Start Tagesthemen Neuer Sozialindex soll benachteiligten Kita-Kindern helfen (doch viele gehen leer aus)

Neuer Sozialindex soll benachteiligten Kita-Kindern helfen (doch viele gehen leer aus)

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DÜSSELDORF. Nordrhein-Westfalen übernimmt bei der gezielten Förderung sozial benachteiligter Kita-Kinder bundesweit eine Vorreiterrolle. Als erstes deutsches Flächenland führt NRW einen wissenschaftlich entwickelten Kita-Sozialindex ein, der den Unterstützungsbedarf jeder einzelnen Einrichtung sichtbar machen soll. Die Ergebnisse zeigen erhebliche Unterschiede zwischen den Kitas und ein ausgeprägtes Stadt-Land-Gefälle. Allerdings sollen zunächst nur bis zu 150 Einrichtungen zusätzliche Mittel erhalten, obwohl der Index bei mehr als 1.300 Kitas einen hohen Unterstützungsbedarf ausweist. Bildungsgewerkschaften begrüßen den Ansatz, fordern aber eine deutlich breitere Förderung.

Alle sollen mit! (Symbolfoto.) Foto: Shutterstock

Rund 10.800 Kindertageseinrichtungen in Nordrhein-Westfalen sind anhand eines wissenschaftlich entwickelten Sozialindexes auf einer Skala von eins bis neun eingestuft worden. Der Index berücksichtigt zwei Faktoren: die Kinderarmutsdichte im Umfeld einer Kita, ermittelt anhand des Bezugs von Leistungen nach dem Zweiten Sozialgesetzbuch durch die Eltern, sowie den Anteil der Kinder, in deren Familien überwiegend eine andere Sprache als Deutsch gesprochen wird. Entwickelt wurde das Instrument von Wissenschaftlern der Ruhr-Universität Bochum. Bislang nutzt lediglich das Bundesland Bremen einen vergleichbaren Kita-Sozialindex.

Die Ergebnisse zeigen, wie unterschiedlich die sozialen Voraussetzungen sind, unter denen Kitas arbeiten. Bei 1.343 Einrichtungen, rund 13 Prozent, wurden hohe Sozialindexwerte der Stufen sieben bis neun festgestellt. Weitere 2.922 Einrichtungen, etwa 27 Prozent, liegen im mittleren Bereich. Die Mehrheit von 6.380 Kitas erreicht dagegen niedrige Werte zwischen eins und drei.

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Besonders ausgeprägt sind die sozialen Belastungen in den Großstädten. Einrichtungen mit dem höchsten Indexwert neun finden sich nach Angaben der Wissenschaftler nicht in ländlichen und kleinstädtischen Regionen. Hohe Anteile solcher Kitas weisen insbesondere Gelsenkirchen, Essen, Duisburg, Oberhausen und Dortmund auf, aber auch Krefeld, Mönchengladbach und Wuppertal.

Große Unterschiede zeigen sich ebenfalls bei der Familiensprache. Landesweit wachsen 25,4 Prozent der Kita-Kinder in Familien auf, in denen überwiegend eine andere Sprache als Deutsch gesprochen wird. In 1.603 Einrichtungen liegt dieser Anteil bei mehr als 50 Prozent. Drei Kitas werden ausschließlich von Kindern mit nichtdeutscher Familiensprache besucht. Umgekehrt gibt es 467 Einrichtungen, in denen kein einziges Kind dieser Kategorie zugeordnet wird.

„Ein Kita-Sozialindex ist ein wichtiger Schritt zu mehr Bildungsgerechtigkeit. Er kann helfen, Einrichtungen mit besonders großem Unterstützungsbedarf gezielter zu fördern“

Für Familienministerin Verena Schäffer (Grüne) sollen die Erkenntnisse nun unmittelbare Konsequenzen haben. „Ich möchte, dass alle Kinder in Nordrhein-Westfalen mit Rückenwind ins Leben starten – unabhängig vom Geldbeutel der Eltern, der Herkunft der Familie oder der Postleitzahl des Wohnorts. Der Kita-Sozialindex ist dafür ein großer Schritt. Wir starten bereits zum nächsten Kita-Jahr mit bis zu 150 Chancen-Kitas mit zusätzlichen Ressourcen. Die Chancen-Kitas werden offene Häuser mit Unterstützung für Kinder und ihre Familien.“

Zum 1. August 2027 sollen die ersten sogenannten Chancen-Kitas ihre Arbeit aufnehmen. Pro Einrichtung sind jährlich 60.000 Euro zusätzlich vorgesehen, insgesamt neun Millionen Euro pro Kita-Jahr. Das Geld soll insbesondere für Kita-Sozialarbeit eingesetzt werden. Speziell geschulte Fachkräfte sollen Familien beispielsweise bei Behörden- und Arztbesuchen, bei Anträgen auf finanzielle Unterstützung oder bei der Vermittlung weiterer Hilfsangebote begleiten. Auch die Zusammenarbeit mit Grundschulen und die Unterstützung beim Übergang in die Schule gehören zu den vorgesehenen Aufgaben.

Welche Einrichtungen tatsächlich profitieren, steht noch nicht fest. Nach den bisherigen Planungen sollen vor allem größere Kitas mit besonders hohen Sozialindexwerten berücksichtigt werden, die bereits als Familienzentrum und PlusKita gefördert werden oder als bisherige Sprach-Kita in eine PlusKita überführt werden. Die konkreten Auswahlkriterien will das Ministerium in den kommenden Monaten veröffentlichen. Bereits heute erhalten knapp 90 Prozent der Kitas mit dem höchsten Indexwert neun Unterstützung aus mindestens einem der bestehenden Förderprogramme.

Zwischen dem ermittelten Unterstützungsbedarf und der angekündigten zusätzlichen Förderung bleibt allerdings eine erhebliche Lücke. Selbst wenn sämtliche 150 Chancen-Kitas aus der Gruppe der 1.343 Einrichtungen mit hohen Sozialindexwerten ausgewählt würden, könnten zunächst nur gut elf Prozent dieser Kitas von dem neuen Programm profitieren.

Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) Nordrhein-Westfalen begrüßt deshalb zwar die Einführung des Sozialindexes, verlangt aber eine Perspektive für die weitere Förderung. Barbara Nolte, Referentin für Erzieherinnen und Erzieher beim VBE NRW, erklärt: „Ein Kita-Sozialindex ist ein wichtiger Schritt zu mehr Bildungsgerechtigkeit. Er kann helfen, Einrichtungen mit besonders großem Unterstützungsbedarf gezielter zu fördern. Entscheidend ist, dass daraus echte Verbesserungen für Kinder, Familien und Beschäftigte entstehen.“

Die ersten Chancen-Kitas könnten nur ein Anfang sein, betont der Verband. Die Landesregierung müsse darlegen, in welchen Schritten weitere Einrichtungen einbezogen werden könnten. Die zusätzliche Kita-Sozialarbeit bewertet der VBE ausdrücklich positiv, weil sie Familien den Zugang zu Hilfsangeboten erleichtern und zugleich die pädagogischen Teams entlasten könne. Unabhängig davon benötigten sämtliche Kitas ausreichend Fachkräfte und eine verlässliche Finanzierung.

„Chancengleichheit und Bildungsgerechtigkeit dürfen nicht an Ressortgrenzen scheitern. Wir brauchen eine gemeinsame Strategie von der frühkindlichen Bildung bis zum Schulabschluss“

Auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) NRW begrüßt die gezielte Erfassung sozialer Benachteiligungen, warnt aber davor, den Index bereits als Verbesserung der Bildungsbedingungen zu verstehen.

„Es ist richtig, dass Kitas, in denen besonders viele Kinder unter erschwerten sozialen Bedingungen aufwachsen, gezielt unterstützt werden“, erklärt die GEW-Landesvorsitzende Ayla Çelik. „Aber ein Sozialindex allein verbessert noch keine Bildungschancen. Entscheidend ist, ob daraus tatsächlich mehr qualifiziertes Personal, mehr Zeit für individuelle Förderung und bessere Arbeitsbedingungen entstehen.“

Die GEW verweist auf die Erfahrungen mit dem bereits bestehenden schulscharfen Sozialindex in Nordrhein-Westfalen. Die statistische Erfassung sozialer Belastungen könne wichtige Hinweise liefern, bilde aber nicht sämtliche Herausforderungen einer Einrichtung ab. Personalmangel, hohe Arbeitsbelastung und zusätzliche pädagogische Anforderungen ließen sich nicht allein aus Sozialdaten ableiten.

Zugleich fordert die Gewerkschaft, die Förderung in Kitas und Schulen stärker miteinander zu verbinden. Der neue Kita-Sozialindex müsse mit den ebenfalls geplanten ABC-Klassen zur frühen Sprachförderung abgestimmt werden. „Chancengleichheit und Bildungsgerechtigkeit dürfen nicht an Ressortgrenzen scheitern. Wir brauchen eine gemeinsame Strategie von der frühkindlichen Bildung bis zum Schulabschluss“, betont Çelik. Gerade beim Übergang in die Grundschule müsse sichergestellt werden, dass Kinder kontinuierlich gefördert würden.

Die GEW warnt außerdem davor, dass der Sozialindex lediglich zur Umverteilung ohnehin knapper Mittel genutzt werden könnte. Eine ausreichende Grundfinanzierung aller Kitas müsse gewährleistet bleiben. Einrichtungen mit besonderen sozialen Herausforderungen benötigten darüber hinaus zusätzliche, langfristig gesicherte Ressourcen.

Ob das zunächst auf 150 Einrichtungen begrenzte Programm ausgeweitet wird, ist offen. Schäffer macht weitere Schritte von den finanziellen Spielräumen künftiger Landeshaushalte und zusätzlichen Bundesmitteln abhängig, die bislang ausgeblieben seien. Die neun Millionen Euro für die ersten Chancen-Kitas sollen durch die Umwidmung bisheriger Mittel für den Ausbau von Familienzentren finanziert werden. Nach Darstellung der Ministerin besteht dort inzwischen kein zusätzlicher Ausbaubedarf mehr.

Der Bochumer Wissenschaftler Jörg-Peter Schräpler sieht in dem Index jedenfalls neue Möglichkeiten für Land und Kommunen: „Aus wissenschaftlicher Sicht ist der Kita-Sozialindex ein valides Instrument, das weitere Steuerungsmöglichkeiten eröffnet.“ News4teachers

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