Teilhabe ist immer so eine Sache …

Normalerweise stellt man halt erst Rahmen und Grundvoraussetzungen …
Wie kommt man denn darauf, dass das ohne gelingt? Kann ja kaum.

Man dreht sich halt leider mitunter auch bei der Thematik im Kreis.
Inzwischen werden die Bedingungen doch sogar schlechter, als besser … Wenn man mal ehrlich ist.

Das deutsche Schulsystem ist generell ein Selektionssystem, wenn man über Teilhabe spricht … Selektion nach Leistung [Gym], Selektion nach Geld [Privatschulen mit Schulgeld], Selektion nach Standort [Leistbarkeit, Geld], Innerselektion nach Leistung(serwartung) [Grundkurse/Vertieftere Seminare]. Auch Selektion nach „Kapazität“ – bspw. Schwerpunktschulen [Musik, Sport…].

Hat alles so seine Vor- und Nachteile als System selbst.

Bla
22 Tage zuvor
Antwortet  Redaktion

Bezogen auf schulisch gleicher Teilhabe wäre es das. Das wäre jedoch dann zugleich auch ein Strohmann von Ihnen.

Klar gibt es außerschulische Teilhabemöglichkeiten. Außerschulische Lernorte, Jugendarbeitsbereich, gemeinsames Spielen und Lernen usw.
Auch bei sowas wie „4-Tages-Fahrt“.
Als Vergleich würde auch keiner sagen, dass die Teilhabe von Privatschulkindern im „Alltag“ nicht gegeben ist/wäre, weil sie ja nicht in der Regelschule sitzen … Das wäre ja Quatsch.

Aktuell ist die „Teilhabe“ halt eben „schlechte Teilhabe“ – rein der Bedingungen her schon.

Also natürlich ist eine Option die außerschulische Teilhabe mit Begleitung einer Stellung von Ressourcen- und Rahmenbedingungen ebenfalls ein Schritt.
Nur zweifel ich halt an die Umsetzung weiterhin …
So oder so ist man im Bereich von „Dilemma“ also.

Worüber ich spreche ist die „gesellschaftliche Teilhabe“ – also gesamt sehen. Und die wäre rein theoretisch (oft als Praxis nicht gut umgesetzt) auch ohne Schule gegeben. Ja, eingegrenzt. Ja, nicht perfekt. Aber diese Möglichkeit gäbe es. Und dies könnte man (weiterhin) ausbauen.
Wenn es rein um „Teilhabe an Regelschulen“ geht, dann hätten Sie logischerweise Recht. Die gibt es nicht ohne „in der“ Regelschule zu sein. haha. Klar.

„Niemand hat sich um gute Bedingungen gekümmert“

Das stimmt, die Verantwortlichen haben sich nicht um die Rahmenbedingungen gekümmert.
Inzwischen reduzieren sie dies stellenweise sogar.

„und die schlechten Bedingungen dienen nun als Vorwand, um zu sagen: Geht nicht.“

Ja. Ist halt hausgemacht von den „Entscheidern“ und Verantwortlichen.
Hatte man ja auch gewarnt …

In der Praxis sind die Belastungsfaktoren allerdings halt da. Und damit muss man schauen, wie man umgeht.
Und aktuell geht man unter vielerorts.
Auch das gehört halt eben zur Realität.

„Klassischer Zirkelschluss.“

So ist es. Wie gesagt … Ändert eben an „der Situation vor Ort“ halt nur nichts. Die Belastungsfaktoren sind da. Entlastungsfaktoren wurde kaum bis nicht [je nach Örtlichkeit] gemacht. Diese wurden und werden jetzt systematisch wieder nach und nach genommen. Somit entstehen weitere Belastungspunkte – ohne Entlastung.
Wie soll sowas denn tragbar sein?
Geht gesamt gesehen gar nicht. Also wenn man die gesamten Belastungsfaktoren mal nimmt … Dann ist halt der Weg in den Abgrund erstmal klar.

Das Dilemma bleibt … Wer für echte Inklusion ist, der muss Abstriche und Kompromisse machen. Ggf. wechselt man an andere Bereiche/Privatschulen, wo der Rahmen zumindest etwas besser ist. „Flucht“ würden das manche nennen … Job-Crafting andere.
Aber „Inklusion“ – so wie jetzt? Nope.
Kann man jetzt noch „ewig versuchen“ … Ohne die Rahmenbedingungen wird da nichts draus. Das halt oft die Realität.

Man kritisiert eben einen absolut berechtigten Punkt [danke dafür], steht in der Praxis aber schon bis zum Kinn im Wasser. Und die Entscheidungsinstanz überlegt, ob sie jetzt die Löcher flicken sollen oder es ganz unter geht – bis eben alle komplett unter Wasser stehen und untergehen … Und als Zwischenlösung wurden Taucherbrillen angeschafft ohne Schnorchel. Die jetzt aber doch wieder genommen werden.

Weiß halt nicht … Also „Reale Erwartungen“ an die Entscheidungsträger? Habe ich leider inzwischen nüchterner Weise kaum noch.
Gibt dazu keine „Hoffnungsprognose“ ehrlicherweise. Die Tendenzen sind ziemlich eindeutig …
Mit der „Aussitzpolitik“ und „Verschiebung/Delegation“ ist man bisher ja auch gut durchgekommen.

Aber klar … Setzt die I-Kinder in überlastete Mangelsystem-Klassen rein und nennt man dann „Inklusion“. Solange man sich das selbst oft genug einredet … Wird das bestimmt irgendwann „klappen“.

Die Frage bleibt weiterhin … „Wie soll/kann man die Entscheidungsträger/Politiker“ denn dazu „nötigen/drängen“?
Empathie und „Moral“? Nope. Das versuchte man ja.
Also? Wie ist der Plan? Immer wieder Medial benennen? Besser als nichts, aber benannt und bemängelt/kritisiert … Wird es doch seit 2009 ständig.
Also Planänderung? Nur wie und wohin?

Bis dahin wird bei vielen einfach „die Ohnmacht des Alltags“ die Realität bleiben.

Sorry für die „harten Worte“. Hilft nichts.

Bla
22 Tage zuvor
Antwortet  Redaktion

„Es geht aber um die Schule – sorry, das ist eine Unfugdiskussion.“

Rein im Schulkontext sollte es so sein, dass tatsächliche Integrationsmöglichkeiten laut UN-Behindertenrechtskonvention gemacht werden SOLLTEN und SOLLEN. Darauf warten wir halt alle irgendwie.
Ich dachte Sie meinten generell. Sorry. Und generell muss und sollte man dies eben – auch als Option – ausweiten, bis dies geschieht. Und dann sind ggf. Übergangslösungen durch/in andere Bereiche und Möglichkeiten eine „Schadensbegrenzung“.
Das gehört halt trotzdem irgendwie dazu als Aspekt der Realität im Diskurs.
Ob es gefällt oder nicht …

„Rahmenbedingungen zu ändern, nennt man Politik.“

Das stimmt. Also sollten die mal Gas geben … Seit 2009 ist doch schon ein Weilchen vergangen. Wir warten immer noch.

Inklusion ist ja ein tolles Ziel. Dagegen spricht nichts. Nur die „Durchführungen“ ohne Rahmen und Ressourcen sind eben weitgehend Quatsch.

Also wie wäre es denn mal einer logischeren Systematik nachzugehen:
– Erst Rahmenbedingungen, dann Umsetzung? [Gerne „begleitend“ – wo Rahmen, dort Umsetzung]
Oder als Übergangslösung/Kompromiss
– Umsetzung, begleitet durch tatsächliche Rahmenbedingungen [Mehrbelastung, aber dann Abminderung bis zur Entlastung]

Wie gesagt … Die Tendenz ist ja eher das Gegenteil vielerorts.
Therapeuten? Schulpsychologen? Psychiater? Schulbegleitungen? Usw.
Mangel, wird und wurde sogar noch erhöht durch die „Änderungen der Rahmenbedingungen durch Politik“ [siehe aktuellere Demos der Psychiater usw.]
Dazu dann noch Rechtsanspruch auf OGS/Hort/Ganztag? Womit denn? Natürlich ist auch dies eine Mehrbelastung ggf. [Einsatz, Zustände, Erschöpfung der Kids, Klärungs- und Konfliktfeld/-instanz, Vermittler ggf.].
Die Prios sind doch auch klar diesbezüglich: Abdeckung. Komme was wolle. Egal wie und ob qualitativ.

Wie sieht es in anderen Bereichen aus? Oh. Auch eher schwierig … Rente, Sozialabdeckung usw.
Die „Kassen“ sind leer [viele Kommunen] und werden ineffizient eingesetzt oft [Bund].

Also ja … Ich bin sehr sehr optimistisch. Wie lange dauert das mit der Anpassung der Gehälter der GS-Lehrkräfte [und anderer] ? Und wie „flächendeckend“ ist das? Ach. Hier ist es noch gar nicht durch? Upsi. … Kommt halt zumindest. Immerhin.
Atomkraftwerke … Wann waren die ersten Demos? Hm.

Sie verstehen … Ja, „irgendwann“ kommt man als „Topic“ vllt. rein. Und manchmal wird es auch wieder rückläufiger [wie war das mit Gendern? Ging gut voran … Peak jedoch nicht gecheckt. Schade.] … Klima …

Und klar … Die Hoffnung stirbt zuletzt. Bin ich bei Ihnen. Aber Erwartung und tatsächlich zeitnahe Zuversicht? Nope.
Das evtl. dann eine Sache anderer Generationen wahrscheinlich.

„Wenn Lehrkräfte aber immer nur achselzuckend öffentlich erklären: geht halt nicht – wo soll denn der öffentliche Druck für Verbesserungen herkommen?“

Das ist tatsächlich eine absolut berechtigte und wahnsinnig gute Frage. Danke dafür.
Jedoch … Stelle ich mir diese Frage ebenfalls.

Warum machen das viele? Naja man trägt und trug die (volle) Belastung bisher halt. Man bekam versprochen. Immer wieder. Man belastet immer mehr. Entlastung mal so bisschen „als kleines Goodie“ – aber … Natürlich nur mit anderer Belastung wieder.
Irgendwann setzt man (leider?) die rosarote Brille im Blick auf seinen (Ex) AG/Staat etwas ab.
Wenn man dann die Systematik dahinter näher betrachtet … Dann erst recht.
Es ist leider oft weniger ein „wir“ [AG/AN] diesbezüglich, sondern ein „obwohl“ oder „trotz(dem)“.

Jetzt hat man die Seite von Ihnen: Forderungen auf tatsächliche Inklusionsteilhabe. Absolut sinnvoll und gut. Danke wie gesagt.

Aber man hat eben auch „die Realitätssituation“ … Und in dem Clinch befinden wir uns hier halt leider häufig.
Sind da Eltern schuld? Nö. Sie als Redaktion? Nope. Die Kids? Nein. Lehrkräfte? Ne.
Es ist und bleibt ein systemisches Problem.
Wie kann man jetzt den Druck aufbauen?
Und das ist halt die Frage, die ich mir auch stelle und Ihnen stellte …
Ist „nicht realistisch drüber sprechen“ denn „Druck aufbauen“? Sehe ich anders. Sorry. Muss man auch gar nicht teilen die Meinung.
Man soll das scheiß System schon beim Namen nennen (dürfen) finde ich.
Und so wie es aktuell ist … Ist (sinnvolle) „Inklusion“ eben nicht gelungen. Systemisch bedingt.
Ich sehe nur wirklich keinen großartigen Weg, dass man den Staat dazu zwingt …
AZE ist geltendes Gesetz. Das ein massivster Kampf dies durchzusetzen, trotz -> Lehrer, Verbände, Rechtsspruch, Gerichte, Entscheidungen, Gewerkschaften, medialer Druck …
Ich meine … Worüber sprechen wir … Das ist eigentlich ein absoluter No-Brainer und „klar“. Da sollte es auch nichts „zu Quatschen“ geben von Staat/AG Seite aus… Ist ja absurd.
Das alleine zeigt schon eine Bankrotterklärung. Sind wir mal realistisch und ehrlich …
Und beim AZE hat man ja tatsächlich Drucksituationen ….

Bei Inklusion? Wo denn bitte …
Die Behindertenrechtskonvention, wo man die Unterschrift „einfach zurückziehen könnte“? Artikel 48 der Behindertenrechtskonvention selbst nämlich … Gut.
Benachteiligungsverbot GG Art. 3? Da kommt man nicht so einfach raus.

Also was die Konsequenz (gewesen)?
– Regelschulen als Sprengel MÜSSEN Förderschüler/I-Kinder hier beschulen. Zuweisung nur nach Ultima Ratio [dehnbar … Bürokratisch .. aufwendig … Gerade wenn man dort sowieso „drin steckt“…].
Also kommt halt vielerorts der Stuhl einfach dazu.
Und zack … „Gelöst“.
Aber das ja Unfug. Auch wieder nur ein „Trick“ und „rumschwimmen“ vom Staat/AG.

Also wie dann konkret Druck aufbauen?

Die Belastung [als Aufwandsbelastung] ist ja tatsächlich da.

Da sehe ich ehrlicherweise als mögliche Hauptinstanz (weiterhin) Gerichte …
Und bisher ist das immer/meist ein Spiel auf Zeit weiterhin. Und der Staat hat …. Vieeel Zeit für solche Dinge. Und Kreativität – auch der Auslegungen halber.

„Von den betroffenen Eltern, die schon zahlenmäßig kaum eine Chance haben?“

Nope. Also klar sollten die weiterhin dahinter sein. Viele suchen sich ja (bereits) alternative Wege wie Privatschulen. Wir haben doch diesbezüglich wahnsinnig viele Anfragen. Sind eben auch inklusiv. Und wir versuchen ja „einiges abzunehmen“. Aber auch wir haben realistisch nur begrenze Ressourcen und Rahmen. Und irgendwann würde dies halt auch gesprengt werden.
Kann sich zudem ehrlicherweise auch nicht jeder/jede leisten das Schulgeld. Und das müssen wir erheben, sonst können wir nicht so arbeiten, wie wir eben arbeiten. Und letztendlich ist es „je SuS ähnlich viel wie an Regelschulen“ … Weil der Staat sich eben die Kosten dann gerne einspart. 2/3 der Regelschulkosten … Da fehlen dann eben 1/3.

Aber als „Gesamtlösung“? Ist das null geeignet.
Die Eltern sitzen also leider mit im Glashaus, genauso wie die Kinder.
Auch hier sehe ich keine wirkliche „Druckmacht“.

„Wir sehen hier eine recht unheilige Allianz am Werk – auf Kosten einer schwachen gesellschaftlichen Minderheit.“

Das ist leider auch so. Man steht zwischen „Systemen“. Und schwimmt dort eher mit.
Mein Weg war bspw. „raus aus der Vollkatastrophe“ und zumindest in ein machbareres/realistischeres Feld des Systems.
Vor Ort hat man im Alltag eben Bedingungen. Wird/Ist die Belastung zu hoch … Dann kommt man diesbezüglich in’s Straucheln oft.
Heißt: Entlastung.
Ich habe Mittelschullehramt studiert. Und fühle mich stellenweise, als ob ich Förderpädagogik/Sonderpädagogik studiert hätte von meinem Alltag und auch Fortbildungen her.
Und ich habe bei den Themen halt meinen Spaß und „Hyperfokus“. Dazu Beratung und Hilfe. Daher kein Problem für mich. Mache ich gerne … Im Rahmen.
Aber ich verstehe es, dass man bei „wir inkludieren jetzt I-Kinder – aber keine Angst … Ihre bekommt genug Sonderpädagogen usw. zur Unterstützung/Entlastung“ … Und dem Alltag stellenweise insb. an Regelschulen [auch teilweise Privatschulen] … Da kann man nur noch den Kopf schütteln halt.
Belastung, Belastung, Belastung.
Es wäre ja schon sowas wie „18-25 SuS“ und „niedrigeres Deputat“ wesentlich geholfen auch für Inklusion.
Aber man findet immer Gründe dagegen … Und wenn Chancen da sind, dann hat man auf einmal „Zuviele Lehrkräfte bald“.

Mal im Ernst … Wer außer „Gerichte“ oder „Systemkollaps“ [10-15 Jahre, 2030 zeigt eine Zwischeninstanz, 2033 nochmal … Wer checkt, der checkt.] soll denn einen realistischen Druck ausüben KÖNNEN, dass der Staat handelt?
Die GEW und co. schlagen sich ja schon um „Reallohnverlust“ mit „gute Verhandlungen“ rum … Sind wir doch mal ehrlich … Und besser als nichts – denn ohne hätte es dementsprechend auch gar nichts gegeben. Auch das kann man mal offen und ehrlich sagen und der GEW zusprechen.

Wir „streiten“ „hier“ [also hier und AG/AN-Seiten] um „Klimageräte zu teuer?“ … Was soll man denn wirklich ehrlicherweise noch dazu sagen.
Die Philologenverbund rennt nach vorne und schreit: Neeenee, die anderen Schulformen sollen doch bitte weniger verdienen. Also wir wollen jetzt auch wieder mehr.
Der Beamtenbund: Lohnangleichung … Die Mehrklassengesellschaft muss beibehalten beachtet werden … Lohnabgleichung. Sofort!!

Ja … Bin sooo optimistisch in Bezug auf Inklusion mit allen diesen tollen Tendenzen …

„Werden am Ende wohl Gerichte klären müssen.“

Jap, zu dem Entschluss bin ich auch (mehrmals) gekommen.
Oder halt zum Systemkollaps …
Die „interessante Frage“ [tatsächlich – sorry, da kickt einfach so meine Neurodiversität …] ist allerdings, was realistisch gesehen schneller ist … Also ich tippe ja auf einen Systemkollaps aktuell. Also der zeitlichen Ebene her.
Aber Gerichte können uns/mich ja überzeugen … Für „Gerechtigkeit“.
Der Staat/Politik könnte mich auch verblüffen, indem sie tatsächlich mal sinnvoll und nachhaltig Handeln.
Bei Klimakrise verschleppt(e) man es (gewarntet „Natur“) ja auch seit 35-40 Jahren.
Der Staat hat Zeit … Bis zum Kollaps. Dann muss man erst so wirklich handeln.
Gerichte und Versprechen/Unterzeichnungen lassen sich erstmal ziehen … Manche auch seit 2009.

Jerunda
21 Tage zuvor
Antwortet  Redaktion

„…wo soll denn der öffentliche Druck für Verbesserungen herkommen? Von den betroffenen Eltern, die schon zahlenmäßig kaum eine Chance haben?….“
Warum hört man von den verschiedenen Sozial- und Behindertenverbänden in DE öffentlich/ medial nur sehr wenig dazu? Auch hier bei n4t kann ich mich nicht erinnern, dass sich die irgendwie mal wirksam zu Wort gemeldet hätten.
Sorry, falls mir da etwas entgangen sein sollte – dann bitte hier, zum Nachlesen, verlinken.

Samy
23 Tage zuvor

Amen! Leider absolut alles wahr und richtig. Bin selbst Lehrkraft und Mutter eines AUDHSlers.

Bla
23 Tage zuvor
Antwortet  Samy

Auf welcher Schulform ist Ihr Kind, wenn ich fragen darf?

JoFranc
23 Tage zuvor

„Wer Inklusion fordert, muss wissen, wohin eine Gesellschaft geraten kann, wenn sie Menschen nach Leistung, Anpassung, Gesundheit, Kosten und vermeintlichem Nutzen bewertet.“

Das ist richtig. Traurigerweise muss man dafür aber gar nicht den Nationalsozialismus bemühen. Dieselben Bewertungen akzeptieren wir größtenteils ziemlich selbstverständlich als Teil unserer kapitalistischen Wirtschaftsordnung, von der leider immer mehr gefordert wird, dass Schulen sie abbilden sollen. Ein humanistisches Bildungsideal soll durch eine kapitalistische Idealausbildung ersetzt werden.

Vielleicht mag es tröstlich sein, dass diese Bewertungen von Mechanismen des Marktes erfolgen und nicht von einer staatlichen Ideologie. Das lässt sie weniger persönlich erscheinen. Weniger unmenschlich sind sie deshalb nicht.

Hansjoachim
22 Tage zuvor
Antwortet  JoFranc

Der Zusammenhang zwischen Bildung und Ökonomie ist ja spätestens seit den OECD-Aktivitäten in aller Munde. Der Mensch wird zum „Humankapital“, und Bildung verbessert dessen Rendite. Dies hier meinte der Ober-Bildungsökonom Prof. Wößmann schon vor fast 20 Jahren:

https://www.bpb.de/themen/bildung/dossier-bildung/503660/das-geld-versickert/

Er sagte sogar „Ketzerisches“:
Wößmann: „Weil die gedanklich simple Lösung, mehr Geld in das Bildungssystem zu pumpen, nicht funktioniert. Es schafft keine neuen Anreize, etwas besser zu machen. Das Geld versickert einfach in einem ineffizienten System.“
Eltern und Lehrerverbände fordern regelmäßig die Einstellung von mehr Pädagogen und kleinere Schulklassen. Da wäre mehr Geld doch gut angelegt.
Wößmann: „Diese Investitionen sind beliebt, haben aber – so zeigen zahllose Studien – kaum einen Effekt.“

Augenblickfang
22 Tage zuvor
Antwortet  Hansjoachim

Sicherlich, ein „schlechter Lehrer“ wird kein besserer, wenn es kleinere Klassen gibt, auch wenn der „schlechte Lehrer“ es dann leichter hat. Das stimmt.

Mehr Lehrer bringt auch nichts, wenn es keine guten Lehrer sind (was immer man darunter verstehen mag) und kein guter/besserer Unterricht stattfindet.

Aber einen guten Lehrer, der guten Unterricht macht, entlasten kleine Klassen und mehr Kollegen (weniger Vertretung) sehr. Es sinkt die Gefahr, dass die ausfallen, weil sie ausbrennen.

Hm, alles nicht so einfach….

Hansjoachim
19 Tage zuvor
Antwortet  Augenblickfang

Um das klar zu sagen: Ich bin auch sehr skeptisch über diese Feststellungen, die Klassengröße spiele keine Rolle. Aber daran sieht man eben auch den Einfluss des ökonomischen Denkens solcher Bildungsökonomen: Kleinere Klassen kosten Geld, und das „rentiert“ sich einfach nicht genug.
Wichtiger finde ich das „Versickern in einem ineffizienten System“. Da macht Wößmann in dem angegebenen Link auch eine Bemerkung zu den digitalen Geräten. Die Ausgaben dafür „rentieren“ sich auch nicht automatisch.

Fözi
22 Tage zuvor

Ein sehr guter Beitrag, der die Gegebenheiten schonungslos darstellt. Es tut mir leid für die Kinder und Familien, die betroffen sind. Und ich fühle mit allen KuK, die seit Jahren ihren Ansprüchen hinterherlaufen, Inklusion nebenbei umsetzen sollen und Jahr für Jahr unzufriedenen werden.

Rainer Zufall
22 Tage zuvor

„Zur Wahrheit gehört aber auch: Viele Schulen sind nicht die Gegner der Inklusion.“
Wow! Unterrichten die auch Frauen, PoC sowie religiöse Minderheiten?
Nur weil Rechtsextreme uns das Existieren zur Hölle machen wollen, muss ich dies ja nicht zum Maßstab nehmen 😉

In meiner letzten Inklusionsschule hatte ich die Freude, mit hoch engagierten, interessierten und dennoch auf ihre Gesundheit bedachten Klassenlehrerinnen zu arbeiten.
Das es von der einzelnen Lehrer*innenpersönlichkeit abhängt sagt schon genug aus…

Bla
22 Tage zuvor
Antwortet  Rainer Zufall

In Ihrer Region sind ja verhältnismäßig auch mitunter die besten Inklusionsrahmen, oder nicht?
Sollte man dann ggf. auch dazu erwähnen …

Also finde ich toll, dass Ihr Ort da weiter als fast überall anderswo ist … Aber als Abgleich vielleicht durchaus erwähnenswert.

Ansonsten haben Sie unten durchaus Recht:
„Das es von der einzelnen Lehrer*innenpersönlichkeit abhängt sagt schon genug aus…“

Also, dass es hier „belastet“ [nicht der Mensch, sondern der Rahmen] als Delegation wird … Sagt sehr viel über unser Mangelsystem aus.

Wie sieht es aktuell so bei Ihnen aus? Anderes Einsatzgebiet?

O. v. Delphi
21 Tage zuvor
Antwortet  Bla

„Anderes Einsatzgebiet?“
Meine Glaskugel zeigt mir etwas in höheren Sphären, fern vom Boden der Realität.
🙂

Vera Maria Perkovac
21 Tage zuvor

Welch‘ ein kluger, differenzierter, engagierter Artikel von Andreas Albrecht zum Thema Inklusion und Teilhabe. Auch der Verweis auf die historische Verantwortung ist so wichtig!! Menschenwürde ist nicht verhandelbar. Meine Tochter und all die anderen Menschen mit Besonderheit ein Kostenfaktor? Wie beschämend und verantwortungslos ist diese Gleichsetzung und Sichtweise. Aber ich will mich nicht entmutigen lassen! Meine Tochter mit ihrer beeindruckenden Persönlichkeit und ihrer Hetzensunmittelbarkeit geht ihren Weg, wenn man sie und uns lässt.